Ausländischer Investitionsboom auf dem BalkanSERBIEN

Ausländischer Investitionsboom auf dem Balkan

Nur wenige deutsche Unternehmen entscheiden sich bislang für eine Investition in Serbien. Grund für die Zurückhaltung ist vor allem das schlechte Image des Landes durch die anhaltende politische Instabilität und die Kriege in den 1990er Jahren. Tatsächlich bietet Serbien jedoch mit niedrigen Löhnen, günstigen Steuersätzen und gut ausgebildeten Arbeitskräften beste Investitionsbedingungen.

Von Sven Otto

S ie gilt als Modell für Kommunen in ganz Südosteuropa: Mit zwei Industrieparks in verkehrsgünstiger Lage, einer entbürokratisierten Verwaltung und Unterstützung bei der Ausbildung von Arbeitskräften gehört Indjija, eine 53.000-Einwohner-Stadt zwischen Belgrad und Novi Sad, zu den attraktivsten Investitionsstandorten in der Region. Etwa 60 Unternehmen investierten in den vergangenen acht Jahren bereits rund 300 Millionen Euro – dazu gehören auch der deutsche Autozulieferer Bauerhin und der Chemiekonzern Henkel.

Weitere große Ansiedlungen sind derzeit in Vorbereitung. Das spektakulärste Projekt ist ein riesiger Business Park für die IT-Branche, in den die indische Embassy Group etwa 600 Millionen US-Dollar investieren will. Bürgermeister Goran Ješić rechnet dort in zehn Jahren mit bis zu 25.000 Arbeitsplätzen. Und, fügt er lachend hinzu, die indische Embassy Group investiere natürlich nicht wegen des Namens der Stadt.

Kabelbäume für das BMW-Werk in Regensburg

Etwa 60 km weiter nordöstlich in Zrenjanin beobachtet Siegfried Angerer, wie Frauen in hellgrünen Schürzen zahllose Drähte nach exakten Plänen zu Kabelsträngen zusammenflechten. Angerer ist Geschäftsführer der im bayrischen Vilsbiburg ansässigen Dräxlmaier Group. Erst seit wenigen Wochen produziert der Autozulieferer in Zrenjanin Kabelbäume für das BMW-Werk in Regensburg. Insgesamt 10 Millionen Euro investiert das Unternehmen an dem neuen Standort.

Noch wird die Belegschaft in der halbleeren Werkshalle von Kollegen aus dem rumänischen Temesvar angeleitet, doch bis Jahresende soll die Verlagerung der Kabelbaum-Fertigung nach Zrenjanin abgeschlossen sein. „In Temesvar“, so Angerer, „ist die besonders personalintensive Produktion mittlerweile kaum noch möglich.“ In Rumänien fehlen inzwischen vor allem qualifizierte Arbeitskräfte. Außerdem haben die Löhne seit dem EU-Beitritt spürbar angezogen. In Serbien können Investoren bei einer Arbeitslosigkeit von über 18 Prozent derzeit noch aus den Vollen schöpfen. Die Einstiegsgehälter liegen bei etwa 250 Euro. „Wir sind mit unseren serbischen Mitarbeitern sehr zufrieden. Mittel- und langfristig ist Serbien für uns der richtige Standort“, ist sich Angerer sicher.

Neben niedrigen Löhnen und gut ausgebildeten Arbeitskräften bietet Serbien weitere Standortvorteile. So ist die Körperschaftsteuer mit zehn Prozent die niedrigste in ganz Europa. Unternehmen, die mindestens acht Millionen Euro investieren und 100 Arbeitsplätze schaffen, sind darüber hinaus für zehn Jahre von der Besteuerung befreit. Durch das im April unterzeichnete Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen (SAA) erhält Serbien zollfreien Zugang zu den Märkten der EU.

Freihandelsabkommen mit Russland

Bereits jetzt bestehen Freihandelsabkommen mit den in der CEFTA zusammengeschlossenen Westbalkanländern sowie – für Investoren besonders interessant – mit Russland. Laut Wirtschaftsminister Mladjan Dinkić wird momentan über vergleichbare Abkommen auch mit der Ukraine und Weißrussland verhandelt. Da sich Serbien im Gegensatz zu Rumänien oder Bulgarien nicht an entsprechende EU-Vorgaben halten muss, sind dem Staat zudem bei der Unterstützung ausländischer Investoren keine Grenzen gesetzt.

Vor allem im Fahrzeugbau lockt die serbische Regierung internationale Konzerne mit besonderen Konditionen. Im Mai konnte bereits mit Fiat die Investition von 700 Millionen Euro in die marode Autoschmiede Zastava in Kragujevac vereinbart werden. Als nächstes will der umtriebige Wirtschaftsminister die deutschen Branchenriesen Volkswagen und Daimler für den Bau neuer Montagewerke gewinnen. In deren Windschatten sollen sich dann weitere Zulieferer ansiedeln.

Pharmakonzern Stada kauft ein

Zu den bislang größten deutschen Engagements in Serbien gehören die Übernahme des Arzneimittelherstellers Hemofarm durch Stada für insgesamt 500 Millionen Euro und Investitionen von 150 bzw. 70 Millionen Euro durch die Handelsriesen Metro und Nordzucker. Insgesamt sind deutsche Investoren in Serbien trotz der genannten Beispiele aber noch vergleichsweise zurückhaltend.

Im Bankensektor wurde das Feld vor allem Österreichern, Italienern und Griechen überlassen. Die Gründe für die deutsche Zurückhaltung liegen vor allem in der innenpolitischen Instabilität, dem weiterhin aktuellen Kosovo-Problem, sowie dem schlechten Image des Landes infolge der Kriege in den 1990er Jahren. In Serbien selbst gelten zudem Investoren aus Ländern wie Italien oder Slowenien, aber auch Österreich als wesentlich flexibler.

Die deutschen Unternehmen, die den Schritt in den Balkan-Staat gewagt haben, wissen die guten Investitionsbedingungen allerdings zu schätzen. In einer Umfrage der Deutschen Wirtschaftsvereinigung und der Belgrader AHK bezeichneten im Februar dieses Jahres satte 97 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in Serbien ihre eigene Geschäftslage als befriedigend oder gut. Knapp drei Viertel der Unternehmen rechnen in der nahen Zukunft mit einer weiteren Verbesserung, nur drei Prozent würden sich für ein anderes Land als Investitionsstandort entscheiden. „Die, die hier sind, sind zufrieden“, fasst Ernst Bode, Präsident der Deutschen Wirtschaftsvereinigung in Belgrad, das Ergebnis zusammen.

Der wirtschaftspolitische Reformkurs in Serbien ist unumkehrbar

Bode ist Geschäftsführer des Industriegasherstellers Messer Tehnogas in Smederovo, der bereits seit 1997 von der deutschen Messer-Gruppe kontrolliert wird. Seiner Ansicht nach ist der wirtschaftspolitische Reformkurs in Serbien inzwischen unumkehrbar. Die wirtschaftlichen Vorzüge würden in der Wahrnehmung durch die politischen Themen überlagert. „Auch eine mögliche Regierungskoalition aus Nationalisten und Sozialisten wird sich realpolitisch weitaus pragmatischer geben als im Wahlkampf“, hofft Bode.

Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen Anfang Mai hatten weder das pro-europäische Bündnis aus der Demokratischen Partei (DS) von Präsident Tadić und Dinkićs wirtschaftsliberaler G17Plus noch das nationalistische Lager um die radikale SRS und die DSS von Premier Koštunica eine ausreichende Mehrheit erzielt. Beide Seiten buhlen seither um eine Koalition mit der sozialistischen SPS, den Erben von Milošević. Mittlerweile deutet in Belgrad jedoch vieles daraufhin, dass in absehbarer Zeit eine pro-europäische Regierung zustande kommt.

Weitere Privatisierungen sind geplant

Der bisherige und dann wohl auch künftige Wirtschaftsminister Dinkić plant bereits weitere Privatisierungen. So sollen schon im Juli die Mehrheitsanteile an der staatlichen Fluggesellschaft JAT Airways ausgeschrieben und ein strategischer Partner für den Kupferproduzenten RTB Bor gesucht werden. In Vorbereitung sind Börsengänge der Telekom Srbija und des Energiekonzerns EPS. Darüber hinaus sollen bereits seit längerem geplante Großprojekte wie der Ausbau des Autobahnnetzes und die Errichtung neuer Kraftwerke in Angriff genommen werden.

Als ehrgeiziges politisches Ziel nennt Dinkić eine klare Perspektive für den EU-Beitritt Serbiens am Ende der Legislaturperiode 2012. Eine Regierung mit klarem Europakurs dürfte dann auch vielen deutschen Unternehmen die Entscheidung für eine Investition in Serbien erleichtern.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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