Abzapfen, Einfüllen, WegschleppenMOSKAU

Abzapfen, Einfüllen, Wegschleppen

Was nicht angebunden oder verschlossen ist, findet in Russland schnell einen neuen Besitzer.

Von Ulrich Heyden

I ch traute meinen Augen nicht: Auf dem Weg durch die Moskauer Innenstadt sah ich einen Mann, der sich in aller Seelenruhe an Zementsäcken zu schaffen machte, die unter freiem Himmel auf dem Bürgersteig lagerten. Wie ein Dieb sah dieser Herr in schwarzer Hose und hellem Hemd nicht aus. Und auch sein Auto war ganz passabel: Ein ziemlich neuer, schwarzer Toyota. Ich guckte fassungslos. Doch der Mann beachtete mich nicht. Die Warnblinkanlage des Autos war eingeschaltet, der Kofferraum stand offen und dieser Mann, der weder betrunken noch arm aussah, hievte einen der Zementsäcke in seinen Wagen.

Es war abends um halb neun. Der Fußgängerweg war um diese Zeit leer. Die meisten Menschen saßen schon zuhause vor dem Fernseher. Dass der Mann sich an fremdem Eigentum vergriffen hatte, war für mich eindeutig. Die Zementsäcke waren zur Erneuerung der Fußgängerwege abgeladen worden, allerdings hatte man sie nicht durch eine Plastikband oder ein Hinweisschild als Eigentum der Baufirma ausgewiesen.

Immer gibt es jemanden, der etwas wegträgt

Nach mehreren Jahren in Russland habe ich mich an solche Anblicke gewöhnt. Ob herrenlose Zementsäcke oder ein Berg Blumenerde, bestimmt für die öffentlichen Blumenrabatten, immer gibt es jemanden, der etwas wegträgt. Den Zement, den man auf der Datscha dringend braucht, oder Blumenerde, die alte Mütterchen ungeniert in eine Plastiktüte schaufeln, denn für die Erde gibt es auch Bedarf in den Blumenkästen zuhause. 

Es ist wie zu sozialistischen Zeiten. Was nicht irgendwie festgezurrt oder verschlossen ist, wird mitgenommen. „Na chaljawu“, wie der Russe sagt, wenn er sich etwas auf die nicht ganz feine Art mitnimmt.  

„Na chaljawu“ gibt es überall. Als ich auf die Datscha fuhr, riet mir meine Bekannte, für den Vorortzug nicht die ganze Strecke zu zahlen, da die Fahrkarten nur auf den ersten 50 Kilometern hinter Moskau kontrolliert werden. Statt 260 Rubel für 200 Kilometer sollte ich also nur 80 Rubel zahlen. Das war ein gut gemeinter Tipp ohne bösen Hintergedanken. Wer einmal mit so einem Vorortzug gefahren ist, weiß warum. Auf den Bahnhöfen sieht man immer wieder, wie Leute ohne Fahrscheine über Gitter krabbeln oder der Kontrolleurin an der Sperre verstohlen einen 100-Rubel-Schein (2,5 Euro) zustecken. Mindestens jeder fünfte Fahrgast scheint ein Schwarzfahrer zu sein.

Die Phantasie der Schwarzfahrer - auf Russisch „Sajzy“ (Hasen) - kennt keine Grenzen. Seit in den Vorortzügen die Fahrkarten kontrolliert werden, was erst seit ein paar Jahren überhaupt erst praktiziert wird, sieht man an den Haltestellen immer ganze Gruppen von Passagieren an den Waggons vorbeilaufen. „Das sind Schwarzfahrer, die steigen kurz aus und bei der nächsten Tür steigen sie dann wieder ein“, klärte mich eine Mitreisende auf.

Stromleitungen werden angezapft

„Na chaljawu“ gibt es nicht nur bei der russischen Bahn, sondern auch bei der Elektrizitätsversorgung. Stromleitungen werden angezapft und Zähler manipuliert. Allein im Großraum Moskau wurden im letzten Jahr 185 Millionen Kilowatt Elektroenergie gestohlen, berichtete das Internetportal RBK. Dem Moskauer Elektrizitätsunternehmen MOESK entstand dadurch ein Schaden von 14,3 Millionen Euro.

Früher handelten die Stromdiebe aus einer finanziellen Notlage heraus, erklärte ein Vertreter des Föderalen Stromnetz-Unternehmens FSK, heute seien es gut organisierte Gruppen, die über das nötige Werkzeug und sogar einen eigenen Kundenkreis verfügten.

Gibt es in Russland denn gar kein Unrechtsbewusstsein, habe ich mich immer wieder gefragt und nie ein klare Antwort bekommen. Positive Vorbilder in der Geschäftswelt, die durch korrekte Steuerzahlungen und den Verzicht auf Schmiergelder von sich reden machen, gibt es herzlich wenige. Nicht vergessen ist auch, dass so mancher Staatsbetrieb in den wilden 1990er Jahren auf undurchsichtige Weise erworben wurde. 

Gründe reichen bis ins 12. Jahrhundert

Wer nach den Gründen für das fehlende Unrechtsbewusstsein sucht, muss wohl bis ins 12. Jahrhundert zurückgehen, als sich die Menschen auf dem Land in so genannten Obstschinas (Bauerngemeinden) organisierten. Bis ins 19. Jahrhundert wurde der gemeinsam verwaltete Boden auf den Dörfern je nach Größe der Familie aufgeteilt, gehörte also nicht einem allein oder einer Obrigkeit.

Doch diese Gemeinschaftstradition erschwert nicht nur die Gewöhnung an die neuen Regeln der Marktwirtschaft mit ihrem Eigentumsrecht. Der traditionelle Gemeinschaftssinn der Russen hilft den Menschen auch, Krisen zu meistern. Und selbst im ganz normalen russischen Alltag sind die informellen Netzwerke von Freundeskreisen und Familien mit ihrem Informationenaustausch und der gegenseitigen handwerklichen Hilfe unverzichtbar.

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