Abschied von Zar BorisSTAATSTRAUER IN RUSSLAND

Abschied von Zar Boris

Er war der erste frei gewählte Präsident Russlands. Am 23. April 2007 ist er gestorben. Staatsführer aus aller Welt und einfache Russen nahmen Abschied von einem Mann, der Russland die Demokratie und die Oligarchen bescherte. Im Westen wurde er gern als „Zar Boris“ tituliert. Nun hat man ihn in Moskau zu Grabe getragen.

Von Ulrich Heyden

E s war wie eine Ironie der Geschichte. Als sich der Sarg von Boris Jelzin in die Erde senkte und vor der Mauer des Neu-Jungfrauen-Friedhofs die Salutschüsse dröhnten, erklang die Melodie der Sowjet-Hymne. Der Verstorbene hatte sie 1990 durch eine Melodie des russischen Komponisten Michail Glinka ersetzt. Wladimir Putin jedoch führte 2000 die alte sowjetische Hymne wieder ein, allerdings mit einem neuen Text.

Zusammen mit seiner Frau Ljudmilla stand Putin mit steinernem Gesicht am Grab seines Vorgängers, der ihm das Amt in der Sylvesternacht 1999 übertragen hatte. Zärtlich strich Naina Jelzina ihrem Mann übers Gesicht und küsste ihn ein letztes Mal. Es war eine ergreifend, intime Szene. Die Mitglieder der russischen Regierung und die ausländischen Staatsgäste - unter ihnen George Bush senior, John Major und Horst Köhler - wirkten fast deplaziert.

Held für drei Tage

Nachdem die staatlichen russischen Fernsehkanäle zunächst relativ knapp über den Tod von Jelzin berichtet hatten, wurden die Fernseh-Berichte über sein Leben in den letzten Tagen immer länger. Der fast schon vergessene Jelzin, der still und abgeschieden auf einer Datscha vor den Toren von Moskau gelebt hatte, wurde für ein paar Tage wieder zum Helden.

Auch Wladimir Putin suchte zunächst nach den richtigen Worten. Erst fünf Stunden nach dem Tod von Jelzin trat der Kreml-Chef mit einer Fernsehansprache vor das Volk. Er würdigte Jelzin als den Mann, der Russland Freiheit und Demokratie gebracht hat.

Die russischen Kommunisten entschieden sich dagegen für demonstrativen Protest. Bei einer Trauerminute in der Duma blieben sie auf ihren Plätzen sitzen. „Wir werden niemals den Zerstörer des Vaterlandes ehren“, erklärte der KP-Abgeordnete Viktor Iljuchin.

Die drei staatlichen Kanäle übertrugen die Trauerfeierlichkeiten drei Stunden lang live. Man zeigte auch Bilder aus Jelzins Privatleben und Schlüsselszenen aus seiner politischen Laufbahn, so die Szene, wo Jelzin und Gorbatschow sich direkt am Rednerpult streiten und Bilder von den Verhandlungen mit dem tschetschenischen Separatistenführer Jandarbijew 1996 im Kreml. Der Kanal RTR brachte Jelzins Rede während der Beisetzung der sterblichen Überreste der Zarenfamilie in der Peter-Paul-Kirche in St. Petersburg. Jelzin brach damals ein Tabu, als er die Russen in Erinnerung an den feigen Mord an der Zarenfamilie zu „Buße und Verständigung“ aufrief. All diese Bilder hatten etwas Pikantes. Herrscht doch heute in Russland eine übermäßige Selbstzufriedenheit.

Der Patriarch fehlte bei der Trauerfeierlichkeit

Nach dem Trauergottesdienst in der Erlöser-Kathedrale wurde der Sarg auf einer mit der russischen Fahne geschmückten Lafette im Schritttempo von einem Schützenpanzerwagen zum Neu-Jungfrauen-Friedhof gezogen. Hier liegen auch Gorbatschows Frau Raissa, Sowjetführer Chrutschow sowie viele prominente Militärs und Schriftsteller begraben.

Es war ein ergreifendes Schauspiel. Die Glocken der Kathedrale läuteten, eine Kapelle spielte Trauermärsche, Tausende standen am Straßenrand unter den gerade ergrünten Bäumen. Viele wischten sich Tränen aus den Augen. Hinter dem Sarg gingen in weißen Gewändern die drei Metropoliten Kirill, Juvenali und Kliment, die den Trauergottesdienst zelebriert hatten. Der russische Patriarch Aleksej der II. der sonst bei großen religiösen Festen die Zeremonie leitet, nahm aus unbekannten Gründen nicht an der Trauerfeierlichkeit teil. Seit der Beerdigung von Zar Aleksander III, vor 113 Jahren, war es das erste Mal, dass ein russisches Staatsoberhaupt nach orthodoxem Ritus beerdigt wurde.

Einfache Russen suchen nach Worten

Die Schlange vor der Erlöser-Kathedrale in Moskau, in der Boris Jelzin aufgebahrt lag, war 500 Meter lang. Gekommen waren vor allem Menschen über 40. Viele trugen rote Rosen und Nelken, die sie später nicht weit vom Sarg ablegten. Viele der Trauernden standen schon in den 90er Jahren an der Seite von Boris Jelzin. Gekommen waren aber auch einfache Bürger, die in Jelzin einen starken russischen Führer gesehen hatten.

Anna Georgijewna, eine 72jährige Rentnerin meinte schlicht, sie wolle sich „von dem ersten Präsidenten Russlands“ verabschieden. „Meine Jugend habe ich unter ihm erlebt“, sagt die alte Dame in dem hellen Sommermantel. Und wenn Jelzin nicht gewesen wäre, was wäre dann aus Russland geworden? „Vielleicht wäre es besser, vielleicht schlechter gewesen.“ Anna Georgijewna weiß das nicht so genau. Es ist ihr scheinbar auch gar nicht so wichtig.

Die Menschen stehen mit ernsten Gesichtern in der Schlange. Plötzlich um Punkt 12 Uhr Mittags kommt Hektik auf. Polizisten schieben Absperr-Gitter vor die Anstehenden. „Jetzt ist Schluss“, erklärt ein Polizist. Viele Bürger drängen von hinten nach, sie wollen Jelzin noch sehen. Es kommt zum Gedränge. Über die Trauergemeinde hallen plötzlich Schreie. Ein Photograph macht ein paar Photos. Sofort ist ein Sicherheitsbeamter an seiner Seite. Er fordert den Mann auf, die Photos zu löschen. Dann beruhigt sich die Menge wieder.

„Jelzin hat das Volk vor Totalitarismus und Dunkelheit gerettet“

Viktor Viktorowisch, ein ehemaliger Militär meint, Boris Jelzin sei ein „großer Krieger“ gewesen. „Er hat das Volk vor Totalitarismus und Dunkelheit gerettet. Boris Nikolajewitsch ist wie Moses, der die Menschen aus ägyptischer Gefangenschaft befreite.“

Elisaweta, eine 75 Jahre alte ehemalige Gesangslehrerin sagt, der Verstorbene sei ein mutiger, starker Mann, ein „Russki Podwischnik“ (Enthusiast) gewesen. Sein Hauptverdienst? „Er hat die persönliche Freiheit der Menschen durchgesetzt. Nun haben wir einen stabilen Staat.“ Jelzin kam aus einem Dorf. „Na und? Es gibt in den russischen Dörfern einige solcher Goldstücke. Denken sie nur an den Gründer der Moskauer Universität, Lomonossow.“ Außerdem habe Jelzin dafür gesorgt, dass es keine Verfolgungen mehr gab. „Mein Vater war Offizier. Im Bürgerkrieg gehörte er zu den Weißen. Während der Sowjetzeit durfte er nicht reisen. Auch ich bekam meine Herkunft immer zu spüren.“

Eine Englischlehrerin, eingehüllt in einen dicken schwarzen Pullover, ist dankbar: die Jahre unter Jelzin seien für sie die glücklichsten gewesen. „Man fühlte sich als Mensch. Man fühlte, dass man etwas machen konnte. Es gab etwas Helles, eine Aufbruchstimmung.“ Mit zitternder stimme fügt die 48jährige hinzu, „in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft hatte ich väterliche Gefühle zu ihm. Ich fühlte mich ruhig. Es gab keine Angst. Jetzt gibt es so was“. Das Wort Angst möchte sie nicht aussprechen, aber es liegt ihr auf den Lippen.

Ein älterer Mann, Lehrer an einer technischen Hochschule, meint, „Jelzins Hauptverdienst war, dass es keinen großen Bürgerkrieg gab.“ Wie er das gemacht hat? Der Mann weiß keine Antwort. Dann schießt es aus ihm heraus: „Gott hat uns wohl gehört. Wir Russen sind ein leidendes Volk.“

Jelzin - der Draufgänger

Jelzin war ein Mann großer Gesten, ein Russe mit großer Seele. Dafür liebten ihn seine Landsleute und folgten ihm viele Jahre. Sie verziehen ihm so manchen Fehltritt, peinliche Auftritte bei Staatsbesuchen und einen übermäßigen Alkoholgenuss. Mit seiner überschäumenden Art konnte er Millionen mitreißen, auf dem schwierigen Weg in eine neue Zeit.

Unter Führung von Boris Nikolajewitsch kam es in Russland zu einem Epochenwechsel. Nach dem gescheiterten Putsch der Altkommunisten im August 1991 zerfiel die Sowjetunion. Jelzin führte Russland im Eiltempo vom Kommunismus in den Kapitalismus. Das Land öffnete sich dem Westen. Das 70 Jahre lang völlig abgeschlossene Riesenreich wurde berechenbarer. Nun galten auch in Russland – zumindest formal - demokratische Prinzipien.

Der 1931 in einer Bauernfamilie im Ural geborene Boris Nikolajewitsch Jelzin war eine widersprüchliche Person. Mit seinem Namen ist das Ende der Ein-Parteien-Herrschaft verbunden. Die Russen konnten nun endlich ungehindert ins Ausland fahren, die Presse verlor ihre Fesseln, die Russen begannen sich ihrer gesamten – also auch der nicht-kommunistischen Geschichte – zu erinnern. Nach jahrzehntelangem Verstecken konnten Eltern ihre Kinder ohne Angst in Kirchen taufen. 

Trotz der neuen Freiheiten erinnern sich die Russen heute keineswegs alle gerne an ihren ersten Präsidenten. Da geht es Boris Nikolajewitsch ähnlich wie seinem Widersacher Michail Sergejewitsch Gorbatschow, den er für zögerliche Reformen immer kritisiert hatte. Dass mit Jelzin viele neue Freiheiten möglich wurden, nimmt man heute wie selbstverständlich hin. Die sozialen Einschnitte durch den Zusammenbruch der Planwirtschaft, aber auch der Verlust des Großmachtstatus, haben sich bei den Menschen dagegen tief eingeprägt.
 
Unter Jelzin konnten Journalisten relativ frei arbeiten, Russland entwickelte sich zu einem föderalen Staat, in dem nicht nur der Kreml, sondern auch die Gouverneure Macht hatten. Doch dort, wo man etwas mit Verhandlungen und Fingerspitzengefühl hätte erreichen können, versagte Jelzin. Im Oktober eskalierte der Konflikt mit dem widerspenstigen Parlament, in dem noch viele Kommunisten saßen, zu einem bewaffneten Konflikt. Im Dezember 1994 ließ Jelzin Truppen nach Tschetschenien schicken. In den folgenden zwei Jahren begann ein mörderischer Kampf, bei dem Zehntausende von schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen und unschuldige Zivilisten starben.

Noch 1991 hatte Jelzin die Völker Russlands aufgerufen, „nehmt euch soviel Souveränität, wie ihr könnt“. Damals waren die nichtrussischen Völker in dem Riesenreich in Aufbruchstimmung und Jelzin hoffte, sie im Kampf gegen die Partei-Bürokratie zu gewinnen. „Man kann über Fehler sprechen, aber er war kein Feigling“, erklärte jetzt der ehemalige Ministerpräsident Sergej Stepaschin.

Staatseigentum wechselte oft unter ungeklärten Umständen den Besitzer

Jelzin war ein Mann der Tat. Langes Überlegen und Zaudern war seine Sache nicht. Als die Alt-Kommunisten im August 1991 gegen den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow putschten, war es Jelzin, der auf einen Panzer stieg und zum Widerstand gegen die Putschisten aufrief. Die Aufständischen zogen sich zurück. Ihre Panzer, die sie hatten auffahren lassen, setzten sie nicht mehr ein.

Jelzin wollte mit der kommunistischen Vergangenheit radikal Schluss machen, blieb der Diktatur in seinem Handeln jedoch in Vielem verhaftet. Am 8. Dezember löste er zusammen mit den Präsidenten der Ukraine und Weißrusslands die Sowjetunion auf. Gorbatschow, der noch für eine reformierte Sowjetunion gekämpft hatte, wurde damit überrumpelt. Der Präsident der Sowjetunion musste zurücktreten. Gestern drückte Gorbatschow in einem Beileidstelegramm an Jelzins Frau Naina, sein „ehrliches Beileid“ aus. „Unsere Schicksale kreuzten sich, und wir mussten in dem Moment handeln, als es im Land wichtige Veränderungen gab“, erklärte der erste und letzte Präsident der Sowjetunion.

Jelzin gestaltete zusammen mit den „jungen Reformern“ um Jegor Gajdar, Anatoli Tschubais und Boris Nemzow das neue Russland. Es war eine stürmische Zeit. Das Staatseigentum wechselte unter oft ungeklärten Umständen den Besitzer. Es entstand eine neue Schicht von so genannten Oligarchen, die bis heute Schlüsselstellungen in der Wirtschaft einnehmen. Den politischen Einfluss dieser Neuen Reichen hat Putin allerdings zurückgedrängt.

In der Neujahrsnacht 1999 machte Jelzin seinen wichtigsten Schachzug

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre war Jelzin durch seine Herzkrankheit nur noch bedingt arbeitsfähig. Immer häufiger kam es zu schwer nachvollziehbaren Hau-Ruck-Entscheidungen. Ministerpräsidenten wurden reihenweise abgelöst. In der Neujahrsnacht 1999 übergab Boris Nikolajewitsch schließlich sein Amt dem damals noch völlig unbekannten Wladimir Putin. Dieser garantierte dem ersten russischen Präsidenten einen ungestörten Lebensabend. Das Verhältnis zwischen Putin und Jelzin war jedoch nicht herzlich. Zwischen den Beiden herrschte eine formale Freundlichkeit.

Obwohl Jelzins Popularität in der Bevölkerung nicht groß ist, berichtete das staatliche Fernsehen über den ersten russischen Präsidenten in einem versöhnlichen Ton. Der Fernsehmoderator Nikolai Swanidse bezeichnete Jelzin als einen „Chirurgen“, der es mit dem „schwerkranken Patienten Russland“ zu tun hatte. Boris Nikolajewitsch selbst war, wie sich zeigte, durchaus zu einem selbstkritischen Rückblick in der Lage. In einem Fernsehinterview mit dem Kanal ORT erklärte der erste russische Präsident, er habe unterschätzt, wie viel Zeit man für die Umgestaltung des Landes braucht. So ein Umbruch sei nicht in „zwei, drei Jahren“ möglich, dafür brauche man „Jahrzehnte“.

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