Als gäbe es kein MorgenKROATIEN

Als gäbe es kein Morgen

Als gäbe es kein Morgen

Die erfolgreiche Anwältin Blaženka Musulin ist 42 und lebt in der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Ihr Sohn Dominik ist 21, studiert Jura und will später einmal in ihre Fußstapfen treten. Als er geboren wurde, hieß die Amtssprache im Land noch Serbokroatisch, doch die viel gelobte Völkerfreundschaft zwischen den Teilrepubliken hatte bereits tiefe Risse bekommen. Als Jugoslawien schließlich blutig zerbrach, machte Dominik seine gerade ersten Schritte und seine Mutter hatte ihr frischgebackenes Staatsexamen in der Tasche. Ein denkbar ungünstiger Start, doch Mutter und Sohn haben es geschafft.

Von Veronika Wengert

Zwei Generationen Jura: Dominik und seine Mutter Blaženka.  
Zwei Generationen Jura: Dominik und seine Mutter Blaženka.
(Foto: Wengert)
 

D ie grauen Bürgerhäuser in der Innenstadt von Zagreb könnten einen neuen Anstrich vertragen: Schwarze Zickzack-Graffiti an fast jeder Häuserwand, die in krassem Gegensatz zu den Stuckschnecken über den Eingangstoren der alten Wiener Baumeister stehen. Vor solch einer Fassade rangiert Dominik Musulin gerade seinen Wagen ein. Der 21-Jährige klingelt an einer Doppelflügeltür mit geschmiedeten Zierstäben. Im Treppenhaus riecht es nach Bohnerwachs. Dominik nimmt gleich zwei Stufen auf einmal, vorbei an blühenden Primeltöpfen. Und wird, oben angekommen, von seiner Mutter bereits erwartet.

Die 42-jährige Blaženka Musulin hat sich ihr Anwaltsbüro hier eingerichtet: eine weitläufige Altbauwohnung mit Stuck und modernem Flachbildschirm im Warteraum, in dem die Mandanten mit westlicher Popmusik beschallt werden. Fünf Mitarbeiter beschäftigt sie mittlerweile – das Rechtsgeschäft mit Verkehrsdelikten und Unfällen scheint zu laufen.

Das sei nicht immer so gewesen, sagt Blaženka. Die politische Wende im früheren Jugoslawien habe Anfang der neunziger Jahre eine Hundertschaft von Rechtsanwälten auf den freien Markt geschwemmt. Der junge Nationalstaat Kroatien mit seinen knapp viereinhalb Millionen Einwohnern passte in ein weitaus schlankeres Verwaltungskorsett. Entsprechend hätten sich viele staatliche Behörden von ihren Anwälten getrennt – sei es nun aus verwaltungstechnischen oder politischen Gründen. Vielen sei damals nur die Freiberuflichkeit als Ausweg geblieben. Auf dem Markt war es eng, als sie ihre Kanzlei 1993 eröffnete, erzählt die Anwältin.

„Die soziale Unzufriedenheit und die zunehmenden ethnischen Spannungen ließen den Vielvölkerstaat zerbrechen, als Dominik noch ein Kleinkind war“

Dominik kennt die Berufsanfänge seiner Mutter nur aus Erzählungen. Er ist in ihre Fußstapfen getreten und studiert Jura. Das sei das Einzige gewesen, was für ihn in Frage gekommen sei, sagt er. Als Dominik im Sommer 1988 geboren wurde, trennten Blaženka noch drei Prüfungen von ihrem ersten Staatsexamen. Die wirtschaftliche Krise im Land spitzte sich zu und mündete 1989 in einer galoppierenden Inflation. Selbst für einen Laib Brot wurden auf einmal Beträge mit mehreren Nullstellen vor dem Komma fällig. Die soziale Unzufriedenheit und die zunehmenden ethnischen Spannungen ließen den Vielvölkerstaat zerbrechen, als Dominik noch ein Kleinkind war. Was anderswo in einer friedlichen Revolution mündete, eskalierte in Jugoslawien – es kam zum Krieg, mitten in Europa. Zagreb galt als Angelpunkt, viele Menschen aus den umkämpften Landesteilen kamen in die Hauptstadt. Das Bild der Stadt habe sich seither gewandelt, sagt Blaženka.

Die Studentin von früher und der Student von heute. Gibt es hier überhaupt Parallelen? Blaženka erinnert sich an Fächer wie Marxismus, mit denen die Studentenschaft auf den richtigen sozialistischen Pfad gebracht werden sollte. Und an Volkswehr. Das sei bereits an Schulen unterrichtet worden: Das Wissen um die Verteidigung des Staates, der Ideologie oder einfach nur sich selbst. Notfalls mit Waffengewalt. Was heute Pädagogen auf die Barrikaden treiben würde, gehörte für Blaženka und ihre Generation zum Lehrplan: Schießübungen mit einer wuchtigen russischen Kalaschnikow – und das mit gerade mal 15, 16 Jahren.

Schulausflüge führten meist zu Orten, die für die Partisanen bedeutsam waren. Gotteshäuser hingegen, selbst berühmte Bauwerke wie die Kathedrale von Šibenik, wurden bei Exkursionen einfach verschwiegen. „Kirche war im öffentlichen Leben kein Thema“, erinnert sich Blaženka, die wie die meisten Kroaten katholisch ist. Zu Hause in den eigenen vier Wänden habe man selbstverständlich christliche Feste wie Weihnachten gefeiert.

Für Mama einst Arbeitscamps – für den Sohn Ferien am Meer

Der 21-jährige Dominik Musulin studiert Jura in Zagreb, an der gleichen Fakultät wie einst seine Mutter. Er will ebenfalls Anwalt werden.  
Der 21-jährige Dominik Musulin studiert Jura in Zagreb, an der gleichen Fakultät wie einst seine Mutter. Er will ebenfalls Anwalt werden.
(Foto: Wengert)
 

In den Semesterferien wurde gemeinsam mit anderen Teens und Twens mit angepackt – zum Wohl der Gesellschaft. Dort, wo später einmal eine Schnellstraße entstehen sollte, ebneten hunderte junger Menschen aus ganz Jugoslawien Wiesen und Grundstücke. Bei diesen Arbeitscamps, den „radne akcije“, wurde buchstäblich Völkerfreundschaft praktiziert, da hier hunderte von jungen Menschen aus allen Teilrepubliken Jugoslawiens zusammen kamen. Tagsüber wurde gearbeitet, abends fanden Konzerte und Kinoveranstaltungen statt – die Blaženka einen Sommer lang im Organisationskomitee mit plante. Die Camps wurden sogar als Praktikum angerechnet.

Dominiks Studienzeit prägen unterdessen ganz andere Dinge: Die neuen Bologna-Bestimmungen werden gerade umgesetzt, die das kroatische Bildungssystem an das gesamteuropäische anpassen sollen. Denn schließlich hängt Kroatien in der Warteschleife auf Brüssel. Das bedeutet nun auch für die Studenten eine Umorientierung – und eine Verlängerung der Studienzeit von vier auf fünf Jahre. An seiner Fakultät sei dies jedoch gut geregelt worden, während Studenten an anderen Fakultäten ratlos gewesen seien, wann und ob ein Kolloquium zu belegen sei.

Die Semesterferien verbringt Dominik mit seinen Freunden am Meer oder auch mal beim Skifahren in Frankreich. Woanders leben? Nein, das wolle er nicht. Kroatien sei für ihn ein freies und modernes Land, in dem alles möglich sei. In den Zeitungen werde frei berichtet, es gäbe keine Informationsfilterung oder Zensur. Man könne ausgehen, Spaß haben, das Leben in Zagreb sei relativ sicher. Und zudem würden hier Freunde und Familie leben, die ihm sehr wichtig seien, sagt Dominik.

Die Fakultät liegt noch immer am Marschall-Tito-Platz

Auch wenn sich das ideologische Fähnchen im Wind gedreht hat – die Fakultät von Mutter und Sohn ist die gleiche geblieben. Sie gehört zu den beliebten Fotomotiven von Zagreb-Touristen: Ein pastellgelbes herrschaftliches Gebäude mit seitlichen Treppenaufgängen, direkt am Marschall-Tito-Platz gelegen. Ein Ort, der aufgrund seiner Namensgebung immer mal wieder die Anhänger und Gegner des ehemaligen jugoslawischen Staatschefs versammelt. Die einen fordern auf Transparenten die Beibehaltung des alten Namens, die anderen sind dagegen – und würden das Phänomen Josip Broz Tito am liebsten in der Mottenkiste der Vergangenheit verschwinden lassen.

An solchen Protesten beteiligt sich Dominik nicht. „Das ist heute einfach Geschichte, im Bewusstsein meiner Generation ist es völlig vergessen“, sagt er. In manchen Fächern an der Schule oder Universität, aber auch mal im Fernsehen – da sei Tito ein Thema, sonst nicht. Dennoch sei er mit seiner Schulklasse vor einigen Jahren in Kumrovec gewesen: ein liebevoll gepflegtes Ethnodorf mit Maiskolben an den Dachbalken, freilaufenden Hühnern, weiß getünchten Hauswänden und Pflastersteinen. Hier wurde Tito geboren, sein Holzbett kann in einer kargen Stube noch besichtigt werden. Es sei ein netter Ausflug gewesen. Dennoch habe er keinerlei Empfindungen gehabt, weder positiv, noch negativ – da er überhaupt keinen Bezug zu Tito habe, sagt Dominik. Den heutigen Twens bedeute die Geschichte weitaus weniger als ihrer Generation früher, hält Blaženka dagegen.

Blaženka erinnert sich noch deutlich an den Sozialismus. In den achtziger Jahren wurde das Benzin im Land zeitweise knapp. „Damals durften an bestimmten Tagen nur Fahrzeuge mit geraden, an anderen Tagen die mit ungeraden Nummern fahren“. Diese Restriktionen habe man unter dem Schlagwort „Stabilisierung der Wirtschaft“ verpackt. Wer Verwandtschaft im Ausland hatte, ließ sich Nylonstrümpfe, Waschpulver oder Kaffee mitbringen. Denn diese Produkte waren knapp und extrem teuer.

Was einstmals zählte ist längst vergessen: Tipps für gute Windeln

Zwar habe es in Jugoslawien immer alles gegeben, doch manches sei von minderwertiger Qualität gewesen. So wie Babywindeln, made in Jugoslavia. „Manchmal riefen die Leute im Radio an und sagten, dass es in diesem oder jenem Laden noch gute Windeln zu kaufen gäbe“, erinnert sich Blaženka an 1989, als Dominik noch ein Baby war und die sozialistische Welt ins Wanken geriet. Wer es sich leisten konnte, fuhr daher zum Einkaufen ins österreichische Graz oder ins italienische Triest. Windeln, Waschpulver, Damenbinden, Kaffee, Zucker oder Nylonstrümpfe – die Einkaufsliste war damals lang.

Nachdem das junge Kroatien seit nunmehr bald zwei Jahrzehnten auf eigenen Beinen steht, haben sich die Bedürfnisse geändert. „Die Menschen in Zagreb kaufen teure Markenkleidung, neue Autos und Wochenendhäuser am Meer oder in den Bergen“, erzählt Blaženka. Der Samstag werde im Café verbracht, möglichst auf der Straße, um gesehen zu werden und zu einer gewissen urbanen Elite zu gehören. Vieles habe sich heutzutage nur auf Äußerlichkeiten und Statussymbole reduziert. Vielleicht liege es daran, dass die Menschen in Kroatien im vorigen Jahrhundert mehrfach ihre politischen Ideale, aber auch ihre gesamten Ersparnisse verloren hätten. Man sei es nicht wirklich gewohnt zu sparen. „Daher verhalten wir uns in unserem Konsumverhalten vielleicht manchmal, als gäbe es kein Morgen“, sagt Blaženka. Denn schließlich wisse man nie, was noch komme.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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