Batumi BoulevardKAUKASUS

Batumi Boulevard

Batumi Boulevard

In der Hauptstadt des von Georgien abtrünnigen Adschariens hat sich ein erstaunlicher Wandel vollzogen: von Grau nach Bunt. Es gibt westlichen Luxus und das, obwohl in manchen Köpfen die Anziehungskraft des Westens stark zurückgegangen ist.

Von Andrea Jeska

V ier Jahre, eine Revolution und einen Regierungswechsel lang bin ich nicht mehr in Batumi am Schwarzen Meer gewesen, der Hauptstadt Adschariens. Mein letztes Einreisen und auch das Ausreisen geschahen zu Lande. Mein letzter Eindruck von Adscharien war der des völligen Übermüdetseins. Viele Stunden hatte ich am Grenzübergang zwischen Georgien und der Türkei gestanden und zugesehen, wie die Zöllner mitreisende Frauen drangsalierten, die mit blauen Plastiktaschen voller billiger Schuhe zum Markt nach Istanbul reisen wollten.

Witwen des Bürgerkriegs waren das, das Schwarz der Trauer  trugen sie seit Jahren und würden es auch nie wieder ablegen. Im Schaukeln des Busses in der langen Nacht, die wir brauchten, um vom georgischen Norden kommend Batumi zu erreichen, hatten sie mir ihre Geschichte erzählt und ihre aus dem eigenen Garten mitgebrachten Früchte mit mir geteilt. Am Ende dieser Nacht waren wir Schwestern geworden, wie man eben Schwestern wird, wenn man flüsternd im Dunkel die Geheimnisse und die Schatten seines Lebens austauscht.

Die bittere Melancholie des Wartens

In Batumi hatten wir damals einen Tag lang Aufenthalt, und ich erinnere mich an eine große Einsamkeit, die mich befiel. Nachkriegs- und Krisengebiete haben diesen Hang, Einsamkeit zu verbreiten. Dem stumpfen Verharren in Nischen, dem  Überleben  zwischen der Gewalt von Gestern und dem Warten auf den Frieden von Morgen hängt eine bittere Melancholie an.

Diesmal landete ich auf dem neu erbauten Flughafen, wurde freundlich von geschulten Passbeamtinnen begrüßt und mit einem „Willkommen in Batumi“ nach routinierter und schikanenloser Kontrolle ins Land Georgien entlassen. Wie von einem quälenden Schreck waren meine Knie weich, als ich mein Gepäck vom modernen Laufband hob. Mit allem hatte ich gerechnet, gegen alles mich gewappnet. Nicht aber gegen die Freundlichkeit, die Leichtigkeit. Beide hatten etwas Schlüpfriges, schienen mir wie Verrat an jenem, was Adscharien einmal war:  Ein Land der Anarchie und des Meerwindes, ein vom Mutterland abgespaltenes Gebiet, in dem man furchtsam und vorsichtig leben musste. Fremde waren nicht willkommen.

Damals regierte in Tiflis noch Eduard Schewardnadse und in der autonomen Republik Adscharien regierte Aslan Abaschidse. Beide waren alte sture Männer, die ihr politisches Handwerk im Kommunismus gelernt hatten. Und beide regierten, als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen Politik und Verantwortung. Aus Adscharien sah Tiflis jedoch keinen Lari Steuern, und auch die in der Hauptstadt erdachten Gesetze fanden an der Schwarzmeerküste keine Anwendung. Die gesamte Wirtschaft um Batumi war der Selbstbedienungsladen der Abaschidse-Familie, politische Gegner  wurden verjagt oder starben bei Autounfällen. Die in der Sowjetzeit belebten Hotels der Stadt verkamen zu bröckelnden Mauern und waren bald im subtropischen Klima wieder von Wein und Efeu überwuchert.

Ungebildete und ungezogene Männer mit Machogehabe

Dass Abaschidse diese Gratwanderung gelang, lag an der wirtschaftlichen Bedeutung des Hafens von Batumi, wo das Öl Aserbaidschans verladen wird. Und an der Unterstützung Russlands, welches eben diese wirtschaftliche Bedeutung schätzte und, wäre es zum offenen Krieg zwischen Schewardnadse und Abaschidse gekommen, dem Herrscher von Adscharien zu Hilfe geeilt wäre.

Autonom bedeutete damals in Adscharien, bei Einfahrt in dieses Gebiet an Straßensperren aus dem Auto gezwungen zu werden und manchmal in den Lauf einer AK 47 zu blicken. Es waren nicht die Besten, die sich dafür hergaben, für Abaschidse oder für die eigene Tasche Wegegeld einzufordern, mit herrischer Geste Pässe zu kontrollieren und Angst zu verbreiten. Es waren ungebildete, unerzogene Männer mit schwarzen Lederjacken. Am rüden Ton dieser Männer schrumpfte die Suche nach den Ursachen der schwelenden und offenen Kriege des Kaukasus zu einer primitiven Machogestik. 

Virginia Wolffs These, nur Männer führten Krieg, für sie läge eine Glorie, Notwendigkeit  und Befriedigung im Kämpfen, fand im damaligen Georgien,  ja im gesamten Kaukasus ihre Bestätigung – und tut es in Kabardino, in Dagestan, in Inguschetien und auch in den Randgebieten Georgiens noch immer. Wo es Söldnerheere und Kämpfertruppen gibt, gibt es auch Frauen, die in schäbigen Lagern oder in Häuserruinen, mit kargem Geld oder ganz ohne den Familienalltag organisieren. Den Männer sind die separatistischen Gebiete  eine Art Freihandelszone für diesen Drang nach Glorie und Befriedigung.

Batumi hat sich von Grau nach Bunt gewandelt

Am Tage meiner diesmaligen Ankunft war wieder Unruhe in Georgien, diesmal in der Hauptstadt, wo die unglaubwürdigen Ergebnisse der Parlamentswahlen für Wut und Ausschreitungen sorgten. In Batumi waren die Straßen, die Parks, die Strandpromenade fast menschenleer. Ich hätte gerne jemanden getroffen für meine Fragen, wie es ist, im neuen Adscharien zu leben. Aber die wenigen geöffneten Cafés waren ebenfalls verlassen, und niemand konnte mir sagen, ob die gespenstische Stille in Batumi die Grabesstille des alten Adschariens ist, wo man sich in Zeiten politischer Unruhen lieber in seine Wohnungen verkroch. Oder die Selbstverständlichkeit des neuen Adschariens, wo man um seine Bedeutung weiß und es nicht nötig hat, gegen einen im fernen Tiflis autokratisch regierenden Präsidenten zu demonstrieren.

Batumi hatte sich vom Grau in Bunt gewandelt. Damals waren mir die grauen Mietsblöcke wie Ungeheuer mit blinden Augen erschienen. Jetzt waren sie gestrichen: in Flieder und Pink, in Grün und einem Blau, welches dem des Himmels ähnelt. Ich fand es lächerlich und berührend zugleich, dass die neue Freiheit architektonisch wie Playmobilland aussieht. Die neue Strandpromenade hatte man mit Bänken im Stil des Pariser Art Deco bestückt. Solche, wie man sie in Deutschland schon in Baumärkten kaufen konnte, als in Georgien zum einen die Kunst des unbeschwerten Flanierens erstorben war. Und zum anderen, was sich auseinanderbauen und weiter verkaufen ließ, innerhalb von wenigen Tagen zum Diebesgut wurde. Dass diese Bänke in großer Zahl und ohne eine Lücke standen, war vielleicht mehr als alles andere der Beweis einer Verbesserung der Zustände.

Saakaschwili sei ein guter Präsident – Batumi boome

Man hatte die Wahl zwischen Bänken, auf deren Rückenlehne „Welcome“ stand. Oder solche mit der Aufschrift „Batumi Boulevard“. Ich setzte mich auf „Batumi Boulevard“, nach einer Weile nahm auf „Welcome“ neben mir ein junges Liebespaar Platz. Wir kamen ins Gespräch, und wie auswendig gelernt beantwortete er all meine Fragen nach dem neuen Batumi und nach den Überresten des alten - der Korruption, der kriminellen Banden, der Halsabschneider -  mit beschwichtigenden Sätzen. Alles sei gut, alles werde noch besser, die Zukunft habe begonnen, solche Sätze waren es. Sie zerrten an meiner Geduld, und ich fragte nach der Parlamentswahl. Da sagte er, das seien die typischen Ideen des Westens, die Eingang gefunden hätten in den Köpfen der Georgier, Saakaschwili sei ein guter Präsident, Batumi jedenfalls boome.

Ob Georgien denn noch immer in die EU wolle? Ja, aber nicht mehr um jeden Preis, zu jeder Bedingung, schließlich sei Georgien ja Asien und da gäbe es andere Partner. Er meinte die Chinesen. Die Erfindung von Feindbildern und die Wahrnehmung der Wirklichkeit in einer Art und Weise, die solche Feindbilder nie ins Wanken bringt, sondern in allem manifestiert, ist ein Weg, Krisenzeiten zu überstehen.

Feindbilder, die alle Krisenzeiten überdauern

In allen Gegenden Georgiens, den zum Land gehörenden und den abgespaltenen, erzählte man sich zu Zeiten des Bürgerkriegs und in der langen, zornigen Phase danach, der jeweilige Gegner –die Abchasen, die Tschetschenen, die Osseten, die Adscharen oder die Georgier -  hätten  schwangeren Frauen die Embryos aus dem Leib geschnitten. Dazu zeigte man unscharfe Bilder von aufgedunsenen Körpern, von Frauen mit hochgeschobenen Röcken und gespreizten Beinen, mit Blutlachen unter dem Unterkörper.  Allein die Scham über diese entstellte Intimität verbot einen zweiten Blick auf die Echtheit dieser Fotografien. Wahr oder nicht: derart entmenschlichtes Verhalten entband von der Notwendigkeit, die Anderen, die Gegner, als Menschen  zu behandeln.

Das war schlimm. Schlimmer aber war, dass es auch davon befreite, an seine eigenen Maßstäbe die der Menschlichkeit anzulegen. So scheitert die Bildung einer Zivilgesellschaft in Georgien bis heute nicht allein an der Unfähigkeit der jeweiligen Regierungen, sondern auch an der zivilen Unreife seiner Bürger. Zu oft beschwört man die Überlegenheit der eigenen Kultur und Geschichte. Anstelle der Verantwortung für das eigene Handeln werden kollektive Werte wie Ehre und Stolz zum Maßstab der zwischenmenschlichen Interaktion.

Metaphysik der Hoffnungen überrennt politische Vernunft

Jener junge Mann in Batumi erzählte noch davon, wie Georgien Europas Rat nicht mehr brauche, nicht die Einmischung der Wahlbeobachter und auch die europäischen Gelder nicht. Und auch wenn es keine repräsentative Meinung war, so zeigt sie einen trotzigen Stolz, der sich an Wünschen, nicht an der Wirklichkeit orientiert. Am heutigen Batumi zeigt sich, wie diese Metaphysik der Hoffnungen politische Vernunft überrennt.

Überall am Strand und in der Stadt entstehen riesige Appartementhäuser und Hotelkomplexe. Noch sind die meisten davon nur ein gigantischer Bauzaun und ein Schild mit den Namen der jeweiligen Bauherrn, Investoren aus Kasachstan, aus der Türkei, aus Aserbaidschan. Noch immer hängen an den offiziellen Gebäuden Schilder, die Batumi als autonomes Gebiet ausweisen. Tatsächlich aber hat Tiflis die Kontrolle. Damals, als es im georgischen Parlament Rosen regnete, als man den Sieg Saakaschwilis über Schewardnadse, den des Aufbruchs über die Erstarrung feierte, hatte sich Abaschidse mit der Unsensibilität von Diktatoren an seine Macht geklammert und geglaubt, die samtene Revolution werde sein Land nicht erreichen. Wer schon immer gerne Krieg spielen wollte, nahm sein Gewehr und half die imaginären Grenzen Adschariens gegen den Rest des Landes zu verteidigen. Und wie immer dort, wo die Definition von Heimat und kultureller, religiöser Identität sich auf eine kleine Gruppe, ein kleines Gebiet beschränkt, wo die Gedanken, die Einsichten und die Erfahrungen sich über diese engen Grenzen  nicht hinausbewegen – oder hinausbewegen dürfen – trat unter dem Druck von Tiflis in Adscharien eine Erstarrung ein, die nur zwei Möglichkeiten ließ. Das alte System endgültig zu besiegen. Oder es mit allen Mitteln zu verteidigen. Als sich dann auch Russland von Abaschidse abwandte, war sein Schicksal besiegelt: Er und mit ihm seine ganze Familie gingen ins Exil nach Moskau.

Schuhe von Bata und Kleidung von Versace

Der Subjektivität des reisenden Zeugen einer Entwicklung kann man mit scheinbar objektiven Fakten entgegenwirken. Nur deshalb beschreiben Journalisten die Auslagen der Läden, die Marken der Autos, die  Kleidung der Menschen. Im neuen Batumi kann man Schuhe von Bata und Kleidung von Versace kaufen, Mobiltelefone aller Marken, Vakuumstaubsauger mit Allergiefilter, Sonnenbrillen vom Designer und Kaffee aus Fair-Trade-Anbau. Die Preise dafür sind die des europäischen Westens, sind manchmal zehnmal so hoch wie ein Durchschnittsgehalt, und man findet keine Antwort auf die marktwirtschaftliche Machbarkeit dieser Diskrepanz zwischen Preis und Lohn.

Vielleicht sagt diese Diskrepanz etwas über das neue Adscharien, das neue Georgien. Vielleicht aber auch nicht. Im alten Adscharien konnte man eine Kalaschnikow für 100 Dollar erwerben. Und doch musste auch das nichts heißen. Froh jedenfalls stimmt, dass die farbenfrohe westeuropäische Mode endlich das Einheitsschwarz des Georgiens unter Schewardnadse verdrängt, als man dachte, das ganze Land kleide sich in Trauer.  Und dass es bequeme Schuhe für die Frauen gibt, andere als die billigen schwarzen Pumps mit Absätzen, auf denen nur wankender Gang möglich war.

Die Ruinen des alten Adschariens und die bunten Bauten des neuen

Damals, am Grenzübergang, als ich frierend und wartend von einem Fuß auf den andern trat, war ich von einem Herrn zu einem Plastikbecher Kaffee eingeladen worden. Dieser wies sich als Mitarbeiter des Innenministeriums aus, was wahrscheinlich hieß:  Mitarbeiter des Geheimdienstes. Er hatte mir angeboten, für mich einen alternativen Transport nach Istanbul zu organisieren, was ich ablehnte. Ich wollte meine neuen Schwestern noch nicht verlassen. Lieber sah ich zu, wie die Schuhe zum einhundertsten mal gezählt wurden und sie zeternd und mit Bündeln von Dollarnoten hinter den Grenzern herliefen. Diesmal gab es in der klimatisierten Wartehalle des Flughafens die Möglichkeit, Duty-free einzukaufen. Die Flaschen wurden entsprechend des neuen EU-Rechts in Plastik eingeschweißt. Als das Flugzeug nach einer weiten Schleife über dem Schwarzen Meer wieder über das Land flog, konnte ich von oben beides sehen: Die Ruinen des alten Adschariens. Und die bunten Bauten des neuen.

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