Andrang in Schönheitssalons in Sewastopol auf der KrimBERLIN – KRIM – BERLIN

„Jede Frau sollte ein Schwan sein“

Andrang in Schönheitssalons in Sewastopol auf der Krim

Kurz vor dem Jahreswechsel gibt es in der Schwarzmeer-Metropole Sewastopol einen echten Run auf die Schönheitssalons der Stadt.

Von Juliane Inozemtsev

Eine Figur wie ein Top-Model: die russische Schwägerin der Autorin. Und sie ist keine Ausnahme.
Eine Figur wie ein Top-Model: die russische Schwägerin der Autorin. Und sie ist keine Ausnahme.
Foto: Privat

Ohne Beziehungen hat man es als Frau in Schönheitsdingen jetzt gerade schwer in Sewastopol.  Denn der Jahreswechsel naht! Bereits Anfang Dezember ist es für normale Kundinnen, oder „Klientinnen“, wie man hier sagt, beinahe aussichtslos, noch einen Termin bei einem guten Friseur, bei der Kosmetik, Maniküre, Pediküre oder Massage zu bekommen. Zumindest wenn man nicht einfach zu irgendwem gehen will, sondern zu den wirklich Guten ihres Fachs. Vor dem „Nowyj God“ – „Neujahr“, dem wichtigsten Feiertag hier, herrscht besonders großer Andrang, weil die Damen der Stadt alle noch ein Rundum-Schönheitsprogramm absolvieren wollen. Jede möchte so gepflegt und so schön wie möglich ins neue Jahr starten, sagt doch eine Redensart sinngemäß: So wie man das neue Jahr trifft oder begrüßt, so wird es auch werden.

Unsere deutsche Autorin versucht in Sewastopol mitzuhalten. Doch sie gibt zu: Die praktische wärmende Jacke über dem Kleid ist sehr deutsch.
Unsere deutsche Autorin versucht in Sewastopol mitzuhalten. Doch sie gibt zu: Die praktische wärmende Jacke über dem Kleid ist sehr deutsch.
Foto: Privat

Beim Neujahrs-„Tuning“ wird nicht gespart

Meine russische Freundin Vika hat gute Kontakte zu den besten „Salony krasoty“, den „Schönheitssalons“ der Stadt. Mindestens einmal im Monat gönnt sie sich dort einen umfassenden Besuch. Mit ihrem Neujahrs-„Tuning“, wie sie es nennt, ist sie gerade fertig. Zwar schimpft ihr Mann regelmäßig, dass sie zu viel Geld für Schönheitskram ausgebe, aber in Wirklichkeit gefällt ihm das Ergebnis jedes Mal so gut, dass er diese Ausgaben gern in Kauf nimmt.

Insgesamt sind die Preise für Schönheitsbehandlungen hier  zwar niedriger als in Deutschland, aber in Relation zum Verdienst der Menschen sind sie mitunter sogar teurer. Doch auf der Prioritätenliste der russischen und ukrainischen Frauen steht das äußere Erscheinungsbild sehr weit oben. Wie meine Schwiegermutter immer sagt: „Jede Frau sollte ein Schwan sein.“ Das Geld dafür wird dann eben an anderer Stelle eingespart.

Die russische Freundin Vika hat gute Kontakte zu den besten „Salony krasoty“, den „Schönheitssalons“ der Stadt. Mindestens einmal im Monat gönnt sie sich dort einen umfassenden Besuch.
Die russische Freundin Vika hat gute Kontakte zu den besten „Salony krasoty“, den „Schönheitssalons“ der Stadt. Mindestens einmal im Monat gönnt sie sich dort einen umfassenden Besuch.
Foto: Privat

„Es gibt keine hässlichen Frauen, nur faule!“

Meine russische Schwägerin, mit der ich mich sehr gut verstehe und die eine absolut tadellose Figur hat, sagt: "Bei uns gibt es eine Redensart: Es gibt keine hässlichen Frauen, nur faule." Dabei zwinkert sie mir zu, was wohl so viel heißen soll wie: Von nichts kommt nichts. Nach Möglichkeit verkneife sie sich Schokolade am Abend, verrät sie mir, und natürlich treibe sie Sport.

Bei meiner Freundin Vika ist es genauso. Auch sie ist ein russischer Schwan. Und obwohl sie über mein Aussehen kein einziges negatives Wort verliert, sagt sie, dass mir ein paar „Prozeduren“, so heißen die Schönheitsbehandlungen, auch nicht schaden würden. Sie kann kaum glauben, dass ich noch nie in einem richtigen Schönheitssalon war. Kurzerhand ruft sie „ihre Mädchen“ auf deren Privatnummern an. Wie erwartet ist eigentlich schon alles ausgebucht. Doch so schnell gibt sie nicht auf. „Nastenka, ochen' nuzhno“ – „Nastjalein, es ist sehr nötig“, höre ich sie bitten. Während ich noch überlege, ob ich nicht etwas gekränkt sein sollte, überreicht mir Vika schon freudestrahlend einen Zeitplan: Am ersten Tag stehen eine Ganzkörpermassage mit Cellulite-Prophylaxe, ein Besuch beim Friseur, eine Augenbrauenkorrektur und eine sogenannte spanische Gesichtsmassage auf dem Plan. Am zweiten Tag soll ich künstliche Wimpern bekommen sowie Maniküre und Pediküre.
Am skeptischsten bin ich bei den falschen Wimpern. Zwar haben mittlerweile fast alle meiner weiblichen Bekannten hier welche. Doch ich mag so etwas Künstliches nicht. Dass die Wimperntusche, die ich sonst benutze, ja auch etwas Künstliches ist, daran denke ich in diesem Moment nicht.

Die ganze Prozedur ist ziemlich zeitintensiv. Mehr als zwei Stunden muss man reglos liegend unter einer sehr hellen Lampe ausharren, weil jede Wimper einzeln angeklebt wird. Doch dann die Überraschung: Die Wimpern sehen natürlich aus, man spürt sie nicht einmal und kann mit ihnen duschen und Haare waschen. Die russischen Frauen wissen eben, was sie tun.  Und so rundum verschönert kann das Neujahr nun kommen!

*

Juliane Inozemtsev ist freie Journalistin und Buchautorin aus Berlin. 2012 erschien im Lübbe Verlag ihr Buch „Werft die Gläser an die Wand - meine russische Familie und ich“. Die studierte Slawistin lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern hauptsächlich in Berlin, aber auch einige Monate im Jahr auf der Krim, in Sewastopol, der Heimatstadt ihres Mannes. Im EM schreibt sie darüber, was sie dort alles erfährt und erlebt. Die Namen der handelnden Personen sind zum Schutz der Privatsphäre geändert.

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