Aids-Risiko GastarbeitTADSCHIKISTAN

Aids-Risiko Gastarbeit

Die weltweite Aids-Prävention erreicht die Betroffenen kaum. Das ist ein Fazit der Weltaidskonferenz, die in Mexiko-Stadt abgehalten wurde. In Zentralasien steht man noch am Anfang. Tadschikistan will nun die drohende Epidemie mit einem finanzstarken Präventionsprogramm abwehren. Doch die Neu-Infektionen steigen dort stärker als anderswo. Eines der größten Ansteckungsrisiken ist Gastarbeit. Männer, die in Russland das Geld für die Familie verdienen, bringen immer häufiger auch das Virus nach Hause mit.

Von Edda Schlager

A  ls ich es erfahren habe, wollte ich mich umbringen.“ Mawajuda, 45 Jahre alt, eine zierliche Frau, mit Lederjacke und lila Lidschatten, die den Blick auf ihre eingefallenen Augenhöhlen lenkt, berichtet mit leiser Stimme von ihrem Schicksalsschlag. Mawajuda hat Aids, angesteckt bei ihrem Mann, der das HI-Virus von der Gastarbeit in Russland mit nach Hause gebracht hat.

Nur die drei Kinder im Teenager-Alter haben Mawajuda vom Selbstmord abgehalten. Bis heute wissen die Kinder nicht, warum Mawajuda sich von ihrem Mann getrennt hat und schließlich aus dem gemeinsamen Zuhause in Usbekistan zu ihren Eltern nach Tadschikistan gezogen ist. Auch die Eltern ahnen nichts davon, dass Mawajuda seit vier Jahren mit HIV infiziert und mittlerweile an Aids erkrankt ist.

Aus Angst, dass sich ihre Kinder von ihr abwenden und die Eltern sie aus dem Haus werfen könnten, verschweigt sie ihrer Familie bis heute, dass sie krank ist, obwohl sie mit Eltern und Kindern unter einem Dach wohnt und sich ihr Gesundheitszustand sichtbar verschlechtert. Nur einer in der Familie kennt den Grund für Mawajudas Flucht: ihr Ehemann, der sie mit dem HI-Virus infiziert hat.

Russland ist nach den Ländern im südlichen Afrika die Region mit den meisten neuen HIV-Infektionen

Mawajudas Geschichte ist typisch für die Länder Zentralasiens. Drei bis vier Millionen Gastarbeiter aus Tadschikistan, Usbekistan und Kirgistan verlassen jedes Jahr ihre Heimat, um in Russland oder dem Baltikum Geld für ihre Familien zu verdienen. Russland ist nach den Ländern im südlichen Afrika die Region mit den meisten neuen HIV-Infektionen. Bis zu 1,6 Millionen Menschen könnten allein in Russland mit HIV infiziert sein, schätzen die Experten des UN-Aidsprogramms UNAids.

Damit verglichen sind die Zahlen in Tadschikistan gering. Und doch gehört Zentralasien zu den Hochrisiko-Regionen für die Immunschwäche-Krankheit. In dem Land, das etwa sieben Millionen Einwohner hat, sind laut Gesundheitsministerium im Jahr 2007 309 Neuinfektionen registriert worden, etwas mehr als eintausend offiziell registrierte Infizierte gibt es. Das Gesundheitsministerium schätzt die Zahl der Infizierten jedoch auf etwa 6.000.

UNAids geht dagegen von über 10.000 HIV-Infizierten und AIDS-Kranken aus. „Verglichen mit den Ländern in Afrika, wo mittlerweile fast jeder Vierte infiziert ist, ist das sehr wenig“, sagt Maria Boltajewa, die Leiterin des UNAids-Büros in Duschanbe. „Aber kaum irgendwo sind die Neu-Infektionen in den letzten Jahren so stark gestiegen wie hier. Und genau deshalb möchten wir die Epidemie möglichst in ihren Anfängen bekämpfen.“

Arbeitsmigranten infizieren ihre Familien

Dass das notwendig ist, erläutert Matluba Rahmonova, vom tadschikischen National Aids Center: „In Tadschikistan waren bisher vor allem Drogenabhängige und Prostituierte von der Immunschwäche-Krankheit betroffen, doch zunehmend spielt die Ansteckung unter Ehepaaren eine Rolle.“ Der Grund dafür seien die Arbeitsmigranten. Mehr als eine Million Tadschiken arbeiten außerhalb ihres Heimatlandes.

Die tadschikischen Arbeitsmigranten schicken jährlich rund 250 Millionen US-Dollar nach Hause, um ihre Familien zu versorgen. Das sind etwa zehn Prozent des tadschikischen Bruttosozialprodukts. „Natürlich bringen die Arbeitsmigranten Geld ins Land,“ sagt Rahmonova. „aber viele schleppen eben auch HIV-Infektionen ein und stecken so ihre Ehefrauen an. Die wiederum geben das Virus dann bei der Geburt häufig an die Neugeborenen weiter.“

Auch Mawajuda wurde von ihrem Mann angesteckt, nachdem er mehrere Monate in Russland gearbeitet hatte. Wie viele Familienväter hat er sich da wohl bei einer Prostituierten angesteckt, vermutet die Frau. „Ich will gar nicht wissen, woher er es hat,“ sagt Mawajuda, die den Kontakt zu ihrem Ehemann abgebrochen hat. „Er trägt die Verantwortung dafür, dass mein Leben zerstört ist. Ich möchte ihn nie wieder sehen.“

Dass Mawajuda schweigt und ihr Schicksal nahezu allein trägt, ist nicht ungewöhnlich in Tadschikistan. Ehefrauen gelten in Zentralasien allein wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung als HIV-gefährdet. „Wir leben in einer patriarchalischen Gesellschaft,“ so Matluba Rahmonova vom tadschikischen Aids-Center. „Wenn die Männer nach Monaten in Russland nach Hause kommen, wagen die meisten Frauen nicht, ihnen den Geschlechtsverkehr zu verweigern oder auf einen Aids-Test und die Benutzung eines Kondoms zu bestehen.“

Tadschikistan engagiert sich vorbildlich in der Bekämpfung

Obwohl Tadschikistan als eines der ärmsten GUS-Länder gilt, engagiert es sich stark bei der Bekämpfung von HIV und Aids. Vergangenes Jahr hat Tadschikistan ein nationales Präventionsprogramm verabschiedet. Bis zum Jahr 2010 will die tadschikische Regierung rund 50 Millionen US-Dollar aufwenden, um die beginnende Aids-Epidemie zu verhindern.

Als erstes der zentralasiatischen Länder hat Tadschikistan eine Studie zur Diskriminierung von HIV-Infizierten veröffentlicht. Betroffene werden danach von der Gesellschaft weitgehend stigmatisiert, das Wissen um Übertragungswege und Schutzstrategien ist gering. Infizierten Kindern wird es verwehrt, Kindergärten und Schulen zu besuchen, Betroffene verlieren ihre Arbeit, und selbst in Krankenhäusern wird ihnen zum Teil die Behandlung verwehrt.

Die Studie solle dazu dienen, die Lage der HIV-Infizierten in Tadschikistan zu analysieren und so die gesetzlichen Grundlagen für den Schutz ihrer Rechte zu verbessern, so Maria Boltajewa von UNAids.

Doch Mawajuda schätzt die Chancen auf eine Verbesserung ihrer Situation als gering ein. „Viele Betroffene würden nie wagen, ihre Rechte vor Gericht einzuklagen“, sagt Mawajuda. „Die Angst, in der Öffentlichkeit noch mehr stigmatisiert zu werden, ist viel zu groß.“

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Die Autorin ist Korrepondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

Wirtschaft Zentralasien

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