„Als das Weltenei zerbrach“ von Astrid Zimmermann und Andreas GruschkeGELESEN

„Als das Weltenei zerbrach“ von Astrid Zimmermann und Andreas Gruschke

Am Anfang war das Chaos. Geheimnisvolle Herrscher, Riesen und Göttinnen formten durch ihr Tun daraus das Universum, unsere Welt und die Menschen. Rund 50 Mythen und Legenden führen uns ein in die chinesische Kultur und ihre Grundlagen. Neueste Ergebnisse und erhellende Kommentierungen machen die 250 Seiten zu einem kurzweiligen Genuss.

Von Hans Wagner

„Als das Weltenei zerbrach“ von Astrid Zimmermann und Andreas Gruschke  
„Als das Weltenei zerbrach“ von Astrid Zimmermann und Andreas Gruschke  

A m Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das haben wir im Abendland verinnerlicht, ebenso dass der Schöpfer die Erde mit allerlei Getier bevölkerte und sich am siebten Tag von seinen Werken ausgeruht hat.  Es wird auch kaum jemanden geben, der nicht die Geschichte von Adams Rippe und der daraus resultierenden Erschaffung der Frau kennen würde und die von der ersten Sünde, als Eva durch die Schlange verführt wurde. Von solchen Erzählungen aus dem alten Testament sind Abendländer allesamt mehr oder weniger geprägt, ob sie nun Christ oder Atheist sind, Freidenker oder bekennender Heide. Der Schöpfungsmythos ist Teil einer 2000 Jahre alten Kultur.

In China sind die Mythen anders. Die Menschen kennen Geschichten über die Entstehung der Welt, von denen im Westen kaum jemand Ahnung hat. Oder wer kennt schon die Legende vom Reich des Hun Dun (zu deutsch „Chaos“), in dem sich Shu, der Kaiser des Südmeeres, und Hu, der Kaiser des Nordmeeres von Zeit zu Zeit trafen, um über ihre Reiche zu sprechen. Hun Dun war stets gastfreundlich zu ihnen. Doch er litt darunter, dass ihm die sieben Körperöffnungen fehlten, die den Menschen eigen sind. Seine kaiserlichen Gäste boten sich an, diese fehlenden Öffnungen zu bohren. „Als sie jedoch das siebte Loch bohrten, starb Hun Dun, und in diesem Augenblick entstand aus dem Chaos das Universum“.

Der heroische Riese Pangu

Aber das ist nicht die einzige Geschichte, die sich mit dem Chaos und der daraus hervorgehenden Welt beschäftigt. Die Sage vom Riesen Pangu aus dem Ei ist es, die dem Buch von Astrid Zimmermann und Andraes Gruschke den Titel lieferte. Demnach hatte das Universum einst die Form eines riesigen Eies. Sein Inneres war beherrscht von Orientierungslosigkeit und schwarzem Chaos. In dieser unendlichen Finsternis ruhte der Riese Pangu und schlief einen ewigen Schlaf. Nach 18.000 Jahren aber erwachte er und sprengte mit gewaltiger Kraft die Hülle. Das Ei, das ihn umschlossen hatte, zerbarst in abertausend Stücke. Die Elemente der Schöpfung, die sich bis dahin im Chaos befunden hatten, schwebten nun aus dem Innern des Eis durch den Raum. Die leichten, hellen Teile – das Yang – stiegen nach oben und formten den blauen Himmel. Die schweren und trüben Teile – das Yin – sanken nach unten und bildeten die Erde.

Pangu starb und aus seinem mächtigen Körper entstand alles, was auf Erden besteht, aus den Körperhaaren die Pflanzen, sein Blut und seine Tränen bildeten die Ströme, aus seinem Fleisch entstand der Boden. Aus seinem linken Auge wuchs die Sonne und aus dem rechten der Mond. Und als die Schöpfung der Welt durch den heroischen Pangu vollbracht war, tauchte die Göttin Nüwa auf. Sie erschuf die Menschheit und besserte den Himmel aus.

Eurasien ist größer - nicht alles begann mit Adam und Eva

Was Wunder also, dass Chinesen anders ticken, wenn ihre Mythen schon so grundverschieden von den unseren sind. Wenn wir das Land und seine Menschen verstehen wollen, tun wir gut daran, uns mit diesen Vorstellungen von Chaos und Schöpfung auseinanderzusetzen. Das dürfte einleuchten. Das Wissen, dass in China nicht alles mit Adam und Eva und dem Apfel beginnt, macht das Buch so wertvoll. Es eröffnet die von den unseren so sehr verschiedenen Ansichten vom Beginn und vom Wesen der Welt. Die Lektüre kann verhindern, dass wir allzu naiv die Moderne in den großen Metropolen Schanghai und Peking sehen und denken, dass China nun im Abendland angekommen wäre.

Eurasien ist größer, vielfältiger und aufregender als das Abendland allein. Das erfährt man in diesem Werk. Aus welchen mythischen Vorstellungen sich die chinesische Kultur entwickelt hat, das zeigen uns die beiden Sinologen. Wer die Gedankenwelt und die Symbolik im Reich der Mitte von Grund auf verstehen will, wird an diesem Werk nicht vorbeikommen.

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Rezension zu: „Als das Weltenei zerbrach“ von Astrid Zimmermann und Andreas Gruschke, Diederichs Verlag Gelbe Reihe, München 2008, 156 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-7205-3052-1.

Lesen Sie dazu auch das EM-Interview  „Bei einer Abtrennung Tibets von China würden neue Minderheiten entstehen“ und den Tibet-Beitrag des Autors „Die Lobby des Dalai Lama“.
(Die angekündigten Rezensionen „Long Tail – der lange Schwanz“ und „Der Trojanische Krieg“ haben wir aus Aktualitätsgründen verschoben.)

China Rezension

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