„Chinesische Literaturgeschichte“ von Reinhard Emmerich (Hg.)GELESEN

„Chinesische Literaturgeschichte“ von Reinhard Emmerich (Hg.)

3.000 Jahre chinesische Literatur – in seiner Art einmalig. Geordnet nach Perioden der kaiserlichen Herrscherhäuser, mit einem Exkurs über die chinesische Schrift. Selbst für Kenner vermutlich überraschend: das Theater, an dem die Chinesen noch heute so viel Freude haben, konnte erst unter der Mongolenherrschaft so richtig aufblühen.

Von Johann von Arnsberg

Rezension zu: „Chinesische Literaturgeschichte“ von Reinhard Emmerich (Hg.)  
„Chinesische Literatur-geschichte“ von Reinhard Emmerich (Hg.)  

In der Literaturgeschichte, die Reinhard Emmerich herausgegeben hat, kommen chinesische Schriftzeichen nur im 21-seitigen Personen- und Werkregister vor, woran man erkennen kann, daß das Buch für weitgehende Laien verfaßt wurde und geeignet ist.

Bei der Auswahl der quantitativ wohl umfangreichsten Literatur weltweit, wurden vor allem Erzählwerke und Theatertexte erfaßt. Auf viele religiöse, philosophische und historiographische Werke wurde verzichtet. Ihre Aufnahme hätte eine einbändige Literaturgeschichte völlig unmöglich gemacht.

Das Buch beginnt mit den Ursprüngen der chinesischen Schrift auf sogenannten Orakelknochen. Das sind die frühesten Zeugnisse geschriebener chinesischer Texte. Diese Orakelinschriften (jiagu wen) wurden auf Bauchpanzern von Schildkröten und Schulterknochen von Rindern eingeritzt. Damit kommentierten die Könige der Shang-Dynastie ( 16. Jh. v. Chr. bis etwa 1.045 v. Chr.) ihre Befragungen der Ahnengeister und kosmischen Mächte. 150.000 solcher Inschriften wurden bislang gefunden.

Geordnet nach Herrscherhäusern

Die literarischen Epochen Chinas ordnet das Buch nach Dynastien, nach Herrscherhäusern. Diese Einteilung trägt der Tatsache Rechnung, daß die in Europa geläufige Periodisierung in Altertum – Mittelalter – Neuzeit weder in der politischen, noch in der Kulturgeschichte Chinas Anwendung findet.

Der erste Abschnitt des Buches betrifft die Literatur von den frühesten gefundenen Texten bis zur Westlichen Han-Zeit, als die Bezeichnung „wenzhang“ geprägt wurde, was soviel heißt, wie „literarisch geformter Text“. In diese Epoche fällt nach den Ausdeutungen des Herausgebers (Emmerich ist Sinologie-Professor an der Universität Münster) „die eigentlich klassische Zeit der chinesischen Kultur“, die vom 5. bis zum 3. Jh. v. Chr. währte.

Der zweite Abschnitt widmet sich der Dynastie der Östlichen Han (25 v. Chr. bis 220 n. Chr.) bis in die Tang-Zeit (618 bis 907 n. Chr.). Damals wurde sowohl die Papierproduktion aufgenommen als auch der Buchdruck erfunden. Die Literatur dieser Zeit hatte „die Veredelung des Menschen“ zum Inhalt.

Im dritten Abschnitt, der Epoche des Herrscherhauses Song (960 n. Chr. bis 1279 n. Chr.) bis zur Mongolenherrschaft der Yuan-Dynastie (1260 n. Chr. bis 1368 n. Chr.) wurde die chinesische Gesellschaft offener und durchlässiger. Durch gute Bildung war es möglich, gesellschaftlich aufzusteigen. Unter dem Einfluß der mongolischen Herrschaft in China (siehe EM 03-03) wurde vor allem dem Theater breiter Raum gegeben.

Die Miong- und Qing-Zeit (Mandschu-Kaiser) von 1368 bis 1911 ist gekennzeichnet durch das Entstehen großer privater Verlagshäuser. Die Buchproduktion stieg steil an. Es gab reich illustierte Luxusausgaben, aber auch preiswerte Schnelldrucke. Es bildete sich ein Markt für Unterhaltungsliteratur und das seit der Mongolenzeit populäre Theater entwickelte sich weiter.

Der fünfte Abschnitt gilt der Literatur des 20. Jahrhunderts. Er ist gekennzeichnet von den revolutionären Umwälzungen (1912 Ausrufung der Republik), der Gründung der kommunistischen Volksrepublik (1949) und einem zunehmend politisierten Schrifttum (Mao Zedong). Viele Werke chinesischer Autoren erschienen im Ausland, auf Taiwan, in Hong Kong, Malaysia und Singapur.

3.000 Jahre Literaturgeschichte in einem handlichen Kompendium

In einem repräsentativen Überblick werden Autoren und Werke in ihrem kulturellen und politischen Kontext vorgestellt. Zu den prominenten Vertretern zählen u.a. Laozi - Autor des Daodejing - und Zhuangzi (3. Jh. v. Chr.), Du Fu (8. Jh.), Li Bai (8. Jh.), Pu Songling (17. Jh.), Lu Xun (20. Jh.) und der Nobelpreisträger des Jahres 2000 Gao Xingjian. Berücksichtigt ist, daß sich in den letzten Jahren die Vorstellungen über die frühe chinesische Literatur durch archäologische Funde deutlich verändert haben. Auch die moderne chinesischsprachige Literatur aus Taiwan, Hongkong und Übersee wird thematisiert. Register zu Titeln und Autoren, sowie eine Auswahlbibliographie machen diese Literaturgeschichte zu einem handlichen Kompendium.

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Rezension zu: „Chinesische Literaturgeschichte“ von Reinhard Emmerich (Hg.) unter Mitarbeit von Hans van Ess, Raoul David Findeisen, Martin Kern, und Clemens Treter, J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2004, 424 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 3-47601-607-2.

China Rezension

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