DIE GOTENEURASIEN HISTORISCH

DIE GOTEN

Ihr Zug von Skandinavien nach Süden löste die Völkerwanderung aus – sie gründeten Reiche, eroberten Italien und plünderten Rom – geblieben sind ein paar unzeitgemäße Gedichte und ein Mythos.

Von Hans Wagner

EM – „Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig nach Christus. Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunklen Fläche der Adria...“. So beginnt die wohl bekannteste Heldensage über das Volk der Goten: Felix Dahns Roman „Ein Kampf um Rom“.

Die Szene beschreibt den Beginn des letzten Abschnitts der Gotengeschichte in Italien, sozusagen den Vorabend der entscheidenden Schlacht gegen Rom. Theoderich d.Gr. ist tot, die letzten Gotenkönige Totila und Teja, treten an. Sie erliegen schließlich, ein Vierteljahrhundert später am Vesuv der Übermacht des römischen Feldherrn Narses.

Rund 600 Jahre vorher hatte der Zug der Goten in den Süden begonnen. Es war ein denkwürdiges Ereignis. Man schrieb das letzte Jahrhundert vor Christus. In Südschweden, das seit Anbeginn der überlieferten nordischen Geschichte auch „Götaland“ genannt wird, hatte der lange skandinavische Winter geendet. Das Viehfutter ging zur Neige. Die Bauern dieser kargen Gegend hatten selbst kaum mehr etwas zu beißen. Es herrschte bittere Not. Das einzige was es in Hülle und Fülle gab, waren hungrige Kinder.

In dieser Situation einigten sich die Einwohner Götalands darauf, daß ein Teil von ihnen das übervölkerte Land verlassen und anderswo sein Glück versuchen mußte. Über den genauen Hergang gibt es keine zuverlässigen Quellen. Die Forschung nimmt an, daß drei gleich große Gruppen gebildet wurden auf die man Alte, Junge, Bauern, Viehzüchter, Frauen, Männer und Kinder aufteilte. Dann entschied das Los. Die Gruppe, die es traf, mußte ziehen und sich eine neue Heimat suchen.

Die es getroffen hatte, dürfte Verzweiflung, aber auch Neugier ergriffen haben, Abenteuerlust, Abschiedsschmerz und Wehmut. Sie würden ihr eigenes Land nie wiedersehen, aber vielleicht fruchtbarere Böden in fernen Regionen erreichen.

Im Land der Rugier und der Vandalen

Der lateinisch schreibende und wohl von Goten abstammende Historiker Jordanes verfaßte um die Mitte des 6. Jahrhunderts n.Chr. in Konstantinopel ein Werk über die Geschichte der Goten von den mythischen Anfängen bis zum Jahre 540. Es ist die Hauptquelle zur Geschichte dieses germanischen Volkes.

Über die Herkunft der Goten schrieb Jordanes, sie seien von Norden gekommen, von „den salzigen Fluten des Ozeans“, aus dem Land, das „die Form eines Zitronenblattes mit eingedrückten Seiten“ habe, „langgestreckt und in sich geschlossen“. So hat er Skandinavien beschrieben. „Nach alten Berichten“, ließ er wissen, seien von hier „wie aus einem Mutterschoß der Völker einst die Goten unter ihrem König Berig ausgewandert“.

In jenem Frühling im ersten Jahrhundert v. Chr. war die Ostsee offenkundig bereits eisfrei. Denn die Goten setzten auf Schiffen über das Meer und landeten in der Weichselmündung unweit der heutigen Stadt Danzig (polnisch: Gdansk). Der Fluß selbst war ein uralter Handelsweg zur Schwarzmeerküste und in den Raum des östlichen Mittelmeers. Über ihn waren durch Kaufleute schon seit langer Zeit Berichte von warmen und fruchtbaren Ländern in den Norden gelangt.

Die gotischen Auswanderer trafen an der Weichsel und im Ostseeraum auf bereits besiedeltes Land. Doch ihr Hunger und ihre Entschlossenheit nicht schon auf der ersten Etappe zu scheitern, machten sie rücksichtslos. Sie vertrieben und töteten die in den Gebieten lebenden Rugier und Vandalen und nahmen deren Land in Besitz. Langsam breiteten sie sich aus. Viele Sommer verbrachten sie mit Ackerbau und Viehzucht, ehe sie weiterzogen.

Sie eroberten die landeinwärts gelegenen Gebiete Masowien und Masuren, das spätere Ostpreußen, das heute zu Polen gehört. Die Verheißungen ferner Kulturen und Reichtümer, die ihnen immer öfter zu Ohren gekommen seien, haben nach Auffassung der meisten Historiker dazu beigetragen, daß sie weiterzogen, das Weichselgebiet verließen und den Blick gen Süden wandten.

Erste Kunde von den Goten im Römischen Reich

Um das Jahr 175 nach Christus begann der lange Marsch der Goten. Sie zogen zunächst entlang der Weichsel in Richtung Donau und schließlich zum Schwarzen Meer. Daß die Auswanderer aus dem dunklen Norden einmal zum Umsturz der antiken Welt beitragen würden, ahnte zu dieser Zeit niemand.

Im fernen Rom hatte man zwar schon um Christi Geburt vom Volk der Goten gehört, von dem Volk am „Ende der Welt“, das seine Heimat verlassen haben sollte. Zu dieser Zeit lagen Römer und germanische Cherusker im heutigen Norddeutschland in einem tödlichen Kampf. (Varusschlacht, 9. n. Chr.). Die Goten aber befanden sich noch weit außerhalb des römischen Horizonts.

Als sie aus dem Weichselgebiet aufbrachen, lebte niemand mehr von den Alten aus Götaland. Die ausgewanderte Bauernschar war zu einem vielköpfigen Volk herangewachsen. Einige blieben zurück, aber es schlossen sich auch immer mehr Menschen als Verbündete und Vasallen dem großen Treck an.

Auf der Suche nach vorteilhaftem Siedlungsland durchquerten die Goten die eurasischen Weiten. Es war eine schier endlose Wegstrecke durch die russische Tiefebene, über Ströme hinweg und durch die Ödnis ausgedehnter Steppen. Darüber vergingen Jahrhunderte.

Die Fluten des Dnepr teilten auf tragische Weise den Zug der Goten

Ablabius, ein Geschichtsschreiber, der etwa von 350 bis 450 n.Chr. gelebt haben soll, hat ein Werk über die Goten verfaßt, das nur noch in Berichten anderer Autoren zitiert wird. Das Original ging verloren. Ablabius erzählte in seiner Abhandlung über einen tragischen Schicksalsschlag, der den Gotenzug traf. Er ereilte ihn beim Marsch im heutigen Weißrußland. Die Goten waren im Gebiet der Pripjet-Sümpfe angekommen - der Pripjet ist ein rechter Nebenfluß des Dnepr. Zuerst sollen die Goten versucht haben, das unwegsame Sumpfgebiet zu umgehen. Dann aber, so überliefert es Ablabius, hätten sie versucht, den Hauptfluß Dnjepr zu überqueren und auf seinem leichter passierbaren östlichen Ufer weiter nach Südosten voranzukommen.

Der Dnjepr ist auch heute noch ein gewaltiger Fluß von wilder, ungebändigter Kraft. Hermann Schreiber, Autor des Buches „Auf den Spuren der Goten“ schreibt über das Vorhaben der Goten: „Ihn zu überschreiten muß sehr schwierig gewesen sein, und man kann nur an eine Schiffsbrücke denken [...], wie die Goten sie vermutlich an der Weichsel schon hatten bauen müssen. Menschen, Pferde, Haustiere vielleicht, sicherlich aber viele, viele Karren mußten den schwankenden Steg überschreiten, und irgendwann, als ein Drittel, die Hälfte oder zwei Drittel der Wandernden am Ostufer angelangt waren und lagerten, gaben erst eine, dann mehrere Verankerungen nach, lösten sich Flöße, Balken und Schiffe aus dem mühsam zusammengebrachten Pontonverbund und trieben in der reißenden Strömung ab.“

Ein großer Teil der Goten mußte am Westufer zurückbleiben. Wertvolle Habe ging verloren. Ablabius schreibt: „Da man die Brücke nicht wiederherzustellen verstand, so konnte niemand mehr herüber oder hinüber. Denn diese Gegend ist, wie berichtet wird, von schwankenden, bodenlosen Sümpfen eingeschlossen.“

Wie die am Westufer zurückgebliebenen Goten weiter vorgegangen sind, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich mußten sie die Sümpfe weiträumig umgehen. Sicher ist, daß sich ab einem bestimmten Zeitpunkt zwei Gotenzüge nach Süden bewegten - einer am Ostufer, der andere am Westufer.

Die Goten auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim

Im Jahr 257 nach Christus gelangte ein Teil der Goten bis an die Gestade des Schwarzen Meeres und besiedelte die Halbinsel Krim. Die Krimgoten wurden dabei zu Bündnispartnern des römischen Imperiums, das ihnen den Siedlungsraum zugestand. Im bergigen Hinterland der Halbinsel war genug Platz. Hier fanden sie als erste der wandernden germanischen Völker eine bleibende Heimat für Jahrhunderte.

Die Spuren der Krimgoten sind eindrucksvoll bis heute. Im Gegensatz zu ihren Stammesverwandten, die später jahrhundertelang im Süden und Norden Italiens kämpfend umherzogen, eroberten und untergingen, haben sie Städte gebaut. Diese sind noch heute zu bestaunen. Die alten gotischen Baumeister haben sie in die bizarre Schönheit der Felsen eingelassen. Die so genannten „Gotenburgen“ sind einmalige, nie zuvor gesehene Zeugnisse der Völkerwanderung. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist ihre Hauptstadt Dori. Auch hier sind die Straßen mitten in den Fels gehauen, rechts und links befinden sich die Häuser. Insgesamt 60.000 Goten lebten schätzungsweise auf der Krim. „Von allen Völkern sind sie die gastfreundlichsten, sie sind geschickt im Ackerbau und fähige Krieger“, heißt es in alten Überlieferungen. Noch im 17. Jahrhundert war auf der Krim die gotische Sprache zu hören.

Mit dem Zug der Goten begann die Völkerwanderung

Typisch für die Tracht der Krimgoten waren „Bügel-Fibeln“, eine Art großer Sicherheitsnadel, mit der sie ihre Umhänge und Kleider zusammenhielten: praktisch und prunkvoll zugleich. Nicht nur oströmische Goldschmiede arbeiteten für die Krimgoten, sie begannen auch selbst Schmuck zu kreieren - nach eigenen Vorstellungen und Wünschen. Von den Steppenvölkern des Ostens übernahmen sie den Adler als Motiv. Die Krim ist überreich an solchen Funden. Der Adler wurde zum unvergleichlichen Zeichen der Goten.

Der Zug der Goten war die erste große Wanderung eines Volkes in der damaligen Zeit. Er brachte große Unruhe über Europa und Asien. Die vom Treck der Goten verdrängten und verjagten Stämme mußten sich neue Siedlungsräume suchen und verdrängten die dort eingesessenen Bevölkerungen. Alles geriet durcheinander. Mit dem Zug der Goten begann das, was man heute als Völkerwanderung bezeichnet.

Der Hunnensturm erschütterte das Volk der Goten und das Römische Reich

Gegen Ende des dritten Jahrhunderts beginnen die antiken Geschichtsschreiber auch von zwei verschiedenen Gotenstämmen zu sprechen, den Westgoten und den Ostgoten. Die Ostgoten unter dem Königshaus der Amaler siedelten östlich des Dnjestr bis über den Don hinüber. Zwischen Dnjestr und Donau bis in die Karpaten siedelten die Westgoten unter ihrem damals führenden Stamm, den Balthen (nicht identisch mit den heutigen Balten).

Dazu merkt der Autor Hermann Schreiber an: „Um die Mitte des vierten Jahrhunderts scheint die Trennung zwischen West- und Ostgoten nicht nur vollzogen, sondern jeder der beiden Stammesverbände hat auch durch die Gunst der Stunde energische Herrscher zur Verfügung, die aus diesen Gotenbünden nun Staatswesen oder doch festgefügte Herrschaftsorganisationen
zu schmieden verstehen.“ Bei den Westgoten heißt die profilierteste Königsgestalt dieser Zeit Athanarich, bei den Ostgoten Ermanarich.

Ob angesteckt von der Unruhe, die in Osteuropa entstanden war oder nicht, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Tatsache ist, daß im Jahre 375 die Hunnen aus dem Osten heranstürmten und den Don überschritten. Sie bedrängten die dort lebenden iranischstämmigen Alanen und verjagten sie schließlich. Als nächstes waren die Ostgoten an der Reihe, die sich nach anfänglichem Widerstand schließlich ebenfalls dem Ungestüm der Steppenreiter unterwerfen mußten. Sie wurden von den Hunnen regelrecht überrannt.

Ein Teil des Volkes der Goten floh nach unsäglichen Gemetzeln, welche die Reiternomaden in ihren Siedlungen angerichtet hatten, zusammen mit alanischen Stämmen schutzsuchend in das Gebiet des Römischen Reiches.

Die Ostgoten waren die ersten der germanischen Stämme, die mit den Hunnen Bekanntschaft gemacht hatten. Ihr König Ermanarich, der wegen seiner Kriegszüge bei den Nachbarn gefürchtet war, nahm sich wegen des Einfalls der Steppenvölker, das wie ein Strafgericht anmutete, das Leben. Der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus berichtet, durch den gewaltigen, plötzlich aufkommenden Hunnensturm sei Ermanarich in seiner ganzen Person schwer erschüttert gewesen. Er habe zunächst entschlossenen Widerstand geleistet, bis ihm umlaufende Gerüchte von der Furchtbarkeit der drohenden Gefahren den Mut genommen hätten. Schließlich habe er seinem Leben ein Ende gesetzt, aus Furcht vor den großen Entscheidungen und weil er das Wüten der Hunnen nicht ertragen konnte.

Die Westgoten unter ihrem damaligen König Athanarich leisteten den Hunnen lange erbitterten Widerstand. Doch als ihr Land weitgehend verwüstet war, flüchteten auch sie sich unter römische Herrschaft.

Das Römerreich zerfällt in Westrom und Ostrom

Im Jahre 330 endete die Rolle Roms als Machtzentrum des Reiches. Konstantin I. verlegte den Kaisersitz an den Bosporus, machte die alte griechische Kolonialstadt Byzantion (römisch Byzanz) 330 zur neuen Hauptstadt und nannte sie Konstantinopel. 395 n. Chr. wurde das Römerreich schließlich geteilt. Nach dem Tod seines damaligen Kaisers Theodosius fiel die östliche Hälfte des Imperiums an seinen Sohn Arcadius, die westliche an Honorius. Das war die Geburtsstunde eines oströmischen (Mazedonien, Kleinasien, Griechenland) und eines weströmischen (Italien, Gallien, Germanien) Reiches. Für die westliche Reichshälfte avancierte Ravenna zur Hauptstadt. Die östliche Hälfte hatte als neues Machtzentrum Konstantinopel, das heutige Istanbul. Die später so genannte „ewige Stadt“ Rom war die große Verliererin. In den Augen der „Barbaren“, der Goten in erster Linie, blieb sie aber das verlockendste Eroberungsziel. Von hier aus wollten immer wieder Führungsgestalten der Völker aus dem Norden die Herrschaft über das gesamte römische Reich zurückgewinnen.

An der Vorgeschichte der Reichsteilung waren die Goten bereits beteiligt: Der römische Kaiser hatte stets Bedarf an Soldaten und Landarbeitern. Die Westgoten, die sich unter seinen Schutz gestellt hatten, kamen ihm da gerade recht. Er siedelte sie in der Provinz Thrakien (heute Rumänien) an. Das Verhältnis war aber von Anfang an gespannt. Die Goten waren nicht bereit, sich bedingungslos zu unterwerfen. Schließlich zog der damalige Kaiser Valens sogar gegen die neuen Siedler in den Krieg.

378 kam es bei Adrianopel (das heute türkische, an der Grenze zu Bulgarien gelegene Edirne) zur Schlacht. Der Sieg der Westgoten über den römischen Kaiser Valens war so vernichtend wie er nur sein konnte. Valens, fast alle Offiziere und zwei Drittel seines Heeres kamen um. Nachfolger von Valens wurde Theodosius. Er war der letzte Kaiser des gesamtrömischen Imperiums, erhob 391 das Christentum zur alleinigen Staatsreligion. Dazu verfügte Theodosius die Schließung der heidnischen Tempel und ein Ausübungsverbot für alle heidnischen Kulte. Mit den Goten schloß er einen Vertrag, der sie zu Reichsangehörigen machte und ihnen Siedlungsland zuwies. Die Goten verpflichteten sich ihrerseits, dem Kaiser Soldaten zu stellen, ihre Fürsten dienten als Offiziere.

Als Kaiser Theodosius 395 starb, zogen sich die Goten in ihre alten Gebiete zurück. Sie wählten sich mit Alarich einen eigenen Heerkönig. Auf Seiten des oströmischen Kaisers kämpfte er gegen Westrom, fühlte sich aber sehr bald in seiner Rolle als Hilfswilliger benachteiligt. Er sammelte seine Truppen und wandte sich gegen Ostroms Hauptstadt Konstantinopel. Eine Eroberung gelang den Goten nicht, sie wurden vertrieben und in Richtung Italien zurückgedrängt.

Im weströmischen Reich herrschte zu dieser Zeit Kaiser Honorius mit der Unterstützung des germanischstämmigen „Reichsfeldherrn“ Stilicho. Der Sohn eines Vandalen und einer Römerin spielte in der Folgezeit eine ausgesprochen tragische Rolle, weil er versuchte, die Integration der in Italien lebenden „Barbaren“ zu erreichen. Diese Politik war bei vielen Römern aber äußerst unbeliebt.

Die Römer ziehen sich ihre späteren Überwinder selbst heran

Die Westgoten unter ihrem Heerkönig Alarich saßen im südlichen Illyrien (Griechenland), einem kargen, bergigen Land, in dem sie sich, wenn man den Historikern folgt, zunehmend unwohler fühlten. Bauernarbeit statt fetter Beute – das war ihre Sache nicht mehr. Alarich wartete auf eine Gelegenheit, ins Spiel um die Macht in Italien eingreifen zu können.

Sie ergab sich, als sich der weströmische Feldherr Stilicho, der Vandale, mit einem Heer aus unbeschäftigten Hunnensöldnern, Alanen und versprengten Ostgoten im Gebiet zwischen Save und Donau herumschlagen mußte. Der Gotenkönig Alarich brach aus seinem illyrischen Rückzugsgebiet hervor, um in Italien einzufallen. Er warf nieder, was sich ihm in den Weg stellte, zog durch die Po-Ebene und schloß Mailand ein, das damals statt Ravenna kurzzeitig Hauptstadt des weströmischen Reiches war. Man schrieb das Jahr 402. Kaiser Honorius saß in seiner Mailänder Residenz wie in einer Falle. Als sein Feldherr Stilicho endlich waffenstarrend heranzog ihn zu befreien, wich Alarich mit seinen Goten nach Genua aus. Ihr Ziel war Rom. Alarich wollte von dort aus die Herrschaft über ganz Italien gewinnen.

Doch bei Pollentia am Po trafen die Heere Stilichos und der Goten aufeinander. Es kam zur „Osterschlacht“ des Jahres 402. Alarich wurde geschlagen. Ein Jahr später kam es erneut zur Schlacht zwischen dem weströmischen Heer und Alarichs Goten. Diesmal bei Verona. Auch in dieser äußerst blutigen Schlacht war Alarich der Verlierer. Er floh mit seinen Truppen nach Norden in Richtung auf das heutige Niederösterreich. Stilicho ließ ihn entkommen.

Über die Gründe heißt es bei Hermann Schreiber, es wäre „Selbstmord“ gewesen, wenn der Vandale Stilicho den mächtigsten Germanen der Stunde, nämlich Alarich, vernichtet hätte. Durch seine Integrationsversuche der „Barbaren“ sei Stilicho den Römern suspekt geworden. Es hätte bereits „eine starke nationalrömische Partei“ gegeben, „die beim (weströmischen) Kaiser gegen alle Germanen“ hetzte, vor allem gegen solche „in hohen Ämtern“. Schreiber: „Es konnte eine Situation eintreten, in der einzig Alarich noch (imstande gewesen wäre), Stilicho herauszuhauen“. Der Vandale hat sich den Goten als möglichen späteren Verbündeten erhalten wollen.

Zu einer solchen Verbrüderung ist es nicht gekommen. Kaiser Honorius ließ seinen Feldherrn Stilicho im Jahre 408 in Ravenna ermorden. Danach veranstaltete er unter den Germanen eine regelrechte Menschenjagd. Alarich bot sich den Verfolgten als Retter an und marschierte – kein Stilicho stellte sich ihm mehr in den Weg - gegen Rom. 410 eroberten seine Truppen die Stadt. Nach ihrer Plünderung zogen sich die Goten aus bis heute rätselhaften Gründen sofort wieder aus der Stadt zurück, angeblich um nach Afrika überzusetzen. Alarich marschierte mit seinen Truppen in das spätsommerlich heiße Süditalien. Schwer mit der Beute von Rom beladen. In der Hitze Kalabriens fand er völlig überraschend bei Bruttium am Flüßchen Bussento den Tod. Über die Ursache herrscht Rätselraten.

Auf dem Pferd sitzend wurde Alarich im Flußbett des Busento begraben

„Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier sie ihn begraben, während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben“, reimte später der Dichterfürst August Graf von Platen aus Ansbach.

Die Goten leiteten das Wasser des Busento um, gruben ein tiefes Grab in das sie ihren König der Überlieferung nach auf dem Pferd sitzend begruben. Nachdem sie das Grab eingeebnet hatten, leiteten sie die den Fluß wieder in sein altes Bett zurück.

„Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder. Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider“ dichtete von Platen. „Und es sang ein Chor von Männern: Schlaf in deinen Heldenehren! Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!“

Macht konnte in den damaligen römischen Reichsgebieten nur noch in Form von germanischen, vor allem von gotischen, und von hunnischen Kontingenten aufgeboten werden. Die Römer zogen sich ihre künftigen Überwinder damit selbst heran. An Stilichos Seite hatte zum Beispiel der Hunnenfürst Uldin gekämpft. Die Hunnen wurden wie die Goten in früheren Jahren Söldner der Römer. Für Rom Aufstände niederzuwerfen, Sold und Beute zu erhalten, schien ihnen besser als gegen die Legionen zu kämpfen. Als die Hunnen selbst gegen die Römer losschlugen, ließen sich ihnen überall nur noch germanische Truppen gegenüberstellen. Eine andere Römerstreitmacht gab es nicht mehr.

Das Reich des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen

In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im Jahre 451 trafen sie alle aufeinander: Ostgoten, Westgoten, Hunnen, Gallier, Burgunder, Franken, Römer. Alles, was im Römischen Reich je gekämpft hat. Hier, im römischen Gallien, im Norden Frankreichs, in der Ebene von Châlons-sur-Marne, zwischen Châlons und Troyes stieß die große Masse der mittel- und osteuropäischen Wandervölker zusammen. Alle kämpften gegen alle.Warum? Es weiß keiner so genau. Eine Entscheidungsschlacht wurde es jedenfalls nicht. Man trennte sich nach Auffassung der Geschichtsschreiber unentschieden.

Eine ganz besondere Bedeutung haben die beiden folgenden Jahre 453 und 454. Das Jahr 453 war das Todesjahr des legendären Hunnenkönigs Attila, an dessen Hof in der Nibelungensage die germanischen (burgundischen) „Niflungen“ ihr Ende fanden. Gegen seine Söhne kämpfte Ardarich, der König der Gepiden - ursprünglich auch ein gotisches Volk. Er entriß ihnen ihr Siedlungsgebiet im heutigen Ungarn und leitete damit das Ende der hunnischen Machtstellung ein.

Über die Schlacht Ardarichs gegen die Attila-Söhne vermerkte der Geschichtsschreiber Jordanes: „Es teilten sich die Reiche und die Völker, und so wurden aus einem Körper viele Glieder, die sich aber nicht in gegenseitiger Duldung schonten, sondern, nachdem ihr Haupt abgeschlagen war, gegeneinander wüteten. Niemals hätten diese gewaltigen Nationen ebenbürtige Gegner gefunden, wenn sie sich nicht in Selbstzerfleischung Wunden geschlagen hätten.“

454 wurde ganz in der Nähe des Schlachtortes, bei der Stadt Vindobona (dem heutigen Wien), der Ostgote Theoderich geboren, der spätere König von Ravenna. Er verlebte seine ersten Jahre in der Gegend des Plattensees.

Von 459 bis 469 mußte Theoderich als Geisel in Konstantinopel leben, um den Frieden zwischen Goten und Byzanz zu garantieren. Hier lernte er Lesen, Schreiben und Rechnen und erlebte die Rechtspraxis Ostroms aus nächster Nähe. 469 kehrte er in seine Heimat zurück.

Als die Sarmaten (ein Nomadenvolk) in das Siedlungsgebiet der Goten eindrangen, führte Theoderich das Heer der Verteidiger an. 471 besiegte er die Eindringlinge und tötete ihren König. Nach diesem Sieg ließ er sich selbst zum König wählen.

In Italien herrschte zu dieser Zeit Odoaker, ein Germane aus dem Volk der Skiren. Als Offizier in römischen Diensten hatte er im Jahre 476 den weströmischen Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt und sich zum Heerkönig germanischer Truppen gemacht, mit deren Unterstützung er zum Herrscher über Italien wurde.

Sein Ende fand Odoaker durch Theoderich. Dieser hatte vom byzantinischen Kaiser den Auftrag erhalten, gegen Odoaker in den Krieg zu ziehen. Ein typischer Vorgang im damaligen Italien. Germanen wurden gegen Germanen in die Schlacht geschickt.

Die Ostgoten lassen sich in der Po-Ebene nieder

Für Theoderich bot sich die Gelegenheit, durch einen Sieg die Abhängigkeit von Byzanz abzuschütteln. In mehreren Schlachten siegte der Gote über Odoaker und eroberte 493 Ravenna.

Mit Theoderich kamen die Ostgoten in zwei Siedlungsschüben aus Pannonien in die oberitalienische Po-Ebene. Die ersten bereits während der Kämpfe mit Odoaker. Später folgten weitere Angehörige des Volkes. Rund 100.000 sollen es gewesen sein. Sie lebten überwiegend von der Landwirtschaft. Nur wenige wohnten in den Städten, davon die meisten in Ravenna in einem eigenen Stadtteil.

Während dieser Zeit übernahmen sie römische Traditionen im Heerwesen und in der Verwaltung. Der Hof zu Ravenna wurde ein kulturelles Zentrum für die Literatur der Antike und zog Gelehrte unterschiedlicher Fachrichtungen an. Theoderich, durch seine Jugendjahre in Byzanz geprägt, verstand sich in der antiken Tradition. Er förderte den Wiederaufbau vieler Städte und deren antike Bauten.

Theoderich war nun Herrscher über Italien. In den nächsten Jahren suchte er die Anerkennung seines Reiches durch Byzanz, die ihm schließlich der byzantinische Kaiser Justinian auch gewährte. Die Herrschaft Theoderichs fand bei vielen Italienern Zustimmung.

Der ostgotische König betrieb eine intensive Heiratspolitik. Er nahm die Schwester des Frankenkönigs Chlodwig zur Frau und verheiratete seine Töchter mit anderen Fürsten. Trotzdem gab es in dieser Zeit zahlreiche Kriege zwischen den Goten und anderen Stämmen.

Theoderich, den man später den Großen nannte, ließ sich zeitlebens nur König nennen. Seine Herrschaft aber war die eines Kaisers. Er hatte im Gegensatz zu all den anderen Gotenfürsten bis zurück zu Alarich und auch im Gegensatz zum Hunnen Attila, ein großes und festgefügtes Reich im begehrenswertesten Teil Europas errungen. In der Landschaft zwischen Mailand und dem ewigen Rom. Ein Traum war Wirklichkeit geworden für die Goten.

Das Ende des gotischen Traums vom römisch-germanischen Reich

Römische Zeitgenossen priesen die Zeit Theoderichs als Friedenszeit. Trotzdem kam es schließlich zu einer Verschwörung auch gegen diesen Gotenkönig. Daraufhin ließ Theoderich zahlreiche Verdächtige verhaften, darunter auch den damaligen Papst Johannes I. Viele von ihnen wurden hingerichtet.

Die Konflikte mit dem oströmischen Byzanz nahmen zu dieser Zeit immer mehr zu. Theoderich bereitete den Krieg vor. Doch im Jahr 526, mitten in diesen Vorbereitungen, schloß er für immer seine Augen. Für die Goten und Germanen war er aber nicht wirklich gestorben. In zahllosen Balladen und Sagen lebte der Gotenkönig weiter und fand als Dietrich von Bern in der Nibelungensage – ebenso wie Attila (Etzel) - Unsterblichkeit.

Es setzte nun ein, was der angesehene Wissenschaftler und Romanschriftsteller Felix Dahn als „Kampf um Rom“ so eindrucksvoll beschrieb. Ein Kampf, der den Untergang der Goten 600 Jahre nach ihrem Auszug aus „Götaland“ besiegelte.

In den Jahren nach Theoderichs Tod regte sich immer heftiger der Widerstand unter den Römern wie auch den Goten gegen seine Nachfolger. Die Ermordung von Amalasuintha, einer Tochter Theoderichs, gab dem oströmischen Kaiser Justinian schließlich die ersehnte Gelegenheit, sich in Italien einzumischen. Sein Feldherr Belisar sollte es richten.

Die gotische Herrscherfamilie war zerstritten, zahlreiche Morde schwächten die gotische Führung. Es wurde nun ein Heerführer zum König gewählt, um die byzantinischen Truppen unter dem Feldherrn Belisar zu bekämpfen: König Witigis. Er erzielte zunächst Erfolge. Doch sein Glück verließ ihn schließlich. 540 wurde er in Ravenna von Belisar gefangen genommen.

Byzanz verspielte diesen Sieg. Durch innere Querelen unter den Feldherren und die ausbleibende Bezahlung der Söldner wurde das byzantinische Heer geschwächt. So hatten die Goten noch ein Mal die Gelegenheit, einen neuen König zu wählen. Sie ernannten 541 Totila zu ihrem Herrscher.

„Zwei Jahre später war zurückerobert, was Belisar genommen hatte und Italien war wieder gotisch bis auf Ravenna“. (Schreiber). Sogar die Inseln, die einst den Vandalen gehört hatten und die an Byzanz gefallen waren, eroberte Totila: Korsika, Sardinien, Sizilien.

549 wurde Belisar von seinem Kaiser abberufen. Der neue Feldherr der Byzantiner hieß nun Narses. Er führte das größte und am besten ausgerüstete Heer nach Italien, das Ostrom jemals aufgestellt hatte.

In Umbrien, bei dem Städtchen Gualdo Tadino trafen die Armeen der Byzantiner und der Goten aufeinander. Narses war bereits 72, Totila war jung und voller Kraft. Doch ein Pfeil verwundete den Gotenkönig schwer und er mußte fliehen. Da traf ihn der Speer eines Gepiden – also eines Germanen gotischer Abstammung - in den Rücken. Totila starb. Es blieb kaum Zeit ihn zu verscharren.

Die Goten flohen nach Norden, wählten Teja, einen jungen Adeligen zum neuen König. Er rückte wieder gegen Narses vor. Es kam zur letzten Schlacht. Seither ist der Ruhm Tejas unvergänglich. Er habe die „Taten der gefeiertsten Helden des Altertums übertroffen“, rühmt ihn Hermann Schreiber.

Die Gegner machten regelrecht Jagd auf den schwarzhaarigen Gotenkönig in der Erwartung, daß Tejas Tod das Ende der Goten bedeuten würde. Viele Male war sein Schild mit Speeren gespickt. Er ließ sich immer einen neuen reichen und focht unverdrossen. Bis bei einem Schildwechsel einen Moment die Brust unbedeckt blieb. In diesem Augenblick traf ihn ein Wurfspeer und tötete ihn augenblicklich. Die Gegner schnitten ihm das Haupt ab, steckten es auf eine Lanze und zeigten es triumphierend den letzten Goten.

Doch auch jetzt gaben die Mannen Tejas den Kampf nicht auf. Es dauerte noch Stunden und Tage, bis das Gotenreich an den Hängen des Vesuvs sein Leben ausgehaucht hatte. Die allerletzten tausend Mann begehrten mitsamt ihren Waffen den Abzug. Sie seien durch die Armee des Narses hindurchgezogen, mit einer solchen Entschlossenheit im Blick, daß niemand sie anzugreifen wagte, heißt es in alten Berichten. – Man hat danach nie wieder etwas von ihnen gehört.

Kämpfen, siegen und untergehen, - das war ihr Los. Das Ende ihrer Wanderung war ihr eigenes Ende. Ihre Sprache ist ausgestorben. Geblieben sind die Reste der Gotenburgen auf der Krim, eine Bibelübersetzung, Theoderichs Grabmal in Ravenna.

Sie waren „vielleicht die größte Chance, die Europa hatte“, meint Schreiber, - „die Chance aus der Geistes- und Kulturblüte der Antike bruchlos und dennoch mit neuer Kraft in ein anderes Zeitalter hinüberzugehen. So seltsam es klingt: Totila war der letzte Einiger Italiens bis Garibaldi (1810-1861, also1.300 Jahre später). Was auf Tejas Tod folgte, waren dreizehnhundert Jahre Interregnum und Zerfall. Dennoch haben die Italiener den Goten kein gutes Gedächtnis bewahrt."

Und noch ein Wort des Schöpfers der Gotenbiographie Hermann Schreiber über diese Epoche: „Kein Zeitalter hat die Völker schneller verbraucht als das der Völkerwanderung“. In Europa seien eigentlich nur die Slawen nicht beteiligt gewesen, im mörderischen Kampf aller gegen alle. „Italiener und romanisierte Untertanen des großen Doppelreiches hatten keine Wahl, sie waren im Raum des Geschehens ansässig, sie kamen unter die Räder. Nur die Germanen warfen sich begeistert und mit immer neuem Kampfeseifer in die zahllosen Schlachten, die etwa von 270 n.Chr. an bis zum Ende des sechsten Jahrhunderts das ganze Europa südlich des Mains mit Blut düngten.“

*

Das Schicksal der Westgoten soll nicht ganz aus dem Auge verloren werden, obwohl es sich abseits des einstigen Siedlungsgebietes Italien erfüllte. Alarich war ohne leiblichen Nachfolger gestorben. Sein Schwager Athaulf wurde zum Gotenkönig gewählt. Unter ihm zogen die Goten nach Gallien. Dort wurden sie zunächst im Gebiet des Flusses Garonne heimisch. Später überquerten sie die Pyrenäen und eroberten die iberische Halbinsel. Ihre Hauptstadt wurde Toulouse, daher stammt auch der Name „Das tolosanische Reich“.

Sie haben schließlich ganz Spanien erobert. Ihr Reich hielt bis zum Jahre 711. Dann kamen die Mauren aus Nordafrika und besiegelten auch ihr Schicksal (Siehe EM 01/03 DIE MAUREN).

Literatur:

Hermann Schreiber: „Auf den Spuren der Goten“, 350 Seiten, List Verlag, München 1977, ISBN: 3-471-78912-X; oder Rowohlt Taschenbuch, ISBN: 3-499-17274-7.

Felix Dahn, „Ein Kampf um Rom“, Historischer Roman, Bamberg – Radebeul 2003, Karl-May-Verlag Edition Ustad , 750 S. ISBN: 3-7802-1079-7.

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