DIE MAURENEURASIEN HISTORISCH

DIE MAUREN

Sie forderten das Abendland heraus und bereicherten es – 800 Jahre herrschte die muslimisch-maurische Kultur in Spanien – sein Gesicht wird davon bis heute geprägt

Von Hans Wagner

EM - „Spanien! Das ist der Traum, die Erfüllung, die Krone des Arabertums. Wenn es eine Steigerung gab, dann hat sie sich in Spanien oder – wie der Araber sagt – in Andalusien vollzogen.“ So schreibt die Religionswissenschaftlerin und Historikerin Sigrid Hunke in ihrem berühmten Standardwerk über den arabischen Einfluß auf Europa, mit dem Titel „Allahs Sonne über dem Abendland“.

781 Jahre herrschten die Araber auf der iberischen Halbinsel. Das ist ein Zeitraum, vergleichbar dem vom Sieg Dschingis Khans über Rußland im Jahr 1223 bis zur Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten im Kreml im März 2000. Oder von der Zeit Kaiser Friedrich I. Barbarossa im 12. Jahrhundert bis zur Regierungszeit Kanzler Adenauers in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die arabische Herrschaft in Spanien und damit die des Islam währte von 711 bis 1492, dem Jahr als Christopher Columbus für Spanien den amerikanischen Kontinent entdeckte. Sie war also keine Episode, sondern eine fast 800 Jahre währende Epoche. Wenn heute von dieser Zeit die Rede ist, wird von der Herrschaft der Mauren in Spanien gesprochen. Der Name geht zurück auf das römische „Mauri“ für einen Berberstamm. Aus dieser Bezeichnung leitet sich das spanische „Moros“ ab.

In Iberia herrschten Phönizier, Griechen, Kelten, Karthager, Römer und Goten

Seit der Antike war die riesige Halbinsel im Südwesten des eurasischen Kontinents schon für viele Völkerschaften ein begehrter Siedlungsraum. Etwa 1100 v.Chr. landeten hier phönizische Seefahrer, die von der Ostküste des Mittelmeers kamen, aus dem heutigen Libanon. Sie gründeten Kolonien, mit denen sie dann umfangreichen Handel trieben. Die bedeutendste dieser Kolonien war Gadir, das heute Cadiz heißt.

Als vorherrschende mediterrane Seemacht wurden die Phönizier 300 Jahre später von den Griechen abgelöst. Diese gründeten ihrerseits ab 800 v.Chr. Kolonien, unter anderem das später berühmte Sagunto. Die Griechen bezeichneten die Randgebiete der ihnen bekannten Welt als „Iberia“. Dazu zählte bis zu dieser Zeit auch die spanische Halbinsel, die sie iberisch nannten. Ein Name, der sich bis heute erhalten hat. Die hier bereits ansässigen Völkerstämme wurden von den Griechen als Iberer bezeichnet.

Um 600 v.Chr. drangen keltische Stämme ein, die sich mit den Iberern mischten und fortan „Keltiberer“ genannt wurden. Sie siedelten vornehmlich im Gebiet des heutigen Portugals. Die um 535 v.Chr. folgenden Karthager waren zu dieser Zeit bereits eine bedeutende Seemacht am Mittelmeer. Mit dem Griff nach der iberischen Halbinsel versuchte Karthago seine Machtposition zu stärken. Die Halbinsel wurde in den folgenden Jahrhunderten wegen ihrer einmaligen geographischen Lage zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer zu einem begehrten, strategischen Objekt.

Das aufstrebende römische Reich drang aus diesem Grund ebenfalls auf das Territorium des heutigen Spaniens vor. Die Auseinandersetzung mit der konkurrierenden Macht Karthago war vorprogrammiert. Als die Karthager die von den Römern beherrschte alte Griechensiedlung Saguntos im Jahre 219 v. Chr. belagerten, kam es zu schweren Kämpfen. Eine erste römische Entsatzarmee wurde von den Karthagern geschlagen. Es kam zu einem Jahre andauernden Krieg zwischen den beiden Mächten, der mit dem Sieg der Römer in der Schlacht von Llipa endete. Damit gehörte die Halbinsel als eigene Provinz zum römischen Reich. Auch der Name ‚Hispania‘, der offenbar phönizischen Ursprungs ist, wurde von den Römern übernommen und gilt über alle späteren Wirren der Geschichte hinweg bis heute.

Rom eroberte und kolonialisierte ganz Spanien. Die lateinische Sprache, die römische Zivilisation und später auch das Christentum wurden eingeführt. Von der Halbinsel kamen mit Trajan (98-117) und seinem Adoptivsohn Hadrian (117-138) die ersten Kaiser aus einer der nichtitalienischen Provinzen des Reiches.

Nach rund 600 Jahren, um 400 n.Chr., als das Weströmische Reich sich zu Ende neigte, drangen erste germanische Nachfolgestaaten auf römischen Boden vor: Sweben, Wandalen, Alanen, Westgoten. Mit der Eroberung der Provinz Terraconensis 474 durch den Westgotenkönig Eurich, der 468 nach Spanien einmarschiert war, schied die Halbinsel faktisch aus dem römischen Reichsverband aus. Die Westgoten brachten im Laufe des 6. Jahrhunderts fast ganz Spanien unter ihre Herrschaft. Sie regierten von der Hauptstadt Toledo aus.

Die Mauren kamen im Namen des Kalifen von Nordafrika über das Meer

Nachdem Anfang des 7. Jahrhunderts der Prophet Mohammed auf der Arabischen Halbinsel die Botschaft des Islams verkündet und ein erstes islamisches Staatswesen gegründet hatte, entwickelten seine Anhänger in der Folgezeit einen außergewöhnlichen Expansionsdrang. Bis zum Tode des Propheten im Jahr 632 war ganz Arabien unterworfen. Unter den ersten Kalifen (arabisch für „Nachfolger“) dehnte sich das islamische Reich gewaltig aus. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts reichte seine Macht bereits bis an die Grenzen Indiens im Osten und bis an die Atlantikküste Nordafrikas im Westen.

Zur Zeit der Herrschaft des Kalifen Walid I. (705-715) begann die Geschichte der Eroberung Spaniens durch die Araber. Als das Westgotenreich auf der iberischen Halbinsel von inneren Krisen geschüttelt wurde, blieb dies den muslimischen Truppenführern an der gegenüberliegenden Küste Nordwestafrikas nicht verborgen. Im Sommer 711 setzte der Offizier des Kalifen, Tariq Ibn Ziyad, mit 7 000 Soldaten über die Meerenge zwischen dem afrikanischen und europäischen Kontinent. Der in das Meer vorspringende Berg, an dem die muslimischen Araber landeten, erhielt später den Namen "Berg des Tariq", arabisch "djabal at-Tariq", woraus sich der heutige spanische Namen dieses Ortes ableitet: Gibraltar.

Der den Invasoren entgegeneilende Westgotenkönig wurde mit seinem Heer geschlagen, und wenig später ergab sich auch Toledo. Damit fand die Herrschaft der Westgoten ihr Ende. In den folgenden Jahren gelangte nahezu die gesamte Halbinsel unter muslimische Herrschaft und wurde Provinz des islamischen Kalifats.

Al Andalus – der Name Spaniens, der von den Wandalen abgeleitet wurde

Das Land erhielt von den Mauren den Namen "al-Andalus". Der Name leitet sich von den Wandalen ab, die lange vor den Westgoten vorübergehend auf der Halbinsel gesiedelt hatten. Die Wandalen hatten später nach Nordafrika übergesetzt und waren mit arabischen Berberstämmen in engen Kontakt gekommen. Sie kamen für die Araber aus "al-Andalus", dem Wandalenland, und so nannten sie später bei ihrer Ankunft auf der Halbinsel das Land weiterhin bei diesem Namen. Heute wird noch die südliche Provinz Spaniens als Andalusien bezeichnet, der Teil des Landes, der den Mauren 800 Jahre später als letzter verblieben war.

Die muslimischen Mauren machten in der Folgezeit auch an den Pyrenäen, der Gebirgskette, die Spanien vom übrigen Europa trennt, nicht halt. Sie eroberten Gebiete im heutigen Südwestfrankreich. Von dort aus unternahmen sie immer wieder Vorstöße in das Gebiet der christlichen Franken, die für Muslime die „Ungläubigen“ waren. Solche Beutezüge nannten sie „ghazwa“, wovon sich das in germanischen Sprachen verwendete Wort „Razzia“ ableitet.

An den Grenzen des Frankenreiches endete der maurische Expansionsdrang

732 führte der muslimische Gouverneur des Al Andalus eine Razzia in das Gebiet von Bordeaux durch. Er traf dort auf den starken Mann des Frankenreiches Karl Martell. Dieser war der Großvater Karls des Großen. Bei Tours und Poitiers fanden zwei Schlachten statt, in denen der Franke die Mauren schließlich in die Flucht schlug. Dieser Erfolg wird in den Geschichtsbüchern als Entscheidungsschlacht bewertet und Karl Martell als Retter des Abendlandes gerühmt. Er habe das christliche Europa vor der muslimischen Eroberung bewahrt. Es kam zwar auch danach noch öfter zu muslimischen Angriffen, aber durch die Niederlage gegen die Franken war den Arabern deutlich geworden, daß ihnen jenseits der Pyrenäen ein ebenbürtiger Gegner entgegenstand, der nicht so leicht zu besiegen sein würde, wie die Westgoten in Spanien. Im Laufe der Zeit nahm jedenfalls der Eroberungsdrang der Mauren nach Norden deutlich ab.

Im arabischen Mutterland stürzten 750 die Abbasiden die bislang herrschende Omaijaden-Dynastie. Im Juni 750 wurden die Tore von Damaskus, dem Sitz des Omaijaden-Kalifats, geöffnet. Das weiße Banner der Umijaden verschwand und wurde durch die abbasidische schwarze Fahne ersetzt. Der Kalif al-Mansur verlagerte dann in der Folgezeit das Kalifat nach Bagdad.

Kalif Abd ar-Rahman I. schuf in Andalusien ein unabhängiges muslimisches Reich

Abd ar-Rahman I., dem letzten Omaijaden-Kalif, gelang die Flucht von Damaskus nach Andalusien, wo er ein Gegenreich zum Abbasidenreich gründete. Bis 1031 herrschten in Andalusien die Omaijaden. Das politische Zentrum dieses muslimischen Reiches lag während dieser Zeit in Cordoba. Andalusien erlebte unter den Omaijaden-Herrschern eine außergewöhnliche Blütezeit. Abd ar-Rahman I. schuf zum Selbstschutz ein stehendes Heer von 60.000 Mann. Nach seinem Tode 788 konnte Abd ar-Rahmans Sohn Hakâm I. ein geeintes Spanien übernehmen.

Nördlich einer Linie, die von den Flüssen Duerro und Ebro gebildet wird, entstanden in der Folgezeit christliche Fürstentümer und Königreiche. Der Großteil Spaniens jedoch geriet dauerhaft unter muslimische Herrschaft. Zwischen Tajo und Duerro entstand eine Art Niemandsland, das zwischen christlichem und muslimischem Territorium wie ein Puffer wirkte

Weitere bedeutende Orte neben Cordoba waren Sevilla, die Hafenstädte Almería, Denia und Valencia sowie die inländischen Metropolen Badajoz, Toledo und Zaragoza, welche die Zentren der Grenzmarken zu den christlichen Nachbarn bildeten. Später gewann mehr und mehr auch Granada an Bedeutung.

Die politische Loslösung Andalusiens von muslimischen Mutterland bildete die Voraussetzung für die Ausprägung einer spezifisch andalusisch-arabischen Kultur.

Wikinger fielen in Sevilla ein – Araber machten sie in ihren Berichten unsterblich

Ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. tauchten urplötzlich am Horizont aller Meeresküsten in ganz Europa die Drachenschiffe der Wikinger auf. Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte haben sie ihre Geschichte in das Gedächtnis des Abendlandes buchstäblich eingebrannt. (Siehe EM 08/02 „Die Wikinger“).

Im letzten Jahr der Regierung Abd ar-Rahmans II., man schrieb 825, plünderten die nordischen Seefahrer das andalusische Sevilla. Von einer arabischen Gesandtschaft, die daraufhin den Hof des Wikingerkönigs im fernen Haithabu (nahe dem deutschen Schleswig) besuchte, sind Beschreibungen des Lebens der Wikinger erhalten, die bis heute das Bild dieser verwegenen Eroberer und ihres Lebensstils prägen.

Seine größte Pracht entfaltete Al Andalus unter dem Omaijaden Abd ar-Rahman III., der von 912-961 n. Chr. regierte. Er war nach einer Zeit der politischen Wirren im muslimischen Andalusien an die Macht gekommen und wurde schließlich der erfolgreichste Herrscher in Córdoba. Während seiner 49jährigen Regentschaft versöhnte er den regionalen Araberadel, die Berber und die Muwallad miteinander. Er war der Sohn einer Nebenfrau seines Vaters, einer fränkischen Sklavin. Von den zeitgenössischen Chronisten wird er als rotblond und blauäugig beschrieben.

Der rotblonde Abd ar-Rhaman ernannte sich selbst zum Kalifen von Córdoba

926 ließ sich Abd ar-Rahman III. zum "Herrscher aller Gläubigen" ausrufen, um anzuzeigen, daß er sich und Spanien endgültig von Bagdad gelöst hatte. Den Titel Emir, den seine Vorgänger trugen, um vom Kalifat in Bagdad geduldet zu werden, ersetzte er nun selbstbewußt durch Kalif. Durch diesen gezielten Bruch mit der Einheitstradition sollte kundgetan werden, daß Córdoba nun selbst zur ernstzunehmenden Großmacht aufgestiegen war.

Widerspruch auf diese politische Demonstration blieb aus, weil die Abbassiden praktisch keine Macht mehr besaßen. Parallel dazu baute Kalif Abd al-Rahmar ein neues Söldner-Heer aus gekauften Kriegssklaven auf. Sie hießen Saqalib und kamen aus dem germanischen und slavischen Osten. Da diese Sklaven schon als Kinder gekauft wurden, konnten sie leicht erzogen und islamisiert werden. Sie wurden zu den treuesten Gefolgsleuten der Kalifen. (Eine ähnliche Politik betrieben etwa 600 Jahre später die türkischen Sultane mit den Janitscharen).

Córdoba machte Mekka als Wallfahrtsort der Muslime Konkurrenz

Um die Gläubigen enger an sich zu binden ließ der Kalif Abd al-Rahmar III. Córdoba als alternativen Wallfahrtsort zu Mekka ausrufen, was der Stadt ungeheuren wirschaftlichen Aufschwung brachte. Außerdem löste er damit die auf der iberischen Halbinsel lebenden Muslime noch stärker vom Orient los und festigte das eigenständige islamische Kalifat von Córdoba.

Mit dem Abfall Córdobas von Bagdad entwickelte sich eine geschlossene Kultur, die sich ungestört von der Auseinandersetzung zwischen Christentum und dem Islam entwickeln konnte. Dank der fruchtbaren Zusammenarbeit aller Bevölkerungsgruppen, stieg das maurische Spanien zum reichsten und am dichtesten bevölkerten Land Europas auf.

Die Entwicklung der Landwirschaft im Andalus nahm unter Abd ar-Rahman III. einen schier unglaublichen Aufschwung. Der Kalif gründete das „Tribunal de las Aguas“, das die Verteilung des Wassers an die Bauern regelte und Streitigkeiten schlichtete. Das System der Wasserkanäle stammte schon von den Römern. Die Araber haben es übernommen und weiterentwickelt.

Die sagenhafte Fruchtbarkeit der „Huertas“, wie die intensiv genutzten, bewässerten Obst- und Gemüseländereien heißen, machten Cordoba reich. Das Bewässerungssystem ist zum Teil bis heute unverändert in Betrieb. Die Technik mit den Wasserschöpfrädern, den Norias und Gräben, prägt noch immer das Bild der Landschaft im Süden Spaniens.

Auch die damals von den Mauren eingeführten Pflanzen werden noch immer in Spanien angebaut und machen auch im 21. Jahrhundert einen Großteil des spanischen Exports aus. Es sind dies vor allem Pfirsiche, Apfelsinen, Aprikosen, Granatäpfel, Mandeln, Kastanien, Bananen Melonen, das Zuckerrohr, die Baumwolle, der Spargel und die Datteln.

„In der Nähe Cordobas, in dem Garten seines Schlosses, das er nach Plänen des Wüstenpalastes seines Ahnherrn in Syrien erbaute, pflanzte ein arabischer Fürst die erste Palme in Andalusien“, schreibt Sigrid Hunke. Und diese „erste Palme in Andalusiens Erde, sie wurde die Stammutter aller Palmen Europas.“

Córdoba stieg zur bevölkerungsreichsten und wohlhabendsten Stadt Europas auf

Gegen Ende der Regierung des Kalifen Abd ar-Rahmans III., um 961, war Córdoba die bevölkerungsreichste und wohlhabendste Stadt Europas. Spanien galt als Heimat des feinen Lebensgenusses und hoher wissenschaftlicher und künstlerischer Tätigkeit. Das Kalifat von Córdoba war gewissermaßen der Inbegriff des irdischen Paradieses.

Nach arabischen Quellen soll die Stadt um das Jahr 1000 eine halbe Million Einwohner gehabt haben. Keine Stadt Europas, außer Konstantinopel, zählte zu dieser Zeit mehr als
30 000 Einwohner. Allein die Zahl der Gebäude und Einrichtungen Córdobas ist bis zum heutigen Tag beeindruckend. Überliefert sind die folgenden Zahlen: 113 000 Häuser, 80 455 Läden, 600 Moscheen, 50 Hospitäler, 300 öffentliche Bäder, 80 öffentliche Schulen, 17 höhere Lehranstalten und Hochschulen und 20 öffentliche Bibliotheken. Europäische Reisende berichteten zu Hause von dem sagenhaften Komfort und Luxus Córdobas. Sie erzählten von gepflasterten Straßen, die des Nachts beleuchtet wären, von Wohnhäusern, die mit fließendem Wasser ausgestattet seien und von Kristallglas, das die Gold- und Silberbecher als Trinkgefäße verdrängt habe. Außerdem von den teuren Gewürzen, die hier angepflanzt würden wie Zimt, Safran, Koriander, Ingwer, Muskat und Nelken. Diese Schätze wurden dann alsbald von al-Andalus ins mittelalterliche Europa ausgeführt, wo sie die Speisen verfeinerten. Die Staatsschatulle des Kalifats profitierte von diesen teuren Exporten ganz erheblich.

Das Kalifat der Omaijaden wurde zum intellektuellen Mittelpunkt Europas

Die Politik Abd al-Rahmans III. wurde auch von seinem Sohn Hakâm II. (961-976) fortgesetzt. Er machte Córdoba, als „Siegel der Schönheit“, darüberhinaus zum intellektuellen Mittelpunkt Europas. Die Förderung der Wissenschaften war sein besonderes Anliegen. Die Schulen und Lehranstalten waren alle öffentlich und konnten unentgeltlich von jedermann besucht werden, der Lesen und Schreiben lernen wollte. Hakâm selbst war ein anerkannter Gelehrter, dessen Bibliothek über 400.000 Bücher umfaßt haben soll, von denen er viele selbst kommentiert hatte.

Das griechische und römische Erbe, das im christlichen Europa vergessen oder als Teufelswerk verdammt war, wurde gepflegt. Man betrieb besonders die Disziplinen Philosophie, Recht, Medizin, Chemie, Mathematik, Physik und Astronomie in Theorie und Praxis.

So zeigte beispielsweise Abu'l-Qasim („Abulcasis“), der Hofarzt Hakâm II., in seiner medizinischen Enzyklopädie genaue Abbildungen des sezierten menschlichen Körpers, was in den christlichen Ländern zu erregten Diskussionen führte, weil es hier verboten war, den menschlichen Körper zu öffnen und man das Abgebildete nicht begreifen wollte, da es der christlich-theologischen Lehrmeinung widersprach.

Durch umfangreiche Bücherimporte begann wiederum das Interesse des christlichen Europas an arabischer Wissenschaft zu erwachen. Mit den neuen Erkenntnissen aus der maurischen Wissenschaft fanden viele arabische Worte Eingang in die europäischen Naturwissenschaften. Sie sind mühelos zu finden in Mathematik, Astronomie und Medizin, aber auch in der Alltasgssprache des Abendlandes. Viele Begriffe der europäischen Sprachen sind Lehnwörter aus dem Arabischen (Siehe Kasten).

Nach dreihundert Jahren endete das Omaijiden-Kalifat in Al Andalus

1013 endete das Omaijaden-Kalifat in Spanien. Die christlichen Gegner der Muslime errangen zunehmend die Oberhand auf der ganzen Halbinsel. Der letzte erfolgreiche Regent war Almansor, was soviel heißt wie „der Siegreiche“. Von den Christen bekam er indessen den Beinamen „Schrecken der Hölle“, weil er eine Reihe von Angriffen gegen die christlichen Staaten des Nordens und Nordostens inszenierte. Im Jahre 985 zerstörten seine Truppen Barcelona und León, sowie 997 St. Jago de Compostela. Seine Razzien waren die letzten erfolgreichen Feldzüge der muslimischen Mauren in christliche Gebiete.

Das Kalifat von Córdoba wurde nach diesen Feldzügen aufgelöst und zur Republik erklärt; der ehemalige Herrschaftsbereich zerfiel in mehr als 20 Emirate, die sogenannten Reyes de Taifas. Ihre Herrscher legten sich je nach Herkunft den Titel Muluk, was König bedeutet, oder Kalif zu, wie traditioneller Weise die Nachfolger des Propheten. Aber sie waren hauptsächlich damit beschäftigt, einander zu bekämpfen.

Das politische Schwergewicht ging zu dieser Zeit allmählich auf Sevilla über. Die von Almansor angegriffenen christlichen Königreiche und Grafschaften im Norden hatten sich nach dessen Tode, als sie die innere Zerrissenheit des Maurenreiches erkannten, vereinigt und begannen ab 1032 zurückzuschlagen.

Das Ende der Maurenzeit begann endgültig mit der Einnahme Toledos im Jahr 1085

Der spanische König Alfons VI. (1072-1109) begann mit der Vereinigung von Kastilien, León und Galicien und nahm 1085 Toledo ein, was bei den Mauren ungeheuren Schrecken hervorrief, da die Stadt bis dahin als uneinnehmbar galt. Der Fluß Tajo bildete nun die südliche Grenze des Christengebietes. Damit waren bereits 50 Prozent der Halbinsel für die Mauren verloren.

Die zwei Jahrhunderte, die zwischen der Auflösung des spanischen Kalifats von Córdoba und der entscheidenden Schlacht bei Las Navas de Tolosa (1212) lagen, waren dennoch die höchste Blütezeit der spanisch-maurischen Kultur.

Die spanischen Universitäten genossen Weltruf und zogen Studenten aus allen Teilen Europas an. Fast jede wissenschaftliche und technische Disziplin der Neuzeit hat ihre Quelle in der maurischen Epoche Spaniens: Medizin, Optik, allgemeine Physik, Geographie, Nautik, Mathematik, Astronomie und Alchemie. Viele Präzisionsinstrumente wie Kompaß und Skalpell, Himmelsgloben und nautische Karten gehen auf diese Zeit zurück.

In den folgenden Jahren unterwarfen die Könige von Kastilien und Aragon die großen Städte und ihre Provinzen. Spanien wurde nun zügig von den Christen zurückerobert. Den entscheidenden Schlag der Reconquista führte Ferdinand III. (1217-1252), der León und Kastilien endgültig vereinigte und Córdoba und Murcia 1236 eroberte. 1248 nahm er schließlich mit Sevilla auch die damals wichtigste Festung der Mauren ein.

Am längsten widerstand das kleine maurische Königreich Granada dem Untergang

Für die Mauren blieb danach nur noch das kleine Königreich Granada übrig. Aber auch dieses mußte die Oberhoheit Kastiliens über Spanien anerkennen. 1262 wurde Cadiz von den Spaniern erobert. 1462 brachten die neuen Herrscher in Spanien auch das 711 von den Mauren besetzte Gibraltar unter ihre Kontrolle. Die iberische Halbinsel war nun weitgehend auf die christlichen Königreiche Aragonien, Kastilien und Navarra aufgeteilt.

Portugal war 1095 bereits ein eigenes Herzogtum unter dem damaligen König von Leon geworden, 1143 stieg es zum Königreich auf.

Vieles, was heute urspanisch anmutet, ist Hinterlassenschaft der Mauren

Das kleine maurische Königreich Granada in der Südostecke Spaniens, umgeben von Bergen und Meer, konnte sich noch zweieinhalb Jahrhunderte behaupten. Sein zäher Endkampf dauerte über elf Jahre. 1492 wurden Stadt und Festung Granada schließlich von den Spaniern bezwungen. Der letzte Maurenkönig mußte nach Marokko ins Exil. In der Stadt Fes lebte er unter dem Schutz des Sultans Muley Ahmed III. noch bis 1536.

Es ist überwältigend, was die Mauren in Spanien allein an Kunst und Architektur hinterlassen haben. Cordobas große Moschee zählt zu den eindrucksvollsten Monumenten des maurischen Stils. Noch berühmter ist die Alhambra in Granada. Sie ist ein im Originalzustand erhaltener maurischer Königspalast im Kalifatstil. Wie vieles im maurischen Baustil weicht auch jener der Alhambra erheblich von der traditionellen Architektur ab, die in den Bauwerken der nordafrikanischen Heimat der Mauren herrschte. Sie haben neben arabischen Formelementen auch gotische Stilmittel in Bogen und Kuppeln übernommen. Im 12. Jahrhundert entstand daraus ein eigener Dekorationsstil, der als „Mudejar“ bezeichnet wurde.

Nach fast 800 Jahren war die Zeit der muslimischen Mauren auf der inzwischen spanischen Halbinsel zu Ende gegangen. Doch bis auf den heutigen Tag haben sich arabische Harmonien und Bewegungsbilder im Flamenco erhalten. Außerdem klingen noch immer die arabischen Instrumente Ulud (Laute) und Qitar (Gitarre) in den Landschaften und Konzertsälen der iberischen Halbinsel und muten inzwischen urspanisch an. Sie sind ebenso wie die landestypischen Tambourins und Castagnetten eine wohlklingende Hinterlassenschaft der alten maurischen Kultur.

Die 200 bekanntesten Lehnworte aus dem Arabischen

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Quelle: Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland – unser arabisches Erbe, Fischer Taschenbuch, 2. Auflage 2001

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