Albanische Sprache wird durch Kinderbuch gefördertALBANIEN

Rennschwein Rudi Rüssel soll die Sprache retten

Albanisch ist eine der ältesten Sprachen Europas. Doch die einst blühenden Dialekte hat Diktator Enver Hoxha jahrzehntelang in ein enges Korsett gepresst. Nun soll ein deutsches Kinderbuch helfen, sie aus dem Tief zu holen.

Von Ulrike Butmaloiu

Rudi Noçka – Rennschwein Rudi Rüssel auf Albanisch.  
Rudi Noçka – Rennschwein Rudi Rüssel auf Albanisch.  

Die Albaner haben einst ganze Parteitagsreden auswendig gelernt, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Da blieb wenig Platz für nette Worte. Das Resultat: Rund drei Millionen Albaner unterhalten sich heute in gedrechselten kommunistischen Formeln. Nun soll ein deutsches Kinderbuch helfen, die alte indogermanische Sprache aus dem kreativen Tief zu holen.

„Rudi Noçka – Derri atlet: Das klingt nicht nur gut, es klingt perfekt. So perfekt, dass viele Albaner glauben, das Buch sei von einem Landsmann geschrieben”, feixt Pandeli Pani. Lange hat der gebürtige Albaner, der in Bonn als Journalist arbeitet, an der Übersetzung von Uwe Timms Bestseller „Rennschwein Rudi Rüssel“ gefeilt. Er hat gereimt, gedichtet und in seiner Erinnerung gekramt. Gerade hat er seine Übersetzung nach Tirana geschickt.

Mit drei Euro pro Seite verdient sich der promovierte Germanist mit diesem Buch nur ein Zubrot. Sein Anliegen ist ein anderes: Er will seiner Muttersprache wieder auf die Beine helfen und die Einsilbigkeit des Kommunismus aus dem Alltag vertreiben.

Gelernt hat er die Wortfülle im „Giftschrank“ seines Vaters, einem Literaturwissenschaftler, der vor dem Zweiten Weltkrieg im Ausland studierte und deshalb von Hoxhas Leuten ins Umerziehungslager geschickt wurde. In seinen Regalen gab es französische Schmöker, persische Texte, Liebesgedichte und religiöse Verse. All das, was nicht in ein Land gehörte, das seine Kinder zu Parteisoldaten erzog.

Zusammenbruch der Diktatur – ein Glück für Vater und Sohn

Doch sein Vater blieb bei politischen Fragen stets verschlossen. Zu groß war die Angst, die Kinder könnten auf der Straße etwas erzählen, zu oft kam der Verrat aus der eigenen Familie. Erst 1988, als Pandeli – mittlerweile 22 Jahre und bester Student seines Jahrgangs – den Eintritt in die Partei offen ablehnte, war das Eis zwischen Vater und Sohn gebrochen. Dass zwei Jahre später die Diktatur zusammenbrach, war für beide Glück.

Auch deshalb griff Pani sofort zu, als das Angebot zu einem weiteren Projekt kam: Die Übersetzung von Uwe Timms autobiographischer Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“. Timm beschreibt darin seinen autoritären Vater und dessen indirekte Verantwortung am Tod seines vom Nationalsozialismus geprägten Bruders – die Schuld normaler Bürger in einem totalitären Regime.

Schwierige Aufarbeitung der Vergangenheit

Solche Literatur haben auch die Albaner bitter nötig. Sie lebten im kleinsten Land Osteuropas unter dem radikalsten der kommunistischen Regimes. Nach außen völlig isoliert, hatten sie im Inneren keine Alternative außer sich dem System anzudienen. „Albanien fühlt sich getrieben von dieser Vergangenheit und ist von ihr frustriert“, so Historiker Artan Puto über den Zustand 20 Jahre nach Zusammenbruch des Systems. „Die Erinnerungen werden versteckt und manipuliert. Bis jetzt gibt es keinen Weg, mit der Diktatur abzurechnen und sie der jungen Generation zu erklären.“

Die Aufarbeitung der Vergangenheit wird erschwert, weil starke Familienstrukturen und Clans das Land prägen. Doch allein um politische Ruhe ins Land zu bringen, müssten die Archive von Partei und Geheimdienst geöffnet werden. „Die leiseste Erinnerung an ihre alte Akte lähmt Politiker und Parlamentarier“, erklärt Puto. „Ein effizientes Mittel, den Gegner auszuspielen.”

„Rudi Noçka“ sticht in eine offene Wunde

Artan Puto ist Geschichtsprofessor und gleichzeitig Lektor im Verlag Dudaj Publishing House Tirana. Obwohl erst vor elf Jahren gegründet, ist Dudaj mittlerweile einer der renommiertesten Verlage im Land und einer der wenigen, die grundsätzlich aus Originalsprachen übersetzen. Dass das Projekt mit besonderer Sorgfalt betreut wird, hat auch damit zu tun, dass die Chefin selbst fließend Deutsch spricht. „Ich habe mich sofort in Timms Werke verliebt. Auch wegen der vielen Parallelen zu unserer Geschichte”, so Verlegerin Arlina Dudaj. Sie habe nicht lange überlegen müssen, beide Bücher ins Programm zu nehmen. Finanziell wird das Projekt vom Goethe-Institut unterstützt, in einer Auflage von jeweils tausend Stück. „Für unseren Markt eine übliche Größe.”

So verschieden beide Themen sind, so nötig ist bei beiden politisches und sprachliches Fingerspitzengefühl. Denn auch „Rudi Noçka“ sticht in eine offene Wunde: Das Schweinchen erobert die Herzen einer Familie, in der Kinder ernst genommen werden, ihre Meinung gehört wird. „Das ist in Albanien nicht selbstverständlich. Meist wird über die Köpfe der Kinder hinweg entschieden”, sagt die Leiterin des Deutschzentrums Tirana, Brigitta Grau-Günther, die das Projekt angeregt hat. Erzogen wird autoritär, nicht selten mit Gebrüll, bis ins Erwachsenenalter. Studiert wird, was die Eltern wollen.

Die Gattung Kinderbuch liegt brach

Dudaj verfolgt mit seinem Kinderprogramm einen ganz neuen Ansatz, denn albanische Kinder lesen kaum noch Geschichten, die Gattung Kinderbuch liegt brach. Wo früher mit Kalaschnikows bewaffnete Hühner den Vaterlandsverräter Fuchs jagten, herrscht heute gähnende Leere. Im statistisch jüngsten Land Europas reicht der sprachliche Notstand bis ins letzte Dorf. Alte Redewendungen sind verschwunden, die Sprache ist trocken und starr. Dass Rudi bei Jung und Alt gut ankommt, zeigen Testläufe. „Die Reime kommen sehr albanisch und zugleich witzig daher. Auch die Erwachsenen schmunzeln und lachen spontan”, so Grau-Günther.

Mitte November stellte Pandeli Pani seine Übersetzung erstmals auf der Buchmesse in Tirana vor. Diese Messe ist Rudis große Chance. Sie wirkt wie ein Magnet auf die Bücherwürmer des Balkans. Im letzten Jahr kamen 120.000 Besucher. Weil es kein Bestellsystem für Kunden und Buchhändler gibt, werden die Messehallen hier regelmäßig zu überdimensionalen Buchläden. „Aus ganz Albanien, aber auch aus dem Kosovo, aus Mazedonien und Montenegro reisen die Leute an, ganze Busse voller Leseratten“, so Brigitta Grau-Günther. Sie ist sich sicher, dass „Rudi Noçka“ direkt in die albanischen Kinderherzen rennt. Denn: „Gelacht wird in Albanien mindestens genauso gern wie in Deutschland.“

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Die Autorin ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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