Rumänien: Als ginge ein eiskalter Hauch durch das Land - Eurasisches Magazin
EM: Aktuelle Ausgabe - Eurasien-Ticker - Archiv
eurasischesmagazin.de > Als ginge ein eiskalter Hauch durch das Land
THEMEN
LESEN SIE AUCH
AKTUELLE ARTIKEL
EURASIEN-TICKER
RUMÄNIEN

Als ginge ein eiskalter Hauch durch das Land

Der Schriftsteller und pensionierte Pfarrer Eginald Schlattner ist beinahe der letzte Siebenburger in dem rumänischen Dorf Rothberg. Um an der Einsamkeit nicht zu verzweifeln, schreibt er Bucher, die Kassenschlager sind.

Von Andrea Jeska
25.10.2003 Drucken Senden Kommentieren

EM – „Der Mann ist ein Verräter“ – Das ist ein großer und schrecklicher Vorwurf. Wenn er von anderen kommt. Schlimmer noch, wenn man ihn sich selber macht. Beides ist so oft geschehen, daß der Pfarrer Eginald Schlattner seines Lebens überdrüssig ist. „Manchmal möchte ich es bereits sein: Das Nichtsein.“ Wenn er nur wüßte, wer ihn richten wird: Der liebe Gott, in dessen Dienst er stellte, was von seinem Leben übrig blieb, die Verratenen, die gleich ihm Unmenschlichkeit erlitten und sie nicht verziehen, oder die Menschen, auf die des unglücklichen Verräters Barmherzigkeit zielt?

Die beiden Zigeunermädchen waren bereits am Vortag im Pfarrhaus. Eine möchte eine Reisetasche, die andere einen Kugelschreiber. Nun sind sie wieder da, warten geduldig in der Bibliothek vor den Werken Luthers, vor Rilkes Gedichten, den Mann'schen Buddenbrooks und dem moralischen Leitfaden Ulrich Wickerts, bis Eginald Schlattner sein Gespräch mit den Gästen beendet und ihnen bringt, was sie für ihre Klassenfahrt brauchen. Mit zwei Fingern streicht er ihnen über die Wangen. Erkundigt sich nach den Schulfortschritten, der Gesundheit der Familie. „Von meinem kirchlichen Auftrag her gehen mich diese Leute ja nichts mehr an. Aber soll ich sie stehen lassen? Händeringend haben mich in dieser Woche fünfzehn Mütter um Zahnbürsten gebeten. Sie sind so arm, mich wundert jeden Tag wieder, wie sie leben können.“

Verräter in roten Handschuhen

Seit der Rothberger Pfarrer Schlattner in seinen autobiografischen Romanen „Der geköpfte Hahn“ (1998) und „Rote Handschuhe“ (2000) seine Kindheit als bourgeoiser Sachsensproß unter Rumänen, Juden und Zigeunern schilderte, seine Zeit in den Zellen des rumänischen Geheimdienstes Securitate verarbeitete, seit er beschämt öffentlich bekannte, wie er 1959 im Kronstadter Schauprozeß gegen die intellektuelle Elite Siebenbürgens als Zeuge der Anklage fünf Schriftsteller der Gefangenschaft auslieferte, ist er ein Glücksfall für die Feuilletonisten. Ein Debütant mit weißem Haar, der wie ein Komet aus den Tiefen Transsylvaniens auftauchte. Der so brillante Bücher über das Leben in einem Land hinter den sieben Bergen schreibt, daß sich ein Rezensent wünschte, er möge ein neuer Fontane werden. Und als sei das literarische Talent nicht genug, trafen die Journalisten, die sich in das kleine Rothberg, rumänisch Rosia, aufmachten, einen aufopferungsvollen Menschen. Schlattner kümmert sich auch nach seiner Pensionierung um die Verlorenen und Geknechteten seiner Welt, etwa um die Zigan, die in Rumänien nicht Roma genannt werden wollen. Sie leben am Fuße des Kirchenhügels in armen Tagelöhnerhütten – Wellblech, nackte Lehmwände, eine Matratze für vier Menschen. Der Erfolgsautor setzt sich für die zu vielen Kinder ein, die gefüttert und gekleidet werden wollen, für die Familien, in denen Gewalt, Trunkenheit und Elend herrscht, für die Frauen, die in Notwehr ihre betrunkenen Männer erstechen und dafür zu hohen Strafen verurteilt werden. Schlattner besucht sie im Gefängnis, bringt ihnen, ob gläubig oder nicht, den Trost seines Gottes. Sorgt sich auch um die einsitzenden Siebenbürger, die, von den Rumänen verachtet, von den Familien verlassen, nur ihn noch haben. Erhält dafür kein Geld, keine Lorbeeren. Lädt sich mit jedem neuen Fall, mit jedem Zigeunerkind mehr Last auf. Noch mehr, als er ohnehin schon trägt.

Eden in Unordnung

Schlattners Heimat scheint wie ein in Unordnung geratenes Eden. Ein in die Weite eines sanften Tals hingewehtes Dorf. Dort lebt der Schriftsteller in einem barocken Pfarrhaus mit antiken Möbeln, die letzten Überbleibsel einer Epoche, deren Untergang nicht erst die Kommunisten, sondern schon die Nationalsozialisten einleiteten, mit denen sich die Rumänen zunächst verbündet hatten. Sofas und Chaiselongues, Tischchen und der alte Geschirrschrank mit den Sammeltassen, von denen jede der Schlattnerschen Tanten eine Lieblingstasse hatte, erwecken den Eindruck, an einem Ort zu sein, der aus der Zeit gefallen ist. Vom Turm der verwaisten Kirche hat man einen Blick über die Landschaft Siebenbürgens. Hinter Weizenfeldern und Kartoffeläckern, Hügeln voller Mais, dichten Wäldern türmen sich die Fagaraser Berge. Zu ihren Füßen liegt die Stadt Fogarasch. Sie ist die Kindheitsheimat des Autors, die „menschliche Lebensform“, wie er sie in Anlehnung an Thomas Manns Essay „Lübeck als geistige Lebensform“ nennt. Bis zu dem Tag, als die Kommunisten kamen und ihn und die Familie verjagten, der Rechte beraubten. Man habe sie aus der Beletage gekippt, sagt Schlattner dazu. Beletage - ein Ausdruck, den er mehrfach benutzt. Überhaupt klingen viele seiner Sätze wie rundgeschliffen. All die Fakten und Jahreszahlen seines Lebens hat Schlattner schon oft wiederholt, immer mit derselben altmodisch eloquenten Art, mit eingestreutem Witz, Zitaten quer durch die Weltliteratur, üppigen, lyrischen Bildern. Vielleicht auch mit denselben Pausen, demselben plötzlichen In-sich-Zusammensinken. Mit immer derselben Erkenntnis, daß alle Bilder nicht beschreiben können, was tatsächlich war, als die Securitate ihn für zwei Jahre wegen „Nichtanzeigens von Hochverrat“ einsperrte. Und möge er noch so oft erzählen: „1000 Kilometer bin ich in meiner Zelle hin- und hergetrabt. Drei Schritte vor, drei Schritte zurück. Wie ein gekochter Krebs habe ich mich gefühlt. Die Haut hat gebrannt.“ Um nicht der Verzweiflung zu verfallen, habe er sich in „partielle Differentialgleichungen zweiten Grades“ verkrallt.

Gleichungen für den Seelenfrieden

Nun scheint es, als versuche er eine andere Gleichung aufzustellen: Die Kronstädter Aussage und das Andienen an den Kommunismus auf der einen, die ehrenamtliche Hilfe auf der anderen Seite. Jedes Almosen, jedes Streicheln, jede Stunde, die er den Nöten des Nächsten widmet, ist der Versuch, eine Winzigkeit der vermeintlichen mea culpa abzutragen, Licht in die eigene Dunkelheit zu bringen. „Um ein Heiliger zu werden, muß man ein noch viel größerer Sünder gewesen sein“, sagt er.

Schlattners schriftstellerische Karriere begann „aus einsamer Verzweiflung“ nach dem Zusammenbruch der rumänischen Diktatur Ende der 1980er Jahre, als die Siebenbürger seines Dorfes mit allem was sie hatten nach Deutschland gingen. „Sie beraubten sich Ihrer Wurzeln“, sagt Schlattner. Mit jedem Sonntag jedenfalls wurden die Kirchenbänke leerer, die Häuser verlassener, schließlich brauchte der Pfarrer nicht einmal die Glocken mehr zu läuten. Die Gegenwart, die Zukunft von Rosia, sie waren gelaufen. Wie eine Woge muß den Pfarrer da die Vergangenheit überfallen, ihn an den Schreibtisch, „in das Wort“ getrieben haben. „Es gibt drei Situationen, in denen ich glücklich bin: Wenn ich predige, wenn ich zuhöre und wenn ich schreibe.“

Eigennutz der Nächstenliebe

Wenn Schlattner hinunter zu den Zigeunerhäusern - „meine Lehmhütten“ - fährt, läßt er anspannen. Der steile Weg den Hügel hinab und hinauf macht dem inzwischen 70jährigen Mühe, ein Auto besitzt er, doch das kommt nur für längere Fahrten zum Einsatz. Die Sitze der Kutsche sind mit Fellen belegt, die Glocken der Pferde klingeln fröhlich bei jedem Schritt über den holprigen Sandweg. Wäre Winter, käme man sich ein bißchen vor, wie in Pasternaks „Doktor Schiwago“. Der Wirkung seines Abstiegs vom Kirchenhügel, fast ein Erlösermotiv, ist sich Schlattner bewußt. Fünf Joppen probiert er zuvor an, wechselt die Fliege gegen einen Schlips, den ihm der Karpatenwind malerisch über die Schulter weht. Einen chinesischen Strohhut nimmt er nach einigen Minuten wieder ab, drückt ihn seinem Kutscher auf den Kopf. Der versteckt ihn verlegen unter dem Sitz. Es sei ja nicht so, sagt Schlattner unterwegs, daß nur er den Zigeunern gut täte. „Sie sind für mich wichtiger, als ich für sie. Vor allem die Kinder, die ich durch die Jahre begleite, sind gut für meine seelische Ökonomie.“

Einsatz für die Klugen

Im Dorf ist Schlattner sofort umringt. Es gefällt ihm sichtlich. Eine junge Frau erwartet das siebte Kind und Schlattner redet auf sie ein, es nun endgültig dabei bewenden zu lassen. Ein Mann wurde aus dem Gefängnis entlassen, ob er seine Familie denn nun ernähren könne, will der Pfarrer wissen. Der Mann zuckt resignierend mit den Schultern. Eine Frau kommt aus Hermannstadt zurück, sie wollte Johanniskraut verkaufen. „Hast du Geld verdient?“ Nein, sagt sie, die Polizei habe sie nach zehn Minuten verjagt. Bei einer Familie kehrt Schlattner ein. Ihr Sohn ist hochbegabt und der Pfarrer will dafür sorgen, daß er das „Lyzeum“ besuchen kann. „Der Bus ist zu teuer“, sagt die Mutter. „Du mußt ihn aufs Internat geben.“ „Aber er füttert die Tiere. Wer soll das machen, wenn er nicht mehr nach Hause kommt?“ Eine Woche später schreibt Schlattner aus Rosia, der Junge sei durch die Prüfung gefallen und sitze nun da und weine.

Seit die Siebenbürger aus Rumänien fort sind, stehen im Land 650 Pfarrhäuser leer. Als Lohn für die ehrenamtliche Arbeit hat die Kirche ihrem ehemaligen Pfarrer sein Haus gelassen. Einen Nachfolger wird es ohnehin nicht geben. Nur der Schriftsteller, seine Frau Susanna und „fünf alte Sachsen zwischen halbtot und scheintot“ sind geblieben. „Das teuerste, was wir hier noch anschaffen, das sind die Särge“, sagt Schlattner. „Man verläßt den Ort des Leidens nicht. Man bringt das Leiden dazu, den Ort zu verlassen“, schreibt er in „Rote Handschuhe“.

Kreis der Einsamkeit

Poetische, bedeutungsdurchdrungene Sätze wie diesen sagt Schlattner viele. Etwa auf die Frage, warum er mit 45 Jahren den Ingenieursberuf an den Nagel hängte, Theologie studierte und Pfarrer von Rothberg wurde. Das sei eine Sache, antwortet er, die sich auf den innersten Kreis der Einsamkeit bezöge. „Ein dezidierter Ruf“ habe ihn ereilt. Schon als junger Mann habe er versuchsweise Theologie studiert, mit „Nietzsche unter dem rechten, Stalin und Marx unter dem linken Arm, beim Zusammenstoß dieser habe ich Schaden an der Seele genommen“. Er sei dann exmatrikuliert worden. Die erneute Hinwendung zur Theologie kam nach der Gefängnisentlassung im Jahr 1959. „Ich habe ein Gelübde abgelegt: Wenn du mich diesmal rufst, Herr, mein Gott, so werde ich Dir folgen.“

Schön und auch wahr hört sich das an. Warum nur, wird man den Eindruck nicht los, hier inszeniere sich einer, mal augenzwinkernd, mal händeringend und habe am Spiel mit dem Abgrund, der Verzweiflung auch seine Freude? Wenn er im Dorf die kleinen Mädchen väterlich besorgt in den Arm nimmt, nicht ohne die Gelegenheit zu nutzen, auch ihren Müttern über die Wange zu streichen, kann man sie spüren, die Beletage, die wohlbehütete Welt zwischen Rilkegedichten und Tantenküssen, die unter anderen Umständen einen Lebemann aus ihm gemacht hätte. Wie die Kanalratten, die dem Fangeisen entkommen und mit einem halben Leib weiterleben, so fühle er sich, läßt der Autor Schlattner sein gerade aus der Haft entlassenes literarisches alter Ego sagen.

Dem jungen Schlattner bescheinigten Ärzte einst eine Psychastenie. Angstzustände, Hypochondrie. Da ging er in die Klinik, um nachzudenken, „über die Traurigkeiten meiner Seele“. Geheilt wurde er nicht. Daß die Securitate ihm wie die Apokalypse vorgekommen sein muß, ist klar. Seine Arbeit als Gefängnispfarrer erledigt Schlattner auch heute nur mit Angst. Der Weg vom „ersten Vorhof der Hölle“, das Offizierszimmer, bis zum letzten Höllentor, dem Gefangenenzimmer, fällt ihm schwer. „Im dritten Höllenhof“, der Gefängniskapelle, nimmt Schlattner die Beichte ab. „Es tut gut, ihnen versichern zu können, daß sie von der Schuld bereinigt sind“, sagt er. Sich selber kann er das offensichtlich nicht versichern.

Gespür für Gefährdung

Schlattners Geschichte von der erzwungenen Aussage unter Folter wird bereits von den ersten bezweifelt. Vor allem von denen, die deshalb ins Gefängnis gingen. Er sei, so behauptete ein Artikel in der FAZ, „ein dynamisches Element der Anklage, kreativ, scharf zielend, von inquisitorischem Scharfsinn“. Er habe der Securitate Anklagepunkte geliefert, auf die sie von alleine nie gekommen wäre. Schlattner will davon nichts wissen. „Verrat, das ist eine starke Vereinfachung. Auf dieses Niveau werde ich mich nicht einlassen“, sagt er. Bitter klingt das und völlig verzweifelt. Derselbe Brief, der vom schulischen Scheitern des Zigeunerjungen berichtet, erzählt auch von „Hetzjagd“, die nun in den Zeitungen gegen ihn beginne. „Sie wollen mich zerstören, das begreife ich mit dem Gespür des ewig Gefährdeten.“

Der Weg zurück vom Dorf auf den Pfarrhof ist ein mühsamer. Der Hügel ist steil, hinten und seitens am Wagen hängen die Kinder, ein kleines Mädchen hockt auf Schlattners Schoß. Vor den prächtigen Siebenbürger-Häusern sitzen rumänische Bauern, gleichmütig. Kaum erwidern sie den Gruß des Pfarrers, und auch der ist nun müde. Täglich sieht er den Erfolg seiner Arbeit kleiner werden. Am Anfang, als er von seinem Kirchenhügel hinabgestiegen sei in ihre armen Hütten, hätten sie ihm die Hand geküßt und gesagt, er sei der erste, der käme. „Ich habe mir gedacht, mein Gott, was haben wir diesen Leuten die ganzen Jahre angetan.“

Am Ende aber, sinniert er, sei alle Barmherzigkeit umsonst, denn die desolate Wirtschaftslage treffe die Zigeuner, an denen sich auch der Frust der Bevölkerung entlade. „Die Zigeuner hängen sich inzwischen wieder Ceausescu-Porträts an die Wand. Unter dem haben sie wenigstens dazugehört.“ Nicht immer wisse er, ob sie ihn bei seinen Besuchen nicht mit Steinen bewerfen. „Daß sie sich nicht gegen uns erheben, das wundert mich “. Seine Frau würde zwar sagen, sie wolle nicht neben ihm begraben werden, weil die Zigeuner nur ihm Blumen brächten. „Ich aber sage, ach was, die klauen eher meine Blumen, du kennst sie doch.“

Enttäuschte Hoffnungen

Schlattners Verbleib auf dem Pfarrhof ist nicht nur eine Frage der Wurzeln. Letztlich hat er wohl keine Wahl. In Deutschland wäre kein Platz für seine Trauer, Erinnerungen. Und nicht für die Landjunkerallüren. In Rumänien ist sein Pfarrhaus die letzte Zuflucht für jene aussterbende Spezies, der er angehört. Die Geister der Vergangenheit aber sind am Auferstehen. Was die kommunistische Ideologie an Versprechen nicht hielt, hat auch die neue Zeit nicht erfüllt. Noch immer ist Rumänien eines der ärmsten Länder Europas. Die enttäuschten Hoffnungen der Menschen sind dabei, in Wut und Bitterkeit umzuschlagen, Nationalisten mit Hetzparolen kommen an die Macht. Den Intellektuellen und den Minderheiten scheint, als ginge ein eiskalter Hauch durch das Land. Auch Schlattner spürt das. Er habe gedacht, sein Buch könne eine Geste der Versöhnung sein, sagt er. Er hat sich geirrt.

Drucken | Senden | Leserbrief >



© 2014 Eurasischer Verlag | Seitenanfang | Aktuelle Ausgabe | Suche
Suchen: