Ausstellungen in Moskau zeigen Verbindungen zwischen Adel in Russland und EuropaGESCHICHTE

Warum deutsche Prinzessinnen an den Zaren-Hof heirateten

Ausstellungen in Moskau zeigen Verbindungen zwischen Adel in Russland und Europa

Zwei Ausstellungen in Moskau zeigen, in welch engem Kontakt die russischen und europäischen Fürstenhäuser im 18. Jahrhundert standen.

Von Ulrich Heyden

Ansehen und Pracht durch Heirat nach Russland: Amtszimmer der Kaiserin Aleksandra Fjodorowna, geborene Prinzessin Alice von Hessen-Darmstadt.
Ansehen und Pracht durch Heirat nach Russland: Amtszimmer der Kaiserin Aleksandra Fjodorowna, geborene Prinzessin Alice von Hessen-Darmstadt.
Foto: Ausstellungssaal der Föderalen Archive Moskau

Manche waren erst 14 Jahre, die ältesten höchstens 22 Jahre alt und kamen aus europäischen Fürsten- und Königshäusern: aus Stettin, Berlin, Darmstadt und Kopenhagen siedelten sie im 18. und 19. Jahrhundert nach St. Petersburg und Moskau über. Die jungen Frauen ließen alles zurück, um einen russischen Großfürsten und  Thronfolger zu heiraten.

Die bekannteste junge Deutsche, die nach Russland ging, war die spätere russische Herrscherin Katharina die Große, die eigentlich Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg hieß und 1729 in Stettin geboren wurde. Von ihr sieht man in der Ausstellung des Moskauer Museums der Föderalen Archive, die noch bis Mitte Juni zu sehen ist, ein grau-rotes, farblich den damaligen Soldaten-Uniformen nachempfundenes Kleid, welches die Zarin mit den deutschen Wurzeln anlässlich von Militärparaden trug.

Heirat nach Moskau als Prestige-Gewinn

„Die Heiratsverbindungen gingen damals kreuz und quer durch Europa. Und selbst für das kleine dänische Adelsgeschlecht bedeutete die Verbindung mit den Romanows einen großen Prestigegewinn“, sagt Professor Nikolaus Katzer, Direktor des Deutschen Historischen Institut in Moskau, der bei der Ausstellungseröffnung ein Grußwort sprach.

Dass heute Jemand aus der europäischen High Society nach Russland heiratet, kommt höchst selten vor. Doch im 18. und 19. Jahrhundert war das ganz normal. Die Fürsten- und Königshäuser Europas waren ineinander verwoben „wie eine kosmopolitische Gesellschaft“, erklärt Professor Katzer.

Kaiserin Aleksandra Fjodorowna, Gattin des letzten russischen Zaren Nikolaus II. auf der kaiserlichen Jacht „Standart“ etwa 1900.
Kaiserin Aleksandra Fjodorowna, Gattin des letzten russischen Zaren Nikolaus II. auf der kaiserlichen Jacht „Standart“ etwa 1900.
Foto: Ausstellungssaal der Föderalen Archive Moskau

Öffnung nach Europa

Dass deutsche Prinzessinnen an den Zaren-Hof heiraten, wurde durch Peter den Großen möglich, mit dem in Russland ein neues Zeitalter begann. Der strenge aber aufgeschlossene Zar, der von 1682 bis 1721 regierte, hatte es sich zum Ziel gesetzt, Russland nach Europa zu öffnen. Am Zaren-Hof führte er europäische Sitten ein.

In der Moskauer Exposition sind zwei handschriftlich von Peter dem Großen verfasste Kleider- und Versammlungsordnungen ausgestellt. Mit einem 1702 erlassenen Ukas ordnete der Zar für die Frauen am Hof Parade-Kleider für offizielle Anlässen an. Beamte mussten, so hatte der Peter der Große an anderer Stelle festgelegt, „deutsche Kleidung“ tragen. In einer zweiten  handschriftlichen Anordnung legte Peter der Große fest, wie größere Zusammenkünfte in Privathäusern zu gestalten seien. An diesen Treffen, die nach dem französisch Wort „Assemblee“ benannt wurden, sollten Männer, Frauen und Kinder teilnehmen, die sich aber nicht nur vergnügen, sondern das Treffen auch für geschäftliche Gespräche nutzen sollten. 

In der höheren russischen Gesellschaft sprach man damals Französisch. Doch bei aller Aufgeschlossenheit gegenüber Europa: Die jungen Prinzessinnen aus Berlin, Darmstadt und Kopenhagen bekamen russische Namen und sie mussten den russisch-orthodoxen Glauben annehmen.

 „Keine Liebe aber enge Freundschaft“

Die fast noch im Kindesalter geschlossenen Ehen zwischen den deutschen Prinzessinnen und den jungen russischen Großfürsten waren nicht besonders stabil. Elisaweta Aleksejewna (geborene Prinzessin Louise von Baden) und Großfürst Aleksandr der Erste waren bei ihrer Hochzeit 14 bzw. 16 Jahre alt. Zu ihrem Verhältnis heißt es im Ausstellungskatalog: Es war „keine Liebe aber eine enge Freundschaft“. So war es kein Wunder, dass das Zaren-Ehepaar außereheliche Beziehungen hatte. Elisaweta – die als sehr schüchtern beschrieben wird – ging nach langem Zögern – sie beschränkte sich zunächst auf Blickwechsel auf der Straße – eine Beziehung zu dem hübschen Kavallerie-Offizier Aleksej Ochotnikow ein. Der Vater von Elisawetas zweiter Tochter „Lisinka“ – die im Altern von 15 Monaten angeblich an einer Infektion starb – soll der hübsche Kavallerist gewesen sein.

„Zarin Katharina und König Friedrich: Das 18. Jahrhundert auf der Leinwand“, zu sehen im Freilichtmuseum des Schlosses Zarizyno.
„Zarin Katharina und König Friedrich: Das 18. Jahrhundert auf der Leinwand“, zu sehen im Freilichtmuseum des Schlosses Zarizyno.
Foto: Heyden

Viktorianische Strenge

Für die jungen Zarinnen arbeiteten die besten Schneider und Juweliere Europas. Die deutschen Prinzessinnen wurden Moskau und St. Petersburg so etwas wie das Vorbild für die Mode in den höheren Gesellschaftskreisen. Nicht immer waren die Russinnen über den Stil der deutschen Zarinnen begeistert. Als Aleksandra Fjodorowna, geborene Prinzessin Alice von Hessen-Darmstadt, Ehefrau des letzten Zaren, Nikolaus II., auf einem Ball eine junge Russin wegen ihres tief ausgeschnittenen Dekolletés kritisierte - „in Hessen-Darmstadt trägt man solche Kleider nicht“ - , bekam sie von der jungen Frau eine gepfefferte Antwort. Der Kammerzofe der deutschen Zarin wurde von der getadelten Russin die Nachricht aufgetragen: „Bestellen sie der Hochwohlgeboren, dass wir bei uns in Russland gerade solche Kleider gerne tragen“.

Rückbesinnung auf die Zaren-Zeit

Die Ausstellung zu den „russischen Herrscherinnen“ ist Teil einer Veranstaltungs-Serie, welche zum 400. Jubiläum der Romanow-Dynastie stattfinden. Schon seit mehreren Jahren versucht der Kreml alte Traditionen aus der Zaren-Zeit wieder zu beleben, was bisher aber vor allem symbolischen Charakter hat und sich im Alltag kaum wiederspiegelt.

Das Goethe-Institut Moskau setzt nun einen eigenen Akzent in der deutsch-russischen Geschichtsbetrachtung. Am 28. Mai eröffnet das Institut in Zusammenarbeit mit dem Moskauer Kino-Museum im südlich des Stadtzentrums gelegenen Schloss Zarizyno eine Ausstellung über Zarin Katharina und den Preußenkönig Friedrich. In der Exposition werden auf unterhaltsame Weise die realen Biographien und deren filmische Interpretation im 20. Jahrhundert gegenübergestellt. Die Zuschauer haben die Möglichkeit, selbst Filmsequenzen „zu schneiden“. 

Informationen zu den Ausstellungen
„Russische Herrscherinnen: Mode und Stil. Ende des 18. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts“, Ausstellungs-Saal der Föderalen Archive, Moskau, Große Pigorowskaja-Straße Nr. 17, geöffnet von 12 bis 18 Uhr. Die Ausstellung läuft bis zum 13. Juni 2013.

„Zarin Katharina und König Friedrich: Das 18. Jahrhundert auf der Leinwand“. Freilichtmuseum Zarizyno, Dolskaja Straße 1, 28. Mai bis November 2013, http://germanyinrussia.ru/projects/cities/14/384?lang=de und www.tsaritsyno.net.

Ausstellung Geschichte Russland

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