Brücke für einen geeinten Kontinent von Wladiwostok bis Dublin?TRANSNISTRIEN

Brücke für einen geeinten Kontinent von Wladiwostok bis Dublin?

Brücke für einen geeinten Kontinent von Wladiwostok bis Dublin?

In der Hauptstadt der international nicht anerkannten Republik Transnistrien gibt es eine moskautreue Jugendorganisation mit dem Namen „Proriv“ – zu Deutsch „Durchbruch“. Ihre Büroräume werden optisch von Che-Guevara-Plakaten beherrscht. Nicht weiter verwunderlich, denn sie gehören zur „Che Guevara High School of Political Leadership“, gegründet von Dmitrij Soin. Er ist der Führer einer Bewegung, die Transnistrien als Brücke für einen geeinten Kontinent betrachtet, aber auch als „neues Tibet“ und als Land mit großer mystischer Zukunft.

Von Florian Kührer

I ch werde euch zeigen, dass Transnistrien ein Land wie jedes andere ist“, verspricht uns unser Begleiter Maxim, als wir von der moldawischen Hauptstadt Chişinău Richtung Tiraspol aufbrechen. Unser Ziel ist die Hauptstadt jenes Landes, das je nach Blickrichtung als „Transnistria“ oder „Pridnestrovie“ bezeichnet wird. Der Ruf der international nicht anerkannten Republik, die sich in den Jahren des sowjetischen Zerfalls in einem Bürgerkrieg von der Moldawischen Sowjetrepublik abgespalten hat, ist nicht der beste. Hier wird hergestellt und abgewickelt, was Gott und die Internationale Gemeinschaft verboten haben: Waffenproduktion, Drogenschmuggel und Menschenhandel stehen auf der Tagesordnung, berichten NGOs und westliche Beobachter. Entgegen Maxims Zweckoptimismus scheint das wenig schmeichelhafte Prädikat „Europas schwarzes Loch“ nicht umsonst kolportiert zu werden. Alles halb so wild, meinen hingegen die regierungstreuen Meinungsmacher in Tiraspol. Maxim erklärt die verfahrene Situation in seiner Heimat auf eine Weise, dass es auch wir „Europäer“ verstehen können: „Transnistria is big business.“

Als wäre dieses Land einem ständigen Strom von Touristen ausgesetzt, hängt an der Grenzstation eine Liste aus, auf der einem der Preis für das Einreisevisum in verschiedenen Währungen zur Kenntnis gebracht wird. Ein halber Euro für den Eintritt ins  so genannte Museum des Kommunismus, wie die Transnistrische Moldauische Republik auch genannt wird.

Transnistrien versteht sich nach wie vor als „Sozialistische Sowjet Republik SSR“

Zügig und ohne das erwartete Behördenschauspiel können wir passieren. Nachdem wir die im Bürgerkrieg von 1992 heftig umstrittene Brücke von Bendery, und somit den Dnjestr, den die Moldauer Nistru nennen, überquert haben, stoßen wir auf ein bulgarisches Dorf, dessen Einwohner es in noch schwierigeren Zeiten hierher verschlagen haben muss. Man pflege hier noch die Bräuche der balkanischen Heimat, betont Maxim, der sich als Fremdenführer sein Journalistengehalt aufbessert. Tiraspol, die offiziell 150 000 Einwohner zählende Hauptstadt der selbsternannten Republik, die sich nach wie vor als „Sozialistische Sowjet Republik, S.S.R.“ bezeichnet, zeigt sich uns überraschend sauber, blumenreich und arm an militärischer Präsenz auf den Straßen.

Entlang der großzügig angelegten, aber kaum befahrenen Hauptstraße fällt sofort das Café Eilenburg ins Auge, das seinen Namen einer halbherzigen, weil politisch kaum vertretbaren Städtepartnerschaft mit der gleichnamigen sächsischen Stadt verdankt. Wie seltsam sich doch der deutsche Schriftzug im für westliche Verhältnisse ohnehin nur sehr spärlich mit Reklametafeln ausgestatteten Stadtzentrum ausmacht. Hier befinden sich auch die Räumlichkeiten von „Proriv“ – zu deutsch „Durchbruch“ -, einer moskautreuen Jugendorganisation, die zur Verbreitung ihrer Ideen Filialen in nicht anerkannten Separatistenstaaten wie Südossetien und Abchasien, in Georgien und eben hier in Transnistrien betreibt.

So zielstrebig wie Maxim auf den Eingang hinsteuert, hat es den Anschein, als ob er für unsere Tour die Proriv-Zentrale als zufälligen Höhepunkt eingeplant hätte. Cool, mit fast gelangweilter Miene erklärt er dem düster blickenden, kaum sechzehnjährigen Wachposten im Windfang unser Anliegen. Nach kurzer Rücksprache mit dem uns noch verborgenen Inneren lässt er uns passieren. Die Ignoranz, mit der man uns begegnet, enttäuscht uns. Kein Interesse an westlichen Figuren? Man erbarmt sich schließlich, ein Mädchen zeigt sich bereit, uns die Ideen von Proriv zu erklären und bleibt doch am oberflächlichen Smalltalk hängen.

Zeit, sich umzusehen. Das große Zimmer, in das man uns gebeten hat, wirkt mit seinen Sitzbänken und den Che-Guevara-Postern wie ein Verschnitt aus Schule und Jugendtreff. - Was er ja auch ist, wie sich herausstellen wird.

Aus einer Stereoanlage tönt englischer Pop, ukrainischer Pop, russischer Pop

Durch die geschlossenen Jalousien dringt nur mäßig Licht, es scheint, als hätte man es nicht gerne, zu viele Einblicke zu gewähren. Aus einer Stereoanlage tönt Pop: englischer Pop, ukrainischer Pop, russischer Pop. Welchen Radiosender es in Tiraspol braucht, um diesen Mix hören zu können, bleibt uns ein Rätsel.

An der Seitenwand sind einige Rechner aufgestellt, offensichtlich mit Internetzugang ausgestattet. Auch hier: Ches markante Gesichtszüge als Bildschirmschoner. Zwischen der transnistrischen und der russischen Fahne. Genauer betrachtet dominieren die Blicke der bei uns recht ambivalent eingeschätzten Revolutionsfigur den gesamten Raum. Zumindest bis Alena die Szenerie betritt. Groß, blond, Anfang zwanzig und eindeutig die Chefin. In sicherem Englisch begrüßt sie uns bei der revolutionären Jugendorganisation Proriv. Mit einem Schlag fühlen wir uns willkommen und ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Also doch Interesse am uneingeladenen Besuch aus dem Westen?

In der PR-Arbeit routiniert, geht Alena gleich in medias res: Che? Sein revolutionärer Mythos und sein Unabhängigkeitskampf machen ihn genau zu der Symbolfigur, die eine junge, elitäre Generation hier in Transnistrien brauche. Proriv habe das mit friedlichen Mitteln fortzuführen, was 1992 von den Helden Transnistriens blutig errungen worden war: die Loslösung von der Republik Moldau. Ihre Organisation verfüge über ein Netzwerk in allen Städten und größeren Dörfern des Landes, allein in Tiraspol betreibe man vier Marketingbüros. Seit der Gründung im Juni 2005 habe sich Proriv mit seinen über vierhundert jugendlichen Mitgliedern auch bereits einen gewissen revolutionären Ruf erarbeitet.

Der Zulauf zur Jugendorganisation „Proriv“ nimmt ständig zu

Als man im September 2005 mittels eines Baukrans die OECD-Fahne vom Dach der Zentrale dieser einzigen offiziellen internationalen Organisation in Transnistrien holte und die gelbe Fahne von Proriv aufpflanzte, konnten sich die jungen Wilden sogar einer gewissen medialen Präsenz im Ausland erfreuen.

Der Andrang werde immer größer, erst vor kurzem habe man eine „Kindersektion“ gegründet, da schon Elf-, Zwölfjährige Interesse an einer Mitgliedschaft bekundet hätten. Von offizieller Stelle bekäme man kein Geld, als NGO könne man das auch nicht verlangen. Dass man für den Präsidenten Smirnoff Wahlkampf betreibt, läge ausschließlich an den gemeinsamen Interessen an einem unabhängigen Transnistrien. Und die schlechte Nachrede, was die finanzielle Abhängigkeit von der Nomenklatura betrifft, rühre von dem Umstand her, dass die privaten Gönner meist eben auch Mitglieder im Zentralkomitee Transnistriens seien. Dass nun dort die finanziell potenten Bürger säßen, wäre nur recht und billig, setzt Alena nach und meint das kein bisschen ironisch.

Viel idealistische Arbeit stecke hinter ihren Aktionen und Kundgebungen. Ohne die Arbeit von Proriv würden die Wahlen und Referenden hier im Lande nicht so eindeutig ausfallen. Auch hier kein Anflug von Ironie in Alenas Gesicht. Die Ergebnisse der Volksabstimmung im September 2006 über die „moldauische Frage“ -Wiederanschluss oder Unabhängigkeit - und auch die Präsidentschaftswahlen von vergangenem Dezember sprechen eine eindeutige Sprache.

„Holy days for our movement“, betont Alena. 97,2 Prozent stimmten für ein von der Republica Moldova (RM) unabhängiges Transnistrien und für eine freie Assoziierung mit Russland. Gleichzeitig lehnten – wenig überraschend – satte 94,9 Prozent eine Wiedervereinigung mit der RM ab. Präsident Smirnow, seit 1996 im Amt, wurde trotz einer Handvoll Gegenkandidaten mit 82,4 Prozent in seiner Position als Übervater der Nation zum zweiten Mal bestätigt. Und doch sei Transnistrien ein supranationales Projekt, betont Alena. Die Mitglieder von Proriv seien keineswegs nur ethnische Russen, setzt sie nach und zählt Juden, Bulgaren, Georgier, Armenier, Moldawier und sogar einen Bessarabiendeutschen auf. Man höre ja nicht nur russische und ukrainische Musik, sondern auch englisch- und deutschsprachige. Multikulti kommt gut an im Westen – das weiß Alena offenbar.

Eine Elite für den Unabhängigkeitskampf der Republik Transnistrien

Seit einem halben Jahr verfügt die Bewegung auch über einen politischen Arm, die „Demokratische Volkspartei“. Ab einem Alter von 25 Jahren könne man zum Abgeordneten im Parlament gewählt werden, das nur unweit vom Gebäude des transnistrischen Sowjets steht. Ein erklärtes Ziel ihrer Bewegung wäre es, diese Altersgrenze deutlich zu senken. Auch die Jugend solle im Parlament vertreten sein. Alena, die mittlerweile sogar über einen eigenen Eintrag auf Wikipedia verfügt, macht keinen Hehl daraus, dass sie selbst Interesse an solch einer politischen Funktion hätte. Wer sonst, wenn nicht sie?

Macht und Führungsqualitäten scheinen ihr nicht fremd zu sein, Eloquenz und mechanisch aufgesagte Programmatik verweisen auf die Ausbildung, die hinter Köpfen wie ihrem steckt. Um eine Elite für den Unabhängigkeitskampf in der virtuellen Nachfolge Che Guevaras und im recht realen Schatten des unumstrittenen De-facto-Präsidenten Igor Smirnow heranzubilden, kann Proriv auf seine eigene Parteiakademie verweisen: Die „Che Guevara High School of Political Leadership“ wurde von Dmitrij Soin gegründet, der es mit seinen noch nicht einmal vierzig Jahren selbst schon zur mythenumrankten Führerfigur der Bewegung gebracht hat. Alena verweist stolz auf seine hohe Position als Offizier im Sicherheitsministerium, wo er für den Verfassungsschutz zuständig ist. Dass er wegen Verbrechen gegen Leib und Leben von der Interpol gesucht wird, verschweigt sie uns.

In dem Moment, als Soin überraschend seine Schule betritt, wird Alena automatisch zur Nummer zwei. Er scheint bei seinen Jüngern sogar das omnipräsente Antlitz des revolutionären Heilands Che Guevara zu überstrahlen. Im kameradschaftlichen Gespräch mit seinen jugendlichen Mitarbeitern beantwortet er Fragen und gibt Anweisungen. Maxim, Verfasser einiger kritischer Texte über Soins Machenschaften hat seine routinierte Teilnahmslosigkeit mit einem Schlag abgelegt und wechselt nervös einige Worte mit dem lässig wirkenden Über-Bruderder transnistrischen Jugend. Austria? Come to my office.

Buddhastatue und Che-Guevara-Poster und darunter das spirituelle Om-Symbol

Dimitrij Soin scheint selbst, ebenso wie das, was er an seinem Körper trägt, Designerware zu sein. Pferdeschwanz, Jeans und getönte Brille nehmen ihm diesen so armseligen wirkenden osteuropäischen Touch von zu groß geratener Konfektionsware, den man hier selbst von einem einflussreichen Beamten erwartet hätte. Seine Performance verleiht ihm eine Aura von cooler Allmacht. Trotz der von ihm verwendeten Anglizismen - Marketing, Outfit, Corporate Identity - entscheidet er sich, mit uns Russisch zu sprechen und seine Worte übersetzen zu lassen. Auf dem Schreibtisch ein Flatscreen, von der Decke hängt ein Traumfänger, im Regal steht eine Buddhastatue. An der Wand ein Porträt Che Guevaras, darunter das spirituelle Om-Symbol.

Die Atmosphäre in Soins Büro schwankt zwischen Einsatzzentrale und einem billigen Chinarestaurant. Willkommen in Transnistrien, dem neuen Tibet! Verdutzte Blicke scheint er gewöhnt zu sein. Sein Land hätte eine große mystische Zukunft vor sich, könnte eine Brücke zwischen West und Ost werden. Seine Vision von Europa? Ein geeinter Kontinent von Dublin bis Wladiwostok. Freimütig plaudert Dimitrij Soin über seine Akademie, erzählt uns von der neuen Elite, die diese auszubilden hat. Die Che Guevara-Schule sei das Herz von Proriv, hier werden Leute mit einer „neuen Ideologie und einem neuen Geist“ ausgebildet, erklärt er uns in einem Ton, als verkaufe er Staubsauger. Die Bewegung selber soll aber nicht nur für die Eliten erreichbar sein, man plane eine umfassende Präsenz über Sportvereine und Magazine, ja selbst ein eigener Radiosender befinde sich in Planung.

Humanitäres? Selbstverständlich sorge man sich auch um die Schwächsten im Land. Proriv unterstütze vor allem Kinder, um ihnen aus der Armut zu helfen. Besondere Talente würde man mit Stipendien fördern. Soin erzählt uns auch vom ökologischen Engagement der Bewegung. Als wäre ihm gerade eingefallen, dass man solche Dinge im Westen besonders gerne hört. Proriv ist alles.

Um noch einmal darzulegen, auf welcher Seite seine Bewegung steht, schenkt er uns sein Buch über den moldauischen Präsidenten: „Der nackte Woronin“ heißt sein Werk. Auf dem Cover eine Karikatur des Erzfeindes, bloß wie Gott ihn schuf, mit einem Krönchen auf dem Kopf, umringt und belächelt von der internationalen Gemeinschaft.

Hier bei Soin scheinen fernöstliche Symbole, westliche Strategien und sowjetisch-autoritäre Methoden zu einem transnistrischen Identitätsmodell zu verschmelzen. Design-Ideologie, eher mysteriös als mystisch. Er wünscht sich ein Netzwerk in ganz Europa. Die Überreichung seiner Visitenkarte soll dies unterstreichen. Nachdem wir mit einem Foto die transnistrisch-österreichische Freundschaft besiegelt haben, verlassen wir Proriv.

„Peace! Friendship to Austria!“ ruft Soin uns nach und hebt seine Hand zum Victory-Zeichen. Den gestreckten Arm mit geballter Faust, den eigentlichen Gruß der Proriv-Anhänger, hat er uns nicht gezeigt. Maxim ist mit seinem Anliegen, uns ein Land wie jedes andere zu zeigen, wohl gescheitert. Vielleicht hätte er mit uns ins Museum gehen sollen?

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Florian Kühler, Jahrgang 1982, hat Geschichte und Rumänisch in Wien und Klausenburg studiert. Er schreibt regelmäßig Beiträge vor allem zu Osteuropa in „Academia“.

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