„Beslan, Requiem“ von Andrea StrunkGELESEN

„Beslan, Requiem“ von Andrea Strunk

Beslan wird auf lange Zeit der Inbegriff eines barbarischen Terroraktes sein – zumindest in Rußland und den anderen Kaukasus-Staaten. Damit das massenhafte Sterben vom vergangenen Herbst auch hierzulande nicht in Vergessenheit gerät, hat Andrea Strunk ein Buch über die Toten und die Überlebenden von Beslan vorgelegt.

Von Hartmut Wagner

Rezension zu „Beslan, Requiem“ von Andrea Strunk  
„Beslan, Requiem“ von Andrea Strunk  

E in Jahr ist es her. Am 1. September 2004 machten Terroristen die Stadt Beslan zu einen Ort des Schreckens, zu einem Ort blindwütiger Mordlust. Drei Dutzend schwerbewaffnete Männer stürmten die „Schule Nr. 1“, nahmen Hunderte von Menschen als ihre Geiseln. Väter, Mütter und Kinder hatten sich dort versammelt, um gemeinsam den „Tag des Wissens“, den ersten Schultag zu feiern. Einen Gewehrlauf auf ihren Kopf gerichtet, wurden die Männer erst zur Arbeit gezwungen, anschließend exekutiert. Frauen und Kinder mußten drei Tage lang ohne zu essen oder zu trinken bei sengender Hitze in der Schulturnhalle darben. Erst am 3. September wurde die Geiselnahme durch russische Sicherheitskräfte beendet. 330 der Geiseln, zehn Schulklassen oder 30 Fußballmannschaften mußten jämmerlich krepieren.

Die Kaukasusexpertin Andrea Strunk ist in die nordossetische Kleinstadt Beslan gereist, um das Verbrechen in ihrem Buch zu dokumentieren und seine Hintergründe zu beleuchten. In erster Linie ging es der renommierten Journalistin aber um die Menschen in Beslan, die Hinterbliebenen ebenso wie die Opfer. Sie sprach mit den Müttern und Vätern, deren Kinder in den Trümmern der Turnhalle ihr junges Leben ließen. Wenngleich sie überlebten, hat ihr Leben seither seinen Sinn verloren. In Beslan begann am 1. September letzten Jahres eine neue Zeitrechnung, schreibt die Autorin. Die einen ereilte der Tod, die anderen blieben am Leben ohne zu wissen, ob dies ein Anlaß zur Freude ist.

Dem Tod einen Namen geben

Das Buch versucht, der Masse anonymer Todesopfer ein Gesicht zu geben, wenigstens einigen von ihnen. Da ist Soslan Betrosow, Ehemann von Emma Betrosowa und Vater seiner Söhne Aslan und Alan. Andrea Strunk hat Soslan Betrosow und seiner Familie ein extra Kapitel gewidmet. Es wäre ein Unding, darüber mit eigenen Worten zu berichten. Die Autorin hat den Betrosows in ihrer nüchternen und dennoch einfühlsamen Art ein ergreifendes Denkmal gesetzt.

Ein Auszug: „Das letzte Bild ihres Mannes sah Emma Betrosowa in einem deutschen Nachrichtenmagazin. Nein, es ist falsch zu sagen, es sei ein Bild ihres Mannes gewesen. Es war lediglich die Blutspur, die Soslan Betrosow hinterließ, als die Terroristen ihn aus der Turnhalle schleiften. Da war der 40jährige schon ein paar Stunden tot. Seine entsetzten Söhne, vor deren Augen man den Vater erschossen hatte, weinten neben der Leiche und fragten die Umsitzenden wieder und wieder, wie sie das ihrer Mutter beibringen sollten. Zynisch könnte man sagen, sie hätten sich keine Gedanken machen müssen, denn auch sie wurden getötet. Der 16jährige Aslan, als er versuchte, durch ein Fenster zu springen. Der 14jährige Alan war beim Sturm auf die Schule entkommen, lief aber zurück, um seinen Bruder zu suchen, und wurde dann von einer Kugel getroffen. Es waren andere, die Emma erzählten, daß sie fortan eine Witwe ohne Kinder sei.“

Schließlich erzählt das Buch von Christina Golojewa mit ihrem „engelsgleichen Kindergesicht“. Sie hatte erst ihren zweiten Geburtstag gefeiert und war damit das jüngste Opfer. Ebenso wie ihre 25jährige Mutter Fatima verstarb sie bei dem Terroranschlag. Die älteste Geisel war der Greis Tartarkan Sabojew. Mitte Zwanzig war er, als er in der Schlacht um Stalingrad gekämpft hat, seine Auszeichnungen und Orden trug er am Revers an jenem „Tag des Wissens“ im letzten Jahr. Auch er hat die Schule Nr. 1 nicht wieder verlassen. 

Tschetschenien als Quell der Gewalt

Die Autorin beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Beschreibung des Geschehenen, sondern liefert überdies eine Analyse der politischen Zusammenhänge. Aus ihrer Sicht ist der Krieg in Tschetschenien – Grosny liegt nur knapp 100 Kilometer von Beslan entfernt – der Quell der Gewalt, wie sie heute im Kaukasus immer und immer wieder verübt wird. Der Krieg habe zu der Entmenschlichung geführt, die zu dem Massaker von Beslan führte. Ausführlich erzählt wird aus der älteren Geschichte, als sich die Osseten noch Alanen nannten und sich als Reitervolk ein großes Reich erkämpften, und der jüngeren Geschichte, als sich der Konflikt zwischen Osseten und Inguschen entwickelte, der bis heute nicht beigelegt ist. Andrea Strunk leistet einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Ereignisse vom September 2004. Sie hat ihr Buch geschrieben „allen kleinen und großen Helden von Beslan zur Erinnerung“. Dies ist ihr meisterhaft gelungen. 

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Rezension zu „Beslan, Requiem“ von Andrea Strunk, Brendow Verlag 2005, 190 Seiten, ISBN 3-86506-071-4.

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