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„Alle Wetter im Kaukasus “

Auf Karatschaier-Pferden durch den südrussischen Kaukasus. Am Fuße des Elbrus, wo man Natur noch in seiner ganzen Schönheit erleben kann.

Von Margret Roidl
24.04.2003 Drucken Senden Kommentieren
 
EM-Autorin Margret Roidl in einem Meer von blaublühenden Lupinen 

EM – Es ist drei Uhr morgens – ein Blick auf die Armbanduhr bestätigt es – und ich liege hellwach im Zelt. Wacher kann man gar nicht sein und dies, obwohl ich gewöhnlich schwer aus den Federn komme. Gegen vier Uhr dann die erste Lerche, deren helles Tirilieren nach oben steigt. Die anderen im Zelt schlafen noch, aber ich muß einfach raus: Ein riesiger sternenübersäter Himmel wölbt sich über den weich gerundeten Weidenkämmen. Der Hirtenwagen, wo wir gestern bei strömendem Regen angekommen sind, ist noch geschlossen, und bei den Schafen, Kühen und Pferden in ihren Steinpferchen daneben ist auch alles ruhig. Ich mache mich auf, um die Aussicht zu erkunden. Die Telegraphenleitung dient mir als Orientierungshilfe. Binnen kurzem sind die Stiefel vom Morgentau auf den Wiesen klatschnaß, aber ich will nicht schon wieder zurück. Erstaunlich, wie weit sich diese Hügel ziehen: Ein sanfter Abhang überwunden, schon tut sich gemächlich der nächste auf. Endlose Wellen aus Gras. Aber dann sehe ich etwas blinken nach der nächsten Erhöhung in einer Mulde am Horizont: ein glitzernder Lichterteppich im grauen Morgendunst: Kislowodsk, unser gestriger Ausgangspunkt, ungefähr eineinhalb Autostunden vom Flugplatz in Mineralny Vody entfernt. Ich bin zufrieden, drehe mich um und mache mich auf den Rückweg.

Unvermittelt ragt der blendend weiße Doppelgipfel des Elbrus hinter dem Hirtenwagen auf.

 
 Die Gruppe vor dem schneebedeckten Elbrus (5642 Meter)

Mir stockt der Atem, es ist eine fast gespenstische Erscheinung: Da ist er! Gestern im Abendnebel völlig verborgen: Der blendend weiße Doppelgipfel des Elbrus, des höchsten Berges im Kaukasus mit 5642 Metern. Wie ein doppelter Fuji (Der Fujiyama ist mit 3776 Metern Japans höchster Berg, d. R.) ragt er majestätisch unvermittelt hinter dem Hirtenwagen auf. Hier hat um sechs Uhr auch schon der Tag angefangen. Der Hirte Aubekir, mit einem Kameraden für 400 Schafe zuständig, hat die Pferche geöffnet. Ringsum blökt es: große und kleine, braune und schwarze, manche geschoren, manche nicht. Die 20 Pferde hoppeln auch schon durch die Gegend. Sie sind an den Vorderbeinen zusammengebunden und grasen mehr oder weniger friedlich. Aubekir hat sich schon eine Kuh eingefangen und in regelmäßigem Zischen füllt sich der Eimer: frische Milch für den Morgenkaffee. Welch ein Morgen! Die Luft so klar, kein Wölkchen trübt den Himmel, die blumenübersäten Wiesen duften, und ringsumher trillern die Lerchen.

Ein neuer Tag. Unterwegs mit einheimischen Karatschaier-Pferden, einer russischen Gebirgspferderasse, in der Republik Karatschai-Tscherkessien (Mitglied der Russischen Föderation) im Westkaukasus. Zwei Wochen lang sind wir, eine kleine Gruppe aus sechs Personen, hier zu Pferd unterwegs. Begleitet von Salish, unserem Reitführer vom staatseigenen Gestüt „Malyi-Karatschai“, der die Pferde ausgewählt hat. Die dunkelbraunen oder schwarzen Tiere sind für Reittouren geradezu ideal: gutwillig, trittsicher und von ruhigem Temperament, Stockmaß 150 – 155 cm, muskulös, aber schlank und langbeinig. Sie dienen als Hirtenpferde, und die schnelleren werden auch auf die Rennbahn geschickt, wo sie gegeneinander antreten. Englische Vollblüter sind ihnen jedoch weit überlegen.

Mit von der Partie zu Pferd ist auch Raschid. Mit ihm verständigen wir uns auf Englisch. Raschid ist der Sohn von Tatjana. Sie selbst reitet nicht, hält aber die Zügel des Reithofes in der Hand, sorgt für die Verpflegung und dolmetscht. Nicht gerade typisch für eine karatschaische Frau, wie sie lachend sagt, hat sie Deutsch und Englisch studiert und arbeitet seitdem mit dem hiesigem Fremdenverkehrsverband „In-Tourist“ zusammen. Die Organisation hat den Zusammenbruch der UdSSR überstanden und ist aus der Zeit von Glasnost und Perestrojka neu hervorgegangen. Trotzdem, unser Reiturlaub wird im Familienbetrieb gemanagt: Tatjanas Ehemann, Ramasan, sitzt hinter dem Lenkrad des kleinen Moskwitsch (sprich: Musquietsch), neben der größeren Limousine „Wolga“ der Kleinwagen hier schlechthin, und bringt uns die Picknicks. Valena, eine Freundin, hilft beim Kochen; ein Part, den später selbständig die Nichte Sukra übernimmt. Da von uns sechs Deutschen keiner des Russischen, geschweige denn des Karatschaischen, der Sprache der Region, mächtig ist, sind wir auf Tatjana angewiesen.

Gestern abend saßen wir zusammengedrängt im Hirtenwagen, und Tatjana erzählte uns über die in der Gegend wichtigste Erwerbsquelle, die Weidewirtschaft. Draußen regnete es derweil in Strömen. Geruch und Einrichtung so eines Hirtenwagens kennzeichnen ihn als eine typische „Männerwirtschaft“: vier Klappbetten, ein Tisch mit Petroleumleuchte, ein Hocker, Sattelzeug und ein Mini-Nebenraum, der als Küche und Milchkammer dient. An den Wänden posieren allzu leicht bekleidete Schönheiten. Hier haust zehn Tage im Monat der Reiterhirte Aubekir, 45 Jahre alt, braungebrannt und drahtig. So wie er leben viele Männer in der Gegend, sagt Tatjana. 250 Rubel (ca. 8 Euro) bekommt er monatlich für das Hüten der 400 Schafe + 1 Rubel extra pro Schaf. Genauso viel eigene Schafe darf er ohne Gebühr mitweiden lassen, einschließlich des eigenen Milchviehs und der eigenen Pferde. Kein Elektroanschluß, eine einsame Existenz, wenn nicht gelegentlich ein anderer Hirte zu Besuch käme. Und dann, erzählt Tatjana, nach Lammbraten und Wodka, würden die Hirten manchmal ein bißchen unberechenbar werden . . . Vor allem müssen die Hirten aufpassen, daß keine Tiere gestohlen werden. Leider, leider, „so ist es“, sagt sie immer wieder, „es wird viel gestohlen“. Unsere Pferde bleiben keine Nacht unbewacht. Vor drei Jahren wurden Salish in der Nacht 12 Stuten und 1 Hengst direkt aus dem Gestütsstall gestohlen. Ein schwerer Schlag. Manchmal sei es zwar möglich, die Pferde woanders wiederzufinden, über der Grenze, in der Kabardin-Region beispielsweise, aber seine blieben verschwunden.

Kefir und frisch gebratene Fladen zum Frühstück

Zum Frühstück, wie auch zu jeder anderen Mahlzeit, gibt es „Ayran“, eine Art Kefir aus Vollmilch und „chytschins“, karatschaischen Fladen. Sie sind jeden Tag frisch gebraten, oft gefüllt mit Quark und Kräutern. Oft werden die Fladen auch mit Fleisch („et-chytschin“), mit Käse („byschlack-chytschin“) oder mit Kartoffeln („gardosch-chystschin“) zubereitet. Nein, hungern muß wahrhaftig niemand. Zum Mittagspicknick gehört vorab Gemüsesuppe („schorpa“) in einer Milchkanne transportiert, mit vielen frischen Kräutern: Dill, Petersilie, rotes Basilikum, Pimpernelle. Obenauf kommt dann noch ein dicker Klacks Sauerrahm. Wie bei Heidi auf der Alm! Das Hauptgericht besteht oft aus Lamm mit Kartoffeln und Salat und wird auf einer riesigen Platte präsentiert. Als Verzierung dienen üppige Kräuterbüschel. Jeder nimmt sich ein paar Zweige und beißt direkt ins Grüne. Der Islam, wenn auch selten dem Buche nach praktiziert, ist hier seit dem 8. Jahrhundert verwurzelt. Schweinefleisch wird nicht gegessen. Dafür von allem anderen gern reichlich. Vor allem bei Hochzeiten und Begräbnissen, berichtet Tatjana, erfordert es die Ehre, viel, viel mehr aufzutischen, als verspeist werden kann. Dies seien die einzigen zwei Anlässe, die für einen echten Kaukasier Bedeutung haben und für die er Geld beiseite legt.

Eine friedlichere Gegend als das hiesige grüne Hügelland kann man sich kaum vorstellen.

So sind wir schnell heimisch geworden und können uns schon ein besseres Bild vom Kaukasus, dem 1.200 Kilometer langen Gebirge zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer und seinen Bewohnern machen. Es heißt, fast jedes Tal hat hier seine eigene Sprache und seine eigenen Traditionen. Außerdem ist das überdurchschnittlich hohe Alter bemerkenswert, das die Kaukasier erreichen. Ob es an der gesunden Ernährung liegt? An einem sozial integrierten Leben? Dieses Gebiet, in dem Europa auf Asien trifft, seit ewigen Zeiten Kreuzungszone der Weltkulturen, ist touristisch noch weitgehend unerschlossen und entsprechend unbekannt – wären da nicht die Nachrichten.

Durch die Unruhen in Tschetschenien und Dagestan hat der Kaukasus gerade in letzter Zeit eine traurige Bekanntheit erlangt. Aber Krisenherde sind von der Republik Karatschai-Tscherkessien ein paar Hundert Kilometer weit entfernt. Eine friedlichere Gegend als das hiesige grüne Hügelland kann man sich kaum vorstellen. Das war aber nicht immer so. Türkische Nomaden, Mongolen und russische Kosaken haben schon in der Gegend geplündert und auch in der jüngeren Geschichte wurde die Region von Unglück heimgesucht. Das wird uns spätestens klar, als wir das Dorf Chassault in den Bergen auf ca. 2.400 Metern Höhe erreichen: eine Trümmerburg. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Häuser der einst blühenden Gemeinde von 450 Familien fast vollständig zerstört, die Bevölkerung vertrieben. Auch Tatjanas Eltern in Kislowodsk wurden damals, wie viele andere Angehörige der nordkaukasischen Volksstämme in einer einzigen Nacht 1943 auf Viehwaggons verladen und nach Zentralasien und Sibirien verbannt. Kollaboration mit dem Feind, lautete die offizielle Anklage des Obersten Sowjets. 62.000 Karatschaier allein waren es, erinnert sich Ramasan, hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Leute, die Männer waren ja im Krieg. Erst 1965 durften die Deportierten zurückkehren; beim 20. Parteitag der KPdSU wurden sie rehabilitiert. Tatjana bekommt feuchte Augen, als sie erzählt, wie ihre Mutter damals in Sibirien die Kinder mit Strickarbeiten und Baumwollpflücken durchgebracht hat.

Hier in Chassault sind wir in einem hoffnungslos renovierungsbedürftigen alten Häuschen untergebracht. Es sieht so aus wie die anderen Häuser im Dorf auch. Wir schlafen zu viert in einem Zimmer. Das WC - ein Schock: ein Plumpsklo draußen im Pferch für die Pferde und Kühe. Vergessene, ungegerbte Schaffelle hängen dort über einem Zaun, alles mögliche Gerümpel lagert in dem kleinen Schuppen nebenan. Deprimierend erst einmal. Ein Hahn mit seinen Hennen stolziert herum, auf der „Straße“ badet eine Schar Gänse in der Regenpfütze. Morgens und abends sehen wir durch das Fenster im „Eßzimmer“ die Kühe mit ihren Kälbern auf ihrem Weg zur Weide und auch wieder zurück trotten. In der kleinen Küche gleich neben dem Eingang herrscht den ganzen Tag über Betrieb: immer ist eine Schüssel Teig dabei, in ausgebackene Fladen verwandelt zu werden, und auf dem Herd steht ein Riesentopf mit warmem Wasser für gehobene kosmetische Ansprüche. Hierher sind wir nach Ausflügen in die Umgebung vier Nächte lang zurückgekommen – das war unser Domizil.

Auf dem Malyi-Bermamut-Plateau schweift der Blick über den ganzen Kaukasus

Eine grandiose Berglandschaft ringsherum! Weite, grüne Hänge und dazwischen schroffe, steilaufragende Felsformationen, über die vor allem am Nachmittag Wolkenschwaden treiben und später gern als Regen niedergehen. Überall ein Rauschen und Murmeln: Immer wieder kommen wir an glasklaren Bächen und Quellen vorbei, aus denen man noch unbesorgt trinken kann. Ein Höhepunkt: Nach dem Aufstieg zum Malyi-Bermamut-Plateau, 2644 Meter hoch, schweift der Blick über den ganzen Kaukasus. Hier oben sind die Wiesen übersät mit intensiv blauem Enzian. (Man weiß nicht warum, aber viele Gebirgsblumen werden im Kaukasus größer und blühen in kräftigeren Farben.) Zwischen den Bergen ringsum brodeln die Nebel wie aus einem Kochtopf, Adler ziehen ihre Kreise. Erst viel weiter unten zittern wieder zarte Birkenbäumchen und Pappeln im Wind.

In der Nähe, ganz allein für sich, steht die noble Datscha des ehemaligen sowjetischen Ministerpräsidenten Kossigyn, die jetzt gelegentlich an betuchte Touristen vermietet wird. Seinerzeit wurde eigens für ihn eine Elektroleitung gelegt. Am Ruhetag für die Pferde unternehmen wir eine Wanderung dorthin. Die einzige Person, der wir unterwegs begegneten,
war ein junger Hirte auf seinem Pferd. Er ritt zu seiner Herde weiter oben in den Bergen. Wie Fliegen auf grünem Filz sahen die dunklen karatschaischen Fettschwanzschafe aus der Entfernung aus.

Abends bringt die Nachbarin ein Gastgeschenk ins Haus, einen riesigen byschlack-chytschin und bietet Selbstgestricktes an: weichflauschige Wollsocken, für 10 Rubel (ca. 30 Cent) das Paar. Susanne und Angelika sind begeistert und erstehen zusammen 25 Paar, ein ideales Geschenk für zuhause.

Reitpause auf einem duftenden, margaritenübersäten Wiesenplateau

 
Rast für Pferd und Reiter in der Stille der Natur 

Der langsame Rückritt nach Kislowodsk beginnt mit einer anstrengenden Klettertour auf felsigem Grund. Da passiert es: Jörgs Pferd strauchelt, knickt in den Vorderbeinen ein, fällt stöhnend um und streckt alle Viere von sich. Wir sind wie erstarrt. Aber nur kurz: Die Beine scheinen nach der Inspektion von Salish in Ordnung. Und so schreien und stupsen wir das Pferd zum Aufstehen an. Und endlich! Es rappelt sich auf! Es ist nichts gebrochen, aber manchmal reicht der Schock, der ein Pferd dazu bringt, sich selbst aufzugeben. Danach führen wir die Tiere alle erst einmal bergauf, bis wir auf einem duftenden, margaritenübersäten Wiesenplateau angekommen sind. Wir verschnaufen, machen Pause, und die Pferde können nach Herzenslust grasen.

Es ist alles in Ordnung und der Zwischenfall spätestens bei der nächsten langen Galoppade durch ein liebliches Flußtal vergessen. Herrlich! Auch die Pferde wollen sich jetzt einmal austoben und zeigen, was in ihnen steckt. Immer wieder stacheln sie sich gegenseitig zum Galopp an. Ach, das Reiterglück! Ein schönes Bild, Pferd und Reiter in dieser ursprünglichen Landschaft.

Die „Narzan-“ (Helden-) quelle ist heute unser Ziel, ein besonders eisenreicher Bach. Überall in der Gegend um den Kurbadeort Kislowodsk sprudeln Mineralquellen und Thermalwässer, Säuerlinge und Radonquellen. Ein Nebeneffekt der Naturexperimente der späten Tertiärzeit, in der die grüne kaukasische Hügelwelt samt dem immerweißen Doppelgipfel des Elbrus entstand.

So viel Wetter wie hier haben wir noch nie zuvor erlebt

Nur noch zwei Reittage! Wie schnell die Zeit vergangen ist, wenn auch nach übereinstimmendem Eindruck nicht so rasend schnell wie zuhause. An diesem Tag haben wir die Schlucht des Alikonovska zum Felsen „Kabale und Liebe“ durchritten, sind in den Honigwasserfällen herumgeklettert und haben auf dem Weg zum Rimberg, einer natürlichen Felsenburg, in der Nähe einer Imkerfamilie direkt neben blühenden Rapsfeldern Siesta gehalten. Vor der bizarren Kulisse des „Bügeleisens“ haben wir unsere Wegzehrung vertilgt, immer wieder sprudelnde Bäche durchwatet und steile Felsabhänge erklettert. Einmal sind wir bis zum Pferdebauch in dschungelartiger Vegetation versunken. Zum Teil sind wir Wegen und Pfaden gefolgt und ansonsten Salish, der sie zu seiner Orientierung nicht brauchte. Wer wollte, durfte seiner eigenen Wege gehen – in Sichtweite, versteht sich – und einen Galopp nach individuellem Gusto einlegen. So viel Wetter wie hier haben wir noch nie zuvor erlebt: Nach einem strahlend schönen Tag zogen nachmittags häufig Wolken auf, der Nieselregen wurde zu Gewitter und Wolkenbruch („So ist das Wetter hier in den Sommermonaten.“). Naß bis auf die (Regen-) Haut hatten wir ein ums andere Mal Gelegenheit für schlammspritzende Galoppaden. Eine schöne, wilde Sache in der lauen Luft.

Einmal haben wir der Bequemlichkeit wegen – in einem Bett schläft es sich in einer kalten Regennacht doch angenehmer als im Zelt – unseren Etappenplan geändert: Es wurde ein Zehn-Stunden-Ritt: Der Sonnenuntergang hinter dem Rimberg sah aus wie eine Feuersbrunst. Der Vollmond hing als riesige Scheibe am Himmel, und die Konturen der Landschaft versanken langsam in sanftem Grau. Endlos schön, aber anstrengend! Wir waren doch froh, als wir endlich in schwarzer Nacht klapper-di-klapper ins Gestüt einritten.

Auf dem Basar von Kislowodsk

Ein Muß war noch der Besuch auf dem Basar („unser Leben“, wie Tatjana sagte) von Kislowodsk: von lebenden Küken, Kräutern, Käse, Fleisch (ein unbehagliches Gefühl: so viele blutige Stücke) gibt es dort alles erdenklich Praktische bis hin zur Seife. Natürlich werden dort auch die wunderbar regelmäßig gestrickten Jacken, Mäntel und spinnwebfeinen Schals zum Kauf angeboten.

Kislowodsk hat seine besten Zeiten, als die Parteikader samt Personal zur Kur anreisten, hinter sich. Aus der Prosperität der Sowjetzeit stammen die großen, jetzt leicht ramponierten Kurgebäude und Parkanlagen. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR haben sich die Besucherzahlen drastisch verringert, viele Kurhotels und Badeanlagen stehen leer. Die Kuren sind teurer geworden, der Selbstbeitrag wurde erhöht. Gewerkschaften, Großbetriebe und Ministerien müssen sparen. Die Wohnblocks der Stadt sehen eher trist und baufällig aus, es fehlt das Geld für Neubauten. Die Kislowodsker Frauen jedoch scheinen sich von einer wirtschaftlichen Depression nicht einschüchtern zu lassen: Man ist hier sehr modebewußt und spart nicht am Make-up.

Unseren letzten gemeinsamen Abend feiern wir draußen mit den Pferden an einer kleinen Flußgabelung. Mit einem „schmackhaften“ (Tatjana) Abendessen am Lagerfeuer, mit Wodka und einer Flasche Champagner, gestiftet von Yvonne und Jörg aus Sachsen, die nach geglückter Reise Verlobungsringe tauschen wollen. Ein schöner Abend, ganz nach Programm! Die ersten Regentropfen fielen erst gegen 22:00 Uhr. Dann mußte alles ganz schnell gehen: Geschirr zusammenstellen, Körbe verstauen, Reiter auf die Pferde, und bei Blitz, Donner und strömendem Regen zurück zum Reithof.

„Kaukasien, du fernes Land, der Freiheit armes Domizil...“, schrieb der russische Dichter Michail Lermontov vor 150 Jahren. So fern ist es uns nicht mehr. Am nächsten Morgen, wieder klar und heiter, pünktlich um 8:00 Uhr starteten wir mit der Fluggesellschaft KMV (KavMinVodyAvia) zurück nach München in unsere jeweiligen bürgerlichen Leben. Dreieinhalb Stunden dauert der Flug. „So ist es“, würde Tatjana wieder gedankenvoll sagen, „so ist es“.

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