1001 Nacht – Wege ins ParadiesAUSSTELLUNG

1001 Nacht – Wege ins Paradies

1001 Nacht – Wege ins Paradies

Die Paradiese der Welt sind im Überseemuseum in Bremen versammelt, zugänglich für jedermann. Eine phantastische Ausstellung lässt sie lebendig werden: biblische, weltliche, sozialistische, Reise- und Konsumparadiese. Sie alle, die Menschen sich in ihrer Sehnsucht nach einer besseren Welt erträumt, ausgemalt und erschaffen haben, sind dort zu betreten und mit allen Sinnen zu erleben. Erstaunt bemerkt der Betrachter, wie wenig unser eigenes Zeitalter davon noch zu bieten hat.

Von Eberhart Wagenknecht

I m Koran heißt es „janna“, der Garten, und gemeint ist das Paradies. Eigentlich besteht in der orientalischen Welt das Paradies aus mehreren Gärten, sie werden von Wärtern bewacht und stehen nur den Gläubigen offen – denen, die Gott nahe stehen. Diese genießen alle Freuden, die man sich nur ausmalen kann. Aus Übersetzungen des Korans und anderer traditioneller Schriften des Islams ergibt sich das Bild eines wahrhaft lustvollen ewigen Lebens dieser Auserwählten: „Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen sie einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen und einem Becher voll Quellwasser. Sie bekommen weder Kopfschmerzen, noch werden sie betrunken.“ Gespeist werden sie, so heißt es, in schattigen Gefilden, mit Früchten und Fleisch, soviel sie Lust haben. Und ihnen wird verheißen, dass „großäugige Huris“, die schönen Perlen gleichen, zu ihrer Verfügung stünden. Diese Huris würden ihnen als „Gattinnen“ gegeben. „Allah lässt keinen ins Paradies eingehen, ohne ihn mit 72 Partnerinnen“ zu verheiraten“, heißt es in einer Hadith-Schrift. Die wahren Gläubigen dürften bis in alle Ewigkeit dieses Leben in den „Gärten von Eden“ genießen.

Der Garten Eden, das Paradies – kaum ein anderer Begriff weckt so viele Träume und Sehnsüchte in den Menschen seit Jahrtausenden. Auch für Christen spielt der Garten Eden eine zentrale Rolle. Hier lebten nach dem Alten Testament der Bibel Adam und Eva, bis diese Geschichte mit dem Apfel vom „Baum der Erkenntnis“ passierte. Wissenschaftler suchen Eden seit langem im Grenzgebiet zwischen Türkei, Iran und Irak, im alten Mesopotamien. Die neuesten Forschungsergebnisse zu diesem sagenhaften Paradiesgarten werden in der Bremer Ausstellung präsentiert. Bislang jedoch sind alle Versuche fehlgeschlagen, den Garten Eden zu lokalisieren. Man ist auf die spärlichen Angaben im ersten Buch Moses, in der Genesis 2, 10-14, angewiesen, die sich letztlich auf einige Flussnamen beschränken.

Die Veröffentlichung der Bilder erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Übersee-Museums Bremen. Sie sind dem Katalog-Buch zur Ausstellung entnommen. 
© Überseemuseum Bremen.

Eine Reise durch Traum und Wirklichkeit

Jede Kultur und jede Religion hat letztlich ihre eigenen Vorstellungen über das Paradies und das Jenseits. Dennoch gibt es auch Übereinstimmungen: immer ist es eine Gegenwelt zur herrschenden, eine bessere Welt, die ein Leben bietet im Überfluss, eine Leichtigkeit des Seins verheißt, nach der man sich sehnt. Es ist die Sehnsucht nach einer besseren Welt, in der es keine Angst mehr gibt vor dem Untergang und dem Tod. Im Amitabha-Buddhismus wird das Paradies als eine Welt erträumt, die körperliche und geistige Schmerzfreiheit garantiert. Sie ist geschmückt mit Palmbäumen, Silber, Kristall, roten Perlen, Diamanten, Korallen und Lotusblumen in allen Farben.

In Europa entstand im ausgehenden Mittelalter eine Vorstellung vom Paradies auch außerhalb der Religionen. Es lag nicht mehr im Jenseits, sondern der Mensch selbst konnte eine bessere Zukunft auf der Erde gestalten. Es tauchte das Motiv eines „Jungbrunnens“ auf, in dem man sich immer wieder erneuern und so dem Verfall entkommen konnte.  Lucas Cranach d. Ä. malte seine Vorstellung davon im Jahr 1546 in Öl auf Holz. Dieses berühmte Jungbrunnen-Bild wird auch in der Bremer Ausstellung gezeigt. Als moderne Variante stellen die Ausstellungsgestalter die Schönheitschirurgie vor, die Technik des modernen Körperkults. Damit soll gezeigt werden, dass die Sehnsucht nach Unsterblichkeit bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat.

Um all diesen Vorstellungen auf die Spur zu kommen, hat das Überseemuseum Bremen am 18. November 2006 die große Sonderausstellung „1001 Nacht – Wege ins Paradies“ eröffnet (bis 30. Juli 2007). Auf 800 Quadratmetern wird der Besucher in die Phantasiewelten der Paradiesvorstellungen entführt.

Zentrum der Schau ist ein „Orientraum“. Es handelt sich nach den Worten der Veranstalter um „die Wunderkammer eines Kalifen, den Spiegelsaal seines Palastes.“ An den Wänden hängen Gemälde mit Haremsdamen, in großen Vitrinen werden Waffen gezeigt und kostbare Seidengewänder, dazu wertvolles Tafelgeschirr. Farben, Geräusche und Gerüche stimmen den Besucher ein. Inszenierungen wie das arabische Bad „Hamam“ werden als eindrucksvolle Kulisse geboten. Es beginnt eine Reise durch Traum und Wirklichkeit. Woher wir kommen, wohin wir gehen – Schöpfung und Jenseits werden vor dem Betrachter in vielen Exponaten lebendig.

Acht verschiedene Wege zum Paradies

Von der Wunderkammer gehen acht verschiedene Wege ab, „Wege ins Paradies“.  Jeder zeigt dem Besucher einen anderen Aspekt des Themas. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wo liegt das Paradies? Um diese Fragen geht es. Der Begriff „Paradies“ ist dabei weit gefasst,  er reicht von der Vorstellung der Paradiese im Jenseits bis zum realen Einkaufsparadies.

Die Einstimmung gelingt besonders gut durch eine Installation der Erzählungen aus 1001 Nacht. „Es ist mir zu Ohren gekommen“, beginnt die Scheherazade jede ihrer poetischen Ausführungen, die sie Nacht für Nacht ihrem Gatten, König Schahriyar, erzählt, um ihr Leben zu retten. Diese Geschichtensammlung gilt in unseren Breiten nicht umsonst als Synonym für orientalische Kultur und paradiesische Zustände im Land der Kalifen und Sultane in einer Welt aus Luxus und Erotik.

Das Tor zur Unsterblichkeit

Zwei der Tore, die vom Zentralraum abgehen, führen in die Welt der Schöpfungsmythen und Jenseitsvorstellungen verschiedener Kulturen und Religionen. Ein drittes Tor folgt der „Sehnsucht nach Unsterblichkeit“. Auf dem Weg dahinter begegnet man König Gilgamesch, einem Helden der sumerischen Sagenwelt. Der Herrscher Gilgamesch (2750 - 2600 v. Chr.) ist zu einem Drittel Mensch und zu zwei Dritteln Gott. Er hatte nach beschwerlichen Reisen und gefährlichen Abenteuern in der Tiefe des Meeres ein Kraut gefunden, das ihm Unsterblichkeit verleihen soll. Doch eine Schlange stiehlt ihm die Pflanze und frisst sie auf, so dass alle Mühen vergeblich waren und er seine Hoffnung auf Unsterblichkeit aufgeben und sich mit dem irdischen Los abfinden muss.

Hier begegnet man auch dem griechischen „Goldenen Zeitalter“, in dem völliger Frieden herrscht, es kein Alter und keinen Tod gibt.  In der griechischen Antike, im Buddhismus und in anderen Kulturen existiert die Vorstellung von mehreren aufeinander folgenden Weltzeitaltern. Das „Goldene Zeitalter“ war das erste und zugleich das Beste. Unsere Gegenwart ist das schlechteste, das Eiserne Zeitalter, in dem alle Ideale bereits verloren gegangen sind.

Paradiesgärten suggerieren die völlige Harmonie von Mensch und Natur

Die faszinierende und geheimnisvolle Magie der Gärten zeigt sich hinter zwei weiteren Toren. Gärten sind zentrales Element zahlreicher Paradiesvorstellungen. Viele Schöpfungsmythen beginnen damit, dass die göttliche Macht eine blühende Oase für die Menschen schafft. So wurde der Garten zum Synonym für das Paradies. Sie spielen in vielen Mythologien eine zentrale Rolle, wie zum Beispiel der eingangs genannte „Garten Eden“ oder die „Hängenden Gärten von Babylon“. An Modellen kann der Besucher den islamischen Garten bewundern, der mit vier Flüssen durchzogen ist und als Spiegelbild des „paradiesischen“ Vorbilds gilt.

Die Geschichte der Gartenkunst handelt von den Wunschbildern der Menschen und von ihren Versuchen, den ersten Garten der Welt, das Paradies, nachzubilden oder den blühenden Gefilden des Jenseits vorzugreifen. Anhand wunderschön gestalteter Modelle erfährt der Besucher, warum der islamische Garten von vier Flüssen durchzogen ist und er kann die Klostergärten des Mittelalters entdecken.

Zu sehen sind hinter dem nächsten Tor auch Modelle moderner Urlaubsparadiese in der Südsee. Und schließlich die Welt der neuzeitlichen Sozialutopien, die für manch einen paradiesisch anmuten. So präsentiert das Überseemuseum verschiedene Ideologien, von denen der Kommunismus und der Sozialismus die bekanntesten sind.

Eine hundertjährige Tradition

Das Übersee-Museum, direkt am Bremer Hauptbahnhof gelegen, verbindet in dieser Schau, wie es seiner Tradition entspricht, Handels-, Völker- und Naturkunde. In den über 100 Jahren seines Bestehens in der Bremer Innenstadt direkt am Hauptbahnhof hat man diese Zusammenschau beibehalten.

Jetzt liegt das Paradies im Übersee-Museum, aufgeschlagen wie ein Buch vor den Augen des staunenden Betrachters.  Zumindest das, was man sich als Mensch unter einem Paradies vorstellt  und im Lauf der Jahrtausende vorgestellt hat. Um diese Frage dreht sich alles. Der Besucher bewegt sich nämlich tatsächlich in einem imaginären aufgeschlagenen Buch, wo er sich seinen persönlichen Weg in verschiedene irdische und himmlische Paradieskapitel zusammenstellen kann.

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Zu der Ausstellung ist ein sehr informatives und schön gestaltetes Katalog-Buch erschienen, in dem die verschiedensten Aspekte der Paradies-Betrachtung auf über 200 reich bebilderten Seiten und in fünf großen Kapiteln dargestellt werden: 1001 Nacht, Religiöse Paradiese, Irdische Paradiese, Mensch und Natur, Geografische Utopien.
Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2006, ISBN 3-805-33700-0. Der Einführungspreis beträgt 29,90 Euro.

Weitere Informationen, Übersee-Museum Bremen:
http://www.uebersee-museum.de/Aktuelles.html

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