Besser die Meise in der Hand als der Kranich im HimmelEURASISCHE SPRICHWÖRTER

Besser die Meise in der Hand als der Kranich im Himmel

Moment mal! Heißt es nicht „Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“? Heißt es auch, im Deutschen zumindest. Doch was im Deutschen der Spatz bzw. die Taube ist, sind im Russischen Meise und Kranich. Willkommen in der faszinierenden Welt der Sprichwörter und ihrer eurasischen Ausprägungen.

Von Axel Krohn

W enn der Deutsche „Andere Länder, andere Sitten“ sagt, will er damit ausdrücken, dass es woanders nicht so zu geht wie zuhause. Diese Meinung vertritt man auch in Indonesien, allerdings sagt man dort „Andere Meere, andere Fische“. Vergleicht man Indonesien und Deutschland fallen spontan wenig Gemeinsamkeiten auf. Nicht nur geographisch, auch kulturell und sprachlich sind beide Länder weit voneinander entfernt. Und dennoch ist es für einen Deutschen genau so wenig ein Problem, die Bedeutung von „Andere Meere, andere Fische“  zu verstehen, wie es für den Indonesier schwierig ist, die deutsche Variante dieser Redewendung zu durchdringen.

Diese Erkenntnis ist so einfach wie phänomenal, ist sie doch ein Beispiel dafür, wie selbst entfernteste Völker und Kulturen im Laufe der Jahrhunderte Sprichwörter gleichen Inhalts hervorgebracht haben. Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Wolfgang Mieder definiert Sprichwort als einen allgemein bekannten, fest geprägten Satz, der eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter, kurzer Form ausdrückt. Ein Sprichwort ist damit ein kulturelles Gut, welches auf Erfahrung basiert und situationsbezogen als Ratschlag oder Weisheit wiedergegeben wird.

Wie kommt es, dass in unterschiedlichen Ländern und in verschiedensten Sprachen unterschiedliche Sprichwörter mit gleichem Inhalt entstanden sind?

Diese Frage lässt sich weniger historisch als philosophisch beantworten. Die Inhalte der Sprichwörter stimmen trotz unterschiedlichster Formulierungen häufig überein, da sie die klassischen Themen des Lebens wie z.B.  Reichtum und Armut, Liebe und Hass, Glück und Unglück oder Herkunft und Zukunft widerspiegeln. Die diesen Wortpaaren innewohnenden Spannungsfelder sind weder auf einzelne Länder noch auf Kulturen oder Sprachen begrenzt, sondern vielmehr universelle Themen der Menschheit.

Sprachwissenschaftliche Forschungen bestätigen, dass auch Völker, die in ihrer historischen Entwicklung weder Gemeinsamkeiten aufzeigen noch zueinander in Beziehung standen, sinngemäß sehr ähnliche Sprichwörter hervorgebracht haben. Allein das Sprichwort „Besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“ existiert in den unterschiedlichsten Varianten:

„Besser die Meise in der Hand als der Kranich im Himmel“. (Russland)

„Besser einen Salzhering auf dem eigenen Tisch, als ein frischer Hecht auf dem Tisch eines anderen“. (Dänemark)

„Lieber einen Mund voll Salziges als einen Bauch voll Salzloses.“ (Estland)

„Lieber heute das Ei als morgen die Henne.“ (Türkei)

Auch wenn es um das Einfangen des Glückes geht, ist man sich international einig:

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ (Deutschland)

„Man soll die Fische nicht zählen, bevor sie im Netz sind.“ (China)

„Man soll das Fell nicht verkaufen, bevor der Bär erlegt ist.“ (Schweden)

„Man soll die Küken nicht zählen, bevor sie aus dem Ei sind.“ (Saudi-Arabien)

Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Formulierungen im internationalen Vergleich ausfallen können. Sprichwörter sind häufig metaphorisch geprägt und  bringen oftmals regionale Gegebenheiten zum Ausdruck. Untersucht man die Redewendungen systematisch, treten verschiedene Analogien zutage. So versinnbildlichte z.B. in Nordeuropa der Wolf in den vergangenen Jahrhunderten Gefahr, Macht und Stärke während in Afrika zur Verdeutlichung derselben Attribute der Löwe eingesetzt wird. Der Sprachwissenschaftler Arvo Krikman hat hunderte von Tiermetaphern analysiert und eine Systematik erstellt, welche die inhaltlichen Analogien der Sprichwörter bestätigt. Er hat verschiedene Cluster  wie z.B. „A bleibt A“, „aus A wird nicht B“ oder auch „A ist nicht B“ etc.  gebildet und ihnen die Sprichworte unterschiedlicher Sprachen zugeordnet:

A ist/ bleibt A

„Hund bleibt Hund.“ (Deutschland)

„Schwein bleibt Schwein.“ (Estland)

„Ein Affe ist immer ein Affe.“ (Vietnam)

Aus A wird nicht B

„Aus einem Wolf wird kein Lamm.“ (Deutschland)

„Wenn es eine Katze ist, wird aus ihr nie ein Hund werden.“ (China)

„Aus einem Spatz wird kein Adler.“ (Russland)

A ist nicht B, auch wenn es optische Ähnlichkeiten gibt

„Ein Hund ist kein Hase, selbst wenn der die gleiche Farbe hat.“ (Ungarn)

„Eine Fliege mag ein Geweih tragen und doch kann man sie nicht Büffel nennen.“ (China)

„Auch wenn eine Biene gestreift ist, ist sie dennoch kein Tiger.“ (China)

Zur eingangs gestellten Frage, ob anstelle der Meise in der Hand nicht eher der Spatz sitzen müsste, lässt sich feststellen: Jede Sprache spricht für sich. Es gibt kein richtig oder falsch, sondern vielmehr eine bunte Vielfalt nebeneinander existierender Sprachwelten.

*

Wer mehr über die Welt der internationalen Sprichwörter erfahren möchte, dem sei das Buch unseres Autoren ans Herz gelegt. Hier finden sich neben zahlreichen exotischen, amüsanten und weisen Sprichwörtern aus aller Welt interessante Hintergrundinformationen und Erläuterungen: „Trockene Hosen fangen keine Fische“ von Axel Krohn, Rowohlt-Verlag, 2010, 160 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-499-62605-0.

Deutschland Eurasien Sprache

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