Estland: Der Sängerkrieg der Ostseehasen - Eurasisches Magazin
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ESTLAND
Der Sängerkrieg der Ostseehasen
Alle fünf Jahre stimmen die Esten ein Loblied an – auf sich selbst. Anfang Juli wurde das traditionelle „Laulupidu“ gefeiert – ein gigantisches Festival der estnischen Volkskultur.
Von Jens Mühling
EM 07-04 · 27.07.2004

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Sangesfest in Estlands Hauptstadt Tallin  
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it Volksliedern ist es so eine Sache: Es braucht schon den Resonanzraum eines stolzgeschwellten Volkskörpers, um dem zugehörigen Lied Klang zu verleihen. Wo dagegen ethnische Herkunft als Identifikationskriterium ausgedient hat, werden auch die Stimmen dünn. Deshalb feiert Deutschland zwar mit einiger Hingabe Feste wie den „Karneval der Kulturen“, tut sich jedoch mit der Pflege der eigenen Folklore mitunter recht schwer. Wer kennt schon noch deutsche Volkslieder? Das Volk hat sich abgeschafft in diesem Land, und mit ihm ist das Lied verschwunden.

Wer das für ein allgemeingültiges Phänomen des aufgeklärten Europas hält, der irrt. Eine Fährfahrt von Rostock entfernt liegt Tallinn, wo Anfang Juli das traditionelle „Laulupidu“ gefeiert wurde – ein gigantisches Festival der estnischen Volkskultur. Alle fünf Jahre verwandelt sich dort ein Land, das in jüngerer Zeit eher durch sein Beharren auf High-Tech-Fortschritt und kompromißlose Marktwirtschaft von sich reden machte, in eine Trachtengalerie mit flächendeckender Volksliedbeschallung. Selbst die jüngere Generation tauscht dann Bluetooth-Mobiltelefone und Markenturnschuhe gegen die Nationalkostüme der estnischen Regionen ein. Die Straßen füllen sich mit den Nachfahren jener estnischen Emigranten, die auf der Flucht vor faschistischen oder sowjetischen Besatzungstruppen das Land verlassen hatten und deren Kinder nun zurück nach Tallinn strömen, um mit kanadischem oder neuseeländischem Akzent estnisches Liedgut zu intonieren. Derweil beschwören Landespräsident Arnold Rüütel und Premierminister Juhan Parts – die sich noch vor kurzem den Mund fusselig reden mußten, um ihr Volk von einer Souveränitätsabgabe an die EU zu überzeugen – salbungsvoll den nationalen Zusammenhalt.

Rund 300.000 Besucher und 30.000 Sänger zieht das Liederfest alle fünf Jahre nach Tallinn – ein knappes Viertel der estnischen Gesamtbevölkerung. Man versuche nur mal, sich vorzustellen, wie 20 Millionen Deutsche in Lederhosen den Berliner Tiergarten überrennen, um gemeinsam „Kein schöner Land“ anzustimmen!

Johann Gottfried Herder – Archivar des estnischen Liedguts

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Estnische Mädchen am Rande des Sängerfestes  

Weit kommt man damit nicht. Dabei geht das estnische Laulupidu-Fest ursprünglich sogar auf die Tradition deutscher Gesangsvereine zurück. Nach der Eroberung durch den deutschen Ritterorden im 13. Jahrhundert entstand in Estland eine Liedertradition, die meist von Fremdherrschaft und Unterdrückung handelte, aber auch vom unbeugsamen Behauptungswillen des estnischen Volkes. Bis ins 18. Jahrhundert wurden diese Lieder nur mündlich überliefert, erst der deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Herder begann während seiner Tätigkeit als Domprediger und Lehrer im Baltikum mit der systematischen Aufzeichnung des estnischen Liedguts. Die Esten selbst widmeten sich dieser Aufgabe erst später: Mitte des 19. Jahrhunderts gab der Publizist Johann Voldemar Jannsen estnische Volksliedsammlungen heraus und organisierte 1869 in Anlehnung an die Sängerwettstreite der Deutschbalten das erste Liederfest in Tartu. Schnell wurde das Laulupidu-Fest zur Plattform des aufblühenden estnischen Nationalbewußtseins nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft durch Deutsche und Russen. Ein von Jannsen verfaßtes Lied namens „Mu isamaa, mu õnn ja rõõm“ („Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude“) wurde nach der ersten Unabhängigkeitserklärung von 1918 zur estnischen Nationalhymne. Ein Stück von Jannsens Tochter, der Nationaldichterin Lydia Koidula, stellt bis heute eine Art inoffizielle Hymne dar, mit der das Festival traditionell abgeschlossen wird: „Mu isamaa on minu arm“ („Mein Vaterland ist meine Liebe“).

Auch als Estland seine Souveränität einbüßte und zur Teilrepublik der Sowjetunion wurde, blieb das Liederfestival bestehen, wenn auch in entstellter Form: Zwar ließ die Sowjetverwaltung 1957 das Lauluväljak-Stadion bauen, das bis heute als Spielort des Festivals dient. Gleichzeitig jedoch wurde die Veranstaltung strikten Auflagen unterworfen: Ein Großteil der patriotischen Lieder verschwand aus dem Programm, stattdessen wurden Arbeiterhymnen und Darbietungen von pansowjetischen Folkloregruppen integriert. Bis 1985 wurde das Singen des Koidula-Liedes „Mein Vaterland ist meine Liebe“ mit Zwangsarbeit in Sibirien bestraft – gesungen wurde es meist trotzdem.

Singende Revolution

Seine heutige identitätsstiftende Wirkung erlangte das Fest erst mit der Loslösung von der Sowjetunion: 1988 versammelten sich 300.000 Esten auf dem Laulupidu-Gelände, um für die nationale Unabhängigkeit zu demonstrieren. Dabei sangen sie die alten patriotischen Volkslieder, darunter auch die verbotene Nationalhymne, und überall wehte die estnische blau-schwarz-weiße Flagge. Zum zweiten Mal in ihrer Geschichte, so will es die Legende, ersangen sich die Esten den Weg in die Unabhängigkeit. Weil dabei kein einziger Tropfen Blut floß, erhielt das Festival von 1988 den Beinamen „die singende Revolution“.

Seitdem wurde das Liederfest, wie die estnische Gesellschaft überhaupt, gründlich von russischen Beigeschmäckern gesäubert. Russische Muttersprachler stellen heute ein knappes Drittel der Bevölkerung in Estland – beim Liederfest war davon wenig zu hören. Lediglich im Rahmen des parallel stattfindenden Volkstanz-Festivals „Tantsupidu“, das choreografisch im Zeichen des Waldes stand, durfte ein verloren wirkendes russisches Ensemble symbolisch den einsamen Baum im estnischen Wald verkörpern.

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