Arbeitsmigranten wollen nicht mehr nach HauseRUMÄNIEN

Arbeitsmigranten wollen nicht mehr nach Hause

Über zwei Millionen Rumänen arbeiten im Ausland, weil sie dort mehr verdienen als in ihrer Heimat. Deshalb herrscht in Rumänien Fachkräftemangel. Mit einem Sonderprogramm hat die Regierung versucht, einige der Arbeitsmigranten wieder ins Land zurückzuholen. Das ist jedoch gescheitert. Das Arbeitsministerium spricht von einigen Dutzend, die zurückgekehrt sind.

Von Laura Capatana-Juller

Z wei Arbeitsbörsen in Spanien und zwei in Italien – damit wollte die rumänische Regierung im vergangenen Jahr zumindest einige der rund zwei Millionen Rumänen aus dem Ausland wieder zurück in ihre Heimat locken. Rund anderthalb Millionen Rumänen arbeiten allein in Spanien und Italien, legal und illegal. Sie wollen einen Lohn, der über dem rumänischen Durchschnittslohn von 350 Euro liegt. Die Aktion der Regierung, ihre Bürger wieder ins Land zu locken, war erfolglos. Nicht mehr als 3.500 von ihnen haben die Börsen besucht. „Einige Dutzende“ sind zurückgekehrt, so das Arbeitsministerium. Ob, wo und unter welchen Bedingungen diese angestellt wurden, konnte es jedoch nicht angeben.

Eine umfassende Rückhol-Strategie hatte sich die rumänische Regierung Anfang 2008 ausgedacht. Vorgesehen waren beispielsweise Zuschüsse zu Gehältern, Umzugs- und Ansiedlungsvorschüsse, eine gebührenfreie berufliche Weiterbildung und Umschulung sowie Erleichterungen bei der Gründung von Unternehmen. Doch es blieb bei der Auflistung dieser Maßnahmen – verwirklicht wurden sie nicht. Die neue Regierung, die seit vergangenem Herbst im Amt ist, zeigt sich interessiert an der Rückkehr der Eliten und jungen Leute mit anerkannten Leistungen. Konkret wurde jedoch nichts für sie  unternommen.

Viele von denen, die zurückkehren, bereuen ihre Entscheidung
Ohne eine finanzielle Unterstützung und eine sichere und gut bezahlte Arbeitsstelle will  kaum jemand zurück nach Rumänien, obwohl die internationale Finanzkrise die Arbeitsstellen im Ausland gefährdet und die Umstände der Arbeit oft widrig sind. Bei Ioan Lunguleac aus Kronstadt/ Braşov gab es Zeiten, da hat er in Pappzelten geschlafen. Er arbeitet schwarz in Italien und hat die Arbeitsbörse der rumänischen Regierung in Rom im vergangenen Februar besucht. Er war enttäuscht:  „Was bekomme ich, wenn ich nach Rumänien zurückkehre? Nichts. Warum soll ich also dorthin gehen? Hier verdiene ich wenigstens Geld”, sagt der 50-Jährige.

Viele von denen, die zurückkehren, bereuen ihre Entscheidung. Viorel Domuţă aus Satu Mare ist nach sieben Jahren im Ausland wieder nach Rumänien gegangen. Er hatte gehofft, seine Erfahrung im Bauwesen in einem eigenen Unternehmen einsetzen zu können. Doch das war schwieriger als angenommen. „Statt mich bei der Unternehmensgründung zu unterstützen, verlangt der Staat Unmengen an Papieren, Gebühren und Steuern. Ich will nichts umsonst bekommen, dazu ist das Land nicht reich genug, aber wenigstens für den Anfang könnte es Vergünstigungen bei den Gebühren geben”, fordert Domuţă und stellt resigniert fest: „Es gibt nichts mehr, was mich an dieses Land bindet.“ Noch ein Jahr lang will er sein Glück in Rumänien versuchen. Wenn seine Firma bis dahin nicht läuft, wird er wieder auswandern.

Noch im vergangenen Jahr wurden über 500.000 Arbeitskräfte gesucht, davon rund 150.000 allein im Bauwesen. Auch die Textilbranche und die Gastronomie, aber auch Bereiche wie IT, Logistik und Transportwesen suchen Fachkräfte. Großen Bedarf gibt es auch an Ingenieuren und Ärzten. Die müssen in Rumänien allerdings von einem Gehalt von umgerechnet 450 Euro leben. Deshalb siedeln viele von ihnen ins Ausland um, wo sie ein fast zehn Mal so hohes Gehalt bekommen.

Rumänien muss Arbeitskräfte in andern Ländern suchen

Im IT-Bereich, wo Jobs auf Führungspositionen zwischen 1.500 und 2.000 Euro einbringen, fehlten 2008 im Land rund 10.000 Arbeitskräfte. Ähnlich attraktivere Lohnangebote gibt es auch im Bank- und Finanzbereich, in der Logistik und im Verkauf. „Wir suchen Personal für Leitungspositionen, das nach Rumänien zurückkehren will“, bestätigt Daniela Necefor, Managing Partner der Human Resource Firma Total Business Solutions. Necefor ist für das Head-Hunting im Ausland zuständig. Sie zählt die Vorteile für beide Seiten auf: „Der Angestellte kehrt nach Hause zurück, bekommt ein Gehalt wie im Westen, manchmal bis zu 3.000 Euro, und der Arbeitgeber findet einen gut ausgebildeten Menschen mit der Erfahrung, die dieser in einem entwickelten Land gesammelt hat.” Necefor glaubt, dass jemand, der diesen Schritt macht, seinen neuen Job nicht so leicht wechseln wird.

Die Entscheidung vieler Rumänen fällt trotzdem für das Ausland. Deshalb muss das Rumänien, einer der großen Exporteure von Arbeitskraft in der EU, inzwischen Arbeitskräfte importieren. Arbeiter kommen vor allem aus der Republik Moldau, der Türkei sowie aus Asien und Afrika. Sie arbeiten hauptsächlich auf Baustellen und in Textilfabriken. Das Rumänische Büro für Immigration hat im vergangenen Jahr 10.000 Arbeitsaufenthalte genehmigt, dieses Jahr sollen es noch mehr werden. Qualifizierte Arbeiter können rund 450 Euro in Rumänien verdienen, sagen Arbeitgeber.

„Erst wenn der Unterschied zwischen den Gehältern geringer wird, werden wir vielleicht eine Rückmigration erleben“, sagt Liviu Voinea, Leiter der Gruppe für Angewandte Wirtschaft (GEA). Der Versuch der Regierung, den massiven Arbeitskräftemangel mit Rückkehrern zu begleichen, sei ein Misserfolg, der vorhersehbar war. „Die Rumänen sind nicht nach dem Besuch von Arbeitsbörsen emigriert und werden auch nicht dank solcher Börsen wiederkehren“, sagt Voinea. Die Lösung für eine erfolgreiche Rückholaktion wäre die Schaffung von gut bezahlten Arbeitsplätzen, so Voinea. Bis dahin aber müsse man sich auf das „Behalten” der Rumänen konzentrieren.

Eine massive Rückkehr von Emigranten brächte auch Probleme

Außerdem müssten für Arbeiter auf Zeit Wohnungen gebaut werden, fordert Voinea. „Es ist leichter, vom Land in die Stadt als ins Ausland zu ziehen”, erklärt er. Je geringer die  Unterkunftskosten seien, desto lukrativer ist der Job. „Wenn man von einem Gehalt von 500 Euro noch 300 Euro Miete zahlen soll, lohnt es sich nicht”, sagt der Experte. Gerade im Ausland sei dies ein großes Problem. Dort wohnten rumänische Emigranten manchmal zu Acht in einem Zimmer, um die Unterkunftskosten zu teilen.

All diese Forderungen werden für die im vergangenen Herbst neu gewählte rumänische Regierung kaum zu erfüllen sein. Eine massive Rückkehr von rumänischen Emigranten würde zudem eine Reihe von Problemen mit sich bringen. Liviu Voinea verweist darauf, dass beispielsweise das rumänische Gesundheitssystem zusammenbrechen würde. Denn die Emigranten haben jahrelang kein Geld in die Krankenkassen eingezahlt, würden aber Anspruch auf Hilfe haben. Und die Regierung muss damit rechnen, dass sich das Bruttoinlandsprodukt um etwa vier Prozent verringern wird. Schließlich würden es nicht mehr sieben Milliarden Euro sein, die die Emigranten jährlich ins Land schicken.

Soziologischen Studien zufolge wollen die meisten Emigranten gar nicht zurückkehren. Sie haben inzwischen auch ihre Familien nachziehen lassen. Die Kinder wurden in fremde Bildungssysteme integriert. Und auch die Generation der Großeltern zieht inzwischen ins Ausland nach, um auf die Kinder aufzupassen. Rund 29 Prozent der Rumänen aus der Region um Madrid wollen dort sesshaft werden, weitere 33 Prozent beabsichtigen, in etwa fünf Jahren zurückzukehren. Knapp 14 Prozent überlegen tatsächlich, bereits jetzt zurückzugehen, sagt Dr. Dumitru Sandu, Leiter der Studie über die Rumänen um Madrid und Soziologe an der Universität Bukarest.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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