Breshnews letzter Mohikaner in PragTSCHECHIEN

Breshnews letzter Mohikaner in Prag

Breshnews letzter Mohikaner in Prag

Alle „Okkupanten“ von 1968 gingen, einer blieb: die Prager Journalisten Dan Hruby und Jan Sibik haben ihn in diesem Sommer aufgespürt: Vladimir Cygankov, 41 Jahre alt, im Rang eines Leutnants, mit dem ständigen Wohnsitz in dem nordböhmischen Elbstädtchen Milovice. Er schützt Tschechien „vor den Chinesen“.

Von Wolf Oschlies

In voller Uniform durchs goldene Prag: Sowjet-Fossil Vladimir Cygankov, 41.  
In voller Uniform durchs goldene Prag: Sowjet-Fossil Vladimir Cygankov, 41.
(Foto: Jan Sibik, „Reflex“)
 

S olche Meldungen gab’s in jüngerer Vergangenheit immer mal wieder – dass auf irgendeiner asiatischen Insel japanische Soldaten entdeckt wurden, die das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mitbekommen hatten und immer noch für ihren Tenno Gewehr bei Fuß standen. Wer aber hätte gedacht, dass derartiges in unseren Tagen und in einem unserer Nachbarländer Realität ist?

Ende August haben sich die Tschechen einmal mehr daran erinnert, wie ihr Land, die damalige Tschechoslowakei, am 21. August 1968 von einer halben Million Soldaten des Warschauer Pakts, darunter natürlich auch welche der DDR-Armee NVA, überfallen und „zeitweilig“ besetzt wurde. Die Besatzung dauerte bis zum 30. Juni 1991, als die Sowjetsoldaten der „Zentralen Gruppe der sowjetischen Streitkräfte“ (CVG) unter Oberbefehlshaber Eduard Vorobev das Land verließen – aufatmend verabschiedet von Bevölkerung und Regierung unter dem Kommunisten Marián Calfa.

Ein Rotarmist blieb für immer

Alle „Okkupanten“ gingen, einer blieb - den die Prager Journalisten Dan Hruby und Jan Sibik in diesem Sommer aufspürten: Vladimir Cygankov, 41 Jahre alt, im Rang eines Leutnants, mit dem ständigen Wohnsitz in dem nordböhmischen Elbstädtchen Milovice. Dort war das CVG-Oberkommando stationiert, das die rund 65 CVG-Garnisonen beaufsichtigte. Bereits deren Dislozierung war aufschlussreich: Kaum welche gegenüber den „imperialistischen“ Staaten Österreich und Bundesrepublik Deutschland, massierte Häufung dagegen südlich der „sozialistischen Bruderstaaten“ DDR und Polen - waagrechte West-Ost-Kette durch Mähren und die Slowakei mit logistischer Anbindung an die „Sowjetrepublik“ Ukraine. Also eine schon kartographisch erkennbare Besatzungsarmee.

Weil Besatzer mit leichtem Gerät auskommen, waren die rund 100.000 Mann der CVG deutlich schlechter bewaffnet als ihre über 400.000 elitären Waffenbrüder der „Gruppe sowjetischer Streitkräfte in Deutschland“ (GSSG) in der DDR: keine T 80-Panzer, keine MiG-29-Jäger, keine Su-27-Flugzeuge.

„Mit der Sowjetunion auf ewige Zeiten“

Der CVG-„Polygon“ – Truppenübungsplatz plus Flugplatz – wurde 1995 von den Tschechen aufgelöst, 1996 partiell für eigene Zwecke reaktiviert. Durch das restliche Ruinenfeld, auf dessen Wänden noch die alte Parole (oder Drohung) prangt „Se Sovetskym Svazem Na Vecni Casy“ (Mit der Sowjetunion auf ewige Zeiten), geistert Sowjet-Leutnant  Cygankov. Der geborene Moskauer traf am 15. November 1987 in Milovice ein, also schon zu Zeiten Gorbatschows, und erinnert sich noch, wie sein Ein-Mann-Krieg gegen den CVG-Abzug im Juni 1991 begann: „Ich sagte den Kommandanten, dass die Amerikaner am nächsten Tag hier einrücken würden. Warum sollten wir vor denen zurückweichen? Ich gehe nirgendwo hin!“ Den Generälen war’s egal, ein Mann mehr oder weniger fiel im Chaos des Abrückens nicht auf, und so ist Cygankov seit ziemlich genau 15 Jahren auf Posten.

Als „fortgesetzter Okkupant“? „Warum verwenden Sie so ein schändliches Wort? Ich bin ein Beschützer!“ „Vor wem?“ „Vor den Imperialisten – und den Chinesen!“ –Na so was? - „Jawohl Chinesen! Die wollen die ganze Welt beherrschen“. Lieb’ Tschechenland, magst ruhig sein – wenn du nicht in brüllendes Gelächter ausbrichst. So oder ähnlich mögen Hruby und Sibik gedacht haben, als sie Cygankov reden ließen. Beispielsweise über seine allnächtlichen Aktivitäten: „Ich will den Flugplatz in Schuss halten, bis unsere Flugzeuge wieder landen. Als Soldat weiß ich, dass solche Aktionen nachts ablaufen, darum habe ich Reisighaufen neben der Landebahn aufgetürmt, die ich im Bedarfsfall zur Orientierung der Piloten anzünde“. Damit erfreut der Russe vor allem tschechische Habstarke, die sein Reisig mit Vorliebe zum Braten von „spekacky“, den leckeren böhmischen Speckwürstchen, verwenden. Das passiert meist, wenn Cygankov abwesend ist, weil er in voller Uniform durchs goldene Prag spaziert, von niemandem angefeindet, von vielen belächelt und selber in völliger Verkennung der Umgebung: In allen Souvenirläden sieht er sowjetische Uniformen, Abzeichen, Militärmützen – die er als alltschechisches Referendum deutet: „Das ist der Beweis, dass die Leute uns gern haben“.

Auf Kaninchenjagd mit der Kalaschnikow

Uns? Cygankov lebt wie ein moderner Robinson in Milovice, „in der Natur, das macht uns Russen gar nichts aus“. Eine halbverfallene Baracke hat er zu seiner Bleibe erkoren, für den Speisezettel schießt er Kaninchen. „Mit der Kalaschnikow?“ „Wenn es nicht anders geht, auch mit der Kalaschnikow“. Menschliche Kontakte pflegt er nur mit den Genossen der „Kommunistischen Partei Böhmens und Mährens“ (KSCM), die ihm Geld und Konserven bringen. Mit dabei sind meistens Ex-Parteichef Miroslav Grebenicek und andere Spitzenfunktionäre, alle unergiebig für Diskussionen: „Die fragen mich immer, wann hier endlich eine Arbeiter- und Bauern-Regierung errichtet wird“. Wann denn, Genosse Leutnant? „Wenn ich im Spiegelsaal des Kreml erscheine, alle sich vor mir verneigen und mir zurufen: Du bist der, der Putin abgelöst hat!“

Ist Cygankov ein „silenec“, ein Irrer? Das fragten sich dessen tschechische Gesprächspartner Hruby und Sibik, aber eine eindeutige Antwort mochten sie nicht geben: Trau, schau wem – am wenigsten alten tschechisch-sowjetischen Geheimdienst-Seilschaften, die ja mit diesem Leutnant einen ersten Bauern fürs Zukunftsschach gesetzt haben könnten.

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