Binationale Ehen sind tabuEX-JUGOSLAWIEN

Binationale Ehen sind tabu

Im einstigen Vielvölkerstaat Jugoslawien war nicht danach gefragt worden, ob der ausgesuchte Ehepartner Serbe, Kroate oder Slowene war. Im jüngsten Bürgerkrieg Anfang der 1990er Jahre entschied die ethnische Zugehörigkeit plötzlich über Leben und Tod. Viele binationale Ehen scheitern seither am Druck einer feindseligen Öffentlichkeit. Manche Paare setzten sich in Drittländer ab, um ihrer Liebe noch eine Chance zu geben.

Von Veronika Wengert

M it der einen Hand schmeckt Anica Žurcak den Kartoffelsalat ab, mit der anderen greift sie zur Fernbedienung. Es gibt Nachrichten auf Slowenisch, danach wird auf einen kroatischen TV-Sender gezappt. In ihrer Ehe müsse sie gewisse Kompromisse eingehen, sagt die Rentnerin mit einem Augenzwinkern. Das beginnt schon beim Fernsehen: Anica ist Slowenin, ihr Mann Danijel Kroate. Das Paar lebt in Novo Mesto, einer Kleinstadt im Osten von Slowenien. Fast 30 Jahre hat Anica in Kroatien gearbeitet, wo sie auch ihren Mann kennen gelernt hat. Zu Zeiten Jugoslawiens habe die nationale Zugehörigkeit nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Ethnisch gemischte Ehen seien nichts Ungewöhnliches gewesen, sagt Anica. Alle hatten damals einen jugoslawischen Pass, alle mussten die Amtssprache Serbokroatisch erlernen – ob sie nun in Slowenien oder Mazedonien lebten, erinnert sie sich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Zahl der binationalen Partnerschaften im ehemaligen Jugoslawien sprunghaft angestiegen: Die schnelle Industrialisierung des Landes und die Urbanisierung der Städte trugen zu einer erhöhten Mobilität der Bevölkerung bei. Arbeiter und Händler zog es in die nördlichen Republiken Slowenien und Kroatien, in denen der Lebensstandard am höchsten war. Junge Menschen aus allen Teilrepubliken kamen zum Studium in die Hauptstadt Belgrad oder lernten sich bei freiwilligen Arbeitseinsätzen in so genannten Workcamps kennen. Und Angehörige der Jugoslawischen Volksarmee waren in allen Winkeln des Landes stationiert. Die Binnenmigration war rege und wirkte sich entsprechend auf die Partnerwahl aus.

Die meisten Mischehen gab es einst zwischen Serben und Kroaten

Die offizielle Politik unter Staatschef Tito sah wohlwollend auf binationale Ehen, denn sie propagierten die jugoslawische Parole „Brüderlichkeit und Einheit“ optimal. In Gegenden, in denen traditionell mehrere Volksgruppen miteinander lebten, war die Quote besonders hoch: In der autonomen Provinz Vojvodina war eine von vier Ehen ethnisch gemischt, wie die Volkszählung von 1971 ergeben hat. In ganz Jugoslawien war es hingegen jede siebte Ehe. Die meisten dieser Beziehungen – fast ein Drittel – wurden zwischen Kroaten und Serben eingegangen. Slowenen, Mazedonier und Albaner bleiben unterdessen bis heute lieber unter sich. Gegenwärtig ist jede siebte Ehe, die in Serbien geschlossen wird, ethnisch heterogen, wie ein Blick in die Bevölkerungsstatistik zeigt.

Wie akzeptiert solche Lebensgemeinschaften waren, macht eine Studie von 1968 deutlich, die in Serbien durchgeführt wurde: Damals konnten sich zwei Drittel der Bevölkerung vorstellen, eine Beziehung mit einem Angehörigen einer anderen Nationalität einzugehen. Kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens, als sich die ethnischen Spannungen im Land bereits zugespitzt hatten, war immerhin noch die Hälfte aller Einwohner zu solch einer Partnerschaft bereit, wie eine serbische Sozialstudie von 1989 zeigt. Zu einem ähnlichen Resultat kam auch die kroatische Wochenzeitschrift „Globus“ fünf Jahre später, als sich der Hass auf das „Brudervolk“ auf dem Zenit befand: Die Hälfte aller Kroaten würde heute ihren Kindern die Ehe mit einem serbischen Partner verbieten, so das Resultat.

„Wir konnten es einfach keinem recht machen“

Bei diesem Thema kann auch Dijana Antunovic Lazic mitreden. Schlechter hätten die äußeren Umstände für die junge Frau kaum sein können: Als sie Anfang der 1990er Jahre beschloss, ein gemeinsames Leben mit ihrem heutigen Ehemann Sinisa zu beginnen, versank ihre Heimatstadt gerade in Schutt und Asche. Den Alltag in der ostkroatischen Kleinstadt Vukovar prägten Granaten und Heckenschützen, der jüngste Bürgerkrieg zwischen Serben und Kroaten tobte hier blutiger als anderswo. Ihre Umwelt habe geschockt und mit Ablehnung auf die junge Liebe reagiert, erinnert sich Dijana heute. Sie galt plötzlich als Verräterin, die sich mit dem Feind eingelassen hatte – denn Dijana ist Kroatin, Sinisa Serbe. Die beiden sind gemeinsam im ethnisch gemischten Vukovar aufgewachsen. Der Druck von außen wurde immer größer, der Spott zermürbend. „Wir konnten es einfach keinem recht machen“, sagt Dijana.

Unermüdlich füllte das junge Paar Einreiseanträge aus, wollte mit Hilfe internationaler Organisationen in einem neutralen Drittland noch einmal von vorne beginnen. „Das klappte jedoch nicht, wir bekamen nur Absagen“, sagt Dijana. Das Paar zog nach Serbien, in die Kleinstadt Sombor, nahe der ungarischen Grenze. „Wir wollten uns unsere Liebe durch diesen Krieg nicht kaputt machen lassen“, so die Mittdreißigerin. Viele Paare, die in einer ähnlichen Situation gewesen waren, hätten sich aufgrund des kollektiven Drucks vom Partner getrennt, erinnert sich Dijana. Irgendwann, als die Waffen Mitte der 1990er Jahre wieder schwiegen, kehrte das Paar nach Vukovar zurück. Bis heute habe die „stille Diskriminierung“ jedoch nicht aufgehört, sagt Dijana. Jahrelang suchte die junge Frau Arbeit, wurde schließlich von einer Nicht-Regierungsorganisation angestellt, in der Serben und Kroaten gemeinsam an Friedensprojekten arbeiteten. Ihre beiden Kinder, Andrej und Ela, haben einen kroatischen Pass mit dem Vermerk „Nationalität unbestimmt“. Auf eine Taufe haben die Eltern unterdessen verzichtet.

Viele Paare haben im Ausland ihr Glück gefunden

Was Dijana und Sinisa nicht gelungen ist, haben zahlreiche Paare geschafft: Ein Einreisevisum für ein neutrales Drittland zu erhalten. Wenn morgen ein Klassentreffen stattfinden würde, müssten ihre damaligen Freundinnen aus Kanada, Amerika, Skandinavien, Australien und Russland anreisen, überlegt Dijana. Miso aus Sarajevo und Marina aus Split beispielsweise sind im jüngsten Bürgerkrieg nach Kanada geflohen. In Calgary leben die beiden bei klirrenden Minusgraden im Winter, und nicht selten packt sie nicht nur die klimatische Nostalgie nach ihrer alten Heimat. Die Geschichte des Paares wird in einem Internetforum für „Jugonostalgiker“ erzählt. Im virtuellen Raum tauschen sich Menschen aus ganz Ex-Jugoslawien aus: Über Serbische Bohnensuppe zum Mittagessen oder die Sehnsucht nach ihrem Jugoslawien – das heute nur noch in den Geschichtsbüchern oder eben im Internet existiert. Bei der letzten Volkszählung 1991 hatten sich noch über fünf Prozent der Bevölkerung als „Jugoslawen“ deklariert. Meist seien dies Paare gewesen, die in ethnisch gemischten Partnerschaften lebten, sagen Sozialforscher.

Wie viele Ehen nach dem Zerfall Jugoslawiens tatsächlich an nationalen Motiven zerbrochen sind, ist unbekannt. In einer Untersuchung bezeichnet die Belgrader Soziologin Maja Kandido-Jakšic diese Fragestellung als Tabu-Thema. Binationale Ehen würden das Konzept jener zerstören, die sich damals für die Auflösung des Vielvölkerstaates entschieden hätten. Svetlana Broz, Enkelin des jugoslawischen Staatschefs Tito, bezeichnet Partnerschaften und Kinder aus solchen Ehen in einem Interview mit der „Bosnian Post“ als „Knochen im Hals“ für nationalistisch gesinnte Politiker. Sie bereitet gerade ein Buch dazu vor. Der Arbeitstitel klingt allerdings wie ein trotziger Appell an die Medien, die das Thema heute eher verschweigen: „Es gibt sie immer noch“ – womit Svetlana Broz den Brüderlichkeits-Slogan ihres berühmten Großvaters zumindest ansatzweise fortsetzen dürfte.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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