„Blick zurück durchs Küchenfenster“ von Dagmar DusilGELESEN

„Blick zurück durchs Küchenfenster“ von Dagmar Dusil

Johannis Reeg Verlag, Heilbronn, vierte Auflage 2003, 216 Seiten, ISBN 3-937-32000-8, 10,20 Euro

Von Hans Wagner

„Blick zurück durchs Küchenfenster“ von Dagmar Dusil 
„Blick zurück durchs Küchenfenster“ von Dagmar Dusil 

EM – Die Idee ist wunderschön, das Lesevergnügen entsprechend groß. Und dabei lernt man noch über 150 Rezepte aus der siebenbürgischen Heimat der Autorin kennen. An besagtem Küchenfenster hatte sie sich nicht nur als kleines Mädchen die Nase plattgedrückt, um die Welt draußen zu erspähen, sondern ihm ist sogar ein besonderes Kapitel gewidmet. Es handelt von einem Unglück, das beim Durchsteigen des Fensters geschah. Eine Schüssel voll gebackenem Grieß mit Rum stand auf dem Sims und sein Inhalt ergoß sich im Verlauf verwickelter Umstände auf die darunterstehende Nähmaschine. Daß dabei auch noch die Karten zu einer Aufführung der Show „Paris auf dem Eis“ vernichtet wurden, macht das Ereignis endgültig zu einer schmerzlich, tragischen Kindheitserinnerung.

Das Rezept für die verunglückte Grießspeise ist nachzulesen. Und so ist es mit allen Rezepten, die in den Erinnerungen von Dagmar Dusil vorkommen. Ob „Bratkürbis“ oder „Evangelisches Huhn“, „Godelpussel“ oder „Huhn im Stanizel“, ob „Kartoffelsuppe“, „Majorannudeln“, „Siebenbürgische Pizza“ oder „Zwetschgenröster“. Eine Besonderheit sei es in ihrem Elternhause gewesen, daß „kein Sonntag ohne Schnitzel“ vergangen sei. Kein Wunder also, daß allein sieben verschiedene Zubereitungsarten dafür genannt werden.

„Reise in eine Geborgenheit, die damals den Stempel des Unvergänglichen trug“.

Aus kulinarischen Erinnerungen setzt die Autorin ein Bild ihrer Kindheit zusammen. Der Blick durchs Küchenfenster erhellt ein wenig von der Welt jener Menschen, die als „Siebenbürger Sachsen“ über Jahrhunderte in ihrem Siedlungsraum um den Mittelpunkt Hermannstadt herum gelebt hatten – vom 12. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, manche auch einige Jahrzehnte länger.

Zu ihnen gehörte Dagmar Dusil. Sie macht mit ihrer Reise „zurück in eine Geborgenheit, die damals den Stempel des Unvergänglichen trug“, nicht nur alten Siebenbürgern eine Freude. Die Mischung aus Rezeptbuch und Jugenderinnerungen ist gelungen und dazu angetan, auch den Westler zu erfreuen.

Die Autorin steuert darin auch einige andere Fragmente aus dem Nachkriegssiebenbürgen bei, solche, die von den Geschicken der inzwischen ungeliebten deutschen Minderheit in Rumänien. erzählen. Es sind wenige, aber selbst sie lösen eine Beklemmung aus, die einem regelmäßig überkommt, wenn man das Wort Staatssicherheit vernimmt.

Dagmar Dusil ist EM-Lesern u.a. bekannt als Autorin des Beitrags „Was bleibt ist die Sehnsucht“ in der Ausgabe 04-04.

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