Allwissender MedienpräsidentPUTIN

Allwissender Medienpräsident

In einer landesweiten Fernsehfragerunde konnten die Russen den Wissensstand von Wladimir Putin überprüfen. Der Staatspräsident zeigte sich umfassend informiert und ließ durchblicken, daß er sich zum Ende seiner Amtszeit nicht völlig aus der Politik zurückziehen werde.

Von Ulrich Heyden

D as Volk hatte sich an eindrucksvollen Plätzen versammelt, an der Strandpromenade von Gelendschik am Schwarzen Meer, im Zentrum eines gepflegten Dorfes an der Grenze zur Ukraine, vor einer Staffel strategischer TU-160-Bomber und vor einem Haus mit klassischen weißen Säulen in der sibirischen Stadt Tomsk. In elf Städten über ganz Rußland verteilt durften die Menschen Wladimir Putin vor Live-Kameras Fragen stellen. Die dreistündige Sendung wurde von den beiden Staatskanälen ORT und RTR übertrugen.

Die Fernsehfragestunden mit Putin – es wurde bereits die vierte Sendung dieser Art ausgetragen – werden immer ausgefeilter. Diesmal hatte man den Eindruck, die Rentnerproteste gegen die Abschaffung der sozialen Vergünstigungen im Januar habe es nie gegeben. Die Fragen der Bürger waren sehr überlegt und mit Bedacht formuliert. Die Moderatoren wählten sich die Fragesteller aus der Menge. Vermutlich kannten sie die Leute schon.

„Genosse Oberkommandierender“

„Sehr geehrter Wladimir Wladimirowitsch“, oder „sehr geehrter Präsident“ , so sprachen die Bürger ihren Präsidenten an. Auf der Basis der strategischen Bomberflotte in Engels nannten sie ihn „Genosse Oberkommandierender“. Daß Putins Popularität infolge der Sozialreformen gesunken war, davon spürte man nichts. Internetzeitungen berichteten jedoch später, Staatsschützer in Zivil hätten den Vorsitzenden der Rentner-Bewegung von Workuta daran gehindert, zur Kamera vorzudringen. Dabei seien dem Mann zwei Zähne ausgeschlagen worden.

Assistiert von zwei Journalisten wirkte Putin an dem langen weißen Tisch in dem weißgetäfelten Raum des Kremls wie in der Leitzentrale eines Raumschiffes. Einem Trommelfeuer gleich gingen die Fragen per SMS und Internet in Rußlands Machtzentrum ein. 40 Minuten nach Beginn der Sendung waren es bereits 40.000 Kurznachrichten, „viele“, so hieß es, „leider ohne Namensangabe.“ Nach 65 Minuten zählte man 38.000 Fragen über das Internet. Doch den Genossen Oberkommandierenden konnte das nicht aus der Fassung bringen. Ruhig sah er in das Auge der Kamera, die ihn meist frontal zeigte. Wir werden die Probleme anpacken, die Duma arbeitet bereits an Reformgesetzen, erklärte der Kreml-Chef immer wieder. Wie zur Unterstreichung griffen drei Finger seiner rechten Hand immer wieder nach etwas Unsichtbarem, wie die Klaue eines Adlers nach etwas Unschuldigem, während der linke Arme meist schlaff herunterhing.

Fragengewitter zwischen Sachalin und Riga

Auf der riesigen Karte Rußlands leuchten weiße Punkte auf, einer für jeden Ort mit einer Live-Schaltung in den Kreml. Kreuz und quer geht es durchs Land. Der Fragemarathon beginnt im fernöstlichen Sachalin. Dort sorgt man sich um das mögliche Fahrverbot für PKWs mit dem Steuerrad auf der rechten Seite (im Fernen Osten fährt man japanische Gebrauchtwagen). Zudem beunruhigt die Menschen die Abtretung der Südkurilen an Japan – Putin beruhigt, das sei nicht geplant. Weiter geht es zu einem Dorf an der ukrainischen Grenze und dann wieder in den hohen Norden in die Kohle- und ehemalige Gulag-Stadt Workuta.

Das Kreml-Raumschiff läßt sich dann sogar mit Russen außerhalb des Landes verbinden. Auf dem Dach des russischen Kulturzentrums in der lettischen Hauptstadt Riga hat sich eine wackere Schar von Russen versammelt. Die Stadtverwaltung von Riga wollte keine Verantwortung für eine Live-Schaltung unten im Stadtzentrum übernehmen, heißt es. So habe man sich auf dem Dach versammeln müssen.

Der Kreml-Chef diagnostiziert, die Stadtväter von Riga seien in sowjetische Reflexe verfangen, dabei ist Putin selbst nicht frei davon. Als er Rigas Stadtoberen empfiehlt, „nicht nur alles zu verbieten“ sondern „mit den Menschen zu arbeiten“, fühlt man sich in Gorbatschows Sowjetunion zurückversetzt.

Die Fragen der Bürger kreisen vor allem um drei Probleme: Mangelnder Wohnraum, schlechte medizinische Versorgung und soziale Probleme wie geringes Einkommen. Putin weiß auf alles eine Antwort. Die Höhe der Wohnungskredite nennt er exakt bis auf zwei Stellen hinter dem Komma. Auch die unterschiedlichen Gehälter der Lehrer in den Regionen fallen ihm mühelos ein.

„Ich will nicht ewig im Kreml sitzen.“

Die Fernsehleute machen es dem Präsidenten leicht. Nachfragen wurden nicht zugelassen. Putin hörte sich alle Probleme an. Als Sainap aus Grosny das Verschwinden ihres Sohnes beklagt, „ein Schicksal von Tausenden“ – so die Mutter – , erklärt Putin, man wisse nicht genau, ob es nun tschetschenische Banditen oder möglicherweise sogar Mitarbeiter der russischen Sicherheitskräfte sind, die in Tschetschenien Menschen entführen. Eine Mitverantwortung für Probleme läßt der Präsident aber niemals erkennen.

Auf die Frage, ob er 2008 nicht noch einmal als Präsidentschaftskandidat antreten wolle, antwortete der Kreml-Chef schnoddrig, er wolle „nicht ewig im Kreml sitzen“ und auf allen Kanälen seine Visage sehen. Aber er werde, wie man beim Militär sage, „einen Platz in der Reihe finden.“

Russland

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