Alois Musil – Vater der tschechischen OrientalistikEXPEDITIONEN INS MORGENLAND

Alois Musil – Vater der tschechischen Orientalistik

Alois Musil – Vater der tschechischen Orientalistik

Er war einer der letzten großen europäischen Universalgelehrten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Der tschechische Orientforscher Alois Musil bereiste mehrfach den vorderen Orient und schilderte seine Erlebnisse in einer Vielzahl von packenden Reiseerzählungen und wissenschaftlichen Abhandlungen.

Von Eva-Maria Stolberg

Alois Musil (1868-1944) auf einer seiner Expeditionen.  
Alois Musil (1868-1944) auf einer seiner Expeditionen.  

Alois Musil wurde am 30. Juni 1868 in Rychtárov, einem kleinen Dorf in Mähren, als Sohn eines Bauern geboren. Aufgewachsen auf dem Land gewann der Junge ein tiefes Verständnis für die Natur, was ihm später bei der Erforschung der arabischen Wüste zugute kommen sollte. Im Alter von neunzehn Jahren begann er das Studium der Theologie an der Universität von Olmütz, wo er sieben Jahre später promovierte. Zunächst beschäftigte sich Alois Musil mit tschechischer Religionsgeschichte im 17. und 18. Jahrhundert, widmete sich jedoch bald grundsätzlichen Religionsfragen. Vor allem interessierten ihn die Wurzeln des Monotheismus in der christlichen, jüdischen und islamischen Religion.

Erster Besuch im Orient

Der Erzbischof von Olmütz, Theodor Kohn, ermöglichte Musil mit einem großzügigen Stipendium umfangreiche Bibelstudien. In Jerusalem forschte Musil in den 1890er Jahren in der Bibliothek der französischen Dominikaner, in Beirut an der St. Josef-Universität, einer jesuitischen Institution. Während dieser Zeit unternahm er eine Reihe von Forschungsreisen zu biblischen Orten im Nahen Osten, die von der tschechischen Akademie der Wissenschaften finanziert wurden. Über eine seiner Reisebekanntschaften schrieb Musil: „Bei dem Bauern habe ich mein Arabisch vervollkommnet. Ich lernte seine Lebensweise kennen, drang in seine Geisteswelt ein und wurde sein Bruder. Später erst bin ich von ihm zu den Nomaden übergegangen und niemals wurde ich für einen Herrn oder Fremden gehalten, weil wir uns gut verstehen konnten.“ Durch seine eigene bäuerliche Herkunft war Musil das bescheidene, harte Leben nicht fremd. Er zeigte keinerlei akademische Borniertheit.

Musils Forschungsreisen in den Nahen Osten liefen nicht ohne bürokratische Hindernisse ab. Die osmanische Regierung lehnte jegliche Verantwortung für seine Expeditionen ab. Oft wurde der Europäer auf seinen Reisen als Spion verdächtigt, teilweise sogar gefangengenommen. Musil notierte: „Wem orientalische Zustände, zumal die an der Grenze eines Staates bekannt sind, der weiß, daß das Gesetz dort zwar auf dem Papier steht, in Wirklichkeit jedoch keine Geltung hat; da andererseits aber auch die Selbsthilfe eben durch das Vorhandensein der Gesetze gehemmt wird, ist man der unbegrenzten Willkür der Ortsmachthaber so gut wie schutzlos preisgegeben.“

Musils Reisen in den Nahen Osten waren mit ungeheuren Strapazen verbunden. Seine eindrücklichen Schilderungen machen dies deutlich: „... Den ganzen Tag geistig und physisch arbeitend – an manchen Tagen bis zu 14 Stunden fußwandernd – zerrissen, schmutzig, voll Ungeziefer schlimmster Art, mußte ich in der Nacht alle und alles überwachen ... Ich lebte über vierzig Tage nur von Wasser, Brot und undefinierbaren Speisen. Mein Seelenzustand war schrecklich, aber Gott hat mir geholfen.“ Trotz all dieser Beschwerlichkeiten schwärmte Musil für die Natur der arabischen Wüste. Bei seiner Durchquerung der Wüste kam ihm die Einfühlsamkeit in die ungeschriebenen Sittengesetze der arabischen Nomaden zugute.

Der wissenschaftliche Aufstieg und die österreichische Machtpolitik im Orient

1904 trug Musils Forschungsarbeit Früchte: der tschechische Gelehrte wurde zum Professor für Theologie an der Universität von Olmütz ernannt. Zwischen 1905 und 1907 erschienen seine bibelkritischen Kommentare zum Buch Genesis unter dem Titel „Po stopách událostí Starého zákona“. Im Jahr 1909 wechselte Musil an die Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt verlagerte sich nun von der Theologie zu geographischen und ethnographischen Studien über den Nahen Osten. Damals hatte der Niedergang der osmanischen Herrschaft im Orient längst begonnen und der Nahe Osten war zunehmend ins Blickfeld der politischen, strategischen und wirtschaftlichen Interessen der imperialistischen Mächte Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland gerückt. In seiner Einschätzung der politischen Lage im Nahen Osten war Alois Musil eindeutig antibritisch: „Seit mehr als hundert Jahren war England bemüht, die Halbinsel Arabien in seine Macht zu bekommen, und nun trachtet es mit allen Mitteln, diese Absicht zu verwirklichen. Der Besitz von Arabien würde ja England sowohl den Besitz der beiden wichtigsten Kolonien – Indien und Ägypten sichern, als auch die geistige Beherrschung von 220 Millionen Muslimen.“

Musil plante eine große Arabien-Expedition, doch hierfür brauchte er Geld. Die Voraussetzungen waren nicht günstig oder wie Musil selbst einmal bemerkte, „das Melken der dürren österreichischen Staatskuh“ erwies sich als schwierig. Doch anders als heute hatte die österreichische Orientalistik finanzkräftige Mäzene in Wirtschaft und Industrie. Industrielle des 19. Jahrhunderts waren im allgemeinen aufgeschlossener gegenüber den Geisteswissenschaften. So spendete der wissenschaftlich interessierte Großindustrielle Anton Dreher für Musils Reise 4.000 Kronen. Die Finanzierung war damit fürs erste geregelt. Hingegen fand sich keine österreichische Versicherungsgesellschaft bereit, mit den Expeditionsteilnehmern eine Lebensversicherung abzuschließen, da eine Forschungsreise nach Arabien als gefährlich angesehen wurde. Ungeachtet dieser Schwierigkeiten in der Planungsphase begann für Musil 1908 ein Jahrzehnt ausgiebiger Nahost-Expeditionen.

Leben wie die Beduinen

Im Auftrag der österreichischen Regierung unternahm Musil eine Expedition zu den Beduinen, die allerdings über sein reines Forschungsinteresse hinaus eine politische Intention verfolgte. Das zeigte sich nicht zuletzt daran, daß das österreichische Kriegsministerium Musils Expedition mit Waffen und Vorrat ausstattete. Die Waffen mußte Musil ins Land schmuggeln. Doch ein Zollbeamter schöpfte Verdacht: „Zwei Fischer, die den Transport hätten durchführen sollen, wurden eingesperrt, man machte Hausdurchsuchungen, fand aber nichts, weil die Waffen in wasserdichten Kisten noch rechtzeitig ins Meer versenkt worden waren.“ Musil wartete noch sechs Tage, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte und hob die Waffen aus dem Meer.

Musil sollte im Auftrag der Wiener Regierung während seiner Expedition sondieren, inwieweit die beduinischen Stämme für eine Allianz mit dem Osmanischen Reich, dem Verbündeten Habsburgs im Ersten Weltkrieg, gewonnen werden konnten. Im österreichischen Außenministerium hegte man die Vorstellung, einen arabischen Jihad gegen die Engländer in Ägypten auszurufen. Diese hatten das Land am Nil 1882 besetzt. Musil führte mit wichtigen arabischen Häuptlingen wie Nuri und Aude Abu Tajeh Gespräche über die Beziehungen der arabischen Stämme zur osmanischen Regierung. Aus dem Plan der österreichischen Regierung, einen anti-britischen Aufstand zu initiieren, wurde jedoch nichts. Das hatte zwei Gründe: zum einen lenkten die Ereignisse auf dem europäischen Kriegsschauplatz Wien von der Lage im Nahen Osten ab, zum anderen waren die Beduinen-Stämme untereinander zerstritten. Die Häuptlinge bezichtigten sich gegenseitig der Kollaboration mit den Engländern.

Dennoch erfreute sich Musil während seines Aufenthaltes in der arabischen Wüste der Gastfreundschaft der Beduinen und erhielt den Ehrentitel „šeyh Musa al-Rweili“. Bis in die tiefe Nacht führte Musil Gespräche mit den Beduinen, so zum Beispiel mit Nawwaf. Immer wieder erkundigte er sich, „ob ich denn nicht verheiratet wäre und wie viele Kinder ich hätte; denn es ging einfach nicht über den Verstand, daß ein gesunder Mann Junggeselle bleiben könnte. Nawwaf hatte schon vier Frauen gehabt. Drei von ihnen hatten ihm je einen Sohn geboren, trotzdem hatte er eine nach der anderen aus der Ehe entlassen. Als ich mich über seine Launenhaftigkeit, die schon das Glück so vieler Geschöpfe Allahs zerstört hatte, wunderte, lachte er und sagte: ‚Aber warum denn, bei uns ist das so Brauch und Sitte. Wie könnte sich der Sohn eines Beduinenprinzen mit nur einer Frau zufrieden geben? Was würden die Krieger sagen?’ Ich erwähnte, daß es den Frauen meines Landes viel besser ginge, weil ihre Männer sie ohne zureichenden Grund nicht wegschicken könnten. ‚Das stimmt’, war die Antwort, ‚aber mir tun eure Männer leid. Wenn einer nach einem Jahr bemerkt, daß er seine Frau doch nicht liebt, trotzdem aber gezwungen ist, sein ganzes Leben mit ihr zu verbringen, wie unglücklich er ist!“

Der Orient – „die Wiege der abendländischen Kultur“

Im übrigen erhielt Musil für seine Forschungsreisen in den Nahen Osten nicht nur die Unterstützung der österreichischen, sondern auch der osmanischen Regierung. 1910 unternahm er eine Exkursion nach Hedschas, um topographische, geologische und hydrologische Arbeiten auszuführen. Zunehmend interessierten Musil die politischen Ereignisse im Nahen Osten. Er gründete noch während des Ersten Weltkrieges die Orientgesellschaft im Habsburger Reich und hielt zwei, besonders herausragende Vorträge unter dem Titel „Arabien und die Araber in der Weltgeschichte“ und „Der heutige Zustand der türkisch-arabischen Provinzen“. Erklärtes Ziel der Orientgesellschaft war die politische und wirtschaftliche Einflußnahme des Habsburger Reiches auf den Nahen Osten – ein unrealistischer Plan, wie der Ausgang des Ersten Weltkrieges zeigen sollte.

Nach der Auflösung des Habsburger Reiches setzte sich Musil auf höchster politischer Ebene, beim Präsidenten der Tschechischen Republik, Tomas G. Masaryk, für die Gründung eines Orientalischen Institutes an der Prager Universität ein. Musil vertrat die Meinung, daß „im Orient die Wiege der abendländischen Kultur gestanden habe, die Orientalistik im übrigen keine exotische Wissenschaft sei und von politischem sowie wirtschaftlichem Nutzen sein müsse.“ Und die Bemühungen des Gelehrten hatten Erfolg. Musil wurde trotz seiner politischen Nähe zur österreichischen Monarchie (er verkehrte als „Graue Eminenz“ in Wiener Hofkreisen) 1920 als Professor für Orientalistik und arabische Studien an die Karls-Universität von Prag berufen. Denn er genoß das Vertrauen von Präsident Masaryk, der selbst eine Vorliebe für den arabischsprachigen Orient hatte. Ihm widmete Musil später auch sein umfangreiches Werk „The Manners and Customs of the Rwala Bedouins“, das 1928 in New York veröffentlicht wurde.

In seinem öffentlichen Engagement für den Nahen Osten ließ Musil nicht nach. Die tschechische Regierung trat in die Fußstapfen der untergegangenen Donaumonarchie und tschechische Unternehmen investierten in die Länder des Nahen Ostens. Musil spielte hier eine entscheidende Rolle, denn er besaß nicht nur hervorragende Kontakte in den Orient, sondern auch Beziehungen zum tschechischen Ministerium für Außenhandel.

Im Stile Karl Mays

In den dreißiger Jahren beschäftigte sich Alois Musil vor allem mit der aktuellen politischen Entwicklung im Nahen Osten. Seine Werke über den Nahen Osten bestechen nicht nur durch ihre wissenschaftliche Kompetenz, sie sind zudem in einem lebhaften, anspruchsvollen Stil geschrieben. Eine eintönige, wissenschaftliche Beschreibung lag ihm fern, so arbeitete er Gespräche mit seinen Reisebegleitern und arabischen Freunden ein. Auffällig ist, daß Musil wissenschaftliche Analyse mit Abenteuerliteratur verbindet – dies nicht von ungefähr, denn in seiner Jugend pflegte Musil, die Romane Karl Mays zu lesen. Ausführlich wie kaum ein anderer beschreibt Musil das Alltagsleben der Beduinen – die Kleidung, die Feste, die Zubereitung der Mahlzeiten. Dank seiner profunden Kenntnis der nordarabischen Dialekte gelang es dem tschechischen Orientalisten, die beduinischen Gedichte und Lieder aufzuzeichnen. Aber auch soziologische Erkenntnisse vermitteln seine Werke, so beschreibt er die Stellung der Frau in der beduinischen Stammesgesellschaft und die Bedeutung der Blutrache.

Alois Musil verstarb am 12. April 1944 in dem kleinen Ort Otryby, südlich von Prag. Sein umfangreicher wissenschaftlicher Nachlaß umfaßt 39 Bücher und mehr als 1240 Aufsätze. Mit seinen vielseitigen Forschungsinteressen, die von der Religionswissenschaft bis zur Ethnographie, Geographie und Orientalistik reichten, war der Tscheche einer der letzten großen europäischen Universalgelehrten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus war Alois Musil einer der am besten informierten Berichterstatter über die aktuelle politische Entwicklung im Nahen Osten während des Ersten Weltkrieges.

Dialog nicht Verklärung

Zeit seines Lebens hat sich Musil für einen Dialog mit dem Islam eingesetzt. In seinen Artikeln für Tageszeitungen, aber auch in seinen wissenschaftlichen Werken wollte er die Länder des Nahen Ostens in ihrer politischen und sozialen Realität darstellen. Eine romantische Verklärung des Orients lag ihm dabei fern. Unwahrscheinlich modern muten seine Darlegungen über die arabisch-jüdischen Beziehungen an. Wie er selbst bekannte, war er in den 1890er Jahren in seiner tschechischen Heimat ein begeisterter Anhänger der zionistischen Bewegung gewesen. Seine Reisen in die arabische Welt ließen ihn jedoch sein Weltbild revidieren. Vor allem in den dreißiger Jahren nahm er eine eindeutig pro-arabische Einstellung an. Er erkannte ein bis heute aktuelles Problem: der Zustrom von jüdischen Kolonisten nach Palästina führe zu einer langfristigen Verarmung der arabischen Landbevölkerung.

Musils wissenschaftliche Leistungen erlangten in seiner Heimat auch eine wirtschaftliche Bedeutung. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen konnte der Orientalist tschechische Unternehmer für Investitionen im Nahen Osten gewinnen, man denke nur an die Skoda-Werke im heutigen Syrien. Dies zeigt, daß Musil keineswegs ein weltfremder Stubengelehrter war, vielmehr verstand er es, mit Menschen unterschiedlicher Couleur umzugehen und für sich zu gewinnen; er unterhielt Kontakte zur Habsburger-Dynastie, tschechischen, österreichischen und amerikanischen Gelehrten, aber auch zu Unternehmern und schließlich zu Beduinenscheichs.

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Dr. Eva-Maria Stolberg lehrt am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.

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