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Arbeitnehmervertreter auf dem Rückzug?

Die weltweit bekannteste Einzelgewerkschaft ist ohne Zweifel die Solidarnosc. Sie hat maßgeblich zum Ende des gesamten Ostblocks beigetragen. Jetzt ist Polen auf dem Weg zur Pluralisierung der Lebensstile. Die Bereitschaft zur gewerkschaftlichen Organisation nimmt stark ab. Und eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Kommunismus stecken nun auch Polens Automobilgewerkschaften im Dilemma. Sie werden zerrieben zwischen innerer Zersplitterung und äußerem Veränderungsdruck.

Von Johannes Winter
21.12.2005 Drucken Senden Kommentieren
Starke Arbeitnehmervertretung von Bedeutungsverlust bedroht - Regionalbüro des Sekretariats der Metallgewerkschaft von NSZZ Solidarnosc in Katowice (Kattowitz)  
Starke Arbeitnehmer-vertretung von Bedeutungsverlust bedroht - Regionalbüro des Sekretariats der Metallgewerkschaft von NSZZ Solidarnosc in Katowice (Kattowitz)  

A ls sich vor 15 Jahren der polnische Staat inmitten des politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Umbruchs befand, war die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc eine der treibenden Transformationskräfte. Ihr Einfluss beschränkte sich nicht allein auf die gewerkschaftlichen Kernaufgaben, das heißt die Verteidigung der Arbeitnehmerinteressen gegenüber Staat und Arbeitgebern, sondern bezog sich auch auf die aktive Mitgestaltung der jungen Demokratie. So stand der Mitbegründer und ehemalige Gewerkschaftsführer der Solidarnosc, Lech Walesa, der Republik Polen zwischen Ende 1990 und 1995 als Präsident vor. Das Amt des Ministerpräsidenten bekleideten nach der Wende ebenfalls Solidarnosc-Mitglieder, darunter Walesas Danziger Gewerkschaftskollege Tadeusz Mazowiecki. Während in Hochzeiten Solidarnosc fast zehn Millionen Anhänger an sich binden konnte, waren es nach den ersten Reformeinschnitten zu Beginn der 1990er Jahre immerhin noch zwei Millionen. Die Gegenkraft, der post-kommunistische und staatsnahe Dachverband OPZZ, zählte zu jener Zeit etwa doppelt so viele Mitglieder.     

Heute ist das Gewerkschaftsbild in Polen ein anderes. Nach 15 Jahren Reformpolitik hat Solidarnosc, mit seinen derzeit 780.000 Beitragszahlern, zwei Drittel seiner Mitglieder eingebüßt, der OPZZ (800.000) sogar über 80 Prozent. Verloren haben die größten beiden Arbeitnehmervertretungen ihre Anhängerschaft nur zu einem geringen Teil an das neu gegründete Gewerkschaftsforum FZZ (320.000). Die Mehrheit der polnischen Arbeiter verzichtet heute auf eine organisierte Interessenvertretung. Gründe dafür liegen sowohl im gegenwärtigen Erscheinungsbild der Gewerkschaften als auch in den tiefgründigen Veränderungsprozessen, die Wirtschaft und Gesellschaft durchdrungen haben. Nachfolgend werden Ursachen für den Bedeutungsverlust der polnischen Arbeitnehmervertretungen erläutert und in Bezug zur Gewerkschaftsarbeit in der Automobilindustrie gesetzt.

Zum Bedeutungsverlust der polnischen Gewerkschaften

Wenn vom relativen Bedeutungsverlust der polnischen Gewerkschaften die Rede ist, dann liegt der Referenzpunkt meist im Jahr 1980, als sich auf der Danziger Werft die erste unabhängige Gewerkschaft innerhalb des damaligen Ostblocks gründete. Einen weiteren Bezug bietet der aktuelle innerosteuropäische Vergleich des betrieblichen Organisationsgrades. Im Polen von heute haben sich durchschnittlich 15 Prozent der Arbeitnehmer einer Gewerkschaft angeschlossen, das ist einer der niedrigsten Werte in Mittel- und Osteuropa. Nachbar Tschechien erreicht die doppelte, Rumänien die dreifache Quote. Weshalb befinden sich die polnischen Interessenvertretungen auf dem Rückzug? Wo lassen sich regionalspezifische Ursachen finden, wo sind es nationale oder gar globale Phänomene, die eine starke Arbeiterformierung gefährden? Die vielen Einzelfaktoren lassen sich zu vier Ursachenkomplexen zusammenfassen:

Die politische Rolle von Solidarnosc nach 1989

Strukturkrise in der Montanindustrie – Steinkohleförderung bei Kattowitz im Oberschlesischen Industriegebiet.  
Strukturkrise in der Montanindustrie – Steinkohleförderung bei Kattowitz im Oberschlesischen Industriegebiet.  

Arbeitervertretung ja, Regierungsmacht nein! So könnte das Fazit derjenigen lauten, die mit Solidarnosc in den 1980er Jahren gewachsen sind, die Regierungsbeteiligung führender Gewerkschaftsmitglieder unterstützt haben, sich dann jedoch in der radikalen Reformpolitik unter Lech Walesa nicht wieder gefunden haben. Während die einen nur auf diese Weise die Transformation Polens in einen sozial gerechten und demokratischen Staat gewährleistet sahen, sehnten sich die anderen nach einer moderateren Strukturpolitik. Parteipolitisch fanden sie diese im Mitte-Rechts-Lager, das Zulauf von enttäuschten Solidarnosc-Anhängern erhielt, oder bei der postkommunistischen SLD, die vom Gewerkschaftsverband OPZZ unterstützt wird. Es folgten die Niederlage Walesas bei den Präsidentschaftswahlen 1995 gegen den Postkommunisten Aleksander Kwasniewski, diverse Korruptionsfälle bei der Privatisierung staatlicher Unternehmen, die ideologische und politische Spaltung der Solidarnosc und 2001 der verpaßte Parlamentseinzug als nationalkonservatives Wahlbündnis AWS, der die parteipolitische Bedeutungslosigkeit von Solidarnosc besiegelte. Nur noch wenige erkannten in der ehemaligen Freiheitsbewegung eine klassische Gewerkschaft, sondern vielmehr eine Partei in der Selbstauflösung. Mittlerweile haben sich die Mitgliederzahlen bei Solidarnosc auf niedrigem Niveau stabilisiert und so bleibt zu hoffen, daß eine Rückbesinnung auf gewerkschaftliche Kernaufgaben zur Stärkung der betrieblichen Arbeitsbeziehungen beitragen kann.

Zersplitterung der gewerkschaftlichen Bewegung

Wettbewerb um Gewerkschaftsmitglieder erhöht den organisatorischen Veränderungsdruck und trägt zu einer starken Gewerkschaftslandschaft bei. Die Bestätigung dieser Annahme wäre den Mitgliedern von Solidarnosc, OPZZ und FZZ zu wünschen, sie entspricht allerdings nicht ihrem derzeitigen Erscheinungsbild. Die drei miteinander konkurrierenden Dach- und Branchenverbände und ihre zahllosen Einzelgewerkschaften zeigen sich auf betrieblicher Ebene meist uneinheitlich. Statt einer starken Gegenposition der Arbeitnehmer gegenüber Arbeitgebern bzw. öffentlicher Hand ist eine deutliche Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung zu erkennen. Was zunächst eine Belebung des sozialen Dialogs vermuten läßt, stellt sich in Tarifverhandlungen als nachteilig heraus. Wie das im Verlauf erläuterte Beispiel FIAT Auto Poland zeigt, führte eine uneinheitliche Verhandlungsstrategie der Gewerkschaftsgruppen dazu, daß ihre gemeinsame Forderung nach Lohnerhöhung zurückgewiesen, die Solidarität zwischen den Arbeitnehmergruppen gebrochen wurde und der Arbeitgeber sein Verhandlungsziel mit deutlich geringeren Zugeständnissen an die Tarifpartner erreichte.

Die Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung weist Bezüge zur politischen Entwicklung des Landes auf. So spiegeln sich die politisch stark fragmentierte Parteienlandschaft und das unstete Wählerverhalten – keine Regierung wurde nach 1989 in ihrem Amt bestätigt - in der betrieblichen Organisationsstruktur wider. Während in Deutschland die Gewerkschaftsbewegung traditionell vom linksdemokratischen Spektrum getragen wird, sind in Polen Anhänger gegensätzlicher politischer Lager – d.h. von nationalkonservativ bis postkommunistisch - ausreichend vertreten, um eine einheitliche Gewerkschaftspolitik zu erschweren. Auch haben die niedrigen gesetzlichen Hürden zur Bildung einer Interessenvertretung – zehn Arbeitnehmer können bereits eine Gewerkschaft bilden – zu einer Flut an Neugründungen geführt. Innerhalb der Dachorganisationen sind daher Strategien, die von der breiten Basis getragen werden, nur schwer zu formulieren. Darüber hinaus besteht Uneinigkeit darüber, wie sich die Gewerkschaften im Transformationsprozeß positionieren sollen. Zur Zerreißprobe kommt es, wenn Gewerkschaftsvertreter gegen verschlechterte Arbeitsbedingungen, Lohneinbußen und Stellenabbau ankämpfen, sich gleichzeitig jedoch im klaren darüber sind, daß der Betrieb ohne strukturelle Anpassungen nicht überlebensfähig ist und somit sozialverträgliche Rationalisierungsmaßnahmen notwendig sind. An der Basis findet sich für einen kooperativen Gewerkschaftskurs allerdings kein Verständnis, solange Arbeitnehmer um den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes fürchten müssen.

Privatisierung und Neugründung von Unternehmen

Trotz Werksneugründung stabile Arbeitnehmervertretung – Produktionsstätte von Volkswagen Motor Polska in Polkowice (Polkwitz).  
Trotz Werksneugründung stabile Arbeitnehmervertretung – Produktionsstätte von Volkswagen Motor Polska in Polkowice (Polkwitz).  

Arbeitnehmer zu sein bedeutete im sozialistischen Polen einer Gewerkschaft anzugehören. Diese erzwungene Selbstverständlichkeit hat im demokratisierten Polen ausgedient und stellt die Arbeitnehmervertretungen vor große Probleme. Während in staatlichen und bereits privatisierten Großunternehmen Solidarnosc, OPZZ und FZZ um verbliebene und zusätzliche Mitglieder kämpfen, entstehen neue, vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die bereits gewerkschaftsfrei sind. Verbesserte Arbeitsbedingungen, Partizipationsmüdigkeit, finanzielle Beweggründe, die geringe Anzahl an Mitarbeitern, kooperative Gewerkschaften und mitunter die Reglementierung gewerkschaftlicher Aktivitäten durch die Unternehmensführung bewirken, daß Arbeitskämpfe vielerorts der Vergangenheit angehören. Während 1993 in der Hauptphase der Reformen Walesas noch mehr als 7.000 Streiks die polnische Wirtschaft erfaßten, waren es 2001 nur noch elf. Dagegen haben sich die Protestbekundungen ohne Arbeitsniederlegung innerhalb eines Jahres von 576 auf mehr als 1.000 (2001) erhöht. Die polnischen Arbeitnehmer sind nicht verstummt, jedoch nimmt die Bereitschaft zur vollkommenen Blockade in den mehrheitlich nicht mehr staatlichen Unternehmen ab. Ein Grund dafür ist die Sorge vor Konsequenzen wie dem Verlust des Arbeitsplatzes. In Polen sind derzeit 19,5 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Beschäftigung.

Die Privatisierung der staatlichen Unternehmen in der Montan-, Schwer- und Metallverarbeitenden Industrie traf die polnischen Gewerkschaften besonders hart, da es sich um Hochburgen der Arbeitnehmervertretungen handelt. Noch heute ist im Bergbau mehr als die Hälfte der Beschäftigten betrieblich organisiert. Während die Bergbau- und Stahlindustrie wie im Oberschlesischen Industriegebiet räumlich konzentriert sind und sich dort gewerkschaftliche Arbeit leichter aufbauen und vernetzen lässt, sind die Organisationsmöglichkeiten in Handel und Dienstleistung beschränkter. Geringe Belegschaftszahlen, hohe Standortdispersion, verstärkter Einsatz von Zeitarbeit und Teilzeitmodellen sowie die Heterogenität der zugehörigen Betriebe minimieren die Organisations- und Solidaritätsbereitschaft der Arbeitnehmer.

Pluralisierung der Lebensstile

Dieser Rückgang an Organisations- und Solidaritätsbereitschaft ist nicht allein ein betriebsinternes Phänomen, sondern zugleich Ausdruck einer sich in der Transformation befindlichen Gesellschaft. Der teilweise freiwilligen, teilweise verordneten gesellschaftlichen Kollektivierung im sozialistischen Polen steht heute eine zunehmende Ausdifferenzierung der Lebensstile entgegen. Neben den jungen, urbanen Eliten, bei denen Individualisierungstendenzen deutlicher zu erkennen sind, ermöglichen veränderte Mobilitäts-,Wohn-, Freizeit- und Konsummöglichkeiten auch der sozialen Mittel- und Unterschicht eine individuellere Lebensgestaltung. Die gesetzlich verankerte, im gegenwärtigen Polen allerdings nicht mehr von der Bevölkerungsmehrheit getragene Gewerkschaftsarbeit konkurriert mit vielfältigen Alternativangeboten für Freizeit und Beruf. Eine gewerkschaftliche Mobilisierung wird dadurch sehr erschwert, insbesondere wenn sich diese nicht auf Aktivitäten im eigenen Werk bezieht, sondern als Solidaritätsbekundung für einen ausländischen Partnerstandort des Unternehmens initiiert wird. Das nachfolgende Beispiel zur gewerkschaftlichen Arbeit bei Opel in Gliwice (Gleiwitz) macht dies deutlich.

Gewerkschaftsarbeit in der polnischen Automobilindustrie

Die Automobilindustrie als Teil des Metallverarbeitenden Gewerbes ist traditionell eine Hochburg der gewerkschaftlichen Organisation. Vor 1980 waren in Polen nahezu alle Beschäftigten der staatlichen Automobilhersteller FSO, FSR und FSM in der staatsnahen und kommunistisch geprägten CRZZ organisiert. Der zeitweise unterdrückte Aufstieg der Solidarnosc und die Überführung der CRZZ in den Dachverband OPZZ heterogenisierte die institutionelle Landschaft in den Betrieben. Nach 1989 setzte sich dieser Prozeß unter den eingangs geschilderten Herausforderungen fort. Heute sind 40 Prozent der Arbeitnehmer in Großunternehmen der Automobilbranche betrieblich organisiert, der branchenübergreifende Landesdurchschnitt liegt deutlich darunter (15 Prozent). Dennoch gibt es auch hier Anzeichen für eine Schwächung der Arbeitnehmervertretungen. Zwar finden sich bei den ausländischen, teilweise ehemals staatlichen Fahrzeugherstellern wie Volkswagen Poznan (zuvor: FSR), Volkswagen Motor Polska und GM Opel Polska (Neugründungen) sowie Fiat Auto Poland (zuvor: FSM) Vertretungen der beiden größten Gewerkschaften. Doch sind es gerade die mit der Privatisierungswelle neu entstandenen kleineren und mittleren Unternehmen, die über schwache oder keine Interessenvertretungen der Belegschaft verfügen. Noch unorganisierter ist die Situation bei den hier nicht näher thematisierten Arbeitgeberverbänden, die auf keine überkommenen Organisationsstrukturen aufbauen konnten, sondern sich nach 1989 erst formieren mußten.

In der Metallverarbeitenden Industrie verfügt Solidarnosc über eine eigene Branchenvereinigung. Das so genannte Sekretariat der Metallarbeiter von NSZZ Solidarnosc wurde 1991 eingerichtet und untergliedert sich in acht landesweit aktive Sektionen: Eisen- und Stahlindustrie, Maschinenbau, Elektroindustrie, Informationstechnologien, Bausektor, Schiffbau, Flugzeugbau, einschließlich der Rüstungsindustrie sowie Fahrzeugbau (mit Automobilindustrie). Die Mitgliederzahlen sanken auch hier in den letzten Jahren kontinuierlich, von 110.000 (2001) auf 50.000 (2004). Die nachfolgenden Beispiele sollen zeigen, welche Position Arbeitnehmervertretungen bei drei transnationalen Automobilherstellern mit Tochterwerken in Polen einnehmen und mit welchen Herausforderungen sie gegenwärtig konfrontiert sind.

VW Motor Polska und die Anforderungen der EU

Uneinheitliche Gewerkschaftsziele gefährden den Tarifverhandlungserfolg - Produktionsstätte von FIAT Auto Poland / FIAT-GM-Powertrain in Bielsko-Biala.  
Uneinheitliche Gewerkschaftsziele gefährden den Tarifverhandlungserfolg -  Produktionsstätte von FIAT Auto Poland / FIAT-GM-Powertrain in Bielsko-Biala.  

Volkswagen Motor Polska ist 1998 im niederschlesischen Polkowice zur Herstellung von Dieselmotoren und Komponenten für den Gesamtkonzern gegründet worden. Der Standort mit rund 1.000 Mitarbeitern ist als „greenfield investment“ entstanden, das heißt  als neu geschaffenes ausländisches Tochterunternehmen. Die gewerkschaftliche Arbeit mußte folglich erst aufgebaut werden und konnte nicht auf bestehende Strukturen wie in zuvor staatlichen Unternehmen zurückgreifen. Unterstützung bei der Bildung betrieblicher Organisationsstrukturen erhielt die Belegschaft von den deutschen und polnischen Gewerkschaftsdachverbänden, der Unternehmensleitung und den Gewerkschaften deutscher Partnerwerke.

Exemplarisch für die positiven Arbeitsbeziehungen bei VW Motor Polska ist die Durchführung des Verbundprojektes SIGEPO. Dieses ist zwischen 2003 und 2005 vom Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen, der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Gewerkschaft Solidarnosc und weiteren Firmen am Standort Polkowice realisiert wurde. SIGEPO hat sich zum Ziel gesetzt, die Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen in der Metallverarbeitenden Industrie zu verbessern, entsprechend der europäischen Gesetzgebung. Dafür ist ein stärkerer Austausch zwischen den inner- und außerbetrieblichen Akteuren erforderlich. SIGEPO hat Geschäftsführung, Personalleitung, Betriebsrat, Arbeitsschutz, Umweltschutz, Betriebsarzt und ehrenamtliche Arbeitsschutzinspektoren (innerbetrieblich) sowie Wirtschaftsministerium, Gewerbeaufsicht, Gesundheitsamt, Umweltamt, Feuerwehr, Gewerkschaft und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (außerbetrieblich) zusammengebracht. Nach einer überbetrieblichen Bestandsaufnahme beteiligten sich die Akteursgruppen an Workshops, in deren Verlauf Themen wie die physische und psychische Belastung am Arbeitsplatz, die bessere Förderung von sozialen Kompetenzen und die Behebung technischer und gesundheitsgefährdender Mängel am Arbeitsplatz diskutiert wurden. Es folgten Analyse-, Informations-, Beratungs- und Weiterbildungsveranstaltungen, die einerseits die betrieblichen Steuerungskräfte und Multiplikatoren erreichen, andererseits den sozialen Dialog zwischen inner- und außerbetrieblichen Akteuren verbessern sollten.

Auch wenn die Arbeitsbedingungen bei VW Motor Polska den EU-Anforderungen bereits entsprechen, so ist das grenzüberschreitende Projekt einer zentralen Forderung aller Gewerkschaften nachgekommen: die Verbesserung der betrieblichen Arbeitsbedingungen und die Intensivierung des sozialen Dialogs. Wie vielerorts leiden auch im polnischen Werk Mitarbeiter unter körperlichem und emotionalem Streß durch kraftaufwendige und monotone Tätigkeiten, ungenügendem Arbeitsraum, Schafstoffbelastung und Geruchsbelästigung durch Staub, Gase, Dämpfe oder aufgrund von interpersonellen Differenzen und Übergriffen. Entscheidend für die erfolgreiche Verbesserung der Arbeitsbeziehungen waren auf der einen Seite die Kooperationsbereitschaft des Unternehmens, auf der anderen Seite das Eigenengagement der Betriebsgewerkschaft Solidarnosc sowie die institutionelle Hilfe durch DGB und Partnerwerke. Diese Grundvoraussetzungen sind an vielen Standorten mit schwachen Arbeitnehmervertretungen und unkooperativen Werksvorständen nicht gegeben, weshalb SIGEPO – und das war eines der Projektziele – Vorbildcharakter für Branchen und Standorte in Polen haben kann.

Fiat Auto Poland, die Stundenlöhne und das Weihnachtsgeld

Schwieriger gestalten sich die Arbeitsbeziehungen beim Automobilhersteller FIAT Auto Polandmit seinen 3.800 Beschäftigten. Der italienische Mutterkonzern übernahm 1992 den staatlichen Fahrzeugproduzenten FSM an den oberschlesischen Standorten Tychy und Bielsko-Biala und gründete das Unternehmen FIAT Auto Poland, wo derzeit die Modelle Seicento und Panda gefertigt werden. Da es sich um brownfield investments (Übernahme eines bestehenden Unternehmens oder joint-venture) handelte, konnte auf bestehende Organisationsstrukturen der Arbeitnehmer aufgebaut werden. Allerdings leidet die ansässige Solidarnosc unter den negativen Begleiterscheinungen der Transformation, insbesondere dem Rückgang der Mitgliederzahlen, der Gewerkschaftskonkurrenz und der Abnahme der Organisations- und Solidaritätsbereitschaft unter den Arbeitnehmern. Offen zutage traten die institutionellen Probleme bei den Tarifverhandlungen im Frühjahr 2005. Solidarnosc forderte angesichts guter Geschäftszahlen (Umsatz 2003: 1,68 Milliarden Euro) und der im Vergleich zu westeuropäischen Werken niedrigen Arbeitskosten eine Lohnerhöhung von rund 200 Zloty monatlich (ca. 50 Euro) sowie den Erhalt des ergebnisunabhängigen Weihnachtsgeldes. Während eine polnische Arbeitskraft bei FIAT Auto Poland etwa 30 Euro pro Stunde kostet, schwanken die Werte in den italienischen Werken bei vergleichbarer Produktivität zwischen 55 Euro (am Standort Melfi) und 90 Euro (Termini Imerese). Dennoch lehnte die Unternehmensführung die Gewerkschaftsforderung mit Verweis auf die schwierige Lage des Gesamtkonzerns ab, woraufhin Solidarnosc die Verhandlungen unterbrach. Artikel 59 der polnischen Verfassung regelt allerdings das Verhandlungsrecht für alle Arbeitnehmervertretungen und den Arbeitgeber mit dem Ziel, Tarifstreitigkeiten zu lösen und Tarif- oder sonstige Verträge abzuschließen. So erfolgten parallel dazu Gespräche mit so genannten Gelben Gewerkschaften, die auf die Harmonisierung der Arbeitsbeziehungen hinarbeiten und einen Arbeitskampf im engeren Sinne ablehnen. Diese Gruppierungen akzeptierten ein deutlich schlechteres Angebot von Arbeitgeberseite, das heißt eine Gehaltserhöhung von rund 100 Zloty und eine Koppelung des Weihnachtsgeldes an das Gesamtbetriebsergebnis. Die Einheit der Arbeitnehmer war dadurch gebrochen, eine zentrale Stimme in viele Einzelpositionen zerfallen, wodurch sich die Verhandlungsposition der Unternehmensleitung für die Konfliktlösung mit der Gewerkschaft Solidarnosc verbesserte. Kurz darauf einigten sich die Konfliktparteien über ein leicht verbessertes Angebot von Unternehmensseite.

Für die Belegschaft bleibt das Gefühl zurück, daß die gewerkschaftliche Arbeit zu keiner deutlichen Reformierung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben und der Einkommensverhältnisse der Beschäftigten beiträgt. Die vereinbarte Lohnerhöhung ist faktisch nur ein besserer Inflationsausgleich (Inflationsrate 2004: 3,5 Prozent). Die Anreize, sich gewerkschaftlich zu beteiligen, schwinden nach einer aus Arbeitnehmersicht unzureichenden und unkoordinierten Verhandlungspolitik. Durch den Rückgang der Beteiligung an Streik- und Protestaktionen wird die gewerkschaftliche Position geschwächt, finanzielle Einbußen durch Mitgliederschwund erschweren zukünftig eine adäquat ausgearbeitete   Verhandlungsstrategie und die Positionierung in den Tarifgesprächen. Es bleibt zu hoffen, daß die negativen Erlebnisse aus den Tarifverhandlungen die Belegschaft dazu animieren, sich betrieblich stärker zu beteiligen, um damit nicht nur den sozialen Dialog, sondern auch die eigene Stellung im Unternehmen zu festigen.

General Motors und die Sanierungspläne für Europa

Europaweite Solidarität oder Fokus auf lokalen Standort? Produktionsstätte von GM Manufacturing Poland (Opel) in Gliwice (Gleiwitz).  
Europaweite Solidarität oder Fokus auf lokalen Standort? Produktionsstätte von GM Manufacturing Poland (Opel) in Gliwice (Gleiwitz).  

General Motors Manufacturing Poland, bisher GM Opel Polska, ist 1998 als „greenfield investment“ im oberschlesischen Gliwice (Gleiwitz) entstanden und produziert heute die Modelle Agila, Astra II und Zafira II. 1.600 Beschäftigte sind daran beteiligt, hinzu kommen mehrere Hundert Angestellte von Zulieferfirmen, die auf dem Werksgelände tätig sind. Die Gewerkschaftsarbeit bei Opel in Gliwice mußte wie auch bei VW Motor Polska erst aufgebaut werden. Bedeutendste Arbeitnehmervertretung ist Solidarnosc, der 25Prozent der Beschäftigten angehören. Zwei hauptamtliche Vertreter setzen sich für die Mitarbeiter ein, die dafür ein Prozent ihres Lohnes aufbringen müssen. Hauptthemen in den vergangenen Monaten waren die GM-Sanierungspläne in Europa sowie die Aufteilung der Fertigungskompetenzen für das Modell Zafira II, das seit Spätsommer 2005 in Bochum und Gliwice produziert wird.

Obwohl am polnischen Standort 2002, als das Modell Astra I auslief, 350 Mitarbeitern gekündigt und nur ein Übergangsgeld von sechs Monaten gezahlt wurde, stehen alle europäischen GM-Werke diesbezüglich schlechter da. Die Restrukturierungsprogramme „Olympia“ und „Zukunftsvertrag“ sehen vor, daß europaweit rund 12.000 Arbeitsplätze beim US-amerikanischen Fahrzeughersteller abgebaut werden, davon 9.500 an den Standorten Bochum, Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern. Dagegen bleibt GM Manufacturing Poland von den Rationalisierungsmaßnahmen verschont. Gliwice ist deutlich günstiger als seine Partnerwerke. Während ein dortiger Teamleiter rund 725 Euro brutto und zwei ergebnisabhängige Jahresprämien für eine 40-Stunden-Woche erhält, verdient ein ranggleicher Kollege in Bochum 2940 Euro zuzüglich Festprämien. Dennoch erkennen die polnischen Gewerkschaftsvertreter, daß sich auch ihr Standort zu einer Zwischenstation auf dem Weg in ein noch kostengünstigeres Land entwickeln kann. Bei globalem benchmarking und schwindender unternehmerischer Verantwortung für Standort und Region droht zentraleuropäischen Automobilwerken die Konkurrenz aus Russland, der Ukraine oder Rumänien. Daher bemüht sich Solidarnosc um eine grenzüberschreitende Vernetzung der Gewerkschaftsarbeit bei General Motors.

Am europaweiten Aktionstag aller GM-Werke im Herbst 2004 organisierte der polnische Dachverband Solidaritätsbekundungen mit den Arbeitsniederlegungen im Bochumer Werk, das damit gegen die Rationalisierungsmaßnahmen protestierte. Solidarnosc tat dies auch, um zu verdeutlichen, daß der transnationalen Konzernpolitik auch eine transnationale Arbeitnehmerpolitik gegenüberstehen muß, um in den Auseinandersetzungen mit Konzern- und Betriebsleitung eine einheitliche und gewichtige Position einnehmen zu können. Erreichen konnten sie damit nicht jeden im polnischen Opelwerk, wo nach den Entlassungen vor drei Jahren vergeblich auf gewerkschaftliche Unterstützung aus deutschen Werken gehofft wurde. Jedoch haben die Arbeitnehmervertretungen in Gliwice frühzeitig erkannt, daß die derzeitig positive Werksentwicklung die betrieblichen und überbetrieblichen Akteure nicht davor bewahrt, sich auch weiterhin dem äußeren Veränderungsdruck zu stellen, um nicht eines Tages selbst als Standort in Frage gestellt zu werden.

Tendenzen: Mitgliederschwund, neue Betriebsformen und europaweite Vernetzung

Die polnischen Automobilgewerkschaften zählen zu den Hochburgen der Arbeitnehmervertretungen in Polen. Dennoch leiden auch sie unter den Begleiterscheinungen des Transformationsprozesses. Mitgliederschwund und geringere Partizipationsbereitschaft in den Betrieben schwächen das Verhandlungsergebnis, zusätzlich drängen neue Betriebsformen die Gewerkschaftsarbeit in den Unternehmen zurück. Dies erfordert ein verstärktes Werben um alte und neue Mitglieder und veränderte Strategien in der Gewerkschaftsarbeit. Die Arbeitnehmervertretungen von Opel in Gliwice bemühen sich um europaweite Vernetzung der GM-Belegschaften, um somit eine starke Gegenposition zum Gesamtkonzern und den lokalen Unternehmensführungen zu erzeugen. Die Belegschaft von Volkswagen setzt auf die traditionelle Etablierung der Arbeitnehmervereinigungen im VW-Konzern und die Kooperationen mit DGB und VW-Partnerwerken in Deutschland. Bei FIAT hingegen wird es zukünftig stärker als bisher erforderlich sein, die zersplitterte Gewerkschaftsarbeit zu vereinen, um zukünftige Tarifverhandlungen erfolgreich bestreiten zu können und den sozialen Dialog - zu dem auch eine starke Arbeitnehmervertretung und eine ausgleichende öffentliche Hand beitragen muß - zu intensivieren.

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Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wirtschafts- und Sozialgeographischen Institut der Universität zu Köln.

Weitere Veröffentlichungen: 
„Kompetenzaufteilung in konzerninternen Netzwerken der Automobilindustrie. Chance für Standort und Region?“ In: Berliner Debatte Intial, Jg. 16, H. 6, S. 65-77, (erscheint Anfang Januar).
„Kompetenzerwerb in der Automobilindustrie - Das Beispiel Volkswagen Poznan.“ In: Geographische Rundschau, Jg. 58. (erscheint 2006).

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