Bewegte Welt – Erzählte Zeit1989-2009

Bewegte Welt – Erzählte Zeit

Bewegte Welt – Erzählte Zeit

Wie war das damals? Was ist eigentlich geschehen? Worin besteht der Wandel? Was ist seither passiert? Eine Ausstellung der Goethe-Institute Osteuropas und Zentralasiens versucht darauf Antworten zu geben. Insgesamt werden rund 200 Video- und Fotoarbeiten gezeigt, die sich mit den tief greifenden Veränderungen der letzten 20 Jahre in Ländern des früheren Ostblocks auseinandersetzen.

Von EM Redaktion

  Beteiligte Künstlerinnen und Künstler
  Irina Abzhandadze (Georgien), Viktor An (Usbekistan), Talgat Asyrankulov  (Kirgisistan), Tina Bara/Alba D’Urbano (Deutschland, Italien), Christian  Borchert (Deutschland), Olga Chernysheva (Russland), Shailo Djekshenbaev  (Kirgisistan), Alevtina Kakhidze (Ukraine), Vladimir Kuprijanov (Russland),  Viktor Marushchenko (Ukraine), Erbossyn Meldibekov/ Nurbossyn Oris  (Kasachstan), Koka Ramishvili (Georgien), Igor Savchenko (Belarus), Oksana  Shatalova (Kasachstan) 
"Ich kann ein Mädchen mit blauen Augen sein" von Alevtina Kakhidze  
"Ich kann ein Mädchen mit blauen Augen sein" von Alevtina Kakhidze  

D ie in der Ausstellung präsentierten Werke schildern die kulturellen und gesellschaftlichen Wandlungen seit der friedlichen Revolution 1989 aus der Perspektive der Künstler der acht beteiligten Länder: Russland, Ukraine, Belarus, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und Deutschland. Damit erweitert das Projekt „1989-2009: Bewegte Welt – Erzählte Zeit“ in diesem Jahr, in dem das Thema „20 Jahre Mauerfall“ in Deutschland so präsent ist, den Blick und geht über den deutschen Rahmen hinaus.

Im Zentrum vieler künstlerischer Positionen steht die persönliche Erzählung. So schildert z. B. Tina Bara, wie ein Foto von ihr, welches 1983 während eines Sommertreffens politischer Aktivistinnen in der DDR entstanden war, später in Stasi-Besitz gelangte, als staatliches Archivmaterial verwendet und in der Arbeit einer anderen Künstlerin weiterverwertet wurde. In ihrer Arbeit „Covergirl: Wespenakte“ nutzt sie die eigene Geschichte, um Kontext- und Bedeutungsverschiebungen in der Fotografie zu hinterfragen.

Staatsmachtsymbole – Sinn belanglos

Auch im Werk „Familienalbum“ der Brüder Meldibekov und Oris aus Kasachstan verwebt sich die private mit der staatlichen Geschichtsschreibung. Den Entstehungsimpuls zu dieser ironischen Arbeit gab die Entdeckung einer verblüffenden Tatsache: Im Laufe der letzten 120 Jahre lösten sich an ein und derselben Stelle in einer Grünanlage im Zentrum von Taschkent sechs verschiedene Denkmäler mit gegensätzlicher Botschaft ab. Die Künstler zeigen Fotoporträts vor diesen wechselnden Staatsmachtsymbolen. So entsteht der Eindruck, dass der Sinn des jeweiligen Denkmals belanglos ist.

Eine andere Position zeigt sich in der Arbeit von Alevtina Kahdihze: bei ihr steht die Frage nach der Fragilität der Identität im Zentrum. In ihrer zugleich lakonischen und emotionalen Videoarbeit „Ich kann ein Mädchen mit blauen Augen sein“ setzt sich die Künstlerin über ihren dunkelbraunen Iris hellblaue, gefärbte Kontaktlinsen. Sie thematisiert damit den Zwang der Anpassung: Das Aufziehen der Augenlider für das Einschieben der blauen Kontaktlinsen kann als Korrektur der eigenen Sichtweise verstanden werden, um so die Welt mit neuen Augen sehen zu können oder von dieser als eine andere wahrgenommen zu werden.

Prof. Dr. h.c. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident  des Goethe-Instituts München erklärt dazu: „Die ausgewählten Beiträge machen deutlich, dass die Wandlungsprozesse sich nicht nur mit den Kategorien Politik oder Wirtschaft und mit institutionellen Veränderungen beschreiben lassen, sondern sie sind vor allem als ein kulturelles Phänomen zu begreifen, das von den Menschen ausging.

Familie, Identität, urbane Veränderung, Politik

„Covergirl: Wespenakte“ von Tina Bara  
„Covergirl: Wespenakte“ von Tina Bara  

Die gemeinsam von Dr. Jule Reuter mit lokalen Kuratorinnen und Kuratoren erarbeitete  Ausstellung stellt 16 fotografische und filmische Positionen vor, die auf sehr  unterschiedliche Weise die Prozesse und Erfahrungen in sieben Ländern der  ehemaligen Sowjetunion (die heute Osteuropa, Zentralasien und dem Kaukasus  zugerechnet werden) und in Deutschland reflektieren. Die Ausstellung konzentriert  sich dabei auf vier wichtige Themen: Familie, Identität, urbane Veränderungen und Politik.

In zwei großformatigen Videoarbeiten von Olga Chernysheva aus Russland und Koka  Ramishvili aus Georgien wird zum Beispiel die Sphäre des Politischen und seiner rituellen Praktiken genauer  beleuchtet. Und es mag die Logik des Zufalls sein, dass die zwei Arbeiten zu diesem  Thema aus jenen beiden Ländern kommen, die 2008 ihre Interessenskonflikte  kriegerisch zu lösen suchten.  So macht diese Ausstellung in besonderer Weise auf die oft schmerzhaften und  irritierenden Erfahrungen dieser Zeit aufmerksam und zeigt viele beeindruckende  künstlerische Ansätze, die sich mit diesen auseinandersetzen und sie aufarbeiten.  

Berlin als Symptom und Symbol

Johannes Ebert, Leiter der Region Osteuropa/Zentralasien des Goethe-Instituts stellt die deutschen Ereignisse in den größeren geschichtlichen Zusammenhang, wenn er erklärt: „Der Fall der Berliner Mauer 1989 ist nicht nur das Symptom und zentrale Symbol  für die Wiedervereinigung Deutschlands. Weltweit steht er als Zeichen für eine  Selbstbefreiung aus engen staatlichen Fesseln, für die Überwindung der Spaltung  im Zentrum Europas und für grundlegende geopolitische Veränderungen, die bis  heute tief in das Leben der Menschen hineinwirken.“ 

Er erinnert auch an das Land, das seinerzeit den Schlüssel zur deutschen Frage und zur Einigung Europas in Händen hielt: die Sowjetunion. Ebert: „An den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen damals in der Mitte  Europas hatte die Sowjetunion einen starken Anteil. Außenpolitisch wäre die Wiedervereinigung  Deutschlands ohne Unterstützung der Regierung Gorbatschow  kaum möglich gewesen.“

Er macht auch darauf aufmerksam, dass Länder und Regionen, aus denen viele der Künstler kommen, erst aus dem Zerfall des kommunistischen Riesenreiches hervorgegangen sind: „Zur gleichen Zeit begann im Inneren der Sowjetunion  ein Zerfallsprozess, aus dem Anfang der neunziger Jahre eine Vielzahl unabhängiger  Staaten hervorging: im Baltikum waren es Lettland, Litauen und Estland,  die heute zur EU gehören, dann die Ukraine, Belarus und die Republik Moldau,  im Kaukasus Georgien, Armenien und Aserbaidshan, in Zentralasien Kasachstan,  Usbekistan, Kirgisistan, Turkmenistan, Tadshikistan und nicht zuletzt die  Russische Föderation selbst, die 1991 die Auflösung der Sowjetunion bekanntgab  und als größte ehemalige Sowjetrepublik deren Rechtsnachfolge antrat.“

Die leitende Kuratorin Jule Reuter sagt zum Tenor ihrer Arbeit: „Die Ausstellung  vermittelt keinen versöhnlichen Grundtenor. Der oft bittere, aber auch ironische Ernst der meisten künstlerischen Statements ermutigt dazu, sich der eigenen Lage bewusster zu werden, Ängste und Probleme zu erkennen und über sie zu erzählen. Mehr Öffentlichkeit zu wagen und einzufordern, ist eine der Botschaften der Ausstellung.“

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Zusatzinformationen:

In der Ausstellung werden ca. 200 Fotografien und fünf Videoarbeiten gezeigt. Nach ihrer Eröffnung in Berlin wird die Ausstellung vom jeweiligen Goethe-Institut in Moskau, Minsk, Kiew, Tiflis, Taschkent, Almaty, Bischkek, St. Petersburg, Nowosibirsk und weiteren Städten präsentiert.

Ausstellungsort in Berlin: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin.

Katalog: Es erscheint ein dreisprachiger Katalog (dt., russ., engl.) mit kurzen Werktexten der Landeskuratoren zu den jeweiligen Arbeiten, sowie mit einführenden Essays von der Historikerin und Slavistin Barbara Christophe und der leitenden Kuratorin Jule Reuter.

Kontakt: Goethe-Institut Zentrale Tel.: +49 30 21961843 Tel.: +49 89 15921-249. Fax : +49 30 21961847 Fax: + 49 89 15921-414. E-Mail: artpress@uteweingarten.de

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