Auf den Mars, mit Zwiebeln und OrchideenWELTRAUM-EXPERIMENT

Auf den Mars, mit Zwiebeln und Orchideen

Mitte Juli öffnete sich in Moskau eine Isolations-Kammer für sechs junge Testpersonen, die 105 Tage abgeschirmt von der Außenwelt gelebt hatten. Sie führten ein notwendiges Vorbereitungs-Experiment für einen Flug zum Mars durch.

Von Ulrich Heyden

D er schwere Hebel der Stahltür wurde umgelegt und aus der 20 Meter langen Stahlröhre – Durchmesser 3.6 Meter - kamen sechs junge Männer. Die Hülle, ein imitiertes Raumschiff mit Wohn- und Arbeitszimmern, steht im Moskauer Institut für medizinisch-biologische Probleme, es liegt im Westen der Stadt hinter unscheinbaren Mauern. Die Testpersonen guckten erstaunlich fröhlich und bewegten sich normal, so als ob sie die letzten 105 Tage einen ganz normalen Alltag gehabt hatten.

Dabei lebten die Sechs, vier Russen, ein Franzose und ein Deutscher, 105 Tage in Isolation von der Außenwelt. Nur bei genauerem Hinsehen sah man den Sechs das Leben in der Stahltonne an. Sie wirkten alle etwas schmal und blass. Der einzige deutsche Teilnehmer, der 29jährige Hauptmann der Bundeswehr, Oliver Knickel aus Hamburg, für den das Experiment eine „großartige Erfahrung“ war, bekannte, er habe dreieinhalb Kilo abgenommen. Knickel erzählte in fließendem Russisch auch, am meisten habe er seine Freundin vermisst. Außerdem sei es schwer gewesen, sich an den vorgeschriebenen Essens-Plan zu halten.

Die Reserve-Kapazitäten erforschen

Das Experiment welches vom Moskauer Institut für medizinisch-biologische Probleme in Zusammenarbeit mit der Europäischen Raumfahrtagentur ESA und verschiedenen amerikanischen Instituten für Psychologie durchgeführt wurde, diente der Vorbereitung auf einen bemannten Marsflug, für den 100% Tage veranschlagt sind. Für den Flug zum Mars müssen eine ganze Reihe von technischen und psychologischen Tests durchgeführt werden, die auf der Internationalen Raumstation (ISS) nicht möglich sind, so der Direktor des Moskauer Instituts, Igor Ushakow. Mit dem Test unter fast realen Bedingungen – Schwerelosigkeit gab es in der Moskauer Stahltonne nicht – „wollten wir die Reserve-Kapazitäten des Menschen erforschen“, erklärte Anatolij Grigorjew, Vizepräsident der russischen Akademie der Wissenschaften.

„Frauen vielleicht beim nächsten Mal“

Dass an dem ersten imitierten Flug zum Mars nur Männer teilnahmen, war nach Angaben von Instituts-Direktor Uschakow nicht beabsichtigt. Es habe einfach keine Frau das sehr strenge Auswahlverfahren bestanden, für das sich 5.600 Personen bewarben, erklärte der Instituts-Direktor.

Auf der Pressekonferenz zum Test-Abschluss in Moskau, merkte man den Test-Teilnehmern ihre Angespanntheit schon an. Mannschaftskapitän Sergej Rjasanski, von Beruf Forschungskosmonaut und Biochemiker, grinste mit hochrotem Kopf fast ununterbrochen und zwinkerte immer wieder zu Kollegen und Freunden ins Publikum.

Original Mars-Sternenhimmel

Der wirkliche Flug zum roten Planeten muss noch mit einem weiteren Experimenten, so unter anderem einem Isolations-Experiment von 100% Tagen Dauer, vorbereitet werden. Dieses Langzeit-Experiment soll am gleichen Ort - einem streng abgeschirmten medizinischen Institut im Westen Moskaus – starten. Dort ist die Test-Raumstation, die zum Mars fliegen soll – bestehend aus drei Stahltonnen – aufgebaut. Durch einen abgeschirmten Gang werden die nächsten Test-Personen dann auch eine imitierte Mars-Oberfläche betreten, wo es einen original Mars-Sternenhimmel gibt. Insgesamt 30 Tage sollen die nächsten Test-Personen auf dem Mars leben.

40 Minuten auf Antwort von der Erde warten

Das Experiment in dem von Plattenbauten umgebenen Medizin-Institut war maximal der Weltraum-Realität angepasst. Zu festgelegten Zeiten konnten die sechs Männer per E-Mail mit ihren Angehörigen kommunizieren. Schwieriger wird es bei der Anflugphase zum Mars, die beim Test in Moskau auf zwei Wochen begrenzt wurde. Dann verzögert sich das Funksignal zur Erde um 20 Minuten, sodass die Mars-Astronauten insgesamt 40 Minuten auf eine Antwort von der Erde warten müssen, was in Moskau zwei Wochen lang durchgespielt wurde. Die Realitätsnähe des Experiments führte dazu, dass die sechs „Astronauten“ viele Entscheidungen selbstständig fällten. Einmal meldete der Luftmesser zum Beispiel eine starke Luftverunreinigung mit Mikroben. Sofort mussten die Test-Personen die Luftfilter austauschen.

Da griff der Russe zur Gitarre

Oliver Knickel erzählte von einem streng geregelten Tagesablauf. „Um Acht Uhr standen wir auf“, erzählte der Bundeswehrsoldat, der auch schon in Afghanistan war. Nach dem Frühstück wurde bei jedem der Blutdruck und das Gewicht gemessen. Dann hat man sich den ganzen Tag über – unterbrochen von Mittagessen und Abendbrot - mit wissenschaftlichen Experimenten beschäftigt. Der monotone Alltag habe ihm schon zu schaffen gemacht, berichtet Oliver. „Es gab auch Momente da wäre ich gerne allein gewesen.“ Doch Gefühle der Feindschaft sind in dem multinationalen Team angeblich nicht aufgekommen. Auf der Pressekonferenz lobten alle Teilnehmer, wie gut es gelaufen sei. Oliver hat in der 20 Meter langen Stahltonne auch seinen Geburtstag gefeiert. Und er freute sich, als einer der Russen zur Gitarre griff und ein paar Lieder sang. Immer wieder erwähnten die Teilnehmer auch ihr Gewächshaus, wo sie Erdbeeren, Zwiebeln und Orchideen zogen. Mehrere Teilnehmer, wie etwa der Franzose, Cyrille Fournier, erklärten, sie wären auch zu einem wirklichen Mars-Flug bereit. „Ich würde gerne“, so der Franzose.

Russland

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