Ceuta und Melilla: Die beiden letzten europäischen Kolonien in AfrikaMAROKKO

Ceuta und Melilla: Die beiden letzten europäischen Kolonien in Afrika

Ceuta und Melilla: Die beiden letzten europäischen Kolonien in Afrika

Sind Ceuta und Melilla Exponate europäischer Fremdherrschaft oder Teile des „christlichen“ Spaniens?

Von Mohammed Khallouk

Am Gebäude der Kathedrale von Ceuta kann beim genauen hinsehen noch erkennen, dass es sich ursprünglich um eine Moschee gehandelt hat.  
Am Gebäude der Kathedrale von Ceuta kann beim genauen hinsehen noch erkennen, dass es sich ursprünglich um eine Moschee gehandelt hat.  

D er Prozess der Wiedererlangung der Souveränität Marokkos begann 1956 mit der Beendigung der französischen Protektoratsherrschaft und dem Abzug der Spanier aus der Rifregion. Mit dem „grünen Marsch“ von 1975 und einem bilateralen Abkommen mit Spanien war er nahezu abgeschlossen. Damit war das letzte größere zusammenhängende Territorium Afrikas von einer europäischen Kolonialmacht an einen souveränen afrikanischen Staat übergegangen. Die Spanier behielten allerdings bis in die Gegenwart zwei Städte an der nordafrikanischen Mittelmeerküste unter ihrer Verwaltungshoheit und erklärten diese beiden von marokkanischem Staatsgebiet umschossenen Enklaven Ceuta und Melilla zur „espaniolidad“, d.h. zu einem elementaren Bestandteil der spanischen Nation.

Die Befreiung der Westsahara hatte auf marokkanischer Seite den seit dem Unabhängigkeitskampf gegen die Protektoratsherrschaft bestehenden Anspruch auf diese beiden Städte als Teile des „ursprünglichen Marokkos“ noch verstärkt. Von Spanien werden sie stattdessen mit dem Argument, seit Jahrhunderten zum spanisch-christlichen Zivilisationsgebiet zu zählen und somit keine Kolonien im klassischen Sinne darzustellen, in der eigenen Obhut belassen. Man stützt sich auf die nicht zu leugnende Tatsache, dass sowohl in Ceuta als auch in Melilla die spanische Sprache und das katholische Christentum ebenso wie auf der als „Peninsula“ bezeichneten iberischen Halbinsel die kulturprägenden Merkmale der Bevölkerungsmajorität darstellten. Von den christlich-spanisch geprägten Eliten wird eine Identitätsbeziehung in der bewussten Abgrenzung von den „moros“ gepflegt - einer abwertenden Bezeichnung für Muslime im allgemeinen und Marokkaner im besonderen.

Christliches Traditionsbewusstsein bestimmt das der Öffentlichkeit vermittelte Stadtbild während muslimische Rituale sich auf die mehrheitlich von marokkanischstämmiger Bevölkerung bewohnten Stadtrandviertel beschränken. Vor diesem Hintergrund erscheint die Klärung der künftigen territorialen Zuständigkeit kaum ohne Widerstände von der einen oder anderen Seite erreichbar. Noch bedeutender erscheint jedoch die Geschichte und ihre jeweilige Gewichtung zu sein.

Hispanifizierung statt gleichberechtigtes Miteinander der Kulturen

Die mittelalterliche Stadtbefestigung auf einem Hügel der Stadt Ceuta.  
Die mittelalterliche Stadtbefestigung auf einem Hügel der Stadt Ceuta.  

Das Kollektivbewusstsein beider Seiten knüpft an eine seit mittelalterlicher Zeit von der Religion dominierte Identitätspflege an. Sie stammt aus der Zeit der Kreuzzüge und der Reconquista, der Rückeroberung des seinerzeit muslimischen Südspaniens durch die christlichen Dynastien aus dem Norden des Landes im 14. und 15. Jahrhundert. Dem stand ein von muslimischer Seite mystifizierter „islamischer Djihad“ entgegen, der über lange Zeit hinweg die Wiederherstellung des maurischen al-andalus zum Fernziel erklärte.

Kaum war die Rechristanierung der Peninsula vollendet, drangen die christlichen Eroberer Spaniens und Portugals auf den afrikanischen Kontinent vor und errichteten dort Küstenkolonien.  Darunter eben Ceuta, das unter dem Namen Septa bereits zur Römerzeit als Stadt existierte und seit der Islamisierung 709 ununterbrochen einen arabischen Charakter besessen hatte. Dazu gehörte aber auch Melilla, eine phönizische Stadtgründung, die über Jahrhunderte hinweg einen bedeutenden Grenzposten der von Fes aus regierenden marokkanischen Dynastien dargestellt hatte. Ceuta wurde bereits 1415 von den Portugiesen erobert und fiel als Ergebnis eines spanisch-portugiesischen Krieges 1668 an Spanien. Melilla wurde 1497 von Spanien erobert. Die beiden Küstenkolonien dienten zum einen als Vorposten zur Absicherung des iberischen Hinterlandes gegen die immer wieder verkündeten arabischen Rückeroberungsbestrebungen, zum anderen aber auch als Stützpunkte, von denen aus mehrere erfolglose Versuche einer Kolonisierung des afrikanischen Kernlandes erfolgten.

Marokkanisch-berberische Bevölkerung als Rekruten für die Fremdenlegion

Die touristisch ausgerichtete Uferpromenade von Ceuta.  
Die touristisch ausgerichtete Uferpromenade von Ceuta.  

Um die christliche Dominanz in den Städten abzusichern, war Nichtchristen bis Mitte des 19. Jahrhunderts jegliche Ansiedlung dort untersagt. Konnten Juden und in geringem Umfang auch Hindus sich nunmehr hier niederlassen, blieb dies Muslimen sogar bis kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert verwehrt und auch hernach konnten sie nicht ins Stadtzentrum ziehen, sondern ihnen wurden neu zu erschließende Außenbezirke zugewiesen. Erst die Existenz des spanischen Protektorats (1912-1956) im angrenzenden Rifgebiet hob die Grenzsicherungsfunktion aus spanischer Sicht auf. In der Folge zeigten die Behörden sich einer Immigration der marokkanisch-berberischen Bevölkerung gegenüber aufgeschlossener und förderten diese sogar in gewissem Umfang. Dies auch deshalb, weil man die Einwanderer als Rekruten für die Fremdenlegion und als billige Arbeitskräfte benötigte.

Die räumliche Segregation blieb jedoch weitgehend erhalten und ging mit einer sozioökonomischen und politischen Segregation einher. Die Muslime blieben auf bestimmte Wirtschaftssektoren beschränkt, erhielten nicht den kollektiven Zugang zu schulischer Allgemeinbildung, die sich für die spanisch-christliche Bevölkerung mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit entwickelte. Juristisch als Ausländer angesehen, blieben ihnen zudem die spanischen Staatsbürgerrechte bis Ende der 1980er Jahre vorenthalten. Erst die Massenproteste gegen ein 1986 geplantes Ausländergesetz erreichten die Zusicherung, spanische Ausweise und infolge dessen die vollen Staatsbürgerrechte erlangen zu können. Das geplante Gesetz hatte vorgesehen, dass die hier bereits seit mehreren Generationen lebenden Muslime als „Nichtspanier“ ohne bürokratische Hindernisse hätten ausgewiesen werden können.

Die Verpflichtung zur Akzeptanz einer von christlichen Ritualen bestimmten Staatsrechtsordnung erweist sich jedoch nach wie vor als kaum zu überwindende Hürde, da man sich nicht nur ethnisch und religiös-kulturell als Marokkaner empfindet, sondern die Städte ebenso als Teil der marokkanischen, an der Scharia orientierten Nation auffasst. Es handelt sich hierbei um ein Bewusstsein, das in Marokko in der Zivilbevölkerung beständig aufrecht erhalten wird und von radikalen Islamisten als Zurückweisung jeglicher origin nichtislamischer Normvorschriften interpretiert wird. Die Massenproteste gegen die Zementierung der rechtlichen Sonderstellung der Marokkaner über die in den 80er Jahren geplanten Ausländergesetze, die in den nachfolgenden Jahren, sich nun gegen den erschwerten Zugang zu staatlicher Ausbildung und soziökonomischen Ressourcen richtend, in eine Bürgerbewegung hineinmündeten, dienten in Marokko folglich als Legitimation für die Aufrechterhaltung des Besitzanspruchs auf die beiden spanischen Enklaven.

Spanische Staatsbürgerschaft – Verrat am Islam?

Die alte Festung dient heute als Restaurant.  
Die alte Festung dient heute als Restaurant.  

Denjenigen Marokkanern, die sich mittlerweile zur Übernahme der spanischen Staatsbürgerschaft entschieden haben, wird daher von islamistischer Seite nicht selten ein Verrat am Islam und der marokkanischen Identität vorgehalten. Zugleich sieht man sich von der christlichen Stadtbevölkerung dem Vorwurf gegenüber, lediglich die sozialrechtlichen Vergünstigungen des spanischen Staates in Anspruch zu nehmen, jedoch keine Bereitschaft zu zeigen, sich in die „spanisch-christliche Gesellschaft“ zu integrieren und im Sinne Spaniens zu verpflichten.

Politische Instrumentalisierung und soziale Ungleichheit erschweren die Lösungssuche

Die divergenten Identitätsbeziehungen, die geographische Lage als von marokkanischem Territorium umschlossene Enklaven und nicht zuletzt die Instrumentalisierung der nach wie vor ungeklärten Zukunft der beiden Städte sowohl von Seiten der Islamisten als auch rechtsgerichteter spanischer Eliten für ihre These einer permanenten Rivalität zwischen der vom Christentum geprägten westlichen und der vom Islam dominierten marokkanischen Kultur lassen eine endgültige Klärung der politisch-territorialen Zugehörigkeit in absehbarer Zeit für unausweichlich erscheinen.

Wessen Anspruch auf die Hoheit über die beiden Städte erweist sich nun aber als rechtmäßig? Beide Seiten argumentieren vordergründig mit der Historie, wobei man die von der anderen Kultur und Religion bestimmte, Jahrhunderte währende Epoche entweder ignoriert oder für die zivilisatorische Entwicklung der Städte als unbedeutend auffasst. Wird in spanischen Geschichtsbüchern die arabisch-maurische Epoche, die immerhin fast siebenhundert Jahre andauerte, nur als kurze „Zwischenphase“ in einer „christlich dominierten Stadthistorie“ herabgewürdigt, so beginnt in der Darstellung mancher marokkanischer Historiker mit der Übergabe an Portugiesen und Spanier im 15. Jahrhundert die „Dekadenz“ und der zivilisatorische „Rückschritt“.

Nach Auffassung vieler christlich geprägter Stadtbewohner, stellen die „moros“ nur eine geringer gebildete und zivilisierte ethnische Minorität dar, der ein förderlicher Beitrag zur Stadtkultur abgesprochen wird  Vor allem radikale Islamisten unterstellen der christlichen Majorität generell, dass sie die Nichtchristen kulturell beherrschen und ihrer islamischen Identität zu distanzieren beabsichtigen. Sie versuchten auf diese Weise die Mitte des 20. Jahrhunderts offiziell für beendet erklärte Kolonialpolitik fortzusetzen.

Die marokkanischen Nachbarprovinzen profitieren gegenwärtig von den Enklaven, über die der illegale Warenaustausch mit der EU erfolgt. Der fortdauernde Verweis der marokkanischen Regierung auf die „fortbestehenden Kolonien“ wird nicht zuletzt für Zugeständnisse Madrids und Brüssels in anderen Konflikten wie der illegalen Einwanderung nach Europa und Handelsstreitigkeiten als Druckmittel eingesetzt. Eine Funktion, die mit der Eingliederung in den marokkanischen Staatsverband verloren ginge.

Friedliche Bewältigung oder Aufrechterhaltung des Status Quo?

Ceuta und Melilla: Die beiden letzten europäischen Kolonien in Afrika  
Ceuta und Melilla: Die beiden letzten europäischen Kolonien in Afrika  

Dennoch belegt gerade jene Instrumentalisierung wie notwendig die Übergabe dieser beiden letzten von einem europäischen Staat beherrschten afrikanischen Enklaven ist. Hinzu kommt, dass durch die Einbeziehung der Städte als „vollständig integrierter Bestandteil in EU und NATO“ der Eindruck einer Südbedrohung Europas und vor allem Spaniens durch die afrikanisch-muslimische Kultur aufrechterhalten wird. Auf diese Weise erfolgt gleichermaßen eine Instrumentalisierung für ein exklusiv verstandenes „europäisches Modell“, das sich gegen Kultureinflüsse von außen absichern müsse.

Voraussetzung für die Akzeptanz der Übergabe der beiden Enklaven an Marokko bei der christlich-spanisch geprägten Bevölkerung ist jedoch, dass auf beiden Seiten die divergente Kultur und Religion nicht mehr als Instrument zur Abgrenzung eingesetzt werden kann. Eventuell erscheint ein Sonderstatus innerhalb des marokkanischen Rechtsgebiets ein erstrebenswertes Ziel, wie dies gegenwärtig auch für die Westsahara angestrebt wird.

Erfolgreiche Beispiele dieser Art sind zahlreich, nicht zuletzt in Europa, wo ethnische Minoritäten wie die Südtiroler in Italien weitgehende Autonomie erhalten haben, so dass sie die Zugehörigkeit zu einem Staat mit mehrheitlich anderer Ethnie und Sprache in keiner Weise als Benachteiligung sehen. Als entscheidend wird sich allerdings erweisen, ob es gelingt, dem islamischen wie christlichen Gleichheitsideal entsprechend Chancengleichheit vor allem hinsichtlich des kollektiven gleichberechtigten Zugangs zu moderner Allgemeinbildung und beruflicher Karriere herzustellen. Anstatt jährlich Millionen Euro aus Madrid und Brüssel an Subventionen in die Infrastruktur von zwei jenseits der europäischen Grenzen gelegene Städte hineinzustecken, von denen nicht einmal alle Stadtbewohner dort profitieren, könnte man ganz Marokko an moderner Infrastruktur, wie sie in Europa vorhanden ist, teilhaben lassen. Diese würde den christlichen und muslimischen Bevölkerungsteilen gleichermaßen dienen und die alte Verbindung der beiden Städte zum Hinterland für legale Wirtschaftszweige attraktiv werden lassen.

Ein Rückgang der Armutsmigration wie des informellen Sektors wäre ebenso die Folge wie die Erkenntnis der christlich geprägten Bewohner, dass ihre muslimischen Nachbarn, mit modernen Ressourcen ausgestattet, gleichermaßen zu Fortschritt und Entwicklung beizutragen in der Lage sind. Einer Überheblichkeit einhergehend mit der Aufrechterhaltung eines kolonialen Herrschaftsanspruchs wäre damit die Basis entzogen.

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