Auf den Spuren von Prokudin-Gorski: Kolonialfotografie im ZarenreichRUSSISCHES ASIEN

Auf den Spuren von Prokudin-Gorski: Kolonialfotografie im Zarenreich

Auf den Spuren von Prokudin-Gorski: Kolonialfotografie im Zarenreich

Der russische Fotograph Sergej Prokudin-Gorski begeisterte sich für Mittelasien. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts reiste er Tausende Kilometer durch das russische Vielvölkerreich, um in seinen Bildern ein Panorama der Menschen und Landschaften zu dokumentieren. Seine Fotokunst fasziniert bis heute, wenngleich ihr der Blick für die Konflikte der russischen Kolonisation fehlte.

Von Eva-Maria Stolberg

Ein Beamter in Samarkand  

Ein Beamter in Samarkand

 

Im 19. Jahrhundert entsandte die Russische Geographische Gesellschaft eine Reihe von Expeditionen in den Kaukasus, nach Zentralasien und Sibirien. Das reichhaltige Fotomaterial, das die teilnehmenden Ethnographen hinterließen, wird heute im umfangreichen Archiv der Russischen Geographischen Gesellschaft in St. Petersburg aufbewahrt. Aus den nicht minder aufschlußreichen Memoiren der Expeditionsteilnehmer geht hervor, daß der asiatische Teil Rußlands ein schier unerschöpfliches Reservoir für fotografische Forschungsreisen bot, daß man im Unterschied zu Briten, Franzosen und Deutschen genügend exotische Menschen und grandiose Landschaften im eigenen Land hatte, so daß sich Reisen nach Übersee erübrigten. Rußland, zwar eine europäische Kulturnation, habe Asien im Herzen.

Fotoexpeditionen waren für die russischen Forscher – ähnlich wie für die westeuropäischen – schwierig zu organisieren, da die benötigten Materialien in der Regel unterwegs nicht zu erhalten waren. Die Aufnahmeverfahren erwiesen sich als aufwendig und kompliziert, das Gewicht der Ausrüstungen war groß. Hitze, Staub, Kälte und die im Russischen Reich bekanntermaßen schlechten Wege machten Fotoexpedition zu einem waghalsigen Unternehmen.

Fotografie als Schnittpunkt von Kolonialismus und Moderne

Die Fotografie galt in der Technikeuphorie des 19. Jahrhunderts als authentisches Mittel, fremde Welten zu erfahren und einem Massenpublikum zu präsentieren. Sie war ein Erfahrungsersatz für all diejenigen, die auf tatsächliche Eindrücke – Begegnungen mit „exotischen Menschen“ und einer „wild-romantischen Natur“ – verzichten mußten. Die Durchsicht russischer Zeitungen, Zeitschriften und Reiseführer, die im Kaukasus, Zentralasien und Sibirien erschienen, vermittelt den Eindruck, daß es sich bei der Fotografie um ein sehr populäres und einflußreiches Medium handelte. Ein Medium, das sich nicht von der zeitgleichen Entwicklung der russischen Kolonialpresse trennen läßt, deren Einsatz bewirkte, daß die koloniale Bevölkerung an der asiatischen Peripherie des Zarenreiches – Kolonialherren wie Kolonisierte – und insbesondere in den Städten mehr über ihre Region erfuhren.

Auch ausländische und russische Reisende, die dank des neu entstehenden Eisenbahnnetzes und der sich entwickelnden touristischen Infrastruktur in das noch weitgehend unbekannte „russische Asien“ vorstießen, konnten anhand von Zeitungen, Zeitschriften und Bildbänden, den „erfahrenen Raum“ nochmals vor dem geistigen Auge Revue passieren lassen. Einer der bedeutendsten Kolonialfotografen des Zarenreiches, Sergej Prokudin-Gorski, beschrieb die Wirkung der Fotografie als „eine Erweiterung unseres Wissens und dessen dauerhafte Speicherung in unserem Gedächtnis.“

Sergej Prokudin-Gorski – Vater der russischen Kolonialfotografie

Geboren 1863 in der Hauptstadt St. Petersburg entstammte Sergej Prokudin-Gorski einer der ältesten Adelsfamilien der Provinz Wladimir. In St. Petersburg besuchte der begabte Junge das Kaiserliche Alexander-Gymnasium und nach dem Abitur die naturwissenschaftliche Fakultät des Instituts für Angewandte Technologie. Der Student war sowohl künstlerisch als auch wissenschaftlich interessiert – beides sollte ihn zur Fotografie bringen. Am Institut wählte Sergej Prokudin-Gorski Chemie als Spezialfach und studierte bei Rußlands berühmtesten Chemiker und Miterfinder des Periodensystems Dmitrij I. Mendelew.

1889 verließ Prokudin Rußland und wurde Dozent für Chemie an der renommierten Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, wo er vor allem Spektralanalyse und Fotochemie unterrichtete. Hier lernte er Adolph Miethe kennen, der damals erste Experimente mit der Farbfotografie durchführte. Dabei wurden rot-, blau- und gelbgefärbte Pigment-Diapositive deckungsgleich zum endgültigen Bild aufeinandergelegt. Die neue Fototechnik führte Prokudin auch nach Paris, wo er unter Leitung des bekannten Chemikers Edmé Jules Maumené arbeitete.

Nach seinen Auslandsaufenthalten kehrte Prokudin nach St. Petersburg zurück. Im Jahr 1897 wurde er Mitglied der Kaiserlichen Technologischen Gesellschaft und erwarb sich bald großes Ansehen. Als 1904 der Russisch-Japanische Krieg ausbrach, reiste er als Kriegsfotograf nach Korea und veröffentlichte einen militärischen Bildband. Zwei Jahre später übernahm Prokudin die Herausgeberschaft der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Fotograf-Ljubitel“ (Amateurfotograf). Schon damals interessierte sich Prokudin für die asiatischen Regionen des Zarenreiches, vor allem für Turkestan.

„Das Russische Reich in all seinen Schönheiten fotografieren“

Schüler in Samarkand  

Schüler in Samarkand

 

Seit 1904 träumte Sergej Prokudin-Gorski von einer großen Eisenbahnreise durch das Russische Reich, um „seine unterschiedlichsten Menschen, seine Naturschönheiten, Monumente, historischen Gebäude und Plätze auf Farbfotografien festzuhalten.“ Ein höchst ehrgeiziges Unternehmen im größten Land der Erde! Auch die Zarenfamilie ließ sich von der Farbfotografie begeistern. Zar Nikolaus II. empfing Prokudin persönlich und übernahm die Finanzierung der Fotoreise. Schließlich ging es 1909 in St. Petersburg los. An Bord des Zuges war extra ein Fotolabor, einschließlich Dunkelkammer, installiert worden.

Der erste Teil der Reise führte den Fotografen an die Wolga, die Prokudin nicht von ungefähr als Ausgangspunkt wählte. Die Wolga symbolisiert für die Russen wie kein anderer Fluß das „Herz Rußlands.“ Der Fotograf sah die Wolga als Grenze zwischen Europa und Asien, als Tor zum Ural, zum Transkaukasus und nach Sibirien. Die russische Bevölkerung im ausgehenden Zarenreich bestand zu vier Fünfteln aus Menschen, die in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Und so rückte Prokudin die Wolga-Bauern in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Für die Russen waren die Vorstellungen von der Wolga im 19. Jahrhundert ambivalent: einerseits war der Fluß durch die Agrarkolonisation russischer Siedler in den fruchtbaren Wolga-Ebenen zu einem Teil der russischen Landkarte geworden, andererseits hatte die Wolga immer noch einen Hauch von Exotik. Mit dem Aufkommen des russischen Tourismus nutzten zahlreiche russische Intellektuelle, aber auch Adlige und vermögende Bürger die Möglichkeit zu luxuriösen Flußfahrten durch die Wolga-Landschaft. Oftmals fuhr man bis zum Flußdelta nach Astrachan, bestaunte unterwegs die Moscheen und Minarette. Im 19. Jahrhundert erfaßte auch Rußland der Orientalismus, die Nostalgie für alles Orientalische, und den Russen erschien die Wolga zumindest in ihrem südlichen Teil als „orientalischer Märchenfluß.“

Im Ural setzte Prokudin seine Reise mit dem Automobil fort, dem berühmten Ford T-Modell. Während sich der Fotograf an der Wolga vor allem vom ländlichen Leben russischer Bauern fasziniert zeigte, besuchte er in der Bergbauregion des Urals Minen. In seinen Fotografien dokumentiert er die Industrialisierung und damit einhergehend die Veränderung der eurasischen Landschaft. Russische Industrialisierung und Agrarkolonisation brachten weitreichende sozioökonomische Folgen für die uralischen Völker. Udmurten und Baschkiren mußten entweder zur halbsaisonalen Viehzucht übergehen oder in nördliche Gebiete mit schlechterem Weideland ausweichen. Unter russischem Kolonisationsdruck fand also eine Differenzierung der Nomadengesellschaften statt. Die halbsaisonale Viehwirtschaft war in den von russischen Siedlern bevorzugten Orenburgischen Steppen verbreitet, in den Bergen des Urals blieb dagegen Viehzucht die hauptsächliche Wirtschaftsweise.

Scheinbare Kolonialidylle

Mittelasien übte eine besondere Faszination auf Prokudins fotografisches Schaffen aus. Seine Bilder geben Zeugnis über eine Hochkultur mit den Zentren Samarkand und Buchara. Die Region war ein wenig bekannter, exotischer Teil Asiens geblieben, auch nach der russischen Eroberung der mittelasiatischen Khanate in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Unter der russischen Kolonialherrschaft zeichneten sich tiefgreifende Veränderungen ab, die Prokudin in seinen Fotografien allerdings nicht festhielt. Statt dessen zeichnet er ein harmonisches Bild von der asiatischen Peripherie. Seine Bilder sind nicht sozialkritisch und blenden die gewaltsame Fremdherrschaft der Russen in der asiatischen Peripherie aus. Im Norden Kirgisiens und den kasachischen Steppen wurden die Nomaden von russischen und ukrainischen Bauern verdrängt; es kam zu bewaffneten Konflikten. In Turkestan führte der Eisenbahnbau und die Schaffung einer Textilindustrie zu einem Zustrom russischer Arbeiter, so daß turkestanische Städte wie Samarkand und Buchara den Charakter von Kolonialstädten annahmen mit gegenüber den Einheimischen abgetrennten „Europäervierteln“. Prokudins Fotografien täuschen Ruhe und Frieden in Mittelasien vor. Tatsächlich formierten sich seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts religiöse Bewegungen, die zum „Heiligen Krieg“ gegen die „ungläubigen“ Russen und zur Wiedererrichtung der früheren islamischen Khanate aufriefen. Die Anführer entstammten oft Sufi-Orden.

Prokudins Fotografien wurden weltberühmt, er präsentierte sie auf Ausstellungen in Berlin, London und Rom. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges stellte er seine Reisetätigkeit ein, die Oktoberrevolution 1917 zwang ihn schließlich ins Exil, zunächst nach Norwegen und England, schließlich nach Paris, wo er 1943 verstarb. Prokudins Fotokunst steht in engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und kulturellen Aufbruchstimmung im ausgehenden Zarenreich, sie verkörpert aber auch die ästhetische Einstellung der gehobenen russischen Gesellschaft, der Prokudin selbst entstammte. Der Künstler vermittelte ein sehr einfühlsames, respektvolles Bild der Menschen und Landschaften im russischen Vielvölkerreich. Seine Fotografien überliefern ein Stück russischer Geschichte.

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Dr. Eva-Maria Stolberg lehrt am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.

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