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Agenten-Skandal passt nicht zu den guten Beziehungen

Dass die offiziellen Stellen in Berlin und Moskau zu einem angeblichen russischen Agenten-Paar aus Hessen schweigen, ist nach Meinung russischer Medien ein Zeichen dafür, dass an den Vorwürfen etwas dran ist.

Von Ulrich Heyden
12.12.2011 Drucken Senden Kommentieren

Z wei mutmaßliche russische Agenten, Heidrun A. und Andreas A., wurden Mitte Oktober in Baden-Württemberg und Hessen durch ein Einsatzkommando des GSG 9 festgenommen. Heidrun A. soll in dem Haus des Paares in Marburg-Michelbach gerade dabei gewesen sein, mit einem Kurzwellenempfänger Nachrichten aus Moskau zu empfangen.
 
Der leitende Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Hans-Henning Schröder, erklärte gegenüber der Moscow Times, er sei nicht erstaunt über den neuesten Spionage-Fall. Moskau konzentriere sich auf Industriespionage. Die Spionageaktivitäten würden fortgesetzt, hätten aber keinen Einfluss auf die deutsch-russischen Beziehungen.

Die russischen Zeitungen gehen davon aus, dass es sich bei den Festgenommenen tatsächlich um Agenten handelt. Allerdings seien die beiden nicht mehr im aktiven Einsatz gewesen. Die Moskauer Tageszeitung „Kommersant“ zitierte einen russischen Beamten, der seinen Namen nicht nennen wollte. „Wenn man nicht unsere festnimmt, dann sagen wir klar: Das sind nicht unsere.“

Die Bundesanwaltschaft hält sich bedeckt

Die Pressestelle des Generalbundesanwaltes beschränkte sich bisher auf eine kurze Mitteilung, nach der die beiden Personen „dringend verdächtigt“ werden, „seit längerer Zeit in der Bundesrepublik Deutschland für einen ausländischen Geheimdienst tätig gewesen zu sein.“

Andreas A., ein Maschinenbauer,  hatte angeblich beim hessischen Automobilzulieferer Schunk gearbeitet. Dass die Generalbundesanwaltschaft den dienstlich benutzten Computer eines Mitarbeiters der Firma Schunk beschlagnahmte, steht offenbar mit der Verhaftung von Andreas A. in Zusammenhang.

Das verdächtige Paar soll schon seit 20 Jahren für Moskau spioniert haben. Angeblich standen Heidrun A. und Andreas A. in Kontakt mit der Spionin Anna Chapman, die im Juni letzten Jahres in New York verhaftet wurde und in westlichen und russischen Medien als verführerische Top-Agentin „90-60-90“ Schlagzeilen machte. (EM 08-2010, EM 12-2010, EM 08-2011) Einige Mitglieder des Agentenrings um Anna Chapman kamen aus Südamerika. Die beiden in Süddeutschland verhafteten sollen 1990 mit österreichischen Pässen aus Mexiko nach Deutschland eingereist sein.

Wohnhaus angeblich leergeräumt

Das von dem verdächtigen Paar gemietete Haus in Marburg-Michelbach wurde von den Sicherheitskräften durchsucht. Einer der Nachbarn erklärte gegenüber dem Kommersant, das Haus sei von den Sicherheitskräften bis auf die Blumentöpfe leergeräumt worden. Der Bungalow sei jetzt „völlig leer und versiegelt“.

Nach den Recherchen des Kommersants, der selbst einen Mitarbeiter vor Ort hat, ist Andreas A. 45 bis 46 Jahre und Heidrun A. 51 bis 52 Jahre alt. Nach Angaben der Nachbarn hätten die beiden Deutsch mit einem leichten russischen oder polnischen Akzent gesprochen. Als ein Nachbar sie ansprach, ob sie aus Osteuropa seien, hätten die beiden das aber verneint. Das Paar soll auch eine Tochter haben, die in Marburg Medizin studiert.

Laut Kommersant können die Bewohner des Ortsteils Michelbach es nicht glauben, dass es sich bei dem festgenommenen Paar um Agenten handelt. Besondere Antennen habe man auf ihrem Wohnhaus nicht gesehen. „Heute haben wir mit den Russen partnerschaftliche Beziehungen, warum sollen sie bei uns spionieren“, zitiert das Blatt einen Nachbarn.

Kurzwellenempfänger angeblich nicht mehr im Einsatz

Der frühere hohe KGB-Mitarbeiter Wladimir Rubanow erklärte gegenüber der Moskauer Tageszeitung „Iswestija“, Kurzwellenempfänger würden heute nicht mehr verwandt. Das seien „archaische Methoden“. Der Redakteur des Journals „Nationale Verteidigung“, Igor Korotschenko, erklärte gegenüber dem Blatt, die Nachrichtenübermittlung laufe heute über Satellitentelefone. Dabei werde das Signal schon beim Abschicken an den Satelliten verschlüsselt.

Die Iswestija vermutet, dass es sich bei den Festgenommenen um sogenannte „Schläfer“ handelte, Agenten, die nicht mehr im aktiven Einsatz sind. Ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter des russischen Auslandsgeheimdienstes erklärte gegenüber dem Blatt, die „Schläfer“ hätten schon für die UdSSR gearbeitet und würden aus Altersgründen heute nur noch als „Briefkästen“ dienen. Ein guter Agent, so der russische Geheimdienst-Mitarbeiter, sei „wie ein Familienmitglied“, das man nicht einfach „abschreibt“.

Tipp von der CIA

Die Iswestija fragt, warum die deutschen Behörden, gerade jetzt öffentlich zwei Agenten enttarnten, „von denen kein Schaden ausging“. Offenbar hänge der Spionage-Skandal mit der Rückkehr von Putin in das Präsidenten-Amt zusammen, zitiert das Blatt den Leiter des Berthold-Beitz-Zentrums in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Alexander Rahr. Russische Medien berichten, den Hinweis auf die beiden Verdächtigen, habe das Bundeskriminalamt  von der CIA erhalten. Angeblich hätten Heidrun A. und Andreas A. auf derselben Kurzwellenfrequenz gefunkt, wie die letztes Jahr in New York verhaftete russische Spionin Anna Chapman.

Der von der Iswestija interviewte Mitarbeiter der russischen Auslandsspionage ist sich sicher, dass die beiden in Deutschland Festgenommenen Opfer eines Verrats wurden. Ohne Hilfe wäre es dem deutschen Geheimdienst nicht gelungen, die russischen „Nicht-Legalen“ aufzuspüren.

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