Aralsee: Zerstörung eines orientalischen MärchensZENTRALASIEN

Der Aralsee – die Zerstörung eines orientalischen Märchens

Aralsee: Zerstörung eines orientalischen Märchens

Die Geschichte des Aralsees ist eine ökologische Tragödie. Einst war er der größte See Eurasiens. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit dem Versuch, die Wassermassen wirtschaftlich nutzbar zu machen, das langsame Sterben des Aralsees. Die Osteuropahistorikerin Dr. Eva-Maria Stolberg erzählt die traurige Geschichte des Aralsees und von der Zerstörung eines orientalischen Märchens.

Von Eva-Maria Stolberg | 06.02.2016

Der Aralsee ist ein Mythos

Um die Existenz des Aralsees rankten sich lange Zeit Mythen. In der Geographie des Ptolemäus (1.-2. Jh.) wurde er im Gegensatz zum Kaspischen Meer, damals als Meer von Hyrkanien bekannt, nicht genannt. Auch die späteren Reiseberichte Plano Carpinis (1245-1247), Wilhelm von Rubrucks (1252-1269), die in der Nähe vorbeizogen, erwähnen dem Aralsee nicht. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts taucht der Aralsee auf europäischen Landkarten auf, nicht zuletzt dank der Reisen russischer Kaufleute nach Innerasien und Indien.

Den Arabern war der Aralsee unterdessen schon seit dem 10. Jahrhundert bekannt. Masudi schreibt in seiner 954 erschienenen Enzyklopädie, eine Reise zu Fuß von der Nord- zur Südspitze dauere dreißig Tage, Israkhi spricht in seinem Bericht von einem Salzsee.

Die Russen gründeten am Aralsee die Festung Aralsk

Die Russen fassten erstmals 1847 am Ufer des Aralsees militärisch Fuß, als sie die Festung Aralsk gründeten, einen wichtigen Vorposten für die Eroberung der Khanate von Chiwa und Buchara. Bald folgten wissenschaftliche Expeditionen, initiiert von der Russischen Kaiserlichen Geographischen Gesellschaft. Reisende berichteten schon damals über Eingriffe in das ökologische System: „Die Ostküste ist sandig, mit Dünen aus Sand und Ton, die 25 Meter Höhe erreichen. (...) An zahlreichen Stellen am Strand fand ich frische Spuren von Tigertatzen, fast jedes Jahr töten unsere Soldaten oder die Kosaken drei oder vier von ihnen.“ Durch das Vordringen der Kosaken und russischen Siedler war der Tiger in der Region bereits Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet.

Der Aralsee wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals untersucht

Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die ersten Untersuchungen über den Wasserspiegel des Aralsees eingesetzt, der natürlichen Schwankungen unterworfen war. 1900 führte der Anstieg des Seespiegels zu einer Überflutung der gerade im Bau befindlichen Eisenbahnstrecke Orenburg – Taschkent. Für die Schiffahrt war der See kaum benutzbar. Bereits Peter der Große hatte bei seinen Expeditionen nach Innerasien die Vision gehegt, eine große Wasserverbindung zwischen Orient und Okzident anzulegen. Doch weil das Delta des Amu-Darja, des wichtigsten Zuflusses des Aralsees, einen zu niedrigen Wasserstand aufwies, blieb es bei diesem Traum. Eine Sensation war es daher, als der russischen Dampfschaluppe Petrowski im Jahr 1874 erstmals die Überquerung des Aralsees gelang. Das Problem des niedrigen Wasserstandes versuchten russische Ingenieure in den 1870er Jahren durch den Bau von Staudämmen zu begegnen, was sich als schwerwiegender ökologischer Eingriff erwies. 1878 zerstörte eine gigantische Hochwasserflut von 875 Kubikmetern pro Sekunde die Umgebung.

Die Baumwollindustrie wurde dem Aralsee zum Verhängnis

Das Sterben des Aralsees begann mit der Expansion der Baumwollindustrie seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Anwesenheit der russischen, bzw. später der sowjetischen Kolonisationsmacht in Mittelasien hatte auch ökonomische Motive, und der Aufbau von Monokulturen sollte die Abhängigkeit Turkestans vom europäischen Rußland verstärken. Die extensive Bewässerung der Baumwollfelder durch die Zuflüsse Amu-Darja und Sur-Darja führte über ein Jahrhundert hinweg zur allmählichen Austrocknung des Aralsees. Bereits im Zarenreich stieg die Anbaufläche für Baumwolle von 50.000 Hektar im Jahr 1884 auf 825.800 Hektar im Jahr 1915. Dieser Prozeß setzte sich in der Ära des Kommunismus fort, bereits in den zwanziger Jahren verbrauchte man 11.000 Kubikmeter Wasser pro Jahr. Es mutet schon paradox an, daß die sowjetischen Planer der zwanziger und dreißiger Jahre durch extensive Bewässerung die Wüste Turkestans in einen „Garten Eden“, wo sogar Getreide angebaut werden sollte, verwandeln wollten, tatsächlich aber eine Austrocknung und Versalzung weiter Landesteile erreichten. Den Höhepunkt erreichte diese Gigantomanie unter Chruschtschow. In der „Neuland-Kampagne“, deren Ziel es war, in den trockenen Gebieten der Sowjetunion neue landwirtschaftliche Nutzflächen zu erschließen, wurden Kanäle angelegt, die zur weiteren Entwässerung des Aralsees führten.

Der wichtigste Kanal, dessen Projektierung bereits 1950 noch zu Stalins Lebzeiten begonnen wurde, ist der Karakum-Kanal (heute Turkmenbaschi-Kanal). Er zweigt bei Kerki aus dem Amu-Darja ab und erstreckt sich auf einer Länge von ca. 1.500 Kilometern durch Turkmenistan. Allein 40 Prozent des Wasserverlustes des Aralsees entfallen auf diesen Kanal, der im übrigen schlecht verlegt wurde. Er ist auf weiten Strecken nicht ausbetoniert, mit der Folge, daß kostbares Wasser im Sand versickert. Grabungsarbeiten schädigten nicht nur die Vegetation, sondern trugen auch zu Sandverwehungen bei. Sowjetische Ingenieure versuchten Herr der Lage zu werden, indem sie nichtheimische Pflanzen wie Pappeln anpflanzten.

Mit Atombomben sollte dem Aralsee neues Wasser zugeführt werden – aus Sibirien

Wirtschaftliche Nutzung und ökologischer Raubbau erwiesen sich für den Aralsee als nicht endender tödlicher Kreislauf. Die zunehmende Verlandung und Versalzung reduzierte den Fischbestand drastisch. Sowjetische Planer setzten nun Fische für den Fang in dem See aus, zu ihrem Überleben in dem versalzenden Gewässer leitete man kostbares Süßwasser aus den Kanälen ein. Um den Aralsee wieder aufzufüllen, kam unter Chruschtschow der irrsinnige Plan auf, die sibirischen Flüsse nach Zentralasien umzuleiten. Diese Idee war nicht neu, man griff auf die von der Zarenregierung um 1860 entwickelten Pläne zurück. Das Projekt sah den Bau des Sibaral-Kanals vor, der die Wassermassen der sibirischen Flüsse kanalisieren und zum Aralsee umleiten sollte. Für die Erdarbeiten hatte man sogar an den Einsatz von Atombomben gedacht und entsprechende Versuche auf dem Atomwaffentestgelände in Kasachstan durchgeführt. Doch die Umsetzung scheiterte an technischen Problemen, denn man hätte mit gewaltigen Staudämmen die westsibirischen Flüsse aufstauen müssen. Aufgrund des niedrigen Gefälles der westsibirischen Flüsse wäre für den Bau des Kanals ein starker Abfluß erforderlich gewesen. Wäre das Projekt Wirklichkeit geworden, hätten die Wassermassen ein Gebiet von 10.000 Quadratmetern überflutet. Dem so entstandenen sibirischen Binnenmeer wären fruchtbare Ackerböden im Südwesten Sibiriens und Norden Kasachstans anheim gefallen. Zusätzlich hätte die Bevölkerung umgesiedelt werden müssen. Erst während der Perestrojka wurde der Plan endgültig aufgegeben, als auch in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken eine kritische Öffentlichkeit entstanden war, auf die Michail Gorbatschow Rücksicht zu nehmen hatte.

Die fortwährende Wasserentnahme führte zu einem generellen Absinken des Grundwasserspiegels in der Region mit der Folge, daß zahlreiche Brunnen in den usbekischen Dörfern versiegten. In den sechziger Jahren ging der Bestand an Weideflächen um 80 Prozent zurück. An den Ufern des Aralsees, dort, wo Reisende im 19. Jahrhundert noch von Sümpfen berichtet hatten, entstanden staubige Steppen. Eine Schreckensvision hatte schon der französische Geograph Eliseo Reclus entworfen, als er 1881 schrieb: „Wenn der Aralsee durch eine Umlenkung des Amu-Darja zum Kaspischen Meer jährlich um 50 Milliarden Kubikmeter Flußwasser beraubt wäre, würde er schon im ersten Jahr ein Zwanzigstel seines Inhalts verlieren. In zehn oder zwölf Jahren besäße er nur noch die Hälfte seines derzeitigen Volumens; alle flachgründigen Teile und damit der bei weitem ausgedehnteste Teil seines Beckens trockneten aus; in vierundzwanzig Jahren würde lediglich in fünf Vertiefungen noch Wasser bleiben.“

Der Aralsee ohne WasserDer Aralsee ohne Wasser mutet an wie die Landschaft von Tschernobyl

Ermordeter Aralsee - Stilles Tschernobyl

Die Ökologie des Sees wurde auch durch das Aussetzen neuer Fischarten seit den späten 1920er Jahren nachhaltig gestört. Parasiten des ausgesetzten Störs dezimierten die endemischen Arten, einige Fische weideten die Algen ab, die Süßwassermuschel Dreissena war bereits 1971 fast ausgestorben. Die Biomasse der Mikroorganismen ging um 60 Prozent zurück, wodurch die Lichtdurchlässigkeit des Wassers zunahm. Der Sauerstoffgehalt sank schließlich, weil die Photosynthese betreibenden Planktonarten immer seltener wurden.

Selbst während der Perestrojka überging die sowjetische Regierung das Problem des Aralsees mit Schweigen, hielt Ausländer von Reisen in die Gegend ab. Erst 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion, kam das Thema an die russische Öffentlichkeit. Russische Ökologen sprachen damals von dem „ermordeten Aralsee“ oder dem „stillen Tschernobyl“. Auch das Klima blieb nicht unverändert, so wurde seit den achtziger Jahren ein Ansteigen der Salzniederschläge festgestellt. Dieser Regen führte dazu, daß sich der Beton in öffentlichen Gebäuden und auch der Straßenbelag auflöste. Elektrische Oberleitungen wurden ebenso zerfressen wie die antiken Baudenkmäler des Reiches von Chorezm. Bei den Bewohnern des Aralgebiets wurde eine Zunahme von Augenentzündungen und Lungenkrankheiten beobachtet, hinzu kommt gehäuftes Auftreten von Speiseröhrenkrebs und Allergien der Atemwege.

Der große Teil des Aralsees ist ökologisch tot

Inzwischen hat sich der Aralsee in zwei Teilseen aufgelöst: den kleinen See im Norden und den großen See im Süden. Der Salzgehalt im großen See hat 40 Gramm pro Liter erreicht, damit ist der See ökologisch tot. Die Austrocknung des Sees hat auch weitreichende Folgen für das regionale Klima. Die große Wassermenge spielte einstmals als Wärmespeicher eine wichtige stabilisierende Rolle, denn durch Verdunstung entstand eine Dunstglocke, die die Steppenwinde abhielt. Seit dem Verschwinden der Dunstglocke in den letzten Jahrzehnten beobachten Ökologen eine Verschärfung des kontinentalen Klimas, was für die Region heißere Sommer und kältere Winter bedeutet. Durch Einsatz großer Mengen an Düngemitteln und Pestiziden auf den Baumwollfeldern, die eine Ertragssteigerung bewirken sollte, wurde der Aralsee zu einer giftigen Chemie-Kloake. Zu Sowjetzeiten verteilte man auf den Baumwollfeldern jahrzehntelang 480 bis 600 Kilogramm Dünger und Pestizide. Entlaubungsmittel, wie die Amerikaner während des Vietnamkrieges versprühten, kamen auch in Sowjetisch-Mittelasien zum Einsatz. Es sollte das Einsammeln der Baumwolle erleichtern. Erst 1984 wurde das gefährliche DDT verboten, seine Spuren sind bis heute in Boden, Grund- und Trinkwasser sowie in der Nahrung zu finden. Hinzu kam die Verschmutzung des Aralsees durch Industriebetriebe, die in Usbekistan liegen und ihre giftigen Abwässer ungehindert in den Amu-Darja einleiten. Viele Menschen haben, soweit möglich, die Region verlassen, die verbleibende Bevölkerung findet weder im Fischfang, noch in der Landwirtschaft oder im Tourismus ihr Auskommen. Im übrigen haben erst 1995 die fünf mittelasiatischen Republiken die soziale Not in der Krisenregion öffentlich eingestanden.

Zeugnis von der Katastrophe gibt die Stadt Kasacharia, die einmal als eine der reichsten Städte der Region galt. Zu sowjetischen Zeiten besaßen in diesem „orientalischen Venedig“, wie die Bewohner ihre Stadt einst stolz nannten, sowjetische Parteifunktionäre ihre Datschen, Urlauber kamen in die Hotels am Strand. Heute hat der Ort, der in der Autonomen Republik Karakalpakstan im Norden Usbekistans liegt, nur noch 4.000 Einwohner. Verwahrloste Kinder bestimmten das Straßenbild zwischen den verlassenen Hotelbauten. Das Ufer des Aralsees liegt heute 130 Kilometer von der einstigen Küstenstadt entfernt. Nach neueren wissenschaftlichen Schätzungen wird der Aralsee in zwanzig Jahren bis auf einige kleine Überreste im Delta des Amu-Darja verschwunden sein – das einstige orientalische Märchen ist längst zu einem Alptraum geworden.

Fotos: Edda Schlager, Hartmut Wagner

Aralsee Zentralasien Geschichte

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