DIE OSMANENEURASIEN HISTORISCH

DIE OSMANEN

Sie kamen vor tausend Jahren als Nomaden aus Mittelasien: Turkvölker drangen in die Gebiete des bruchig gewordenen byzantinischen Reiches vor. Ab dem 11. Jahrhundert eroberten sie den Orient. Im 15. Jahrhundert sind sie zur Großmacht aufgestiegen. Das erfolgreichste Geschlecht der Turken war das des Ahnherrn Osman, der dem Reich seinen Namen gab.

Von Hans Wagner

EM – Am 29. Oktober 2003 wurde die türkische Republik 80 Jahre alt. Die Regierung beging den Jahrestag in der Hauptstadt Ankara mit einem feierlichen Staatsempfang. Symptomatisch dabei war, daß männliche Gäste, deren Frauen sich weigerten, ohne Kopftuch zum Empfang zu kommen, durch Staatspräsident Ahmet Sezer vom Jubiläumsempfang ausgeschlossen wurden. Das war eine deutliche Demonstration gegen den islamischen Fundamentalismus.

In Istanbul, dem früheren Konstantinopel, zogen Tausende begeisterter Türken mit der größten Nationalflagge der Welt durch die Straßen. Die Metropole am Bosporus war vor 750 Jahren von den Osmanen erobert worden. Ihre Einnahme markiert den Beginn des Aufstiegs des osmanischen Reiches zur Großmacht.

Mit dem Ende dieses Reiches im Jahre 1918 verschwand auch die Bezeichnung „osmanisch“ für das Land zwischen dem Bosporus und dem alten Mesopotamien. Heute trägt es anstelle des Namens des alten Herrschergeschlechts, den des türkischen Volkes. Mustafa Kemal Pascha gründete 1923 die Republik Türkei, die das zerfallene Großreich beerbte. Später verlieh im die türkische Große Nationalversammlung den Ehrentitel „Atatürk“ („Vater der Türken“) unter dem er Weltberühmtheit erlangte. Er verlegte die Hauptstadt des Landes von Istanbul am Bosporus nach Ankara im Herzen Anatoliens.

Inzwischen hat die moderne Türkei in nur drei Generationen die Änderungen vollzogen, für die andere Länder zweihundert Jahre und mehr gebraucht hatten: Den Umbau eines Reiches und einer Monarchie in eine zunehmend funktionierende demokratische Republik. Die Umwandlung des Agrarstaates in ein industrielles Schwellenland. Die Hinwendung zum europäischen Rechtssystem und Erziehungswesen. - Die Türkei ist seit 1952 Mitglied der Nato, seit 1963 hat sie einen Assoziierungsvertrag mit der EU, die sich damals noch Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) nannte.

Als die alten Reiche im Orient zerfielen, schlug die Stunde der Turkvölker

„Ist heute die Rede von ‚den Türken‘, so denkt man dabei landläufig an die über vierzig Millionen Bewohner der heutigen Republik Türkei, deren Gebiet Thrazien, den äußersten Südosten Europas, und Anatolien, auch Kleinasien genannt, umfaßt“, schreibt Josef Matuz in seinem Standardwerk „Das Osmanische Reich – Grundlinien seiner Geschichte“. Diese Eingrenzung werde jedoch den ethnischen Gegebenheiten nicht gerecht. „Denn Türken, d.h. Bevölkerungsgruppen, die eine Türksprache sprechen, leben auch außerhalb und zum Teil sogar von den heutigen Staatsgrenzen der Türkei sehr weit entfernt.“

Die Türken sind zum Beispiel in Gebieten der ehemaligen UdSSR beheimatet. Ihre Bevölkerungszahl beträgt rund 20 Millionen. Die größeren Siedlungsgebiete liegen in den zentralasiatischen Ländern Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan, sowie in Transkaukasien. Türken leben auch in größerer Zahl im Iran und in China. Türkische Minderheiten gibt es in Polen, Rumänien, Bulgarien, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, auf Zypern, in Syrien, im Irak und in Afghanistan. Ihre Sprachen stehen dem Türkischen nahe, das auch in der Türkei gesprochen wird.

Die ursprüngliche Heimat der Türken liegt in dem Gebiet, das sich zwischen dem Aralsee im Westen und dem Altaigebirge im Osten ausbreitet. Zum Großteil ist dieser Raum identisch mit dem heutigen Kasachstan. Etwas genauer umrissen liegt das historische Siedlungsgebiet der Türken in dem Großraum zwischen dem Altaigebirge und dem Sajangebirge an der sibirisch-mongolischen Grenze, zwischen Chinesisch-Turkestan, der Nordostgrenze Tibets, dem Gebirgszug des Chingan in Nordostchina und dem Aralseegebiet. Ihre Spuren gehen bis ins 6. Jahrhundert nach Christus zurück. Verschiedene dieser Turkvölker zogen von hier in mehreren Schüben nach Westen.

Innerhalb der heutigen türkischsprechenden Bevölkerungen gibt es etwa 21 verschiedene türkische Sprachengruppen, die über den gesamten asiatischen Kontinent verteilt sind. Der größte Teil der verschiedenen Turkvölker, z.B. Usbeken, Turkmenen, Kasachen, Kirgisen usw., leben in der heutigen Türkei, den ehemaligen Sowjetrepubliken der UdSSR und in der Volksrepublik China. Unter den Turkvölkern sind fast alle größeren Religionsbewegungen vertreten. Die Mehrzahl ist muslimisch.

Die Osmanen erobern Bagdad

Die Urväter der heutigen Türken waren Angehörige der Seldschuken. Dieser mittelasiatische Stamm machte sich um die Mitte des 11. Jahrhunderts auf, drang über die iranisch-afghanischen Gebiete bis nach Mesopotamien vor. Mit der Wanderung der türkischen Stämme nach Westen begann im 10. Jh. ihre Islamisierung. Im Jahr 1055 eroberte der Seldschuke Tugril die Stadt Bagdad im heutigen Irak. Er gründete das Großseldschukische Reich., das er schließlich auch auf Gebiete der heutigen Türkei ausdehnte. Der Kalif von Bagdad ernannte den Eroberer zum Sultan.

Anfang des 13. Jahrhunderts setzten die aus dem Osten hereinbrechenden Mongolen der Macht der Seldschuken ein Ende. Mit den Mongolen schwappte eine zweite Einwanderungswelle der Turkvölker gen Westen. Sie kamen teilweise als Flüchtlinge, die vor den Reiterhorden der Großkhane flohen, zum Teil zogen sie selbst in den Mongolenheeren mit (siehe EM 02-03 DIE KURDEN). Die meisten ließen sich in Anatolien nieder. Einer der dort gestrandeten nomadischen Stämme siedelte im Gebiet um das heutige Eskisehir im nordwestlichen Teil der Türkei. Ihr Anführer nannte sich Ertogrul und hinterließ einen Sohn namens Osman.

Osman war einer von den Stammesführern, die auf dem Gebiet des zusammenbrechenden Seldschuken-Reiches ihre Kleinfürstentümer errichteten und er war dabei der erfolgreichste von allen. Sein Herrschaftsgebiet bildete die Keimzelle des späteren Osmanischen Reiches. Osmans „Karriere“ hatte als „Glaubenskrieger“ (Ghasi) begonnen. Er beteiligte sich an islamischen militärischen Aktionen gegen christliche Nachbarn. Das stärkte sein Ansehen und seinen Einfluß unter den anderen Stammesführern. Mit 22 Jahren wurde er bereits Fürst. Sein Titel war Osman I. Ghasi. Er nahm nacheinander die damals noch byzantinischen Städte Eskisehir, Bilecik, Yarhisar und Yenisehir ein.

Die geographische Lage seines Fürstentums ermöglichte es dem Gründer der osmanischen Dynastie, die Schwäche des Byzantinischen Reiches auszunutzen und reiche Beute bei Überfällen auf christliches Gebiet zu machen. Dieser Umstand führte dazu, daß Tausende turkmenischer Nomadenkrieger, sowie viele vor den Mongolen flüchtende Araber und Perser in seine Dienste traten.

Das damalige Byzantinische Reich, in das es die Turkvölker verschlagen hatte, war innerlich vom Niedergang gezeichnet und in dauernde Kriege und Bürgerkriege verwickelt. Somit schied es als ernstzunehmender militärischer Gegner sehr bald schon aus. Die Byzantiner nahmen zunächst Türken als Söldner in ihre Armee auf oder verbündeten sich mit einzelnen Fürsten. Bald begannen die islamischen Führer jedoch, – auch mit Unterstützung der Ghasis, die sich ihnen in Erwartung reicher Beute anschlossen – byzantinische Ländereien zu erobern und zu unterwerfen.

Der Aufstieg des Osmanischen Reiches

Der Aufstieg des vom Islam geprägten Osmanischen Reiches ist eng verbunden mit der Anziehungskraft die dieser Staat auf die Ghasis , die Kämpfer des Heiligen Krieges (Dschihad), ausübte. Sie schlossen sich den Osmanen an, weil diese die führende Rolle im Kampf gegen das christliche Byzantinische Reich im Westen übernahmen.

Osmans Eroberungen wurden durch seinen Sohn Orhan fortgesetzt, der 1326 die Provinzhauptstadt Bursa am Marmarameer einnahm (heute fünftgrößte Stadt der Türkei, 100 Kilometer südlich von Istanbul).Bursa wurde Hauptstadt der Osmanen. Unter Orhan entstand der erste osmanische Staat mit einer gegliederten Verwaltungsstruktur. Ihre Grundsätze hatte der Nachfolger Osmans im byzantinischen Bursa vorgefunden und übernommen.

1357 eroberte Orhan Gallipoli auf der europäischen Seite der Dardanellen, welches den Ausgangspunkt für seinen anschließenden Vorstoß nach Südosteuropa bildete. Gallipoli war der erste Brückenkopf auf europäischem Boden. Von hier aus drangen die Osmanen planmäßig auf den Balkan vor.

1361 gelang unter Orhans Nachfolger Sultan Murat I. die Einnahme Adrianopels (dem heutigen türkischen Edirne). Adrianopel war zu dieser Zeit die zweitwichtigste Stadt des byzantinischen Reststaates. Vier Jahre später verlegte Sultan Murat I. dann seinen Sitz von der bisherigen Hauptstadt Bursa nach Adrianopel.

Die Ausbreitung der osmanischen Macht auf dem Balkan gewann nun an Tempo. Mit der Schlacht auf dem Amselfeld, einem Teil des heutigen Kosovos, kam Serbien im Jahre 1389 unter die Oberhoheit der Osmanen. Die Eroberer nahmen ferner Thrakien, Makedonien und einen großen Teil von Bulgarien und Serbien in Besitz.

Der Sultan war der Staat – das Militär seine Grundlage

Das Schwergewicht der Macht lag in diesem jungen Osmanenstaat in den Händen des Sultans. „Er war der Staat schlechthin“, schreibt Udo Steinbach in seiner Geschichte der Türkei über diese frühe osmanische Periode. Der Sultan stützte sich wie alle osmanischen Eroberer vor und nach ihm auf das Militär. Grundlage der Rechtssprechung war das islamische Religionsgesetz (Scharia) und der vom Sultan ernannte Heeresrichter war zugleich oberster Richter des Osmanenstaates.

Die soziale Struktur des osmanischen Staatswesens ähnelte dem in Europa verbreiteten Lehenssystem. Bewährte Krieger hatten Anspruch auf ein Stück Land, als Gegenleistung mußten sie als Reitersoldaten im osmanischen Heer dienen. Das Lehen war nicht erblich. Söhne, die wieder Landbesitz bekommen wollten, mußten sich dafür in der Armee auszeichnen.

Die Osmanen schufen das System der Elitetruppe der Janitscharen

Um ihre Truppen möglichst schlagkräftig zu machen, erfanden die Osmanen das System der „Janitscharen“. Steinbach schreibt: „Die Angehörigen dieser Truppe rekrutierten sich zunächst aus jugendlichen Kriegsgefangenen. Später wurden sie systematisch unter den Knaben der unterworfenen christlichen Völker ausgehoben.“ Man nannte diese Methode „Knabenlese“: „Kinder der bäuerlichen Balkanvölker wurden ihren Eltern weggenommen, zum Islam bekehrt, in besonderen Schulen erzogen und bedingungslos auf die Person des Sultans eingeschworen. Sie blieben auch nach ihrer Ausbildung in den Kasernen und waren einer harten Zucht unterworfen. Sie durften nicht heiraten; jegliche sexuelle Betätigung war ihnen verboten.“

Murats Nachfolger, der ab 1389 herrschende Bayezit I. stieß bei der weiteren Ausbreitung des Osmanen-Reiches mit einer anderen Goßmacht zusammen: dem Reich des tatarisch-türkischen Timur (Tamerlan). Er stammte aus Zentralasien und herrschte über Teile Nordindiens, des Irans und Mesopotamiens. Timur war wegen seiner Grausamkeit in Abend- und Morgenland gleichermaßen berüchtigt (Siehe EM 02-03 DIE KURDEN). Es kam schließlich zur Entscheidungsschlacht zwischen den Osmanen und den Truppen Timurs. Sie fand 1402 bei Ankara statt. Sultan Bayezits unterlag mit seinem Heer und geriet in Gefangenschaft, wo er bald danach starb. Das Ende der Osmanen schien gekommen.

Mit der Eroberung Konstantinopels wurde das Osmanen-Reich Großmacht

Doch ehe die Teile des Reiches endgültig auseinanderfielen, begann Timur sich zurückzuziehen. Bayezits Nachfolger Sultan Mehmet I. nahm die Zügel in die Hand und festigte das Osmanen-Reich von neuem. Unter seinem Sein Sohn Murat II. wurde die durch den Kampf mit Timur unterbrochene Eroberungspolitik fortgesetzt.

Murats Nachfolger Mehmet II. gelang schließlich der entscheidende Schritt zur osmanischen Großmacht. Er drang an den Bosporus vor und eroberte die reiche byzantinische Stadt Konstantinopel, den einstigen Sitz oströmischer Kaiser. Die Belagerung begann am 5. April 1453 und führte am Morgen des 29. Mai 1453, also vor 750 Jahren, zum Fall der Stadt. (Die Einnahme Konstantinopels war im Jahr 2003 der zweite große Gedenktag in der Türkei, neben der Gründung der Republik vor 80 Jahren.) Der erst 23jährige Sultan beendete die tausendjährige Geschichte der Stadt als Residenz des oströmischen Reiches. Das byzantinisch-christliche Konstantinopel wurde der Welt des Islams einverleibt.

Konstantinopel oder der „Goldene Apfel“, wie Byzanz von osmanischen Historikern bezeichnet wurde, war die letzte byzantinische Insel im Meer des osmanischen Staates gewesen. Nach der Eroberung verlegte Sultan Mehmet seine Hauptstadt von Adrianopel (Edirne) nach Konstantinopel. Sie bekam den Namen Istanbul (abgekürzte Form des griechischen Ausdrucks “eis ten polin“ , was „zur Stadt hin“ bedeutet). Die offizielle Umbenennung erfolgte allerdings erst über 700 Jahre später, am 28. März 1930 unter Kemal Atatürk, als die Türkei bereits Republik war und vom Glanz der einstigen osmanischen Eroberer nicht mehr viel übrig war.

Mit der Eroberung von Konstantinopel war das Osmanische Reich endgültig zur Großmacht aufgestiegen und schickte sich an, ein Weltreich zu errichten. Selim I. schloß 60 Jahre nach der Besetzung des Bosporus dem Reich ganz Anatolien (Kleinasien) an. Dazu mußte er die persischen Safawiden-Herrscher zurückdrängen, die zu dieser Zeit ebenfalls auf Expansionskurs waren und ihr Reich immer weiter auszudehnen versuchten (Siehe EM 07-03 DIE PERSER).

Kurz nach der Einverleibung Anatoliens eroberte Selim auch Syrien und im Jahre 1517 gelang es ihm mit der Einnahme Kairos, auch Ägypten zu unterwerfen. Bei seinem Vorstoß nach Arabien fielen dem Sultan die Heiligen Städte Mekka und Medina in die Hände, deren Schutz und Verwaltung er nun übernahm. Dadurch wurde die Legitimation der Osmanen als religiöse Führungsmacht des Islams ungemein gestärkt.

Süleyman, der Prächtige rückte auf das Abendland vor – bis an die Tore Wiens

Die größte Ausdehnung des Osmanenreiches gelang unter Sultan Süleyman, der den Beinamen „Der Prächtige“ trug. Zur Zeit seiner Herrschaft tobten im benachbarten Europa die Reformationskriege, und die großen Mächte im Abendland lagen untereinander beständig in Fehde. Diese Schwäche nutzte der Sultan und dehnte seine balkanischen Besitzungen immer weiter aus. 1529 startete er den ersten Versuch, Wien, die Kaiserresidenz der Habsburger, zu erobern. Mit diesem Großangriff auf das Machtzentrum des österreichischen Kaiserreiches scheiterte er zwar, aber er nahm weite Teile Ungarns in seinen Besitz. Das osmanische Gebiet reichte bis nach Ofen, der alten ungarischen Hauptstadt (heute als Buda ein Teil von Budapest).

Die Osmanen wurden kurzzeitig sogar zur Seemacht. Sie bauten eine Flotte auf, mit der sie Venedig die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer entrissen. Mit der Eroberung von Tunis dehnten sie ihren Einfluß schließlich bis nach Nordafrika aus.

Trotz des Scheiterns vor Wien gelang unter Süleyman die größte Ausdehnung des Osmanenreiches überhaupt. Während seiner Herrschaft wurde der Irak (1534) dem Reich eingegliedert und die Kontrolle über den östlichen Mittelmeerraum gefestigt. Süleyman führte osmanische Truppen weit nach Europa hinein: Belgrad wurde 1521 erobert, die Ungarn in der Schlacht bei Mohács (1526) geschlagen.

Unter Süleyman vollzog sich die Anerkennung des Osmanischen Reiches als einer europäischen Macht. Mit dem zunehmend mächtiger werdenden Habsburgischen Reich gab es jedoch nach der gescheiterten Einnahme Wiens andauernde kriegerische und diplomatische Konflikte. Die Österreicher wurden zum großen Gegenspieler der Sultane und behielten dabei die Oberhand.

Aber die Türken waren in der europäischen Machtpolitik präsent und anerkannt. „Am nachdrücklichsten wurde die Anerkennung des Osmanischen Reiches in jenem Vertrag bekundet, den Frankreich und das Reich 1536 abschlossen, in der europäischen historischen Literatur als Kapitulation bezeichnet. Er regelte Fragen des Handels, der Rechtsprechung über Franzosen auf osmanischem Territorium, der konsularischen Vertretung von Franzosen, sowie der Behandlung von Kriegsgefangenen“, schreibt Steinbach. Dieser Vertrag diente den beiden Mächten nicht zuletzt dazu, den gemeinsamen Gegner Habsburg in die Zange zu nehmen.

Das Osmanische Reich des 17. Jahrhunderts war eine fest etablierte, militärisch potente Großmacht, die erhebliche Krisenfestigkeit bewies. Letzteres war nötig, denn das 17. Jahrhundert wurde in der osmanischen Gesellschaft aks eine Zeit häufiger Krisen erlebt – übrigens ähnlich wie in großen Teilen Zentral- und Westeuropas.“ – So beurteilt Christioph K. Neumann in „Kleine Geschichte der Türkei“ die Situation des Osmanischen Reiches zu dieser Zeit.

Bereits im 17. Jahrhundert begann der Niedergang des Osmanenreiches

Nach 1610 begann der sichtbare Niedergang des Osmanenreiches. Es kam zu großen wirtschaftlichen Problemen und auch die militärische Macht schwand. Immer öfter versuchten sich Angehörige der regulären Armee vom Waffendienst zu drücken. Andere schlossen sich – nicht zuletzt aus wirtschaftlicher Not – umherziehenden Banden an, die plündernd das Land durchzogen. Der Oberkommandierende der Janitscharen wurde zur stärksten Macht im Militär. Diese Elitetruppe und ihr Befehlshaber Agha wurden so mächtig, daß sie sogar die Absetzung von Sultanen betrieben und bei der Bestimmung der Nachfolger mitmischten.

Die zweite Belagerung Wiens im Jahre 1683 unter dem Sultan Mehmet IV. war eine Art letztes Aufbäumen des Osmanenreiches. 200.000 des insgesamt 250.000 Mann starken Türkenheeres rückten gegen die Habsburgische Residenzstadt vor. Aber Mustafa Pascha, der Oberkommandierende, schaffte es nicht, die Stadt einzunehmen. Die Habsburger und ihre Verbündeten fügten ihm am 12. September 1683 in der Schlacht am Kahlenberg eine vernichtende Niederlage zu. Die Türken wurden nun an vielerlei Fronten angegriffen und zurückgedrängt.

Österreich und Rußland als schärfste Gegner des Osmanen-Reiches

Drei Jahre nach dieser zweiten Niederlage von Wien verloren sie große Teile Ungarns. 1686 wurde Ofen, das 150 Jahre lang türkisch war, von habsburgischen Truppen wieder befreit. Prinz Eugen von Savoyen, in den Diensten der Habsburger, der für Wien u.a. die Stadt Belgrad zurückeroberte, wurde eine der Symbolgestalten für den Niedergang der Osmanen. Eine weitere war der junge russische Zar Peter der Große. Unter ihm stießen die Russen im Osten zum Asowschen und zum Schwarzen Meer vor. Es kam zwar schließlich zum Frieden von Karlowitz, aber in der Folge wurden die Osmanen durch weitere solcher Abkommen immer weiter aus ihren früheren Besitztümern hinausgedrängt.

Udo Steinbach kommt zu dem Schluß: „Der Niedergang des Osmanischen Reiches war immer weniger von den Machtverhältnissen zwischen den europäischen Mächten zu trennen. Rußland, England und das habsburgische Kaiserreich waren die Eckpunkte des Kräftedreiecks.“

Der russisch-türkische Krieg wurde erst 1774 wirklich beendet. Es kam zum Frieden von Kücük Kaynarca (heute Kainardscha, Bulgarien. Durch den Vertrag verlor das Osmanische Reich weitere große Gebiete in Europa und auf dem Balkan.

Die Reformen kamen zu spät

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts versuchten türkische Sultane, durch einschneidende Reformen das Reich wieder zu stabilisieren. Es kam zur Ausschaltung der Janitscharen und einer tiefgreifenden Reform des Militärwesens. Verwaltung, Rechtswesen und Schulbildung wurden ebenfalls reformiert. Aber die alte Ordnung des islamischen Sultanats blieb weiter bestehen. Daneben entstanden allerdings Strömungen, die sich nach dem Westen und seinen Werten hin orientierten.

„Die Reformmaßnahmen sollten nicht nur eine Stärkung des Reiches bewirken. Sie waren zugleich darauf gerichtet, ihm ein Erscheinungsbild zu geben, das es den europäischen Mächten erleichtern würde, es als einen Teil Europas zu sehen und die ständige Konfrontation abzubauen“, schreibt Steinbach. – Vom Jahr 2003 her betrachtet, muten diese Sätze an, wie „Erinnerungen an die Zukunft“.

Es hat letztlich nichts mehr genutzt. 1830 war das Osmanische Reich gezwungen, Griechenland in die Unabhängigkeit zu entlassen. 1875 mußte Staatsbankrott angemeldet werden. 1912/13 verlor das Reich so gut wie alle noch türkischen Besitztümer auf dem Balkan.

Ein Jahr später schließlich zog das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands in den ersten Weltkrieg. Der Ausgang dieses Kampfes besiegelte sein Ende.

„Als sich die osmanische Staatsführung am 30.10.1918 im Waffenstillstand von Mudros den Siegermächten auf Gedeih und Verderb ergab, war ein Reich an sein Ende gekommen, das über viele Jahrhunderte Europa erstaunt und erschreckt hatte“, faßt Steinbach zusammen. Geblieben ist das Buhlen um Anerkennung durch Europa, heute gekennzeichnet durch das Ersuchen um Aufnahme in die EU. Aber bei vielen, vor allem christlich geprägten Gesellschaften, überwiegt noch immer der abendländische „Schrecken“.

Die Kultur der Osmanen ist lebendig geblieben

Wien haben die Osmanen nie erobert, aber die berühmte Kaffeehauskultur in Österreich wäre ohne den „Türkentrank“ gar nicht denkbar. Es waren die Osmanen, die das Kaffeetrinken aus dem Orient nach Europa gebracht und es den Abendländern schmackhaft gemacht haben. Für die Türken selbst ist ihr „türkischer Kaffee“ immer noch häufiger Schlußpunkt eines guten Essens. Er kann bekanntlich auf vier verschiedene Arten genossen werden: als einfacher ungesüßter, sehr süßer, mittelsüßer und wenig gesüßter Kaffee.

Nicht weniger bekannt ist Kebab. Als Döner hat er seinen Siegeszug bis in den letzten Winkel des Abendlandes geschafft.

Als osmanisch-türkische Spezialität schlechthin kann der Pilaw gelten: er wird nicht nur aus Reis, sondern auch aus Weizengrütze oder Kuskus (winzige kugelförmige Nudeln) zubereitet und dient als Beilage zu Fleischgerichten und verschiedenen Gemüseeintöpfen. Während der einfache Pilaw nur mit Butter, Salz und Fleischbrühe gekocht wird, gibt es auch Abwandlungen mit Zusätzen wie Tomaten, Mandeln, Pinienkernen, Korinthen, Erbsen, Auberginen oder kleinen Hühnerstückchen. Diese neuen Gerichte entstanden in der osmanischen Küche, hauptsächlich in den Großküchen der Paläste. Der Pilaw aus Reis wird je nach Beschaffenheit der verwendeten Reissorten unterschiedlich zubereitet. Bei Familienfesten, vor allem für Hochzeiten, wird er mit Safran und Zucker als Süßspeise aufgetischt.

Das Kunsthandwerk der Osmanen basierte auf den Traditionen der zentralasiatischen Nomadenvölker. Dazu kamen byzantinische und christliche Stilkomponenten. Auch Elemente des griechisch-römischen Kulturguts fanden über die frühislamische Kultur Eingang ins osmanische Kunstschaffen. Berühmte Orte osmanischer Kunst waren neben Istanbul vor allem Bursa, Iznik, Kütahya oder Usak mit lokal unterschiedlichen Spezialisierungen. So waren Bursa und Iznik berühmt für Textilien, vor allem Teppiche, und für Feinkeramik.

Ausgesprochene Berühmtheit genoß die osmanische Keramik- und Fayencekunst. Teure Gefäße und Geschirre standen auf den Tischen der Vornehmen. Großes Geschick und Wissen erforderte vor allem die Herstellung der zierlich bemalten und glasierten Fliesen, die als Ausschmückungen die Wände ganzer Räume verkleideten.

Die höchsten Glanzleistungen vollbrachten die Osmanen auf den Gebieten der Baukunst, vor allem im Bereich der Sakralarchitektur. Ihre prächtigen Moscheen locken noch heute Millionen Menschen aus aller Welt in die Städte des untergegangenen Osmanischen Reiches.

Literatur:

Udo Steinbach, „Geschichte der Türkei“, 3. durchgesehene Auflage 2003, C.H. Beck Verlag, 127 Seiten, 7.90 Euro, ISBN 3-406-44743-0.

Klaus Kreiser/Christoph K. Neumann, „Kleine Geschichte der Türkei“, 2003 Reclam Verlag, 100% Seiten, 20,50 Euro, ISBN 3-150-10540-4

Josef Matuz, „Das Osmanische Reich – Grundlinien seiner Geschichte“, 1996 , Darmstadt Primus Verlag, 24,90 Euro, ISBN 3-896-78010-7.

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