Berg der Kreuze Fotos Siauliai Litauen LITAUEN

Berg der Kreuze

Berg der Kreuze Fotos Siauliai Litauen

Auf einem Hügel im litauischen Siauliai verbinden sich Volksfrömmigkeit und Freiheitsdrang zu einem nationalen Wallfahrtsort von einzigartiger Symbolkraft. Sowjetische Herrscher ließen ihn einst platt machen. Unter Gorbatschow kam er auf die Liste der nationalen litauischen Kulturdenkmäler. Längst hat auch der Tourismus das „litauische Golgatha“ entdeckt. Sogar ein Hotel soll jetzt in seiner Nähe errichtet werden.

Von Thoralf Plath

Es ist nicht mehr weit bis zur lettischen Grenze, wenn an der Straße kurz hinter der Bezirksstadt Šiauliai ein kleines Schild auf eine Abzweigung weist: "Kryžiu kalnas. Das ist litauisch und heißt Berg der Kreuze, und der Wegweiser wirkt erstaunlich schlicht für einen Ort, dessen Geschichte in der kleinen Baltenrepublik geradezu ein Symbol ist für Freiheitsdrang, Nationalstolz und Volksfrömmigkeit gleichermaßen.

Doch der Morgen ist noch jung, und der Wallfahrtsort liegt wie verlassen. Keine Menschenseele weit und breit. Wolkentheater über endlos weiten Wiesen, aus denen dann und wann eine Feldlerche aufsteigt, singend himmelwärts, so fangen baltische Sommertage an. Die Abzweigung von der Hauptstraße endet nach wenigen hundert Metern auf einem leeren Parkplatz. Nur ein alter Mann steht dort, an seinem Devotionalienstand. „Bitte, möchten Sie auch ein Kreuz?“ Mit einladender Geste weist er über seinen Klapptisch, auf dem an die fünfzig Kruzifixe liegen, manche schlicht aus Stableisten, einige kunstvoll verziert. „Bringen Sie ein Kreuz zum Berg. Dann geht ein Wunsch in Erfüllung“, sagt er und lächelt, seine Augen blicken freundlich, ein bisschen verschmitzt. Kein Verkäuferblick. Zwei Litas, umgerechnet 60 Cent, will er für ein einfaches Holzkreuzchen haben. Das reicht wohl nur für einen kleinen Wunsch.

Der Schmerzensmann – behangen und niederdrückt von immer neuen KruzifixenDer Schmerzensmann – behangen und niederdrückt von immer neuen Kruzifixen (Foto: Thoralf Plath)

Das Dickicht aus christlichen Symbolen wächst auf einem alten heidnischen Burghügel

Der Berg der Kreuze ist auch nur ein Bergchen. Höchstens. Knapp zehn Meter mag er hoch sein, mit seinem seitlichen Ausläufer an die Form eines Sattels erinnernd. Ein alter heidnischer Burghügel, wie es Dutzende gibt in der Žemaitija, dem sanftwelligen Nordosten Litauens. Der Kiesweg, der vom Parkplatz zur Kuppe hinanführt, ist von großen, an Grabstelen erinnernden Kruzifixen gesäumt. Auf dem Hügel ist längst kein Platz mehr für sie. Ein Wald von Kreuzen bedeckt die Hänge, dicht an dicht, in sich verschlungen, zu einem Dickicht verwachsen, in das links und rechts des Hauptweges nur schmale Pfade führen.

Wer sie betritt, gerät in ein bizarres Labyrinth. Kreuze, wohin der Blick fällt. Kreuze aus Holz, aus verschiedensten Metallen, aus Plastik. Mannshohe Kreuze  sind mit Hunderten kleiner Kreuze behangen, mit Rosenkränzen, Heiligenbildern, Kunstblumen. Die kleinsten Kreuze bilden ganze Girlanden und sind zu unentwirrbaren, verwirrenden Knäueln verschlungen. Manche Kreuze stehen seit Jahrzehnten hier. Längst sind sie mit den Bäumen verwachsen, an die man sie einst lehnte, Inschriften, die unter verblichenen Fotografien und emaillierten Medaillons an Angehörige oder Ereignisse erinnern, sind kaum mehr zu entziffern.

Es gibt Kreuze mit filigranem Zierrat, andere wurden aus Baumstämmen herausgeschnitzt oder gleichen Monumenten, wie jenes Kruzifix ganz oben auf der Kuppe, das der Opfer sowjetischer Okkupation gedenkt. Berge kleiner Holzkreuze liegen rings um den stilisierten Altar darunter, in einem Glas glimmt eine Kerze. Ein paar Schritte weiter ragt eine blauweißgoldene Madonna auf; auch die barock anmutende Muttergottes ist im Begriff, in einem Meer aus Kreuzen zu versinken.

An manchen Tagen kommen über tausend Menschen an den skurrilen Ort

Berg der Kreuze: Auf einem Hügel im litauischen Siauliai verbinden sich Volksfrömmigkeit und Freiheitsdrang zu einem nationalen Wallfahrtsort von einzigartiger Symbolkraft.Berg der Kreuze: Auf einem Hügel im litauischen Siauliai verbinden sich Volksfrömmigkeit und Freiheitsdrang zu einem nationalen Wallfahrtsort von einzigartiger Symbolkraft. (Foto: Thoralf Plath)

Eine der eindrucksvollsten Allegorien auf diesen magischen Ort findet sich nahe der Haupttreppe: ein geschnitzter, dornenbekrönter Christus, gebeugt unter dem Leid der Welt, das symbolhaft auf dem überdachten Wegkreuz lastet. DieseGestalt ist für das katholische Litauen so typisch, dass sie einen eigenen Namen hat. Es ist Rupintojelis, der „Schmerzensmann“.

Wieviele Kreuze es sind, kann längst niemand mehr sagen. Studenten der Universität Vilnius sollen einmal versucht haben, sie zu zählen, bei 40.000 gaben sie auf. Doch welchen Wert hätte so eine Zahl? Sie wächst ohnehin ständig. An manchen Tagen kommen über tausend Menschen hierher, vor allem an den hohen christlichen Festtagen wird der Hügel zur Massenpilgerstätte. Nicht nur für Litauer. Es finden sich auch Kreuze aus Lettland, Estland und Polen, aus Norwegen, Italien, sogar aus Mexiko. Exillitauer aus Kanada und den USA brachten Kreuze in die Heimat, ganze Fabrikbrigaden verewigten sich hier, die Besatzung eines polnischen Trawlers, eine Polizeistaffel aus Osnabrück. Warum, behält der Ort für sich. Ein orthodoxes Kreuz trägt zwei Moskauer Autokennzeichen.

Die Geschichte des „litauischen Golgathas“ wurzelt tief in vorchristlicher Zeit 

Auch ein Papst war schon da. Das sieben Meter hohe Holzkreuz am Fuß der Haupttreppe erinnert an den Besuch Johannes Paul II., der hier am 7. September 1993 eine Messe hielt vor fast 100 000 Gläubigen. „In hoc signo vincis“, steht auf dem Papstkreuz, "In diesem Zeichen wirst du siegen." Es zählt seither zu den großen katholischen Wallfahrtszielen im Osten Europas. Und doch ist der Hügel in der stillen Weite der Žemaitija kein Heiligtum wie die Kathedrale von Aglona in Lettland oder die Madonna im Morgenröte-Tor zu Vilnius. Hier mischt sich gelebter Glaube mit dem Geist passiven Widerstandes, Gedenken an ertragenes Leid mit Zeichen der Hoffnung. Ein litauisches Golgatha.

Die Geschichte des Hügels wurzelt tief in der vorchristlichen Zeit. Bis in das 13. Jahrhundert hinein stand  hier die Burg Jurgaiciai. Die Litauer, damals das letzte heidnische Volk in Europa, wehrten sich gegen die blutige Ostkreuzzüge des Deutschen Ordens und seiner livländischen Schwertbrüder. Besonders die žemaitischen Kleinfürstenstämme kämpften verbissen gegen die fremden Mönchsritter. Letztlich vergebens. 1348 soll die Burg zerstört worden sein, doch der Hügel überdauerte als mythenumwobenes Heiligtum. Als die Litauer im 19. Jahrhundert gegen die zaristische Fremdherrschaft aufstanden und Zar Alexander die Aufstände blutig niederschlagen ließ, stellten Bewohner umliegender Dörfer auf dem Hügel Gedenkkreuze für ihre getöteten Angehörigen auf. Erstmals erwähnt werden diese Kreuze in einer Chronik von 1850, es sollen um die 150 gewesen sein. Bis 1939, als Hitler und Stalin  den Osten Europas unter sich aufteilten und die baltischen Staaten an die Sowjetunion fielen, wuchs ihre Zahl auf über 400.

Moskau ließ den Hügel von Planierraupen plattmachen

Eindrucksvolle Kulisse: Die Kreuze von Siauliai ziehen Touristenströme an. Schon soll in Reichweite ein erstes Hotel entstehen.Eindrucksvolle Kulisse: Die Kreuze von Siauliai ziehen Touristenströme an. Schon soll in Reichweite ein erstes Hotel entstehen. (Foto: Thoralf Plath)

Stalin brach den gottesfürchtigen Litauern so brutal den Willen wie keiner der vielen baltischen Fremdherrscher vor ihm. Mehr als 350 000 Menschen ließ er in sibirische Straflager deportieren, Tausende verschwanden spurlos oder kamen in den Folterkellern des KGB um. Der Freiheitsdrang der Litauer flüchtete in stillen Widerstand: Die Zahl der Kreuze auf dem Hügel bei Siauliai explodierte. Bald standen dort mehrere tausend, trotz Verbots und drakonischer Strafen. Nikita Chruschtschow wütete wider den „religiösen Fanatismus“ der Litauer. Mehrmals, zuletzt 1975, ließ Moskau den Hügel mit Bulldozern planieren. Doch um so schneller pflanzten die widerspenstigen Balten neue Kreuze auf die Hänge, meist im Schutz der Nacht, das Christenzeichen wuchs zum Symbol der nationalen Identität, der Hügel zu einem Kristallisationskern der Unabhängigkeitsbewegung. Als Michail Gorbatschow im Tauwetter seiner Perestrojka die staatlichen Sanktionen gegen das Aufstellen der Kreuze aufhob und den Berg sogar auf die Liste der nationalen litauischen Kulturdenkmäler setzen ließ, war es längst zu spät. Der Drang der Balten nach Freiheit war nicht mehr aufzuhalten.

Heute ist der Kreuzberg Touristenattraktion – es gibt Pläne für einen Hotelkomplex

Still ist es auf dem Hügel. Es ist keine wirkliche Stille, sie ist durchdrungen von den Geräuschen, die der Wind erzeugt, der über den Hügel streicht und mit den Kreuzen spielt. Ein leises Klackern, Klingeln, Knarren, auf- und abschwingend, atonal, tausendfach. Laute Worte, Lachen gar, sind kaum zu hören. Es liegt etwas Beklemmendes auf diesem Ort, und die meisten Besucher verstummen.

Dabei gilt der Kreuzberg heute längst auch als Glücksbringer. Hochzeitspaare kommen von weither, um sich vor der einzigartigen Kulisse fotografieren zu lassen, auch zur Taufe des Kindes bringen junge Eltern in Litauen gern ein Kreuz auf den Berg. Viele Menschen kommen mit privaten Bitten und Gebeten, manche bleiben stundenlang, in sich versunken. In den letzten zehn Jahren soll sich die Zahl der Kreuze mehr als verdoppelt haben.

Längst hat sich auch der Tourismus des berühmten Ortes bemächtigt. Kein Reiseführer, der nicht den Kryžiu kalnas als besondere Sehenswürdigkeit preist. Für westliche Baltikum-Touristen ist der Berg ein bizarrer Kult. Im Sommer halten hier täglich die bunten Reisebusse auf dem Weg nach Riga, dann surren die Videokameras und das Geschäft der Devotionalienhändler brummt. Doch hinter dem folkloristischen Trubel lebt, von den Fremden unbemerkt, der tiefe Geist des Ortes weiter. Viele der alten Männer, die am Hügel ihre Kruzifixe anbieten, sind "Kreuzmacher" - im katholischen Litauen ein noch immer lebendiger Beruf, in dem sich die jahrhundertalte, im Heidnischen wurzelnde Schnitztradition mit Frömmigkeit verbindet.

Der Kreuzmacher auf dem Parkplatz hat Gesellschaft bekommen. Konkurrenz ist eingetroffen, Verkaufsbuden werden geöffnet, Auslagen sortiert. Auch die ersten Besucher sind da. Wieder werden viele Schmerzensmänner und Marienfiguren in den Berg gepflanzt werden wie an jedem Tag an diesem seltsamen Ort. Ein Schild verweist auf die Gottesdienste im Kloster, das Franziskanermönche vor einigen Jahren nahe des Hügels gründeten. Aktuelle Pläne sind weniger heilig. Eine Gastrokette will einen Hotelkomplex bauen mit Restaurant und Tankstelle. Vorerst verhinderten das Proteste. Doch vielleicht ist es mit der andächtigen Stille bald vorbei auf Litauens Golgatha.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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