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Alte deutsche Erfahrungen und neue Fehler am Hindukusch

Thomas Kochert und Mike Rubel, 29 und 27 Jahre alt und Oberfeldwebel der Bundeswehr, waren am 6. März 2002 die ersten deutschen Soldaten, die in dem sinnlo¬sen Krieg in Afghanistan ihr Leben verloren. Bis zum 15. April 2010 folgten ihnen 41 Soldaten und drei Polizisten in den Tod. Im Einsatz der ISAF (Interna¬ti¬onal Security Assistance Force) sind vom 22. Dezember 2001 bis zum 24. November 2009 1.267 Soldaten gefallen.

Von Wolf Oschlies
04.08.2010 Drucken Senden Kommentieren

W as geht die Deutschen dieser Krieg an? Für wen oder was sterben deutschen Soldaten in einer Region, die die meisten Deutschen nicht einmal auf der Landkarte zeigen können. Wie können deutsche Politiker und Parlamentarier für einen Krieg in einem Land eintreten, dessen Konfliktherde deutsche Autoren schon vor 90 Jahren beschrieben haben? Gilt für gegenwärtige Deutsche der bekannte Satz: Wer aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen? Offenkundig ja. Leider!

Flehen um Gottes Schutz vor der Rache der Afghanen

Von den über 40 nationalen Kontingenten der ISAF geht zweien ein bestimmter „Ruf“ voraus. Die Engländer gelten als die Nachfahren der verhassten britischen Kolonialherren und Spalter des Landes. Verdientermaßen wurden sie im 19. Jahrhundert von Afghanen zweimal so vernichtend geschlagen, dass man in England bis heute um Gottes Schutz bittet  „from the venom of the cobra, the teeth of the tiger and the vengeance of the Afghan“ (vor dem Gift der Kobra, den Zähnen des Tigers und der Rache der Afghanen).
 
Diametral anders das Renommee der Deutschen, die als Urenkel tapferer Soldaten und genialer Erbauer von Staudämmen, Straßen und Schulen mit Freudenfesten empfangen wurden, als sie 2003 in Afghanistan eintrafen. Auf deutscher Seite wurde das nicht bemerkt, nicht oder völlig falsch verstanden. Deutsche zuckten zusammen, wenn sie afghanisches Lob einer „arischen Bruderschaft“ mit Deutschen hörten, wobei „arisch“ nicht mit nationalsozialistischer Ideologie und Terminologie zu tun hatte, sondern eine Erinnerung an (mutmaßliche) ethnokulturelle Gemeinsamkeiten seit 3.000 v. Chr. war.  

Wessen Krieg in Afghanistan?

Seit dem 7. Oktober 2001 herrscht Krieg in Afghanistan, „Operation Enduring Freedom“ benannt und als „NATO-Bündnisfall“ deklariert. Hauptfeind waren die radikalislamistischen Taliban, die auch relativ rasch niedergeschlagen wurden. Die weitere Aufgabe der internationalen Gemeinschaft hieß, der afghanischen Übergangsregierung unter Präsident Karzai zu helfen, nämlich mit Nachdruck die „umfassende Entwaffnung, Demobilisierung  und Wiedereingliederung aller bewaffneten Gruppen“ abzusichern. Seit dem 20. Dezember 2001 war dafür die ISAF zuständig, deren UNO-Mandat halbjährig, ab 2003 jährlich erneuert wurde.

Konnte der NATO-Einsatz in Afghanistan anfänglich noch als humanitäres Unternehmen „verkauft“ werden, so stellte sich doch bald heraus, dass er ein gescheitertes Militärunternehmen war und ist, von dem kein Beitrag zur Stabilisierung und Befriedung des Landes zu erwarten ist. Im Gegenteil! Über 150.000 Soldaten und mehr als 35 Milliarden Dollar „Entwicklungshilfe“ haben für Sicherheit und Aufbau wenig bis nichts bewirkt: Ein Drittel der Menschen lebt in absoluter Armut, die Müttersterblichkeit ist die zweithöchste der Welt, der Analphabetismus liegt bei 80 Prozent, nur jeder fünfte Afghane hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, allenthalben herrschen wieder Clanführer und regiert Gewalt. Ist es da ein Wunder, wenn sich Zweifel an der völkerrechtlichen Legitimität der ganzen Aktion breitmachen?

US-Abenteuer mit Bündnisverpflichtung

Einmal mehr sind die Deutschen in einen Krieg verwickelt, den die USA begonnen und für die sie sich der Bündnisloyalität ihrer NATO-Partner versichert hatten – wie in Bosnien, im Irak, im Kosovo etc. Die auslösenden Momente waren völkerrechtlich immer zweifelhaft, aber doch (mit Mühe) nachvollziehbar. Erst im Fortgang des militärischen Einsatzes wurde man stutzig und am Ende musste man einsehen, dass auf dem Balkan, im Kaukasus, in Nahost etc. die Lage dort am verheerendsten ist, wo das Engagement einer von den USA geführten Militärkoalition am nachhaltigsten ist. Die NATO musste die Abenteuer der USA mitmachen, mitbezahlen und mit primitiver Propaganda bemänteln: „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“, verkündete am 11. März 2004 der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck (SPD), womit er ein Statement abließ, das einen Ehrenplatz im Thesaurus grober Polit-Dummheiten verdient hätte.

Von „deutscher Sicherheit am Hindukusch“ war nicht einmal im Kalten Krieg die Rede, als 1979-1989 die Sowjetunion in Afghanistan Krieg führte - als Episode der globalen Konkurrenz zu den USA, wie in der russischen politologischen Fachpresse mit bemerkenswerter Souveränität eingeräumt wird. Auch der Fortgang des Kriegs ist für heutige Russen kein Geheimnis: Den USA gelang es, ihn zum antisowjetischen „Dschihad gegen ungläubige Kommunisten“ umzudeuten und heimlich auf der Siegerseite zu stehen, als die Sowjets als geschlagene Verlierer aus Afghanistan abzogen. Nach diesem Ende waren die USA überzeugt, den Islam vollauf „gezähmt“ zu haben und ihn mittels US-Dollars und amerikanischen Waffen problemlos für eigene Zwecke einsetzen zu können.

150.000 Mann starke Armee von Dschihad-Veteranen?

Diese Ansicht gilt in den USA nach wie vor, heißt es in der Moskauer Zeitschrift „Russland in der Globalpolitik“ und anderen Blättern, obwohl sie nie zutraf. Die einstigen Verbündeten im afghanischen Krieg nahmen US-Dollars und US-Waffen, um ihre internen Konflikte oder regionalen Kämpfe auszutragen. Was in Afghanistan begonnen hatte, wurde später in Tschetschenien, im Kosovo etc. fortgesetzt: Nach russischer Ansicht gibt es in der Welt „eine mindestens 150.000 Mann starke Armee von Dschihad-Veteranen“, die nur darauf wartet, gegen die USA und andere „Ungläubige“ vorzugehen.

Gewiss gibt es diese Geisterarmee islamistischer Gotteskrieger nicht, aber das ändert wenig an den internationalen Dilemmata in Afghanistan. Deren größtes ist, dass die NATO-Staaten nicht mehr die Unterstützung ihrer Bevölkerungen haben.  Umfragen besagen, dass 62 bis über 70 Prozent der Europäer dafür sind, die eigenen Truppen lieber heute als morgen aus Afghanistan zurückzuholen. Geschieht das nicht, dann droht vielen NATO-Ländern eine Entfremdung zwischen Armee und Volk, was gewiss die schlimmste Horrorvision für jeden Politiker und Militär darstellt.

Was soll man in einer solchen Situation tun? Die Truppen nochmals aufstocken, eine massive Offensive starten, die Taliban schlagen und sich bis auf eine kleine Resttruppe aus Afghanistan zurückziehen? Das wird schon daran scheitern, dass die NATO in Afghanistan keinen verlässlichen Partner findet, der eine halbwegs „saubere“ Politik betriebe, die dem Gros der NATO-Truppen den Abzug erlaubte. Daran glaubt ohnehin niemand, und so will kein NATO-Land Soldaten für die Resttruppe abstellen, die nach dem großen Abzug für weitere fünf Jahre im Land bleiben soll. Aber selbst wenn Afghanistan befriedet würde, welche Chance hätte es gegen feindliche Nachbarländer und die dort verschanzten Taliban.

Wurden die Deutschen betrogen?

Der WDR-Film „Es begann mit einer Lüge“ hat es Anfang 2001 mit knallharter Recherche und in bewusst aggressiver Sprache ans Licht gebracht: Als die NATO im März 1999 für das Kosovo und gegen die Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro) losschlug, da wurde die deutsche Öffentlichkeit mit unverschämtesten Lügen „eingestimmt“: Mit einer „Aktion Hufeisen“ hätten Serben Albaner vertrieben, in Dörfern hätten serbische Massaker stattgefunden, im Stadion von Prishtina habe ein serbisches KZ gestanden und ähnlich hanebüchenen Unsinn mehr. Der Film ist bis zur Gegenwart populär und wird zumeist dann gezeigt, wenn einmal mehr politische und militärische Fehler der internationalen Gemeinschaft anzuprangern sind.
 
Die Deutschen sind zu Recht misstrauisch, wenn militärische Gewalt im „humanitären“ Mäntelchen versteckt wird. Im Dezember 2009 ergab eine Repräsentativumfrage, dass eine große Mehrheit der Deutschen bezweifelt, dass die Bundesregierung ehrlich und umfassend über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan informiere. 69 Prozent der Befragten forderten zudem einen möglichst raschen Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, Deutschen jeden militärischen Auslandseinsatz zu verbieten und die Amerikaner im afghanischen Regen stehen zu lassen. Gedeihlich und ertragreich wäre es jedoch, aus amerikanischen Fehlern und deutschen Erfahrungen zu lernen. Die Amerikaner haben kaum eine Ahnung von ethnischen Gruppen in Afghanistan, die Deutschen haben schon vor 90 Jahren Expeditionen durch Afghanistan gemacht und darüber in sehr anschaulichen Büchern berichtet. Diese Bücher sollte man allen als Pflichtlektüre verordnen, für jene die in Afghanistan Politik machen, Hilfsgelder verwalten und verteilen, militärische Unternehmungen befehligen. Dann ließen sich viele Fehler und übergroße Verluste an Menschen und Material vermeiden.

Verhältnisse – vor 110 Jahren von den Engländern geschaffen

Hätte man sich je genauer in die ethnischen Verhältnisse Afghanistans vertieft, dann wäre ein Krieg vermutlich unterblieben, da von vornherein als hoffnungsloses Unternehmen erkennbar. Der von Amerikanern ausgelöste Krieg musste an Gegebenheiten scheitern, die Engländer knapp 110 Jahre zuvor geschaffen hatten. 1893 sicherte Großbritannien seine kolonialen Besitztümer in Britisch-Indien (Pakistan) durch die „Durrand-Linie“ ab, die Afghanistan von Pakistan trennte. Dadurch kamen 12 Millionen Paschtunen nach Afghanistan, 27 Millionen blieben in Pakistan. Praktisch alle afghanischen Taliban gehören zum Volksstamm der Paschtunen, aber wie will man die Taliban bekriegen, wenn sie sich jederzeit und unkontrolliert nach Pakistan zurückziehen können? Wie kann man überhaupt einen Krieg in einem Land planen, dessen größte Volksgruppen – Paschtunen, Tadschiken, Usbeken etc., - auch jenseits der Grenzen kompakt siedeln?

Der französische Außenminister Bernard Kouchner, gemeinhin ein cholerischer Gewaltschwätzer, hat einmal Recht gehabt, als er Ende Januar 2010 ausführte: „Nicht alle Paschtunen sind Taliban, aber alle Taliban sind Paschtunen. Die Demokratisierung Afghanistans kann nicht nach europäischem Vorbild geschehen, weil das Land aus verschiedenen Volksgruppen zusammengesetzt ist. Die meisten Bürger sind vor allem ihrer Volksgruppe gegenüber loyal“.

Was Kouchner da als neue Erkenntnis publik machte, war Deutschen bereits 1923 oder noch früher bekannt – garniert mit ungezählten Hinweisen, Ratschlägen und Tipps, wie man am Hindukusch lebt und überlebt. Die Autoren waren fachlich versierte Forscher und politisch erfahrene Diplomaten. Mit bescheidenen Finanzmitteln verfolgten sie große Ziele. Die Ziele mochten nicht immer von der ehrenwertesten Art sein, aber es waren Ziele, die selbst dann noch einen Ertrag brachten, wenn sie verfehlt wurden.

Deutschland „packt“ England am Hindukusch

Deutschlands Hauptgegner im Ersten Weltkrieg war England, unter dessen Herrschaft sich das Gros der 300 Millionen Muslime befand, die es 1914 in der Welt gab. Die Muslime wollte man den Engländern „abspenstig“ machen, indem man sie mit Waffen und Geld befähigte, „in den Jihad gegen die Ungläubigen zu ziehen“. So wörtlich Max Freiherr von Oppenheim (1860-1946), ein genialer Orientalist und erfahrener Diplomat. Im Krieg hatte er im Auswärtigen Amt die „Nachrichtenstelle für den Orient“ gegründet, in der die Idee des Dschihad geboren wurde.

Zwar war das Osmanische Imperium auf Seiten der „Mittelmächte“ – Deutschland und Österreich-Ungarn – in den Krieg eingetreten und hatte Muslime zum Dschihad aufgefordert, aber in Afghanistan, Persien und Indien war davon nichts zu spüren. In Deutschland setzte man auf Expeditionen, die mit Geld und Waffen neue Kämpfer gegen England rekrutieren sollten.

Ende 1914 startete eine deutsch-türkische Afghanistan-Expedition, die der deutsche Diplomat und Persien-Experte Wilhelm Wassmuss (1880-1931) leitete. Ihr folgte eine zweite Gruppe unter Leitung von Oskar Ritter von Niedermayer (1885-1948), die sich in Bagdad mit der ersten traf. In Bagdad trennte sich Wassmuss von der Expedition, um allein in den Süden Persiens weiterzureisen. Aus Berlin war inzwischen eine dritte Gruppe unter dem Diplomaten Werner Otto von Hentig (1886-1984) zu den anderen gestoßen, die fortan als „Niedermayer-Hentig-Expedition“ firmierte. Im August 1915 trafen 60 Mitglieder von ihr im afghanischen Herat ein, weitere Mitglieder, die eine Funkausrüstung und das meiste Gepäck transportierte, wurden von Briten und Russen abgefangen.

Ende September 1915 traf die Expedition in Kabul ein, wo sie zwar mit militärischen Ehren empfangen, aber auch in einer Art Ehrenhaft gehalten wurde. Erst nach mehreren Wochen wurden die Deutschen von Emir Habibullah empfangen. Im Januar 1916 unterzeichnete man ein Freundschaftsabkommen zwischen Deutschland und Afghanistan, das die Deutschen viel Geld und Waffen kostete, aber die Afghanen nicht von ihrer Neutralität abbringen konnte. Im Mai 1916 verließen die Deutschen Afghanistan, wo ihre Mission politisch komplett gescheitert war.

Noch 1916 begann Werner Otto von Hentig ein umfangreiches Protokoll seiner Expedition, dem er Privatbriefe und Berichte an das Auswärtige Amt beigab, was sich zu einer sehr lebendigen Schilderung seines neunmonatigen Aufenthalts in Afghanistan und der siebenmonatigen Rückreise zusammenfügte. Das Originalmanuskript wurde 1945 von US-Militärs konfisziert und blieb verschollen; überdauert hat eine Maschinenabschrift, die 2004 unter dem Titel „Von Kabul nach Shanghai“ erschien

Emil Trinklers Afghanistan-Report von 1927

„Das Leben in diesem Lande ist gar nicht so abenteuerlich, wie man denken könnte. Wenn man nicht Pech hat, könnte man jahrelang in Afghanistan umherziehen, ohne dass einem ein Haar gekrümmt wird“ – so gelassen resümierte der deutsche Geologe Emil Trinkler seine Afghanistan-Expedition, die er 1923/24 für eine „neugegründete afghanische Handelsgesellschaft“ unternahm, um Kohle- und Erzlagerstätten zu finden. Monatelang ist er vom westlichen Herat bis zum östlichen Kabul durch den unwirtlichen Hindukusch gezogen, hat Hunger und Kälte erduldet, ist Räubern begegnet, ohne dass ihm etwas geschah.

Emil Trinkler wurde 1896 in Bremen geboren, wo er 1931, einen Monat vor seinem 35. Geburtstag, bei einem Verkehrsunfall umkam. 1922 hatte er in München bei dem Geographen und Polarforscher Erich von Drygalski (1865-1949) studiert und promoviert, um kurz danach die erwähnte Afghanistan-Reise anzutreten. Afghanistan hatte ihn schon als Student interessiert, jetzt hatte er die Möglichkeit, das Land genau zu erkunden. Über seine Expeditionsergebnisse publiziert er einen naturwissenschaftlichen Bericht, zu dem 1927 sein Reisebuch „Quer durch Afghanistan nach Indien“ kam – auch nach 80 Jahren ein ungemein facettenreiches und fundiertes Buch.

Trinkler hatte das Glück, dass seine Expedition nicht wie andere im Ersten Weltkrieg türkisch-deutschen Plänen gegen das in Afghanistan und Indien dominierende England folgte. Das war nicht mehr nötig, nachdem Emir Amandulla Chan, seit 1926 König, 1919 mit den Briten gebrochen und Deutsche ins Land geholt hatte, wo sie Straßen, Städte, Hospitäler und Schulen bauten.

Afghanen nicht mit britischer Arroganz oder russischer Gewalt begegnen

Pionier dieser Entwicklung war Trinkler. Seine geologische Kompetenz war brillant, seine Landes- und Sprachenkenntnis Afghanistans überragend, denn (so sein Credo) „wenn man als Geograph fremde Länder bereist, muss man die Landessprache beherrschen. Ohne Kenntnis der Sprache wird einem das betreffende Volk stets ein Rätsel bleiben“. Fraglos war für ihn, dass man Afghanen nicht mit britischer Arroganz oder russischer Gewaltbereitschaft begegnen solle.

Über das freudlose Sowjetrussland („Ich habe in Moskau nie einen Menschen herzlich lachen hören“) kam Trinkler nach Afghanistan, dessen Menschen ihm besser gefielen, als seine Sprache ahnen lässt: „Fanatisch“ seien sie, also hartnäckig und beharrlich, „misstrauisch“ und „unfreundlich“ gar, was nur ihre vorsichtige Erfahrung spiegelte: „Sehr erfreut schienen die Leute nicht über unseren Besuch zu sein, sie wurden in ihrer Ruhe und Abgeschlossenheit gestört“.

Dazu gehören auch Eigenheiten – keine Bildung für Mädchen, Schleier für alle Frauen, totales Alkoholverbot etc. - die man heute nur Taliban zuschreibt, obwohl sie ur-afghanisch sind. Weil Trinkler die misstrauische Reserviertheit der Afghanen mit einigem Verständnis aufnimmt, versteht er auch die Auskunft eines afghanischen Stammesältesten, was Afghanen tun würden, wenn in ihrem Lande ein Krieg zwischen Russen und Engländern ausbräche: „Nun, wir würden hier auf unseren Berggipfeln sitzen und würden ruhig zusehen, wie ihr kämpft, bis wir genau merken, wer von euch unterliegen wird. Dann, im letzten Augenblick, werden wir uns von unseren Bergen herabstürzen und den Besiegten bis auf das allerletzte, das er hat, ausplündern! Allah ist groß! Was wäre das für eine Zeit für uns!“

Und wer ist „wir“? Gibt es überhaupt „die“ Afghanen? Der Naturforscher Trinkler schert sich nicht viel um ethnische Unterschiede, denn er kommt geduldig und verständig mit allen zurecht. Blutrache, Konflikte, Raubzüge betreffen ihn nicht, was im Ausland über Kafiren, Paschtunen etc. geschrieben wurde, belächelt er zu Recht als übertrieben. Ihn interessiert mehr, welcher dieser „willden“ Stämme Nachfahrer derer wäre, die schon 300 v. Chr. für Alexander den Großen stritten. Andacht überkommt ihn beim Anblick der Buddha-Statuen im Bamiya-Tal, die vor 1.800 Jahren gemeißelt wurden und „noch heute zu den größten Sehenswürdigkeiten Afghanistans“ zählen. Im März 2001 haben Taliban sie zerschossen, aber im Buch des Deutschen Trinkler finden sich lange Seiten mit Erklärungen, Messungen etc., nach denen man sie wieder aufbauen könnte.

Deutsche Aufbauarbeit in Afghanistan vor 90 Jahren

Kurz nach Trinklers Tod und seinem Andenken gewidmet erschien in der Zeitschrift „Der Auslandsdeutsche“ (Mai 1931) ein interessanter Aufsatz über deutsche Leistungen in Afghanistan nach Beendigung des Ersten Weltkriegs. Amanullah Chan (1892-1960) hatte 1919 in blutigen Kämpfen die Unabhängigkeit Afghanistans von England erstritten, die London am 8. August 1919 im Frieden von Rawalpindi „provisorisch“ anerkannte. Der junge Souverän öffnete Afghanistan für ausländische Fachleute. Davon profitierten vor allem Deutsche, die aus ihrer inflationsgeplagten Heimat kamen und nun für drei Vertragsjahre in harten englischen Goldpfund besoldet wurden. Im Lande waren sie nicht unbedingt gern gesehen, lebten aber absolut sicher.

„Wie war nun die Aufnahme der Deutschen in einem Lande, das noch nie eine größere Anzahl Ausländer innerhalb seiner Grenzen geduldet hatte und das fast nur von frommen Mohammedanern bewohnt war, die jeden Ungläubigen innerlich ablehnten? Wenn man den Ausländern trotzdem niemals feindselig gegenübertrat, so geschah es nur deshalb, weil wir vom König, dem religiösen Oberhaupt, gerufen wurden und somit Gäste des Landes waren. Dabei zeigte sich schon die Bedeutung afghanischer Gastfreundschaft (...) Daß man uns Deutsche besonders freundlich aufnahm, war in der Tatsache begründet, das wir während des Weltkrieges mit einer islamischen Macht, der Türkei, gemeinsam kämpften, gegen das in Afghanistan so gehasste England. (...) Ganz verfehlt war bei den auf ihr Land und ihre Vergangenheit so stolzen Afghanen der europäische Herrenstandpunkt, wie ihn zum Beispiel die Engländer in Indien in so betontem Maße zum Ausdruck bringen“.
 
Die Deutschen waren in Afghanistan zwar die Chefs, wenn Bauprojekte hochgezogen wurden, aber sie waren keine anmaßenden „Herren“. Sie nahmen mit primitiven Lehmhäusern vorlieb, verpflegten sich auf die landesübliche einfache Weise und „beruhigten sich mit der Feststellung, dass damals auch Minister und Hofwürdenträger nicht besser hausten“. Beide Seiten akzeptierten einander auch im Alltag: „Besonders instruierte Schutzleute“ passten auf, dass deutsche Frauen unbelästigt Einkäufe machen konnten – außerhalb der Hauptstadt hielten es die Frauen der Deutschen „für geboten, sich nur mit einem dichten, das ganze Gesicht bedeckenden Schleier in der Öffentlichkeit zu zeigen“.

„Strengstens verboten“ war Alkohol. Aber sogar dieses Dogma blieb im Zusammenleben mit den Fremden nicht lange bestehen. Schon bald gab man „Konzessionen für die Beschaffung einer beschränkten Menge Alkohol“ aus. - Leben und leben lassen – wann wird das im heutigen Afghanistan wieder einmal gelten?      

*

Siehe dazu auch „Berlin, Kabul, Moskau – Oskar Ritter von Niedermayer und Deutschlands Geopolitik“ in EM 12-03.

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