„Auch in den Schwellenländern wachsen die Bäume nicht in den Himmel.“GLOBALISIERUNG

„Auch in den Schwellenländern wachsen die Bäume nicht in den Himmel.“

„Auch in den Schwellenländern wachsen die Bäume nicht in den Himmel.“

Prof. Dr. Rolf J. Langhammer, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, über die Ablehnung der WTO-Mitgliedschaft Russlands durch die USA, die Bedeutung der asiatischen Wirtschaftsentwicklung für die westlichen Industrieländer und weshalb Amerika seine weltweite Dominanz künftig teuer zu stehen kommen könnte.

Von Hans Wagner

EU-Referendumskontrolleur František Lipka  
Prof. Dr. Rolf J. Langhammer, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft  

Eurasisches Magazin: Der chinesische Staatskonzern Nanjing Automobile will in Kürze die erste Pkw-Fabrik der sozialistischen Volksrepublik in den USA errichten. Schon 2008 sollen in dem Werk in Oklahoma Sportwagen der Marke  „MG“ vom Band rollen. Die Chinesen haben die bankrotte britische Traditionsmarke  letztes Jahr gekauft. Der Stahlproduzent Mittal aus dem bis vor kurzem als Entwicklungsland geltenden Indien hat mit dem Kauf von Arcelor das mit Abstand größte Stahlwerk der Welt zusammengekauft. Was bedeuten solche Aufsehen erregenden Vorgänge für die globale Wirtschaftsentwicklung?

Rolf Langhammer: Lediglich eine Wiederholung dessen, was sich im Verhältnis Japan- USA/EU vor 30 Jahren begann abzuspielen. Länder mit hohen Handelsbilanzüberschüssen und technologischer Kapazität schleusen ihre Überschüsse in Gestalt ausländischer Direktinvestitionen  wieder zurück. Das ist anders als bei den Golf-Staaten, die nicht in diese Kategorie gehören. Eine solche Strategie ist die bessere Alternative als Investitionen über Bankkredite zu finanzieren. Allerdings errichten die genannten Länder zumeist  nicht neue  Produktionsstätten, so genannte greenfield investment, sondern kaufen bestehende Betriebe und Marken. Damit ändern sich zunächst nur die Eigentumsverhältnisse. Wie das Beispiel Japan zeigt, können  solche Prozesse auch dergestalt wieder umschlagen, dass Investitionen aufgelöst und die alten Industrieregionen ihrerseits verstärkt in Ostasien investieren. Die Wirtschaftsgeschichte kennt, wie das japanische Beispiel zeigt, einige zumeist durch Wechselkursschwankungen induzierte Zyklen von interregionalen Kapitalströmen.

„Das Tempo der Weiterverbreitung technischen Wissens wurde deutlich unterschätzt.“

EM: Allerdings war Japan keine kommunistische Volksrepublik und auch kein Entwicklungsland. Hätte man China und Indien eine wirtschaftliche Strategie, wie die derzeit sichtbare, eigentlich zugetraut?

Langhammer: Indien in jedem Fall, auch China,  in beiden Fällen  aber wahrscheinlich nicht so rasch. In der Tat ist das Tempo der so genannten Technologiediffusion, also der Weiterverbreitung technischen Wissens, deutlich unterschätzt worden. Dieses Tempo wird wesentlich vom Technologietransfer durch ausländische Direktinvestitionen und dem Güterhandel  geprägt.  

EM: Müssen die USA und Europa damit rechnen, bei den G7- oder G8- Gipfeln in absehbarer Zeit gar nicht mehr dabei zu sein, sondern neuen Wirtschaftsmächten Platz machen zu müssen?

Langhammer: Die G8 werden die neuen Wirtschaftsmächte verstärkt mit in ihre Konsultationen einbeziehen . Aber dies geschieht auch schon heute in den größeren Zirkeln, wie beispielsweise den G-20.  Versteckte oder offene exklusive Abstimmungen nur zwischen  USA und Europa wird es aber auch in Zukunft geben. Je größer ein Klub wird, um so diffuser und heterogener wird er und um so mehr steigt auch die Nachfrage nach  Exklusivzirkeln mit homogeneren Partnern.

EM: Könnte es nicht sein, dass auf den G8-Gipfeln in zehn Jahren Indien, China, Russland und vielleicht Brasilien den Ton angeben, während Länder wie Italien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich allenfalls noch eine Rolle am Katzentisch spielen können?

Langhammer: Nein. Das vermute ich nicht. Auch in den Schwellenländern wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Ihr rasantes Wachstumstempo macht gerade sie anfällig für drastische Rückschläge, wie die Asien-Krise von 1997 gezeigt hat. Zudem verfügen die alten Industriestaaten über sehr viel technologisches Wissen, Management-Kapazitäten und  politische Stabilität; alles Aktivposten, um neues Wissen zu generieren, Einkommensvorsprünge zu verteidigen und Aufholprozesse zu verlangsamen.

Die USA könnten für ihre Dominanz in Zukunft teuerer bezahlen müssen

EM: Wie und wohin haben sich in den letzten zehn Jahren die Gewichte in der Welt verschoben?

Langhammer: Wirtschaftlich sicher in Richtung der asiatischen emerging markets, wie die Schwellen- und Entwicklungsländer im globalen Sprachgebrauch genannt werden. Politisch bleibt die Dominanz der USA  auch aufgrund ihrer technologischen Innovationskraft zunächst erhalten. Sie wird aber in dem Maße teurer zu erhalten sein, in dem es den USA schwerer fällt, sogenannte internationale öffentliche Güter wie die Funktion des Dollars als internationale Leitwährung oder Dienstleistungen als militärische Weltschutzmacht zu produzieren. So gesehen ist die These eines labilen Gleichgewichts zwischen einem globalen Hegemon und mehreren regionalen Hegemonen nicht abwegig.

EM: Können Sie das noch ein bisschen verdeutlichen?

Langhammer: Öffentliche Güter werden indirekt von Dritten mitfinanziert. Im Fall Amerikas beispielsweise dadurch, dass die USA als alleiniger Emittent des Dollars viel mehr von niedrigeren Zinsen profitieren können, als es ohne diese Funktion möglich wäre. Zudem beteiligen sich  Dritte über die Finanzierung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits beispielsweise an den steigenden öffentlichen Ausgaben der USA im Verteidigungshaushalt. Wird diese Funktion schwächer, müssen die USA dafür zahlen, und zwar mit Risikozuschlägen für das Halten von Dollars. Dies reduziert das verfügbare amerikanische Einkommen. 

Es wird künftig eine Abkehr von der Meistbegünstigung geben.  

EM: Welche Bedeutung hat im 21. Jahrhundert die Politik der Zölle, die zwischen den USA, der EU und den Entwicklungsländern erhoben werden – geht die Tendenz zu mehr Protektionismus oder mehr Freihandel?

Langhammer: Die Entwicklung geht wohl in Richtung regionaler und bilateraler Abkommen, das heißt zu einem freieren Handel zwischen bestimmten Partnern. Wie es an den Rändern dieser durch Freihandelszonen bestimmten Regionen aussehen wird, ist offen. Ich bin optimistisch, dass die zunehmende Kapitalverflechtung protektionistische Tendenzen in Schach halten wird. Es wird allerdings immer mehr eine Abkehr von der Meistbegünstigung, das heißt der Nichtdiskriminierung geben. Und es wird ein Umdenken vom Inlands- zum Inländerprinzip geben müssen. Wenn ein wachsender Teil unseres Wohlstandes und unserer Renten  dank Kapitalanlangen im Ausland dort erzeugt wird, ist es ökonomisch widersinnig, Produkte von dort durch Zölle abzublocken. Dies wäre ein Schuss ins eigene Knie. 

„Warum eigentlich das Leben nicht in einem Seniorenheim in Thailand beschließen?“

EM: Beim Thema Inländerprinzip, Wohlstand und Renten sind wir auch gleich bei der Bevölkerungsentwicklung angelangt. Welche Rolle spielt die demographische Situation für die Wirtschaftskraft der verschiedenen Regionen?

Langhammer: Mehr Menschen in Schwellenländern und weniger Menschen in den alten Industriestaaten – diese Entwicklung wird zu einem Druck auf die Einkommen für niedrig qualifizierte Beschäftigte in den Industriestaaten und zu Kapitaleinkommensgewinnen in den aufstrebenden, bevölkerungsreichen Ländern führen. Für eine alternde Gesellschaft kann dies nur bedeuten, viel mehr noch als in der Vergangenheit das Wachstumspotential der Schwellenländer für sich selbst zu nutzen, sei es durch Investitionen dort, sei es durch Dienstleistungsimporte aus diesen Ländern, sei es durch Zulassung von wanderungswilligen und leistungsbereiten  Menschen zu uns. Warum eigentlich nicht das Leben in einem Seniorenheim in Thailand beschließen und dafür die Rente benutzen, um ein Beispiel zu nennen?

Die USA verfolgen mit der Ablehnung eines WTO-Beitritts für Russland besondere nationale Interessen

EM: Noch mal zurück zur Gipfeldiplomatie. Weshalb verhindert Amerika durch sein Veto den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO – liegen alle anderen Länder, die einen Beitritt befürworten, in ihrem Urteil daneben, oder gibt es andere Gründe?

Langhammer: Die USA verfolgen besondere nationale Interessen, wie zum Beispiel den Schutz vor Markenpiraterie und kopiertem geistigen Eigentum, den Schutz ihrer Landwirtschaft und letztlich auch die Aufrechterhaltung alter politischer Hebel. Denken Sie nur an den Jackson-Vanek Act, die Drohung handelspolitische Maßnahmen zu ergreifen, wenn nicht die Emigration russischer Juden gestattetet wird.

EM: Für Russland war dieser erste Gipfel der großen Industriestaaten unter russischem Vorsitz die lang ersehnte Anerkennung als Großmacht. Putin habe „das Land von den Knien erhoben“, hat eine Petersburger Zeitung getitelt. Was bedeutet es für Russland, dass ihm der Zutritt weiter verwehrt bleibt?

Langhammer: Materiell wenig, symbolisch wesentlich mehr. Russland exportiert mit seinen energetischen Rohstoffen in erster Linie Produkte, die nicht mit Handelsbarrieren konfrontiert werden. Und zum Symbolischen: Russland wäre das einzige große Land, das nicht der WTO angehört. Selbst für China hat diese Symbolik Bedeutung gehabt. Deshalb wird auch Russland den USA Zugeständnisse machen, um in den WTO-Klub zu kommen. Die Regeln aber sind klar: die Klubmitglieder entscheiden einzeln über die Kooptation.

„Afrika hat die größten Schwierigkeiten, vom Energiepreisboom auch längerfristig profitieren zu können.“

EM: Wie hat sich das Gewicht der Energiegroßmächte wie Russland, Iran, der Ölländer Zentralasiens, der Golfregion und Afrikas im letzten Jahrzehnt entwickelt?

Langhammer: Unterschiedlich. Afrika hat die größten Schwierigkeiten, vom Energiepreisboom auch längerfristig profitieren zu können, weil die internen politischen wie wirtschaftlichen Strukturen so labil sind. Die anderen Regionen profitieren im Sinne von mehr Einnahmen. Was sie aus diesen Einnahmen machen, um von den Volatilitäten an den Energiemärkten unabhängig zu werden und auch dann noch zu florieren, wenn ihre Quellen versiegen, ist entscheidend für eine Dauerhaftigkeit der Gewichtsverschiebung. Rohstoffreichtum – so eine beliebte These der Ökonomen – kann ein Fluch für ein stetiges Wachstum sein, der auch die Einkommensverteilung in Richtung weniger Ungleichheit beeinflusst.  

EM: Sind die Energie-Habenichtse auf Dauer die Verlierer der Globalisierung?

Langhammer: Wenn sie reich sind wie Westeuropa, können sie Gewinner sein, sofern das Fallen der Industriegüterpreise für standardisierte Güter  den Anstieg der Rohstoffpreise mehr als kompensiert. Das sind so genannte netto terms of trade Gewinne, also Einkommenszuwächse. Sind sie arm wie afrikanische Nettoimporteure von Öl, ändert sich auch wenig. Wer nichts hat, dem kann nichts genommen werden. Die internationale Gebergemeinschaft wird für diese Länder weiterhin einstehen müssen.

EM: Herr Prof. Langhammer, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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