„Bei einer Abtrennung Tibets von China würden neue Minderheiten entstehen“EM-INTERVIEW

„Bei einer Abtrennung Tibets von China würden neue Minderheiten entstehen“

„Bei einer Abtrennung Tibets von China würden neue Minderheiten entstehen“

Tibet-Experte Andreas Gruschke erläutert im Interview mit dem Eurasischen Magazin, warum eine Loslösung von China viele andere Völkerschaften in Mitleidenschaft ziehen würde und weshalb ein instabiles Tibet allenfalls möglichen Gegnern Chinas nutzt, nicht aber den Tibetern selbst.

Von Hans Wagner

Andreas Gruschke  
Andreas Gruschke  

E urasisches Magazin: Sie kennen Tibet und seine Probleme wie kaum jemand sonst. Es ist viel von der Tibet-Lobby die Rede. Wer oder was ist das?

Andreas Gruschke: Der Begriff Tibet-Lobby ist natürlich vieldeutig. Im weiteren Sinn ist damit die Unterstützung für die „tibetische Sache“ gemeint. Ich möchte mich mit diesem Begriff auf jene Gruppen beschränken, die als eine Form politischer Interessenvertretung über die Medien versuchen, die öffentliche Meinung und die Politik zu beeinflussen. Und zwar dahingehend, dass die Auffassung der „tibetischen Sache“, wie die Exilregierung sie vertritt – oder in noch stärkerem Ausmaß – weltweit als die allein gültige und rechtmäßige anerkannt wird. Typischerweise setzen sich Tibet-Lobbyisten nicht mit wissenschaftlicher Literatur zu Tibet auseinander, sondern allein Verlautbarungen von Seiten der Exilregierung. Ich meine, dass dabei die Interessen Chinas und sogar viele Interessen von Tibetern in Tibet selbst unberücksichtigt bleiben. Aus diesem Grund würde ich den Begriff Tibet-Lobby nicht auf Hilfsorganisationen und NGOs ausdehnen, die sehr engagiert praktische, aber unpolitische Arbeit in Tibet und in tibetischen Exilgemeinden leisten.

EM: Was hat es mit den weltweit tätigen Support-Groups auf sich?

Gruschke: Die Szene der Tibet-Lobby ist sehr unübersichtlich. Allein in Indien ist die Zahl der offiziellen Unterstützergruppen von 54 im Jahr 2001 auf inzwischen 145 gestiegen. In Deutschland verliert man die Übersicht. Hier sind allerdings die meisten Städtegruppen unter dem Dachverband der Tibet-Initiative Deutschland zusammengefasst, doch gibt es viele weitere, unter kulturellen Aspekten arbeitende, sich aber dennoch politisch äußernde Gruppen. In den USA ist die bedeutendste Support Group die 1988 gegründete International Campaign for Tibet (ICT), die aufgrund der verdeckten Finanzierung aus Finanzmitteln der US-Regierung weltweit eine enorme Propagandawirkung entfaltet.

Die amerikanische Außenpolitik finanziert tibetische Widerstandsgruppen

EM: Was sind die Ziele dieser Gruppen?

Gruschke: Hier gilt es zwischen vordergründigen und sublimen Zielen zu unterscheiden. Vordergründig geht es darum, die Forderungen der tibetischen Exilregierung zu stützen, deren Vorstellungen mit jenen des Dalai Lamas gleichgesetzt werden. In den USA gibt es Support-Groups, die von der NED (National Endowment for Democracy), einem halbstaatlichen Arm der US-Außenpolitik, finanziert werden. Vieles deutet darauf hin, dass deren Hauptinteresse in einer Schädigung des Images der VR China liegt, um so deren als drohend empfundene hegemoniale Stellung zu verhindern. Den meisten Tibet-Initiativen unterstelle ich grundsätzlich hehre Motive, also z.B. die Stützung von Menschenrechten. Infolge ihrer nicht hinterfragten Übernahme exiltibeti­scher Positionen, gepaart mit verklärten Bildern eines vor 100 Jahren ausgebildeten Tibet-Bildes jedoch erreichen sie meinem Eindruck nach eher das Gegenteil. Auf naive Art lassen sich manche von ihnen als Werkzeug der exiltibetischen Propaganda missbrauchen – in ähnlicher Weise wie westliche Maoisten sich früher von der chinesischen Propaganda blenden ließen.

EM: Wer organisiert eigentlich den Dalai Lama?

Gruschke: Hier muss ich spekulieren, denn solche Angelegenheiten stehen nicht im öffentlichen Rampenlicht. Grundsätzlich wird es beim Dalai Lama wie bei anderen hohen tibetischen Lamas sein, deren Aktivitäten von einer auf Organisation und PR spezialisierten Entourage gemanagt werden. Infolge seiner großen Bedeutung wird dies bestimmt häufig mit den einflussreichen exiltibetischen Lobby-Gruppen, vor allem der ICT, abgestimmt. Da sich viele Politiker und im Licht der Öffentlichkeit stehende Personen aus eigennützigen Gründen gerne mit dem Dalai Lama schmücken, wird hier auch auf entsprechende persönliche Einladungen reagiert. Für eine Beurteilung des genauen organisatorischen Ablaufs habe ich jedoch nicht genügend Einblick.

Spendengelder und Haushaltsmittel fließen reichlich

EM: Woher kommt das Geld für die Unterstützung der weltweiten Lobbyarbeit?

Gruschke: Die meisten privaten, auf Vereinsbasis organisierten Tibet-Initiativen verrichten ehrenamtliche Tätigkeiten. Sie sind in finanziellen Dingen auf Spenden oder ihre wirtschaftlichen Aktivitäten angewiesen – wie den Verkauf von buddhistischen Devotionalien, einschlägigen Büchern u. ä. Die unmittelbar mit der Exilregierung zusammenhängenden Gruppen hängen stark am Tropf internationaler Spenden, weshalb ein finanzielles Engagement des Westens in Tibet direkt den Geldfluss an die Exilregierung dämpfen würde. Diese erhält zudem Gelder vom Kathmandu-Büro des UNHCR (Hohes Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen) für jeden dort neu ankommenden tibetischen Flüchtling. Am finanzkräftigsten erscheinen die Lobby-Gruppen, die sich wie die ICT, Tibet Fund oder Radio Free Tibet über den NED auch auf Geldmittel aus dem US-Staatshaushalt stützen können. Letztlich aber spielen Spenden bei allen eine Rolle.

EM: Was macht die chinesische Regierung in ihrer Tibet-Politik vor allem falsch?

Gruschke: Die chinesische Regierung konzentriert sich zu sehr auf die politische Rolle des Dalai Lama. Sie stellt ihn als Integrationsfigur in Frage. Damit stärkt sie eher die Widerstände im In- und Ausland. Außerdem scheint ihr das den Blick auf die vielfältigen Ursachen der Probleme in Tibet zu verstellen. Anstatt differenziert Ursachenforschung zu betreiben und mit den Tibetern selbst intensiv nach Lösungen zu suchen, lässt sie sich auf das Spiel der Tibet-Lobby ein: Sagt Letztere die Chinesen sind an allem Schuld, so ist für die chinesische Regierung der Dalai Lama der Bösewicht. Damit verspielt sie das Vertrauen der im Land lebenden Tibeter, die die Vielgestaltigkeit der ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Dissonanzen durchaus selbst erkennen. Statt sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen und nach Lösungen zu suchen, stellt sie die Tibeter nach jeder größeren Demonstration unter Generalverdacht. Wahrscheinlich ist ein Fehler Pekings auch, dass sie sich zu sehr auf die alte tibetische Kader-Garde in Lhasa verlässt. Seit Jahrzehnten in Amt und Würden ist es dieser durchaus recht, dass die junge, engagierte Generation von Tibetern misstrauisch beäugt wird, denn so können die alten Kader ihre Pfründe bewahren.

Die tibetische „Freiheitsfahne“ ist in Wahrheit eine alte Armeefahne

EM: Wie kommt es, dass China hier nicht flexibler und intelligenter agiert?

Gruschke: Man darf nicht vergessen, dass die Tibeter nur eine von 56 offiziell anerkannten Völkerschaften der Volksrepublik sind. Sie machen weniger als 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, leben aber auf einem Viertel des Staatsgebiets. Daher stand für China von Anfang an die territoriale Einheit im Vordergrund, zumal hier jede Konzession sich sehr schnell auf die noch brisantere Regionen des von Turkvölkern besiedelten Xinjiang ausdehnen würde. Dabei muss man allerdings betonen, dass es in China durchaus ernst gemeinte und durchdachte Ansätze gibt, die ökonomische Probleme der Tibeter zu lösen und ihre Kultur zu fördern. Die enge Verwobenheit von Kultur, Religion und Politik im alten Tibet erweisen sich jedoch immer wieder als Hemmschuh, da die Regierung offenbar nicht begreift, dass ihre Eingriffe in religiöse Angelegenheiten – wie die Erziehung von Mönchen und Lamas – hier einfach entsetzlich kontraproduktiv sind. Und ohne die Korruption auf mittlerer und unterer Ebene, also auch unter tibetischen Kadern, in den Griff zu bekommen, wird keine Ruhe einkehren. 

EM: Was hat es mit der Tibetflagge auf sich, die während der jüngsten Unruhen überall in den Medien präsent war?

Gruschke: Von der tibetischen Exilregierung wurde diese zum Symbol der Unabhängigkeit Tibets gemacht. Die meisten Menschen glauben, dass diese Fahne unter dem 13. Dalai Lama (1876–1933) zur Nationalflagge geworden sei. Tatsächlich aber war sie eine Armeefahne der Streitmacht der Lhasa-Regierung und kein Hoheitszeichen des alten Tibet. Noch in den 1950er Jahren bezeichneten der heutige Dalai Lama und der damalige exiltibetische „Premierminister“ Lukangwa diese Fahne als Armeefahne. Es wird gerne vergessen, dass Nationalflaggen typische Symbole der europäischen Nationalstaaten waren und erst im Zuge der Auflösung der Kolonialreiche über die ganze Welt verbreitet wurden. So entstand die heutige tibetische Flagge erst unter britischer Einflussnahme. Zum ersten Mal wurde sie 1947 bei der Inter-Asian Relations Conference in Neu-Delhi vorgestellt und später, wie der exiltibetische Historiker Tsering Shakya deutlich gemacht hat, erst im Exil zur „Nationalflagge“ gemacht.

EM: Welche neuen Minderheiten würden bei einer Autonomie, bzw. einer Abtrennung Tibets von China entstehen?

Gruschke: Ein Tibet in den Dimensionen, die sich der Dalai Lama und die Tibet-Lobby vorstellen, würde das gesamte Hochland bis zum Gebirgsfuß umfassen. Insbesondere im Nordosten leben bevölkerungsstarke muslimische Gruppen wie die Hui und die Salaren. Letztere sind nur innerhalb dieses Gebietes heimisch. Außerdem leben dort Mongolen, Yuguren, Monguor (in China Tuzu genannt), die wie die Naxi, Pumi und Moso im Südosten des Hochlandes wegen ihrer Anhängerschaft zur tibetischen Form des Buddhismus von den Tibetern oft nicht als eigenständige Völker wahrgenommen werden. Sie haben ihre eigenen Sprachen und Kultur. Im Osten sind zudem die Qiang zu nennen, und im Südosten überlappt sich das Anspruchgebiet der Exiltibeter mit Siedlungsräumen der Yi, Bai und Lisu. Wenn der tibetische Einflussbereich an der Grenze zu den südlichen Nachbarländern Indien, Nepal und Bhutan ähnlich weit gezogen würde, kämen weitere hinzu. Wie Sie bemerkt haben, habe ich Han-Chinesen gar nicht erwähnt, die im äußersten Nordosten des tibetischen Hochlands teilweise schon seit zwei Jahrtausenden ansässig sind.

Bei den Uiguren gibt es große Widerstände gegen die Politik Pekings

EM: Wieso bekommt Peking eigentlich auch Probleme mit anderen Völkern wie beispielsweise den Uiguren ?

Andreas Gruschke: Die Uiguren in Xinjiang leben – ebenfalls mit einer Anzahl weiterer, zahlenmäßig nicht so starker Minderheiten – in einer Region, mit der Kern-China sehr lange und intensive Beziehungen hat. Diese führten zu einer frühen Siedlungsnahme, jedoch nicht einer starken Präsenz. Dies hat sich im Lauf des 20. Jahrhunderts durch die massive Ansiedlung von Han stark verändert. Überfremdung, ökonomische Benachteiligung und mangelnde Mitsprache der Uiguren sind im Alltag zu spüren, weshalb es große Widerstände gegen die Politik Pekings sowie separatistische Bestrebungen gibt. In Tibet und der Inneren Mongolei gibt es ähnliche Probleme, wobei der mongolische Separatismus wegen der schlechteren wirtschaftlichen Lage der Republik Mongolei weniger stark ist. Andere Minderheitengebiete Chinas zeigen geringe separatistische Tendenzen, doch würden große Zugeständnisse an die Tibeter bei anderen Völkern vermutlich neue Ansprüche heraufbeschwören.

EM: Wem nutzt ein unruhiges, separatistisches Tibet vor allem?

Gruschke: Vielleicht sollten wir damit beginnen, wem es nicht nützt. Allen voran natürlich China nicht, da Unruhen in Tibet das ganze Land destabilisieren können. Auch die Tibeter in Tibet tragen unter den gegebenen Umständen keinen Nutzen davon, im Gegenteil. Die unmittelbaren Nachbarländer ebenso wenig. Der Nutzen für die Exiltibeter dürfte sich in moralischer und – in geringerem Ausmaß finanzieller – Unterstützung erschöpfen. Ihre erklärten politischen Ziele echter Autonomie und eine stärker an westlich betonten Menschenrechten orientierte Politik rücken durch die immer unüberwindlicher werdenden Gräben eher in die Ferne. Damit bleiben eigentlich nicht viele Interessengruppen übrig. Die Aktivisten, die sich durch die Unruhen einen Umsturz in China und damit eine mögliche Rückkehr nach Tibet vorstellen, unterliegen einer Illusion. Damit wären wir beim Westen, wo sich insbesondere die USA ein geschwächtes China erhoffen. Den übrigen Nationen der Welt dagegen ist, glaube ich, klar, dass ein unruhiges Tibet und damit instabiles China unberechenbar würde. Ob sie sich hier ebenfalls eine Schwächung, vor allem in ökonomischer Hinsicht, erhoffen, wage ich nicht zu vermuten. Insgesamt erkenne ich keinerlei Nutzen in Unruhen, wie sie jüngst abgelaufen sind.

China Interview

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