Chinas WirtschaftEURASISCHE MÄCHTE

Chinas Wirtschaft

Von Hans Wagner

Die Volksrepublik China ist ein kommunistisches Land. Die Partei kontrolliert alle wichtigen Belange des staatlichen und zum Teil auch des privaten Lebens: die Wirtschaft, die Medien, das Gesundheitswesen, die Geburtenentwicklung. Und doch ist in China alles anders als in den spätkommunistischen Diktaturen, von der DDR über Polen bis zur Sowjetunion, die am Ende der neunziger Jahre untergegangen sind.

Der Grund dafür liegt in der geradezu genialen Austarierung des Wirtschaftssystems zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Wären die Chinesen eines Morgens in die Läden gekommen und hätten an den Regalen die Verzeichnisse der Preise lesen müssen, die rein ökonomisch erforderlich und angemessen gewesen wären, hätte man unkontrollierbare Volksaufstände heraufbeschworen. Diesen Fehler, der zum Beispiel in Polen und Rußland gemacht wurde, haben die chinesischen Parteimanager tunlichst vermieden.

Dennoch erfuhr das Wirtschaftssystem der Volksrepublik in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Veränderungen. Als vor zwanzig Jahren der pragmatisch orientierte Deng Xiaoping, damals stellvertretender Ministerpräsident, die ersten großen Reformen einleitete, gab es  einschneidende Maßnahmen: Preiserhöhungen, Verzinsungen für geliehenes Geld, Umstellung großer Teile der Schwerindustrie auf Konsumartikelproduktion, Einführung unternehmerischer Konzeptionen in den Staatsbetrieben und die Zulassung von kleineren Privatunternehmen.

Verstärkt wurde dieser Kurs noch, als Zhao Ziyang 1980 Premierminister in Peking wurde. Die alten Parteikader hielten den Atem an, als der dynamische Zhao in der Provinz Schuan ein für China bis dahin einmaliges Experiment startete: Er wählte fünf staatliche Betriebe aus und erlaubte ihnen, ihre Produktion in eigener Verantwortung zu planen und die Erzeugnisse nach eigenem Gutdünken und zu den dafür erzielbaren Preisen zu verkaufen.  Die Produktivität dieser Experimentierbetriebe stieg um durchschnittlich 50 Prozent, die Gewinne lagen um 100 Prozent über denen, die sie vorher als staatlich gegängelte Betriebe erzielt hatten.

Solche Experimente gab es in der Folgezeit zuhauf. Sie machten den Reformern Mut. Immer öfter war danach in China zu hören, daß es nun vorrangig um die Entwicklung des Landes ginge und weniger darum, ideologische Lehrsätze zu verwirklichen. Es sei unwesentlich, nach welchen Methoden China seinen Standard verbessere, Hauptsache sei, er werde verbessert.

Im Jahr 1980 stellte der Autor eine diesbezügliche Frage an Prof. Chang Xuan-san vom Wirtschaftsforschungsinstitut der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Sie zielte darauf ab, ob China sozialistisch bleibe oder sich dem westlichen System anschließe. Die Antwort von Prof. Chang war verblüffend: „Wenn wir Fortschritte machen und die Entwicklung vorantreiben, dann ist das unser Begriff von Sozialismus. Andere mögen etwas anderes darunter verstehen.“

Premierminister Zhao sah es ebenso. „Es ist notwendig“, erklärte er, „eine Marktwirtschaft zu organisieren und Elemente des Wettbewerbs einzuführen, denn wie anders sollte China sonst international konkurrenzfähig werden?“

Damit war China den übrigen kommunistischen Ländern um ein ganzes Jahrzehnt in der Entwicklung voraus. Entsprechend behutsam konnte das bevölkerungsreichste Land der Erde seine Reformen voranbringen.

Seit Herbst letzten Jahres ist die Volksrepublik Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. Die Ende 1978 begonnenen Reformen der chinesischen Wirtschaft, haben die Feindbegriffe vom „Kapitalisten“ und „Ausbeuter“ langsam eliminiert. Heute ist von „sozialistischen“ und von „patriotischen“ Unternehmern die Rede. Sie trügen entscheidend zur Modernisierung der Nation bei – und zum Erfolg des Sozialismus. In Kürze soll es Privatunternehmern sogar offiziell gestattet sein, Mitglied der kommunistischen Partei zu werden. Inoffiziell und auf lokaler Ebene ist dies längst gang und gäbe.

Zu Beginn der Wirtschaftsreformen hatte es noch zahllose Beschränkungen für die private Wirtschaftstätigkeit von Einzelpersonen gegeben. Die Angst vor sozialer Ausbeutung der eingestellten Arbeitnehmer hatte zum Beispiel dazu geführt, daß die Beschäftigtenzahl eines „kapitalistischen“ Unternehmens von der Parteiführung auf sieben Personen beschränkt wurde. Die Obergrenze für die Zahl solcher kleiner Privatunternehmen lag zunächst bei 6000. Aber bereits 1987 waren die meisten dieser Erschwernisse endgültig aufgehoben.

Ende 2000 waren offiziellen Angaben zufolge knapp 1,8 Millionen Privatunternehmer in China tätig, die mehr als sieben Arbeitnehmer beschäftigten. In ihren Unternehmen waren etwa 20 Millionen Menschen beschäftigt.

Der Privatsektor entwickelt eine riesige Dynamik. Das ist der Hauptgrund dafür, daß die chinesische Wirtschaft dauerhaft hohe Wachstumsraten erzielt. Die privaten Unternehmen erwirtschaften heute schon fast ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts der kommunistischen Volksrepublik. Fast alle Arbeitskräfte, die von den maroden Staatsbetrieben entlassen werden, kommen in diesen Betrieben unter.

Und die chinesische Führung zeigt Selbstbewußtsein. Im Stahlstreit zwischen der EU und den USA liest es beiden Parteien die Leviten. Den Amerikanern, weil sie mit hohen Schutzzöllen ihren heimischen Markt abschotten wollen, um amerikanische Produkte vor internationalem Konkurrenzdruck zu schützen. Den Europäern, weil sie versuchten, den USA ihr Fehlverhalten mit gleichen Mitteln heimzuzahlen. Nach dem Motto: „Was soll denn das für ein freier Welthandel sein, wenn jeder nach Belieben den anderen vom Markt aussperrt?“, hat sich ausgerechnet das kommunistische China zum Verteidiger des freien Warenverkehrs gemacht.

China ist der weltgrößte Hersteller von Stahl. Aufgrund seines eigenen hohen Bedarfs bleibt es aber bis auf weiteres Nettoimporteur. Zwar hat die Volksrepublik im vergangenen Jahr aus wirtschaftlichen Gründen 700 000 Tonnen Stahl in die USA ausgeführt, aber die gleiche Menge von anderen, preiswerten Märkten wieder importiert.

Rußland versucht, in seiner schwierigen Wirtschaftslage Stahl an die Volksrepublik zu liefern, um seine Handelsbilanz aufzubessern. Allerdings geschehe dies, wie China dem Nachbarn vorwirft, zu Dumpingpreisen. Die beiden eurasischen Großmächte, China, der  WTO-Neuling und Rußland, der WTO-Anwärter, proben den Schlagabtausch im freien Welthandel. Das sind bislang ungewohnte Perspektiven.

Im übrigen ist die Rohstahlproduktion ohnehin weitgehend eine eurasische Domäne. Zur Weltproduktion von knapp 840 Millionen Tonnen tragen Asien 345 Millionen Tonnen bei, Europa 303 Millionen Tonnen. Das sind knappe 80 Prozent des weltweit produzierten Stahls.

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