„Berlin-Moskau, eine Reise zu Fuß“ von Wolfgang BüscherGELESEN

„Berlin-Moskau, eine Reise zu Fuß“ von Wolfgang Büscher

rowohlt, Reinbek 2003, 237 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 3-498-00631-2

Von Hans Wagner

 
Berlin-Moskau, eine Reise zu Fuß 

EM - Die Idee ist so ungewöhnlich wie der Schreibstil: „Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so gerade wie möglich nach Osten [...] Die Tür zu, morgen früh eine andere und wieder eine und noch eine und weiter, weiter. Über die Oder, die Weichsel, die Memel. Über die Beresina, über den Dnjepr. Bis in die Nacht. Bis in den Tag. Bis es gut ist. Etwas wie Scham fiel auf mich angesichts der Ungeheuerlichkeit des Satzes, ich gehe heute nach Moskau.“

Gegen Abend des ersten Tages erreicht der Autor das letzte große Schlachtfeld des Zweiten Weltkrieges, die Seelower Höhen. „Er ist teils Napoleons Weg gegangen und ziemlich exakt den der Heeresgruppe Mitte“, läßt sein Verlag wissen. Man hätte auch sagen können, er sei Marschall Schukow von der Roten Armee entgegengelaufen, der 1945 aus den Tiefen Rußlands kommend Berlin eingenommen hat. Jedenfalls begegnet Büscher immer wieder einmal Gestalten und Episoden der jüngeren Geschichte. An keiner Stelle wird er bei ihrer Schilderung „politisch unkorrekt“ – und auch das Gegenteil kommt nicht vor. Die Steine auf dem Soldatenfriedhof erinnern ihn an jene Menschen, die heute alle fehlen: „Ich versuchte mir vorzustellen, was für ein Land es geworden wäre, bei dem sie alle dabei wären und nicht Namen in Stein.“

In Küstrin, am Zusammenfluß von Oder und Warthe „drehte ich mich noch einmal nach Deutschland um, nahm den Rucksack und warf auch diese Tür hinter mir zu“.

Der Osten ist etwas, das keiner haben will

„Eine gute Woche und gut dreihundert Kilometer später“ stand Büscher in Nordostpolen am Fluß Narew, und damit vor den Toren Weißrußlands. Ein Schaffner, der Busfahrkarten verkaufte, erklärte: „Bis hier ist EU, da drüben ist Osten.“

Und was ist der Osten? „Der Osten ist etwas“, fiel Büscher auf, „das keiner haben will. Das sich jeder von der Jacke schnippt wie Vogeldreck.“ Der Osten beginnt für alle Völkerschaften immer erst ein Stück weiter Richtung Sonnenaufgang. Für die Brandenburger in Warschau, für Westpolen in Ostpolen, und dort sagt man in Belarus beginne er. Der Osten „werde weiter und weiter gereicht, von Berlin bis Moskau.“

Im weißrussischen Schutschin kam der eurasische Fußgänger an festlich gedeckten Tischen vorbei, die leckere Genüsse erwarten ließen. Es wurde jedoch nicht für gewöhnliche Sterbliche aufgetragen, sondern für die „Ochrana“. Präsidenten Lukaschenko hatte seinen Besuch angekündigt und da bildete der Geheimdienst wie überall auf der Welt die Vorhut.

In Weißrußland heißen die Kolchosen noch immer Oktjabr oder Wostok, Oktober oder Osten, erfährt der Leser. Und jede Kolchose habe sich, „irgendwann einmal, als die Zeit noch groß und die Zukunft noch hell war“ ihr eigenes „gewaltiges gezacktes Monument“ an der Landstraße errichtet. „Und das war nicht alles. Irgendwo auf freiem Feld oder im Wald standen Monumente in Form einer Sowjetfahne oder abstrakter Zacken [...] Wenn das Land etwas im Überfluß hatte, waren es Monumente, die Erinnerung wog nach Tonnen.“

Der sterbende Kommunismus sei in Belarus zu besichtigen, dem „kompliziertesten Land der Welt“: „Ich ging durch sein gefallenes Reich, durch die Hallen wehte der Wind, Unkraut wuchs in seinen Sälen, ich traf ihn in seinem letzten Stadium und betrachtete ihn mit der etwas angeekelten Neugier, mit der man einen alten Wüstling und Familientyrannen ungeniert anschaut, jetzt, wo er nur noch die Ruine seiner lebenslangen Raserei ist“.

„Den Weg nehmen die Deutschen immer“

In Nowogrudok, einer Kleinstadt “auf einer der wenigen Anhöhen von Belarus“ begegnete der Autor in heißer Mittagsstunde einem Mann „mit Nike-Kappe und US-Army-Hemd“. Als Büscher ihm sagte, wohin er wolle, über Minsk, Borissow, Smolensk, Mjasik nach Moskau, schlug ihm der Mann auf die Schulter: „Den Weg nehmen die Deutschen immer.“

In Nowogrudok war der Wanderer endgültig im Osten angekommen. „Ein No-Name-Mann [...] in seiner mittlerweile ziemlich verwaschenen Militärhose, mit einem dreckigen Rucksack und geschorenem Haar. Vermutlich schleppte er aus seiner Datscha Kartoffeln heim oder ein geschlachtetes Karnickel oder Rauchfisch und Wodka. Ein Russe wie die vielen, die mir entgegenkamen. So wollte ich es. Nicht beachtet werden, nicht einmal gesehen. Tief im Osten verschwinden, noch tiefer. Da sein und nicht da.“

In Nowogrudok fand er die innere Ruhe, eine Pause einzulegen. Der Leser erfährt etwas von dem Wohlbehagen, das die Anstrengung für kurze Zeit unterbrach – und von der Anstrengung selbst: „So heiß es war, die Luft hier oben war würzig und frisch, und ich beschloß, zwei Tage zu bleiben und mich von den Strapazen meiner ersten weißrussischen Woche zu erholen, hoch über der brütenden August-Ebene da unten, der eurasischen Maßlosigkeit enthoben.“

Stoßseufzer in Nowogrudok: „Guter Gott, es gab heißes Wasser“

In Nowogrudok, das spricht aus jeder Zeile über den Aufenthalt in diesem Ort, war es möglich, sich zu erholen, die ganz einfachen Annehmlichkeiten vorzufinden, nach denen sich der Wanderer sehnte und die er oft entbehrt hatte: „Das Bett war nicht klamm und roch nicht nach altem Schweiß, es war frisch bezogen und, guter Gott, es gab heißes Wasser. Mit den staubigen, durchtränkten Sachen fiel die Last von mir ab, mich unentwegt vorwärts kämpfen, mir jeden salzigen Becher Wasser erobern zu müssen, jeden Platz für die Nacht.
Es gab einen Spiegel, einen guten verläßlichen Spiegel. Zum ersten Mal seit Polen sah ich mich wieder und sah ein verwildertes, sonnenverbranntes Gesicht. Es gehörte einem dreckigen, nach Feld und Straße stinkenden Mann. Ich sah ihn mir genau an, dann ging ich hinunter und nahm die erste Mahlzeit seit drei Tagen ein.“

Büscher ist in 80 Tagen von Berlin nach Moskau gelaufen und hat dabei Erlebnisse gesammelt und Dinge gesehen, die dem gewöhnlichen Durchreisenden unsichtbar bleiben. Die großen bekannten Städte hat er nur zur Orientierung als „Wegmarken“ erwähnt. Am längsten verweilt er in Minsk und Umgebung. Er nimmt seine Leser mit in unbekannte Orte wie eben Nowogrudok, Karelitschi und Sofonowo. Dorthin, wo es menschelt, wo es wirklich östlich wird, „ostig, wie wir daheim sagen“.

Den Menschen, denen er begegnet, bleibt er fremd und rätselhaft. Denn er steigt zu Fuß vom Gipfel westlichen Wohlstands herunter, den alle im Osten so gerne endlich erklimmen würden. Und er tut es freiwillig. Er verläßt seine Konsumwelt und setzt sich in Kneipen, die ihn zu Hause nie zu Gesicht bekommen würden: „Das Bier schmeckte nicht wie Bier und sah anders aus, und der Ketchupklecks, den es zum Schaschlik auf den Rand des Kuchentellerchens gab, schmeckte nicht wie Ketchup, und im Fernseher dort drüben erschien jetzt Kim Jong-il, dafür wurde mein Sonderwunsch nach einem Messer erfüllt.“

Büscher hat viele Jahre für Zeitschriften wie „Geo“ und Beilagen, wie die Magazine der „Zeit“ und der „SZ“ Reportagen geschrieben, ehe er das Reportage-Ressort der „Welt“ übernahm. Er ist ein Reporter im besten Sinn, nahezu frei davon, die eigene Person vordergründig werden zu lassen. Als Beobachter notiert und berichtet er, was er sieht, erspürt und erfährt. Das bringt er in Sätzen zum Ausdruck, die oft genug frappieren.

Dieser Reisebericht macht Lust auf Osten, auf noch mehr Osten, auf die ganze exotische Welt vor unserer Haustür, die gleich hinter Berlin beginnt.

Reise Rezension Russland

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