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„Anmerkungen zu Stalin“ von Wolfgang Leonhard

Es geht Wolfgang Leonhard nicht darum, eine neue Stalin-Biografie auf den Markt zu werfen, vielmehr darum, das Wesen der Herrschaft des Stalinismus zu veranschaulichen.

Von Jan Balster
06.12.2010 Drucken Senden Kommentieren

Alles war perfekt mit dem 50. Geburtstag des Diktators am 21. Dezember 1929. Der „Führer der fortschrittlichen Menschheit“, wie man ihn fortan betitelte, gar lobpreist, war am Ziel seines Strebens, seiner Macht. Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, genannt Stalin war zur Ikone avanciert, die er nie sein wollte, obgleich er sich in dieser Rolle überaus gefiel.
 
Leonhard versucht das Phänomen Stalin, nicht nur für den heutigen Leser begreiflich zu machen. Wie vollzog sich dessen Aufstieg vom georgischen Schustersohn, der die Sprache eines Priesters an den Tag legte, zum Diktator des größten Landes der Erde. Einen Menschen von dem Lenin bei der Wahl Stalins zum Generalsekretär des Zentralkomitees sagte: „Dieser Koch wird uns noch scharf gewürzte Speisen bereiten.“
 
Leonhard zeichnet ein klares Bild: Stalin als ehrgeizig, rücksichtslos und arbeitswütig, als einen klugen Strategen, welcher die Macht für eigennützige Zwecke missbraucht. Doch wie gelang es dem Georgier die Lehre des Marxismus, das Erbe Lenins derart auszulegen und zu missbrauchen, um seine Macht in einem bürokratischen Regime zu perfektionieren?

Die charakterlichen Parallelen zu Jelzin

Leonhards Buch handelt nicht nur von Stalin, er wägt das Für und Wider einer Gesellschaft ab. Es zeigt an vielen Stellen die Muster einer jeden Gesellschaftsordnung, die lediglich dem Einzelnen, den Herrschenden, den betuchten Menschen diente und dient. Dieses Buch verdeutlicht die Ordnung einer hierarchisch gegliederten Wirtschafts- und Staatsbürokratie, welche eine vom Volk getrennte Gruppe klar abgrenzt und begünstigt. Obgleich es sich hierbei um eine ausgezeichnete Analyse eines Diktators handelt, könnten doch einige Verweise, so bezüglich der Aufarbeitung der stalinistischen Hinterlassenschaften, für Verwirrung sorgen. Hierbei sticht die Nennung Boris Jelzins, welcher selbst charakterliche Parallelen zu Stalin aufwies, ins Auge, die Leonhard erst im letzten Kapitel gekonnt geraderückt.

Wolfgang Leonhard gilt als einer der führenden Ostexperten. Vor den Nationalsozialisten floh er mit seiner Mutter 1935 ins sowjetische Exil, war Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland, bis er 1945 mit der „Gruppe Ulbricht“ nach Deutschland zurückkehrte. „Anmerkungen zu Stalin“ ist ihm schon deshalb ein besonderes Anliegen, weil sein eigener  Vater, ein sowjetischer Botschafter in Wien und seine Mutter, eine Vertraute Rosa Luxemburgs, zu Opfern stalinistischer Säuberungen wurden.

Nie mehr vor der Statue eines Diktators verneigen

Leonhard selbst brach 1949 mit dem Stalinismus und floh über Jugoslawien in die Bundesrepublik. Er ist heute einer der wenigen Kenner, der die Begriffe Stalinismus und Kommunismus, Faschismus und Sozialismus klar auseinander halten und definieren kann. Sein Buch zeigt einen Vergleich zwischen Stalin und Lenin. Stalin schuf ein System, dass den Ehrgeiz in Verbindung mit elitärem Gehabe förderte. Seine Idee fußte nicht auf der Idee, vielmehr auf einer bürokratischen Diktatur. Wobei Bürokratie das Aufblähen des Staatsapparates bedeutet, welches ausschließlich der Förderung und Festigung des Diktators Macht diente. Widerspruch galt während seiner Regierungszeit als zwecklos.

Ganz im Gegensatz zu Lenin, der 1917 erklärt hatte: „Wir wollen keine Geheimnisse, wir wollen, dass die Regierung stets unter der Kontrolle der öffentlichen Meinung ihres Landes steht.“ Hieran knüpft Stalins Methode. Er distanziert sich von seinen unliebsamen Entscheidungen und schob, dank des riesigen aufgeblähten Machtapparates, die Verantwortung für seine Exzesse anderen zu. Die Zwangskollektivierung der Bauern in den 30iger Jahren gilt als Paradebeispiel.

Mit Täuschung, so scheint es, ist häufig eine höhere Beliebtheit unter der Bevölkerung zu erreichen, als mit schlichter Ehrlichkeit. In Stalins Diktatur trifft das auf jeden Fall zu. Wolfgang Leonhard jedenfalls wünscht nichts mehr, „als dass niemals wieder ein Schüler ehrfürchtig vor der Statue eines Diktators verharren möge.“  - Vielleicht kann er mit diesem Buch dazu einen Beitrag leisten.

*

Rezension zu: „Anmerkungen zu Stalin“ von Wolfgang Leonhard, Rowohlt Verlag 2009, 192 Seiten, 16,90 Euro, ISBN: 978-3871346354. (Eine preiswerte Taschenbuchausgabe erschien im September für 8,95 Euro).

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Mit großem Interesse habe ich das neue Buch von W. Leonhard ...



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