Armee in Russland schafft nach 300 Jahren Fußlappen abRUSSISCHE ARMEE

Modernisierung von Grund auf: Socken statt Fußlappen

Der neue russische Verteidigungsminister hat angeordnet, dass die immer noch gebräuchlichen Lappen als Fußbekleidung für russische Soldaten bis zum Ende des Jahres abgeschafft werden.

Von Ulrich Heyden

Die Ankündigung des neuen russischen Verteidigungsministers, Sergej Schojgu, die Soldaten statt mit  Fußlappen, mit Socken auszurüsten, hat im russischen Internet eine lebhafte Debatte ausgelöst. Die rechteckigen Fußlappen hätten in den groben russischen Armee-Stiefeln ihre Vorteile, meinen Soldaten und Armee-Veteranen. Moderne Armee-Stiefel sollen zwar eingeführt werden. Doch das werde erfahrungsgemäß  dauern.

In den bis heute gebräuchlichen, groben Armeestiefeln – sie werden aus einer Kombination von gewalktem Rind- und Kunstleder gefertigt – ist eine Socke innerhalb von zwei Tagen verschlissen, argumentieren die Kritiker im russischen Internet. Allgemein bekannt ist auch, dass die russischen Soldaten die Fußlappen auch gerne benutzen, wenn sie in der Kaserne keine Stiefel in ihrer Größe mehr ergattern können. Man kann mit Fußlappen durch entsprechendes Wickeln die zu großen Stiefel besser ausfüllen.

Von den Holländern abgeguckt

300 Jahre sind die Fußlappen bei den russischen Soldaten nun schon im Einsatz. Mit Fußlappen kämpften die russischen Soldaten gegen Hitlers Wehrmacht, in den 1980er Jahren gegen die Mudschahidin in Afghanistan und später in Tschetschenien. Die von Peter dem Großen aus Holland eingeführten Fußlappen sind zu einem festen Bestandteil der Armee-Kultur geworden.

Im Französischen gibt es für die Fuß-Tücher, die heute nur noch in Russland gebräuchlich sind, den Ausdruck Chaussette russe, was so viel heißt wie „russischer Strumpf“.

Schon die alten Römer trugen Fuß-Lappen und auch in der finnischen Armee waren die viereckigen Tücher bis  1990 im Einsatz, in der Armee der DDR bis 1968. Als die Fußlappen 2007 in den ukrainischen Streitkräften abgeschafft wurden, gab es extra eine Abschieds-Veranstaltung, auf dem die Soldaten eigene Gedichte auf die „Portjanki“ vortrugen.

Wie man die Fußlappen richtig wickelt, damit es nicht zu wundgescheuerten Füßen kommt, lernen die jungen Wehrpflichtigen unter strenger Anleitung der älteren Soldaten. Die Wickelprozedur darf nach der Armee-Tradition nicht länger als 45 Sekunden dauern, solange wie ein Streichholz brennt.

US-Kampfuniform von den Russen Kopiert

Die Abschaffung der Fußlappen ist nur eine von mehreren Modernisierungs-Maßnahmen in der russischen Armee. Bereits im Dezember hatte Verteidigungsminister Schojgu die Ausrüstung der russischen Soldaten mit neuen Kampf-Uniformen bekannt gegeben. Die neuen Uniformen, können je nach Kältegrad mit Thermo-Unterwäsche, Fließ-Westen, atmungsaktiven Kapuzen-Jacken und wollenen Gesichtsmasken kombiniert werden.

Die regierungsnahe Iswestija kommentierte, die neue russische Kampf-Uniform, die es bisher nur in 500 Test-Exemplaren gibt, sei bis auf kleine Details „eine Kopie  der Army Combat Uniform“, die in den USA nach den Erfahrungen im Irak- und Afghanistan-Krieg entwickelt wurde. In Russland ist diese Uniform in schwarzer Farbe bereits bei den Spezialeinheiten des Innenministeriums und des Geheimdienstes im Einsatz.

Tod durch Lungenentzündung

Die russischen Soldaten warten sehnsüchtig auf die von Minister Schojgu angekündigte neue Feld-Uniform, denn in der vom russischen Mode-Zaren Waleri Judaschkin 2008 entworfenen Uniform frieren die jungen Wehrpflichtigen.  Immer wieder gibt es Tote als Folge von Lungenentzündungen. Allein in den letzten drei Wochen starben fünf russische Soldaten an Pneumonie. Weil sich die Todesfälle häuften, entließ der russische Verteidigungsminister diese Woche überraschend den Armee-Chefarzt, Wjatscheslaw Nowikow.

Militär-Staatsanwalt Eduard Absatarow behauptete im russischen Internet-Fernsehkanal RBK, der Tod der Soldaten hänge mit der „verminderten Immunität“ der Wehrpflichtigen zusammen. Eine Offizierin, die ihren Namen nicht nennen wollte, erklärte dagegen, „alles hängt von den Kommandeuren ab“. Es komme immer wieder vor, dass die Kommandeure junge Soldaten bei tiefem Frost in einfachen Armee-Stiefeln zum mehrstündigen Wacheschieben abkommandieren, ohne dass sie mit den für Fröste vorgesehenen Filzstiefeln ausgerüstet werden. Den jungen Wehrpflichtigen fehle noch die Erfahrung sich gegen diese Praxis zu wehren, so die Offizierin. 

Um die Fußlappen anzulegen, haben die Soldaten nach alter Armee-Tradition nur 45 Sekunden Zeit, eben solange Zeit, wie ein Streichholz brennt.

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Wie das Anlegen der Fußlappen geht zeigt dieses russische Video: http://www.kp.ru/video/485818/%3Cimg%20src=%22http://vg05.met.vgwort.de/na/cfa307852d054c7fb0e1483de6c18233%22%20width=%221%22%20height=%221%22%20alt=%22%22%3E

Bei Wikipedia gibt es eine interessante Abhandlung über Fußlappen: http://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Flappen

Militär Russland

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