Balkan - Wo er liegt und was er istSÜDOSTEUROPA

Wo bitte liegt - und was ist der „Balkan“?

Balkan - Wo er liegt und was er ist

Balkan - Erkundungen in Europas Südost-Ecke. Die Grenzen des Balkan sind unbestimmt. Als Unruheherd beschwört der Balkan seit Jahrhunderten immer wieder neue Gefahren herauf. Dabei könnte der Balkan ein Paradies sein – aber die Bewohner mit ihren romanischen, slawischen, griechischen und illyrischen Abstammungen verstehen sich einfach nicht.

Von Wolf Oschlies | 03.01.2016

Der Balkan - Satelliten-Foto aus Google Earth  
Der Balkan - Satelliten-Foto aus Google Earth  

Die Szene ist unvergessen: Der slowenische Staatspräsident Milan Kucan tritt ans Rednerpult und sagt: „Slowenien liegt nicht auf dem Balkan…“ Auf den Gesichtern der vielen Zuhörer breitet sich ein Lächeln aus, aber kein wohlmeinendes – eher eines von der Art: „Lerne Geographie, du Narr“. Der ebenfalls anwesende makedonische Staatspräsident Kiro Gligorov nutzte seine Chance, als er an der Reihe war und begann so: „Makedonien liegt nicht nur auf dem Balkan – es ist das Herz des Balkans!“ Weiter kam er erst einmal nicht, denn stürmischer Szenenapplaus zwang ihn zu einer längeren Pause.

Das war im März 1993 vor dem hochkarätigen Forum „Europäischer Dialog“. Es fand in Bonn statt, das damals noch Bundeshauptstadt war. Moderator der Gespräche war Peter Glotz. Doch es gibt heute nicht weniger Verwirrung, wenn vom Balkan die Rede ist. Wo bitte liegt und was ist der Balkan? – Viele Zeitgenossen sind darüber nur wenig im Bilde.

„Nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert“

Balkan-„Erfinder“ Zeune  
Balkan-„Erfinder“ Zeune  

Die Region Balkan könnte die wärmste, anregendste, bunteste und klangvollste Europas sein. In Wahrheit aber gilt sie als das Gegenteil dieser Eigenschaften, und das schon seit geraumer Zeit: „Der ganze Balkan“, soll Bismarck am 5. Dezember 1876 im Reichstag gedonnert haben, „ist mir nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert“. Eugen Richter, Abgeordneter der Deutschen Fortschrittspartei, hatte den „Eisernen Kanzler“ zu diesem Ausfall gereizt, der seither immer wieder zitiert wird. Tatsächlich gebrauchte Bismarck den Ausdruck „Balkan“ nicht ausdrücklich, weil der so „jung“ war, dass er sich noch nicht allenthalben herumgesprochen hatte.

„Balkan“ bezeichnet in der türkischen Sprache einen „bewaldeten Höhenrücken“, also eine sehr passende Bezeichnung für jenes Gebirge, das die antiken Griechen „Haemus“ nannten und die Bulgaren immer noch „Stara Planina“ (Alter Berg) nennen, beispielsweise in der ersten Zeile ihrer Nationalhymne. Der Berliner Blindenlehrer und Geograph Johann August Zeune (1778-1853) begründete 1808 den Usus, die südosteuropäsche Halbinsel nach ihrem größten Gebirge zu benennen.

„Balkan“-Propagator Kanitz  
„Balkan“-Propagator Kanitz  

Was im Falle Italiens als „Apennin-Halbinsel“ bereits die Norm war, wiederholte sich nun im europäischen Südosten, gefördert vor allem durch die Bücher des deutschen Ethnographen und Illustrators Felix Kanitz (1829-1904). Vermutlich ohne Absicht des Autors etablierte sein monumentales Werk „Donau-Bulgarien und der Balkan“ die seither übliche Benennung der Region, wobei die Auswahl des türkischen Gebirgsnamens dem Umstand Rechnung trug, daß fast der ganze „Balkan“ seit Jahrhunderten unter osmanischer Herrschaft war. Bulgarien beispielsweise war seit 1393 unter diesem „Joch“, von dem es erst im Gefolge des Russisch-Türkischen Krieges 1877/78 freikam – den die Russen glänzend verloren hätten, wären ihnen nicht Kanitz’ Karten und bulgarische Freiwillige zu Hilfe gekommen. Der „Balkan“ war ein Begriff geworden!

So „griffig“ die Benennung ist, so vage ist sie auch: Kaum jemand hat es jemals gewagt, den Balkan exakt zu definieren oder gar in Quadratkilometern auszumessen.  Für den Namensgeber Zeune umfasste der Balkan lediglich Albanien, Bulgarien, Makedonien und Griechenland, was nur scheinbar präzise ist: Die solchermaßen benannten Staaten entstanden erst Jahrzehnte später und bis dahin war es europäische Konvention, historische Landesnamen auch auf jene Teile des Osmanischen Imperiums anzuwenden, die von den Türken integral als Rumelien geführt wurden.

Wo fängt der Balkan an, auf gewissen Straßen der Wiener Innenstadt oder in Harburg?

Balkan-Romancier Andric  
Balkan-Romancier Andric  

Diese balkanische Desorientierung bestand zu allen Zeiten und war oftmals Anlass zu mehr oder minder humorigen Standortbestimmungen. Schon zu Zeiten des Fürsten Metternich (1773-1859) wurde der „Anfang“ des Balkans auf gewisse Straßen der Wiener Innenstadt verlegt. Vor dreißig Jahren lauschte alles den witzigen Liedern der „Hamburger Szene“, deren eines den Refrain hatte „In Harburg fängt der Balkan an“. Harburg ist der südelbische Vorort von Hamburg. Südlich Wiens, in Slowenien und Kroatien, ist ausgesprochen riskant, diese Länder zum „Balkan“ zu zählen. Und wer gar den herostratischen Mut aufbrächte, in Ungarn den Landesnamen und „Balkan“ in einem Satz zu vereinen, der hätte augenblicklich ganze Auditorien gegen sich aufgebracht. Offenkundig will nicht jeder zu der Region gehören, deren Grenzen ein geistvoller Soziologe aus Belgrad 1972 so bestimmte: „Der Balkan beginnt dort, wo die Toiletten der internationalen Züge eine Stunde nach Grenzübertritt zum Davonlaufen aussehen“.

Warum Balkan-Namensgeber Zeune gewisse Gebiete nicht zum Balkan gezählt hatte, war schon seinen Zeitgenossen unklar und kann bis heute nur vermutet werden – vielleicht weil Montenegro nie völlig von den Osmanen erobert worden war und weil in Serbien seit 1804 Aufstände tobten, die das Land mehr und mehr aus dem Imperium lösten. Die 400 oder (je nach Land) gar 500 Jahre osmanischer Fremdherrschaft waren nach den Worten des jugoslawischen Literatur-Nobelpreisträgers Ivo Andric (1892-1975) auch die „Periode einer wunderbaren Ruhe“, was ja stimmt, wenn man sich erinnert, wie viele Kriege, Revolutionen, Unglücke, Epidemien etc. in derselben Zeit im restlichen Europa abliefen. Nur die Aufstände, die nacheinander alle balkanischen Völker gegen die fremden Herren anzettelten, machten dieser Ruhe ein jähes Ende. Das war nicht so sehr die Schuld der „Balkanesen“ selber, sondern importierter Hader.

1774 hatte sich Katharina die Große im Vertrag von Küçük Kaynarca, ein Dorf im Nordosten Bulgariens, die Rolle als Protektorin der „christlichen Balkanvölker“ ausbedungen. Der Balkan interessierte die Russen-Zarin überhaupt nicht, die ihn allein als Zwischenetappe ihres „griechischen Projekts“ sah, der Restitution des Imperiums von Byzanz, nunmehr unter russischer Herrschaft. Das aber missfiel den Habsburgern, und unter dieser russisch-österreichischen Rivalität litt der Balkan das ganze 19. Jahrhundert über.
An dieser „orientalischen Frage“ sollte Deutschland nicht mitleiden! Das war die eigentliche Botschaft Bismarcks in rebus balcanicis, wie er, der Russlandfreund aus außenpolitischem Kalkül, dem Reichstag am 11. Januar 1887 erneut erläuterte: „Ich wiederhole alles, was ich früher mit dem viel gemißbrauchten und totgerittenen Ausdruck von den Knochen eines pommerschen Grenadiers (!) gesagt habe: die ganze orientalische Frage ist für uns keine Kriegsfrage. Wir werden uns wegen dieser Frage von niemand das Leitseil um den Hals werfen lassen, um uns mit Russland zu brouilliren (= entzweien). Die Freundschaft von Russland ist uns viel wichtiger als die von Bulgarien und von allen Bulgarenfreunden, die wir hier bei uns im Lande haben“.

„Lieber Gott, mach’, dass meinem Nachbarn auch die Kuh verreckt!“

Bis heute findet man Bulgaren-, Serben-, Kroaten-, Griechen-Freunde etc., aber keine Balkan-Freunde. In der Gesamtschau gilt der Balkan als Heimat eines zänkischen und streitsüchtigen Völkergemischs, das auch durch „Balkanisierung“, also die Aufteilung in immer neue „Staaten“, nicht zu befrieden ist. Weil jeder neue Staat auf Kosten anderer entstand, sich entwickelte und ausdehnte. Schon die „Balkankriege“ 1912/13 waren nur oberflächlich der Versuch der vereinten Balkanvölker, die jahrhundertelange Fremdherrschaft der Osmanen endgültig abzuschütteln – tatsächlich ging es um den Besitz des gesamten Makedoniens, und weil sich die Sieger nicht einigen konnten, folgte dem ersten sofort der zweite Balkankrieg mit der Teilung Makedoniens unter Griechenland, Serbien, Bulgarien und Albanien, die im anschließenden Ersten Weltkrieg für alle Zeit „zementiert“ wurde. Erst seit wenigen Jahren haben Athen, Belgrad, Sofia und Tirana zähneknirschend eingesehen, dass Makedonen weder „West-Bulgaren“, „Alt-Serben“ oder „slavophone Hellenen“ und Makedonien kein „Teil des historischen Kosovo“ sind. Was das endlose Gezänk unter Balkanvölkern nicht beendete: „Lieber Gott, mach’, dass meinem Nachbarn auch die Kuh verreckt!“ Kann balkanische Politik nicht anders aussehen als in diesem urbalkanischen Witz illustriert? Ist der Balkan verurteilt, auf ewig Europas friedlose Region zu bleiben?

Balkanische Romanen, Slawen, Hellenen und Illyrer – alles eins?

Wenn er so wäre, handelte es sich um Familienkräche, die bekanntlich immer die härtesten sind. Alle Menschen des Balkans sind eine große Familie und ihre Sprachen verdeutlichen diese ethno-linguale Einheit. So haben es viele behauptet, am nachdrücklichsten der Däne Kristian Sandfeld-Jensen (1873-1942), der Begründer der „Balkanlinguistik“. Man bedenke: romanische Rumänen, slawische Slowenen, hellenische Griechen, „illyrische“ Albaner etc. – alles ein und dasselbe? Jawohl, sagen die Philologen, die seit Sandfeld nach dem „gemeinsamen Substrat aller Balkansprachen“ suchen.

Die Slawen kamen im späten 6. Jahrhundert auf den Balkan. Die Osmanen (oder Türken) im 13. Jahrhundert. Die Griechen waren schon immer da. Die Rumänen sind die romanisierten Nachfahren der balkanischen Urvölker der Daker und Geten. Die Albaner gar sind das „älteste Volk Europas“ – behaupten die Balkanvölker von sich, was man glauben kann oder nicht. Die slawische Landnahme ist mehr oder weniger verbürgt, zumeist durch Chroniken aus Byzanz, von deren Bürokratie die Slawen, die am weitesten nach Süden vordrangen, auch ihren Volksnamen bekamen, „makedonische Slawen“ oder „Makedonen“. Bei anderen Völkern ist es schwieriger: Um die Volkwerdung (oder Ethnogenese) der Rumänen tobt seit 150 Jahren der „Kontinuitätsstreit“, der über der Rechnung Daker-Geten + römisches Ferment = Rumänen nachgrübelt. Zu einem Ergebnis ist man bislang nicht gekommen und zitiert folglich gern den sprichwörtlich gewordenen Titel „O enigma si un miracol istoric: poporul român“ (Ein Rätsel und ein Wunder der Geschichte: Das rumänische Volk), den der rumänische Historiker Gheorghe Bratianu (1899-1945) 1940 seinem berühmtesten Buch gab. Immerhin weiß man von den Rumänen mit Sicherheit, dass es sie spätestens ab dem 12. Jahrhundert gab, wie immer sie auch entstanden sein mochten. Bei anderen hat man da Schwierigkeiten: Die heute so katholischen und nationalistischen Slowenen haben sich erst durch die Bibelübersetzungen ihres protestantischen Geistlichen Primož Trubar (1508-1586), der jahrzehntelang in Deutschland leben und arbeiten musste, zu einer eigenständigen Kulturnation in der Familie der Balkan-Slawen entwickelt. Eine albanische Nation wurde 1595 erstmalig erwähnt – von einem italienischen Autor. Und was gar die Griechen betrifft, so wird jeder eindringlich gewarnt, in deren Gegenwart den Namen Fallmerayer zu erwähnen.

Ein Gelehrter - wie die Nadel auf einen Luftballon

Balkan-Beunruhiger Fallmerayer  
Balkan-Beunruhiger Fallmerayer  

Jacob Philipp Fallmerayer (1790-1861) war ein großer Byzantinist und Balkankenner, zudem ein journalistisches Urtalent, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in eingängiger Form über die Augsburger „Allgemeine Zeitung“ in Europa verbreitete. Hier und in seinen Büchern tat er der europäischen Griechenbegeisterung den denkbar größten Tort an: In denen, die auf dem Peloponnes und in der Nachbarschaft leben (befand Fallmerayer), fließt „kein Tropfen althellenischen Blutes“, die antiken Reiche wurden von den Osmanen beerbt, denen die Russen folgen werden, und unter diesen Zeitläuften wurden die alten „Hellenen“ durch ein „slavisch-türkisch-albanisches Völkergemisch“ ersetzt. Diese Behauptung löste in Griechenland erstens einen Schock und zweitens die Sprachereform in Dimokite (Volkssprache) und Katharevouza (reine Hochsprache) aus, aber bis heute wirkt dieser brave Stubengelehrte auf griechisches Selbstwertgefühl wie die Nadel auf einen Luftballon.

Wir Heutigen sehen die interethnischen Zwiste auf dem Balkan natürlich auch, konnten sie angesichts des ex-jugoslawischen Bürgerkriegs in den 1990-er Jahren auch schwer übersehen. Wir bemühen uns, die Kriegsfolgen zu beheben – mit denkbar schlechtestem Erfolg: Nirgendwo ist der Balkan so „balkanisch“ wie dort, wo die internationale Gemeinschaft am präsentesten ist, also in Bosnien und im Kosovo. Daneben stehen unsere „europäischen Werteinteressen“ (wie es die Balkankennerin Marie-Janine Calic formulierte): Wir wollen einen friedlichen Balkan, auf diesem befriedete Länder und in jedem Land ein garantiertes Mindestmaß an Menschen- und Minderheitenrechten! Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Erbsünde des Balkans

Warum müssen wir das? Wir müssen es nicht, aber wir tun es – und haben keinen Erfolg, weil wir die „Erbsünde“ des Balkans nicht erkennen. Die serbische Soziologin Lidija Basta-Posavec hat sie 1994 in einem Vortrag in der Schweiz erläutert: Titos Partisanen hatten im November 1943 im bosnischen Jajce beschlossen, nach dem Krieg in Jugoslawien einen „föderalen Neuanfang“ zu wagen. Knapp zwei Jahre später taten sie das auch, streng nach dem Prinzip „ein Volk – eine Republik“. Wo es, wie in Bosnien, nicht die eine Nation gab (weil dort seit Jahrhunderten Serben, Kroaten und Muslime friedlich koexistierten), wollte man nur eine Autonomie konzedieren – was die bekannt „hartköpfigen“ Bosnier im Sommer 1945 mit wochenlangen Krächen verhinderten. Autonomie bekamen fortan nur die Völker, deren Mehrheit außerhalb Jugoslawiens lebte, also die Ungarn in der Vojvodina und die Albaner im Kosovo. So wurde die jugoslawische Föderation „konstruiert“, die alle Welt für die geglückte Lösung des altbalkanischen Urübels, der interethnischen Konflikte, hielt.

„Ethnizität wurde so hoch angesiedelt, dass für Demokratie kein Platz mehr blieb.“

Balkan-Kritiker Suvar  
Balkan-Kritiker Suvar  

Der kroatische Soziologe Stipe Suvar (1936-2004) wies indessen bereits 1972 auf die schweren Konstruktionsfehler des Landes hin: Ethnizität wurde so hoch angesiedelt, dass für Demokratie kein Platz mehr blieb – kollektive Volksgruppenrechte vergab man, individuelle Menschenrechte vergaß man. Die Folgen waren umgehend allenthalben zu spüren: In den Republiken schürten nationalistische Eliten die Abneigung gegen alle „Bruderrepubliken“, in den „autonomen Provinzen“ begehrten ethnische Minderheiten auf, die sich gegenüber den Republiken benachteiligt fühlten. Der Bürgerkrieg der 1990-er Jahre begann im Grunde bereits im November 1943.

Nur wer das ethnizistische Wesen balkanischer Politik beseitigt, kann den Balkan „entbalkanisieren“. Bislang weiß oder will die internationale Gemeinschaft das nicht, setzt vielmehr auf Wahlen, die z.B. in Bosnien mit der Regelmäßigkeit fünfter Jahreszeiten stattfinden – und nur dazu führen, die Position der alten National- und Kriegsparteien zu festigen, also der „Kroatischen Demokratischen Union“ (HDZ), der „Serbischen Demokratischen Partei“ (SDS) und der „Partei der demokratischen Aktion“ (SDA). Vom Kosovo gar nicht zu reden, wo sich die drei führenden Parteien – „Demokratische Liga des Kosovo“ (LDK), „Demokratische Partei des Kosovo“ (DPK) und „Allianz für die Zukunft des Kosovo“ (AAK) buchstäblich bis aufs Messer bekriegen und sich auf keine einzige praktische Frage einigen können, ausgenommen die „Souveränität des Kosovo“, die in der Kosovo-Resolution 1244 der Vereinten Nationen nicht vorgesehen und im Grunde international auch nicht gewollt ist.

Alle Balkanstaaten wollen in die NATO, betrachten aber den nächsten Nachbarn als Erbfeind, dem es auf jede Weise zu schaden gilt – wie beispielsweise am kroatisch-slowenischen Dauerstreit um die Grenze in der Adria zu sehen ist. Alle wollen auch in die EU, denken aber kaum daran, ihre Wirtschaftskooperation und Außenhandel im eigenen balkanischen Umfeld zu fördern. Alle geben sich betont „europäisch“, nutzen aber nur Prinzipien aus dem 19. Jahrhundert, etwa das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“, um ihre Träume von einem „Groß-Albanien“, „Groß-Kroatien“ etc. durchzusetzen. Aus der Diskrepanz hehrer Ziele und barbarisch-balkanischer Politik resultieren Konflikte, die halbwegs unter Kontrolle zu halten, sich die internationale Gemeinschaft dreistellige Milliardensummen kosten ließ, ohne nennenswerte Verbesserungen zu erzielen.  

Was der italienische Diktator Mussolini versuchte – und womit er scheiterte

Zur Durchsetzung europäischer Werteinteressen hatte die Gemeinschaft bislang sehr gute Ideen gehabt, beispielsweise die seit der Antike vermisste „Balkan-Transversale“ zu bauen: als Verkehrskorridore, als Erdöl-Pipeline AMBO (Albanien-Makedonien-Bulgarien) etc. Der letzte, der das versuchte, war der italienische Diktator Benito Mussolini, der damit aber scheiterte. Was nicht heißt, dass gegenwärtige Europäische Verkehrsplanungen auf den Spuren des Urvaters des Faschismus wandelten. Die heutigen Gleisbauer scheinen vielmehr eine balkanische Ureigenschaft positiv zu berücksichtigen, die „Wasserscheu“ der meisten Südosteuropäer. Zwar leben sie an Mittelmeer, Adria, Ägäis, Schwarzem Meer, Donau etc., aber sie haben nie mit dem Wasser gelebt. Ausgenommen die Griechen, die geschichtsnotorische Seefahrer und Küstenbewohner sind, waren alle Balkanvölker stets extrem landgebunden, eben wasserscheu. Das hatte auf der anderen Seite den großartigen Effekt, dass die „Balkanesen“ stets wagemutige Eisenbahnbauer waren, die auch störrigste Höhen, etwa das Balkangebirge quer durch Bulgarien, mittels kühner Gleisschleifen überwanden und so Spuren legten, denen wir heute folgen können.

Das skandinavische Beispiel auf den Balkan angewendet

Balkan-„Romantiker“ Wendel  
Balkan-„Romantiker“ Wendel  

Balkanslawen sind ein Volk, sprechen eine Sprache und träumen von einem gemeinsamen, freien Staat – schrieb Leopold von Ranke (17795-1886) bereits 1829 in seiner „Serbischen Revolution“, welches Buch bei Serben bis heute Kultstatus genießt. Knapp 100 Jahre später wiederholte ein anderer Deutscher, der Reichstagsabgeordnete und exzellente Balkankenner Hermann Wendel (1884-1936), denselben Gedanken – der nicht dadurch falsifiziert wird, dass man auf dem heutigen Balkan von einer „serbischen“, „kroatischen“, „bosnischen“, „montenegrinischen“ etc. Sprache faselt. Die internationale Gemeinschaft ignoriert so etwas souverän, indem sie lakonisch „local languages“ akzeptiert. Wer die naturgegebene ethnische, sprachliche und kulturelle Einheit der Südslawen nationalistisch sprengen möchte, dem seien die Bücher des norwegischen Balkan-Experten Svejn Mønnesland unter die Nase gehalten: Wenn jemand weiß (argumentiert Mønnesland), was es heißt, in ungeliebten Reichen und Unionen leben zu müssen, dann doch wohl wir Schweden, Norweger, Dänen etc., denn viel zu lange haben wir uns die Köpfe eingeschlagen; erst als wir uns trennten, wurde wir die ganz informelle Geschichts-, Regional-, Wirtschafts- und Schicksalsgemeinschaft „Skandinavien“, die in aller Welt Maßstäbe für Demokratie und Wohlstand setzt. Dieses Beispiel auf den Balkan angewendet, möchte man Mønnesland „fortschreiben“: Einen abermaligen südslavischen Staat wird es nicht geben, aber als sozusagen balkanisches Skandinavien ist ein Jugoslawien nicht nur wünschenswert, sondern auf Dauer unvermeidlich. Zum Glück!

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