Blutgetränkte Erde im KaukasusKRIEGSRELIKTE

Blutgetränkte Erde im Kaukasus

Blutgetränkte Erde im Kaukasus

Während im Kaukasus die Toten der jüngsten Kämpfe bestattet werden, durchwühlen russische Organisationen die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs. So mancher vermisste Rotarmist bekommt durch sie noch ein richtiges Begräbnis. Die Gebeine der deutschen Soldaten werden wieder zugeschüttet. Unsere Autorin hat die Gruppe „Nabat“ bei ihrer aufwühlenden Tätigkeit begleitet.

Von Silvana Wedemann

  Eindrücke und Fakten
  Laut Angaben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. werden die deutschen Verluste für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion im  Zweiten Weltkrieg auf 2,2 Millionen Kriegstote geschätzt. Im Moment liegen nur für 1,88 Millionen Kriegstote Todes- oder Grabmeldungen vor. Eine Todesmeldung bedeutet jedoch nicht immer, dass der gefallene Soldat auch begraben ist.

Die Autorin begleitete Nabat im Mai 2008 ein Wochenende lang. Der Besuch einer Deutschen wurde für die Mitglieder von Nabat zum Anlass genommen für Diskussionen über den Krieg, das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland. Für die meisten war das der erste Kontakt mit einem Menschen aus Deutschland überhaupt.

In ihrem Verhältnis zu Deutschen und zu Deutschland gab es in der Gruppe deutlich unterschiedliche Meinungen und Einstellungen. Auf der einen Seite stand eine kleine Minderheit sehr deutschfeindlicher Mitglieder, die ihren Hass in unseren Gesprächen lautstark kultivierten. Die Mehrheit hatte eine eher neutrale Haltung.

Was die Russen sichtlich am meisten bewegte, war die Tatsache, dass die Deutschen nach dem Krieg ihr Land innerhalb weniger Jahre wieder hochgearbeitet hatten und zu Wohlstand gekommen waren. Und das, obwohl sie die Verlierer des Krieges waren. Sie hatten es geschafft, trotz aller Wiedergutmachungszahlungen und Verluste.

Und der Sieger, also die Sowjetunion, stand - was Wirtschaft und Wohlstand betrifft - letztendlich als Verlierer da. Die Deutschen hatten es wieder zu etwas gebracht, was bei den Russen ein zwiespältiges Gefühl von Neid, aber wohl auch Achtung hervorrief. Dabei waren ihnen der Schuldkomplex und das angegriffene Selbstwertgefühl der Deutschen, die ganze Generationen in Schweigen gehüllt hatten, völlig unverständlich. „Die Deutschen haben sich da selbst hineingesteigert“, sagten sie. Das sei doch längst kein Thema mehr. Jedenfalls nicht für sie, die Leute von Nabat.
Ausgräber der Organisation Nabat, die im Raum Krasnodar nach Kriegsrelikten suchen  
Ausgräber der Organisation Nabat, die im Raum Krasnodar nach Kriegsrelikten suchen  

D er Zweite Weltkrieg ist in Russland immer noch wie ein Gespenst anwesend. Man spürt ihn nicht nur während der herausgeputzten Veteranentreffen an offiziellen Feiertagen. Man muss dazu nicht an die vielen, vielen Kriegsdenkmäler aus Sowjetzeiten kommen, denen Schulgruppen einen verpflichteten Besuch abstatten, sondern der Krieg kommt auch in alltäglichen Unterhaltungen immer wieder zur Sprache. Man kann eine willkürliche Person auf der Straße ansprechen, und sie wird eine Geschichte erzählen, über Familienangehörige, die grausam von der SS ermordet worden seien, über einen Großvater, der gefallen ist oder den Krieg überlebt hat oder über einen mutigen Offizier der Wehrmacht, der ein Dorf oder eine Familie gerettet hat. Ganz zu schweigen von den unzähligen Geschichten über die vielen bis heute Vermissten.

Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sind derzeit viele Gruppen aktiv, die auf der Suche nach verborgenen Kriegsschätzen Mütterchen Erde umwühlen. Das Graben ist mit dem Ende der Sowjetunion ein richtiger Volkssport geworden. Zwar braucht man eine offizielle Genehmigung, die nur zugelassenen Organisationen erteilt wird, aber Russland ist groß, die Wälder sind weit und die Kontrolle durchlässig.

Wo es piept, wird der Spaten in die Erde gestochen

Zu Sowjetzeiten war das Graben nach den Überbleibseln des Krieges ein Tabu, weil man Angst hatte, Fakten kämen ans Licht, die der offiziellen Geschichtsschreibung, den offiziellen Verluststatistiken widersprächen. Sei es dank der Verjährung und der Verwesung, sei es dank der anderen Kriegsschauplätze, mit denen Russland zu kämpfen hat - inzwischen lässt man die Amateurausgräber einfach graben. Mithilfe eines Metalldetektors suchen sie an den Stellen, wo Frontlinien vermutet werden. Augenzeugen, meist Dorfbewohner, und Kartenmaterial helfen bei der Standortbestimmung. Dort, wo es piept, wird der Spaten in die Erde gestochen, einfach auf gut Glück oder wie die Ausgräber in perfekten Englisch formulieren: „In the middle of nowhere.“

„Nabat“ ist eine dieser Suchgruppen. Sie hat ihren Hauptsitz in Krasnodar, der alten Festungsstadt am Kubanfluss, die 1942/43 von der Wehrmacht besetzt war. Nabat positioniert sich als „militärisch-patriotische Organisation“ und distanziert sich damit deutlich von der Mehrheit der Gruppierungen, die im russischen Volksmund herablassend die „kopateli“ (die Ausgräber) genannt werden.

Diese „kopateli“ sind leidenschaftliche Schatzsucher, zumeist Militaria-Sammler und Militärfreaks, die das gefundene Metall wie Patronen, Waffen, Briefe, Flaschen, Spiegel, Schlüssel, Gasmasken usw. sammeln, tauschen und übers Internet verkaufen. Der Russe „Vlad2308“ verdiente unter diesem Phantasie-Namen mit Schädeln, Helmen und anderem Beutegut von deutschen Soldaten Zehntausende Dollar bei Ebay. Das Internet-Auktionshaus hat ihn inzwischen gesperrt.

Bei Krasnodar soll ein deutscher Soldatenfriedhof entstehen

Gebeine eines Gefallenen in der Erde von Krasnodar am Kubanfluss  
Gebeine eines Gefallenen in der Erde von Krasnodar am Kubanfluss  

Nabat richtet sich vor allem auf Ausgrabungen im Kaukasus, wo laut Statistik etwa 130.000 Angehörige der deutschen Wehrmacht von Juli 1942 bis Oktober 1943 gefallen sind. Ihnen zum Gedenken entsteht derzeit nahe der südrussischen Stadt Apscheronsk bei Krasnodar einer der größten deutschen Soldatenfriedhöfe in Russland.

Auf russischer Seite sind weit mehr Opfer zu beklagen. Man spricht von 200.000, aber genaue Zahlen gibt es nicht. Vermutlich liegen die Verluste viel höher, weil die  angreifende Seite – und das waren in diesem Fall die Truppen der Roten Armee - in der Regel dreimal so viele Opfer zu beklagen hat.

In den Gebirgen des Kaukasus gestalten sich die Ausgrabungen schwierig. Einige Mitglieder von Nabat sind bereits mehr als 20 Jahre dabei und beim Graben sozusagen alt geworden. Sie opfern ihre Wochenenden „für die gute Sache“ und natürlich auch der Leidenschaft des Grabens – des Suchens und Findens.

Englische Schuhsohlen deuten auf Rotarmisten

Das alles natürlich unentgeltlich, mit einer großen Portion Enthusiasmus. Die während der Ausgrabungsarbeiten gefundenen Sprengstoffe werden entschärft, das Metall wird zum Schrotthändler gebracht, die schönsten Stücke mit Seltenheitswert an Museen übergeben. Was Nabat jedoch hauptsächlich von den anderen Gruppen unterscheidet, sind die öffentlichen Begräbnisse, die sie für die stofflichen Überreste von gefallenen Rotarmisten organisieren. Es ist ein symbolischer Akt und ein Abschluss, der den Kriegern für Volk und Vaterland einen würdigen, menschlichen Abschied verschafft. Denn sie glauben, dass der Krieg  erst dann zu Ende ist, wenn auch der letzte Soldat begraben ist. Also nicht nur vermisst, unter der Erde verschüttet und vergessen, sondern auch bestattet.

Es sind Russen, die graben, und selbstverständlich geht es ihnen in erster Linie um gefallene Rotarmisten. „Unsere Brüder“, wie sie die Überreste liebevoll nennen „sollen ihre letzte Ruhe finden“. Im Chaos des Krieges, beim Rückzug oder Ansturm bleibt wenig Zeit zum Begraben. In den Laufgräben liegen dann auch oft Russen, Deutsche und Rumänen chaotisch neben- und übereinander. Die Nationalität der Toten kann oft nur an Hand einer Schuhsohle (englische Schuhe deuten auf Rotarmisten), einem winzigen Stück Stoff festgestellt werden. Recherchen zur Identität bergen weit größere Schwierigkeiten. Fehlen die metallischen Erkennungsmarken, Grabflaschen oder andere persönliche Indizien, bleibt nur die Charakterisierung „unbekannt“. Die Rotarmisten werden ausgegraben, ihre Gebeine in Säcke verstaut, gesammelt. Alle paar Monate findet ein feierliches Sammelbegräbnis statt. Zwölf Rotarmisten pro Sarg.

Zweifel an der Arbeit des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge

Erkennungsmarke eines Soldaten aus der blutgetränkten Erde des Kaukasus  
Erkennungsmarke eines Soldaten aus der blutgetränkten Erde des Kaukasus  

Bei ihren Ausgrabungen stößt Nabat des Öfteren auch auf Überreste deutscher Soldaten. Auch diese zu beerdigen, nein, dafür fühlen sie sich weiß Gott nicht verantwortlich. Nabat nahm vor einigen Jahren Kontakt mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf. Eine Liste wurde nach Deutschland geschickt, mit Namen und Sterbeort. „Ein Vertreter des Verbandes kam nach Krasnodar, schaute sich die Liste an, wählte ein paar der Überreste aus, den Rest wollte er nicht haben“, erzählt einer der Organisatoren. Nabat glaubt, dass an den identifizierten Gebeinen Geld verdient wird. Der Rest der Skelette und die vielen Unbekannten waren nicht interessant.

„Warum? Wir haben die Überreste unentgeltlich angeboten. Nehmt sie mit, haben wir gesagt.“  Misstrauen kommt auf: „Warum hätten sie sonst ein paar ausgesucht und den Rest liegengelassen?“.

Seit diesem Versuch werden die deutschen Überreste einfach wieder in das Erdloch gelegt und zugebuddelt. „Verstehen Sie, die Deutschen gehen uns nichts an. Um die müsste sich schon Deutschland kümmern.“ Die gefallenen deutschen Soldaten, die vielen „Unbekannten“, deren Überreste irgendwo unter der Erde verschüttet sind und langsam verrotten, machen natürlich betroffen, vor allem, weil man sie während der jahrzehntelangen hitzigen Debatten über Schuld und Sühne völlig vergessen zu haben scheint, vielleicht mit Ausnahme einiger persönlicher Angehöriger.

Man möchte sich wünschen, dass der Bund für deutsche Kriegsgräberfürsorge Kontakt mit solchen aktiven Gruppen wie Nabat sucht, dass eine langfristige Zusammenarbeit entsteht und irgendwann vielleicht auch ein Dialog, so dass man irgendwann soweit sein wird, Sammelgräber anzulegen, in denen als ein symbolischer Akt der Versöhnung Überreste unbekannter deutscher und russischer Soldaten nebeneinander ihre Ruhe finden, mit einem Kreuz „Für die Opfer des Krieges“.

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Nach ihrer Rückkehr wandte sich die Autorin an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Von dort erhielt sie die Antwort: „In der Bundesgeschäftstelle in Kassel ist die Suchgruppe ‚Nabat’ nicht bekannt. Unser Umbettungsmitarbeiter im Kaukasus, Herr Ullrich Bösche, ist altersbedingt seit einem Jahr nicht mehr für den Volksbund tätig, so ich ihn diesbezüglich nicht fragen kann.“

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Die Autorin ist Dipl. Slawistin und Fotografin. Sie hat als zunächst als literarische Übersetzerin gearbeitet. Seit einigen Jahren ist sie als Autorin tätig  und fotografiert auch für ihre Berichte und Reportagen. Derzeit arbeitet Silvana Wedemann an einem Erinnerungsbuch über ehemalige russische Militärangehörige, die in der DDR stationiert waren.

Kaukasus Russland

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