DIE WIKINGEREURASIEN HISTORISCH

DIE WIKINGER

Sie schrieben 400 Jahre Geschichte in Europa und Asien – und ganz nebenbei entdeckten sie auch noch Amerika. Ihr Aktionsradius reichte vom heutigen New York über Bagdad bis China, von Grönland bis Nordafrika und von der Küste der iberischen Estremadura bis zur Wolga.

Von Hans Wagner

EM – Als sie aus dem Dunkel der Geschichte auftauchten, geschah dies mit einem Paukenschlag ohnegleichen. Im Frühsommer 793 bemerkten ein paar Klosterbrüder, die auf Holy Island, einer kleinen Insel vor der englischen Grafschaft Northumberland Heu einbrachten, fremde Segel am Horizont. Sie waren quergestellt, rotweiß gestreift und gehörten zu Schiffen, wie sie die frommen Mönche des Klosters Lindisfarne nie zuvor gesehen hatten. Arglos gingen sie den Ankömmlingen entgegen.

Die kleine Armada fuhr mit gesetzten Segeln an einer flachen Stelle direkt auf den Ufersand. Was dann kam, mochte den Klosterbrüdern vorgekommen sein wie eine Ausgeburt der Hölle. Die Fremden sprangen laut brüllend an Land, schwangen Äxte und Schwerter, erschlugen die Mönche ohne viel Federlesens oder spießten sie auf. Dann stürmten sie das Kloster, richteten auch dort ein Blutbad an. Anschließend raubten sie alles aus Kirchen und Küchen, aus Kellern und Schatzkammern, was ihnen von Wert schien. Sie stürzten die Altäre um, zerstörten die Bibliothek, schlachteten das Vieh auf der Weide und schleppten gefangene Frauen auf ihre drachenkopfgeschmückten Schiffe. Zuletzt zündeten sie alle Gebäude an und rauschten mit geblähten Segeln wieder von dannen. Zurück blieben ein blutiger Strand und rauchende Trümmer.

Sie hatten viele Namen – in „Rusland“ sind sie unsterblich geworden

Das war eine erste Visitenkarte jener Krieger, die stets urplötzlich am Horizont der Meere auftauchten und von nun an alle Küsten und die großen Flußläufe Europas heimsuchten. Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte haben sie ihre Geschichte in das Gedächtnis des Abendlandes buchstäblich eingebrannt.

Sie hatten ursprünglich keinen Namen. Wo immer sie zuschlugen, mußte man erst einen für sie erfinden. Im Frankenreich nannte man sie Normanni, Nordmänner also. Bei den Iren hatten sie den Namen Lochlannach, was ebenfalls Nordleute bedeutet. Vom Geschichtsschreiber Adam von Bremen wurden sie als Ascomanni bezeichnet, was Eschenmänner heißt. Wahrscheinlich weil sie beim Bau ihrer Schiffe vorwiegend Eschenholz verwendeten. Die Araber beschimpften die nordischen Seekrieger als Madjus, das bedeutet heidnische Unholde. Kvadlunak nannten die grönländischen Inuit (Eskimos) die Männer, die ihre langen Schiffe in den knirschenden Sand hinein ruderten, über die Reling sprangen, mit ihren Waffen auf die Schilde schlugen und dazu ein lautes Gebrüll anstimmten. Die Inuit zogen es meist vor, Fersengeld zu geben. Seitdem nannten die Wikinger diese kleinen Menschen mit den flachen, leicht dunkelhäutigen Gesichtern verächtlich Skrällingar, was man mit Feiglinge übersetzen kann.

Von den Slawen bekamen sie schließlich den Namen Rus nach dem schwedischen Lehnwort Ruotsi. Es heißt übersetzt Ruderkerle und hat letztendlich dem von den wikingschen Rus begründeten Kiewer Reich und später dann dem gesamten russischen Reich seinen Namen eingebracht.

Warum sie aber irgendwann Wikinger genannt wurden und ausgerechnet diesen Namen behalten haben, ist bis heute ungeklärt. Es gibt beinahe so viele Theorien wie einst Wikingerboote. Eine Version lautet, Wikinger käme vom lateinischen vicus, das die Bedeutung Dorf oder Handelsplatz hat. Dieses Wort hat sich im Angelsächsischen zu wic und mit ähnlicher Bedeutung im Fränkischen zu wik entwickelt mit ähnlicher Bedeutung. Also seien Wikinger eben schlicht und einfach Händler.

Eine andere Deutung lautet, es handle sich bei den Wikingern um die Söhne der norwegischen Landschaft Vik. Schließlich wurde auch die Behauptung aufgestellt, Wiking käme von Wikam, was Seehund heißt. Wikinger wären demnach schlicht Seehundjäger.

In den nordischen Sprachen gibt es viele Worte gleichen Klangs. So heißt vik auch Bucht und vig bedeutet Kampf. Das Maskulin viking wird auch in der Bedeutung eines Seekriegers auf großer Fahrt verwendet. Darauf hat der schwedische Sprachforscher Fritz Askeberg hingewiesen. Das klingt für viele am einleuchtendsten. Aber einigen konnten sich Historiker und Sprachforscher bisher auf keine der verschiedenen Deutungen.

Eine „Bewegung von weltgeschichtlichem Maß“ – unauslöschlich ihre Spuren

Über das Geheimnis ihrer ungeheuren Dynamik, mit der die Wikinger fernste Länder und Meere eroberten, schreibt der Historiker Rudolf Pörtner in seiner „Wikinger Saga“, sie hätten eine „natürliche Bereitschaft“ besessen, „fernen lockenden Zielen zuliebe Kopf und Kragen zu riskieren, eine Abenteuerlust, die weder Gesetze noch Schranken kannte und jene amphibische Leidenschaft, die schon auf die Zeitgenossen wie eine wahre Meeresbesessenheit wirkte: eine rational nicht zu erklärende, elementare Vertrautheit mit dem Wasser, dessen Unbilden diese Nordmänner liebten, dessen Schrecken sie verachteten.“ Daraus sei eine „Bewegung von weltgeschichtlichem Maß“ entstanden. „Ihre Spuren“, schreibt Pörtner, „sind unauslöschlich.“

Es sind die Vorfahren der heutigen Dänen, Norweger und Schweden, die als Wikinger auf fast dem ganzen, damals eurozentrierten Erdkreis Geschichte geschrieben haben – in einem Raum, der sich über 8000 Kilometer von Neufundland bis zum Kaspischen Meer erstreckte und 6000 Kilometer vom Arktischen Ozean bis nach Bagdad.

Auf der Suche nach Land, Sklaven, Gold und Silber verließen sie immer öfter ihre Heimat, fielen als Krieger und Entdecker über ganz Europa her. Wie aus dem Nichts tauchten ihre Drachenschiffe auf und ebenso schnell verschwanden sie wieder. Christliche Mönche beschrieben angsterfüllt die grausamen Übergriffe der Wikinger auf reiche Klöster und Städte.

Die Norweger haben vor allem im Norden Englands, in Irland und auf Island gekämpft, geraubt und gesiedelt. Später fuhren sie sogar nach Grönland und entdeckten das heutige Amerika. Die Dänen hatten es meistens auf die Küsten des Festlands abgesehen. Sie suchten das heutige Deutschland, Frankreich, Spanien und Sizilien heim. Bekannt wurden sie ganz besonders als "Normannen". Die Schweden waren es, die den Osten Europas als Kaufleute, Siedler und Fürsten kolonisierten. Von den slawischen Bewohnern dieser Gebiete wurden sie Rus genannt.

Mehr als nur „wilde Barbaren“

Aber die Wikinger waren mehr als nur "wilde Barbaren" aus dem Norden. Sie waren kluge Händler, geschickte Seefahrer, ausgezeichnete Handwerker und Schiffsbauer. Sie waren großartige Geschichtenerzähler. Ihre Gesellschaft war vergleichsweise offen und demokratisch.

Zwei Jahre nach der Zerstörung von Lindisfarne gab es die ersten Wikingerüberfälle auf Irland. In der Folgezeit lernte man die rauhen Nordmänner in immer ferneren Gebieten kennen. Im Jahr 808 machten die Wikinger den slawischen Handelsplatz Reric an der mecklenburgischen Küste dem Erdboden gleich und verschleppten die Kaufleute in ihre eigene, soeben gegründete jütländische Niederlassung Haithabu (bei Schleswig).

820 entstand ein Wikinger-Staat auf Irland, die Nordmänner überfielen Flandern und die Waräger, der schwedische Name für Rus, fuhren zur gleichen Zeit von der Ostsee den Wolchow hinunter nach Nowgorod. Das aus dem Altnordischen kommende Wort Waräger bedeutet "Treuegelöbnis". Es handelte sich demnach um eine Gruppe von Männern, die sich gegenseitig einen Treueeid geschworen hatten. Bekannt ist, daß sie in ihrer nahezu klassenlosen Gesellschaft das Ritual der Blutsbrüderschaft pflegten. Vor allem unter den Fernhändlern und Kriegern war dies eine schon nahezu heilige Form des Beistandsgelöbnisses für ein ganzes Leben in allen Gefahren.

Wladimir Putin läßt die Wikingergeschichte seines Landes ausgraben

Die berühmte Nestor-Chronik, um 1100 in einem Kiewer Höhlenkloster entstanden, berichtet Erstaunliches über die Gründung einer Warägerherrschaft in Rußland: die zerstrittenen slawischen Stämme hätten die schwedischen Wikinger ins Land gerufen, damit diese ein geordnetes Gemeinwesen gründen und mit fester Hand regieren sollten.

Schon wenige Jahre später hatten sie durch Stützpunkte in der Stadt Bolgar am östlichen Wolgaknie die Verbindung des Nordens mit dem Fernost- und Orienthandel hergestellt. Denn Bolgar liegt an der berühmten Seidenstraße, die von Arabien bis bis nach China führt. Sie trafen dort die Karawanen der zentralasiatischen Steppenvölker und die Frachter arabischer Kaufleute. Um 860 wurden die ersten Waräger in Bagdad gesichtet, wo sie Schwerter und Felle verkauften. Die Handelsverbindungen reichten von Kiew und Nowgorod bis in den Orient und nach China. Aber auch vom heimatlichen Haithabu aus und von der Insel Gotland flossen intensive Handelsströme bis nach Fernost und Nordafrika.

Zu Sowjetzeiten wurde das warägische Erbe Rußlands als äußerst unpassend betrachtet und verdrängt. Nun, unter Wladimir Putin, herrscht Grabungsfieber im Land. Ein Dutzend Forschungsgruppen hat sich in den Siedlungsgebieten der Wikinger ans Werk gemacht. Die Spurensuche reicht von Nowgorod am Ladogasee bis zum Kaspischen Meer. Tausende von Wikingergräbern liegen noch im Boden Rußlands.

"Früher wurde die Bedeutung der Wikinger für die Geschichte Rußlands ausgeblendet", sagt der Kieler Archäologe Michael Müller-Wille, nun finde eine "völlige Neubewertung" statt. Erfahren hat er das am eigenen Leibe: Im Mai 2000 wurde dem Deutschen die Lomonossow-Medaille, der höchste russische Forschungspreis, verliehen - ein Dank für seine archäologische Arbeit in der Wikingersiedlung Gorodiscé bei Nowgorod.

Dort, auf einer Anhöhe, haben die Ausgräber eine kleine Sensation entdeckt. Sie stießen auf die Holzfestung des legendären Rurik. Dieser warägische Wikingerfürst hatte ab 862 als König in Nowgorod geherrscht. Ein paar Jahre später rückte er mit seinen Mannen bis in die Ukraine vor und gründete dort die „Kiewer Rus“, das Königreich Kiew, die Keimzelle des späteren russischen Großreichs.

Die Wikinger selbst haben wenig aufgeschrieben über ihre Geschichte. Das meiste, was man über sie weiß, haben Chronikenschreiber in Klöstern verfaßt. Betroffene also, die sie regelrecht verteufelten. Tausend Jahre später, Mitte des 20. Jahrhunderts kam es dann jahrzehntelang zu einer Verklärung der Nordmänner. Insbesondere durch die Ideologen des Herrenmenschentums, die in der nordischen Rasse eine Art Krönung der Evolution erblickten.

Erst in jüngerer Zeit wird hinter den Klischees vom puren Räubervolk oder der blonden, arischen Zukunftsrasse, wieder ein differenziertes Bild der Wikinger sichtbar. Sie hatten Jahrhunderte als Bauerngesellschaften gelebt. Berühmt sind ihre „Langhäuser“ aus Holz, durch deren Dächer der Rauch offen abzog. Und als Fischer, die den Wal jagten und immer weitere Fahrten in noch unbekanntere Gewässer unternahmen. Ein Grund scheint gewesen zu sein, daß die Böden auf ihren Ländereien teils erschöpft, teils von Natur aus karg waren. Der rauhe Norden mag einen gewissen Hunger nach Sonne und Wohlstand geschürt haben.

Bjarne Herjolfsson sah als erster Europäer das heutige Amerika

Als sie erst einmal die Überlegenheit ihrer Kraft und ihrer Schiffe erkannt hatten, gab es für sie kein Halten mehr. Wikingerboote waren schnell und tauchten überraschend auf. Ihre Körpergröße und Armlänge machten sie zu gefürchteten Gegnern. Sie waren kampfgewohnt, riskierten ohne Bedenken das eigene Leben, um sich an den Besiegten bereichern zu können. Man nahm ihnen Hab und Gut und verdiente noch einmal an ihnen, wenn man sie, sofern noch am Leben und arbeitstauglich, als Sklaven verkaufte. Im Ostseeraum stellte der durchorganisierte Fellhandel für die Waräger eine wichtige Einnahmequelle dar, wo Zobel und andere Felle vom pelzreichen Norden bis in den Orient hinein gehandelt wurden.

Im Jahre 985 war der Wikinger Bjarne Herjolfsson mit einigen Schiffen auf der Heimfahrt von einer Handelsreise an die europäischen Küsten. Sein Heimathafen lag in Grönland. Dort siedelten seinerzeit einige nordische Stämme. Grönland war noch Grünland, und es ließ sich anscheinend erträglich dort leben. Unterwegs, so seine späteren Erzählungen, sei er in einen gewaltigen Sturm geraten und weit nach Westen abgetrieben worden. So habe er als erster Europäer Amerika gesehen. Der Sturm hätte ihn an die Küste von Labrador (Kanada) gebracht.

Zu Hause berichtete Bjarne Herjolfsson jedenfalls später von dem neuen Land. Der in seiner Heimat wegen diverser Streithändel für „friedlos“ erklärte Leif Eriksson versuchte 992 mit seinen Leuten aufgrund dieses Berichts das nämliche Land wiederzufinden. Sie entdeckten es tatsächlich von neuem. An der Küste von Neufundland landete der rote Leif, wie er wegen seiner Haare auch genannt wurde, mit 35 Wikingern und nannte dieses Land Vinland (Weinland). Der Name soll von seinem Bordkameraden aus Deutschland kommen, der Erstaunliches als erstes wilden Wein fand, den er von seiner Heimat an der Mosel her kannte.

Erst 1492 kam Christopher Columbus in Amerika an. Also genau 500 lange Jahre nach den Wikingern. Aber, da die Wikinger von den Christen, die sie "Paganos" (Heiden) nannten, als Ausgeburten der Hölle betrachtet wurden, hatten sie die Reise der Nordmänner in ihren Geschichtsbüchern glatt unterschlagen. Der Katholik Columbus wurde dann ein halbes Jahrtausend später in den Chroniken als Entdecker der neuen Welt gefeiert.

Sie schliefen in Säcken aus Fell und aßen kalten Fisch

Auf großer Fahrt, so ist überliefert, übernachteten die Wikinger meistens an Land. Sie segelten für gewöhnlich dicht an den Küsten entlang und suchten sich vor Einbruch der Dunkelheit einen geeigneten Ankerplatz oder zogen ihre Schiffe auf den Ufersand. Auf hoher See schliefen sie in Säcken aus Fell, manchmal zwei in einem, um sich gegenseitig zu wärmen. Tagsüber diente dieser Sack zum Aufbewahren der Waffen. Kriegsschiffe führten statt der Säcke Seekisten mit, die zugleich als Ruderbänke dienten.

Wenn gekocht wurde, dann beim abendlichen Landgang. In Kesseln mit einem Fassungsvermögen von etwa 150 Litern, die an einem zerlegbaren Dreifuß über dem Feuer hingen, wurde Brei gekocht, Grütze, Fisch oder Fleisch.

An Bord gab es nur Kaltverpflegung: Fladenbrot, Butter, Stockfisch, Schinken. Als Getränke waren Wasser, Molke und Met gebunkert.

Von reichen Ländern kassierten sie Lösegeld

Die Wikinger waren in fast allen Regionen des Kontinents aktiv. Nachdem 814 Karl der Große gestorben war und das Frankenreich in Uneinigkeit hinterlassen hatte, sahen die Nordmänner auch hier ihre Chancen. Die landhungrigen Wikinger trafen auf wenig Widerstand, als sie in das Gebiet des heutigen Frankreichs einfielen. Zudem hatten einige rivalisierende fränkische Prinzen die Normannen sogar ausdrücklich ermutigt.

Genauso verlief es in Irland, wo sich einige unbedeutendere Könige dauernd in den Haaren lagen. Die Iren vermochten sich nicht gegen die Eindringlinge zu wehren und konnten auch nicht verhindern, daß in Dublin, Wexford, Waterford, Cork und Limerick mächtige Wikinger-Festungen angelegt wurden.

In weiten Teilen Europas brachten sie nicht nur einmal Tod und Verderben. So suchten sie immer wieder die französischen, spanischen, italienischen und nordafrikanischen Küsten heim. Ihre Drachenboote fuhren rhein-und elbeaufwärts und brandschatzten das Frankenreich. Andere Wikinger segelten die Rhone herauf und drangen auf der Loire tief nach Frankreich ein. In den Klöstern dieser Gegend machten sie reiche Beute. Im Osten streiften schwedische Wikinger durch das Land. Sie segelten meist als Händler die Wolga, den Dnjepr und den Dnjestr abwärts und stießen bis zum Kaspischen Meer vor.

Mancherorts kam man schließlich zu der Überzeugung, es sei besser, den Wikingern ein Lösegeld zu geben, damit sie wieder abzögen. Der erste, der das tat, war Karl der Kahle (840 - 877), Kaiser von Rom und König des Westfränkischen Reiches. Als die Wikinger 845 Paris angriffen, zahlte er ihnen 7000 Pfund Silber, und sie marschierten tatsächlich wieder ab. Einer alten Wikinger-Legende zufolge nahm Ragnar Ladbrok, der das Wikingerheer damals angeführt hatte, eine Erinnerung an diesen einträglichen Raubzug mit nach Hause: das Schloß eines Tores aus der Stadtmauer von Paris.

Wikinger wurden Könige von England

In England hieß das Lösegeld, das man Wikinger zahlte, bald "Danegeld" (Dänengeld). Es wurde von 991 bis 1162 regelmäßig durch hohe Steuern von der Bevölkerung eingetrieben. 991 hatte der norwegische Wikingerführer Olaf Tryggvason London angegriffen und bei Maldon (Mittelengland) eine englische Armee vernichtend geschlagen. Drei Jahre später mußte London fast über Nacht 16 000 Pfund Silber aufbringen, um eine kombinierte dänisch-norwegische Armada, eine der mächtigsten, die die Normannen je aufgeboten hatten, zur Weiterfahrt zu bewegen, ohne London vorher zu zerstören.

Im Jahr 1017 segelte Knut, zweiter Sohn des Dänen-Königs Sven Gabelbart, mit einem großen Heer die Themse aufwärts. Der englische Adel, der schon 1014 seinen schwachen König Ethelred den Ratlosen abgesetzt und die Krone Sven Gabelbart angeboten hatte, wählten Knut, später Knut der Große genannt, zum König von England. Damit war die Nordsee zu einem von dänischen Wikingern beherrschten Binnenmeer geworden.
Knut regierte bis 1035.

Ein normannischer Nachfolger, der als Wilhelm der Eroberer in die Geschichte einging, ließ sich am Weihnachtstag des Jahres 1066 in Winchester zum König von England krönen. Mit vierhundert Kampfschiffen und 65 000 Mann war dieser Herzog der Normandie auf der britischen Insel gelandet und hatte die Verteidiger in einer neun Tage währenden Schlacht vernichtend geschlagen.

Spuren der Wikinger im heutigen Istanbul

An Spaniens und Portugals Küsten tauchten die Wikinger erstmals im Jahre 844 auf, von 859 bis 862 waren sie der Schrecken des Mittelmeers. Mit 62 Booten fuhren sie von ihren Stützpunkten in der Bretagne los. Was folgte, war eine verwegene Piratenfahrt mit schier unglaublichen Folgen. Es begann mit der Verwüstung von Algeciras an der Küste der spanischen Extremadura gegenüber von Gibraltar. Es folgten Plünderungen in Marokko und auf Mallorca. Schließlich gelangte die Armada ins Rhônedelta und segelte den Fluß hinauf bis Valence.

In Italien eroberten sie Pisa und Fiosele. Sie luden auf ihre Schiffe was immer von Wert war und kehrten 862 mit wertvollen Schätzen zurück nach Nantes, an Bord Gold, Edelsteine, maurische Sättel, arabische Gewänder und außerdem zahlreiche dunkelhäutige Sklavinnen und Sklaven.

Im Osten Europas hatten sich die Waräger (Rus) bei den Slawen festgesetzt und als Herrscher etabliert. 865 fühlten sie sich bereits stark genug, eine Expedition gegen Byzanz, der Hauptstadt des oströmischen Reiches, zu starten. Das Heer wurde angeführt von Großfürst Helgi (russisch Oleg) aus der Sippe der Ruriks. Das spätere Konstantinopel und heutige Istanbul wurde von den Warägern belagert. Damit sie wieder abzogen schloß die mächtige Stadt einen Handelsvertrag mit ihnen, der sie schließlich zur Heimkehr bewegen konnte. Die Vereinbarung gab den Warägern die Erlaubnis, Verkaufsstände vor den Mauern der Stadt aufzuschlagen.

Die Eroberung Siziliens – Wikinger gründeten den damals modernsten Staat Europas

907 kamen die Rus wieder. In der Nestor-Chronik heißt es, sie hätten ihre Schiffe auf Räder gesetzt und seien damit derart temperamentvoll auf die Stadtmauern zugesegelt, daß die Byzantiner schleunigst einen Freundschaftsvertrag mit ihnen schlossen und sie reich beschenkten.

913/14 sollen die Waräger mit fünfhundert Schiffen vom Schwarzen Meer her über die Flüsse Don und Wolga ins Kaspische Meer vorgestoßen sein. Die schmale Don-Wolga-Landbrücke (sie befindet sich auf Höhe des späteren Stalingrads, heute Wolgograd) hätten sie auf Rollen überwunden. Vom Kaspischen Meer aus sollen sie den Irak und Aserbaidschan heimgesucht haben.

Um 970 begannen die Waräger in immer größerer Zahl in die gut bezahlten Dienste des byzantinischen Kaisers einzutreten. Als Leibgarde und Kerntruppe des byzantinischen Heeres haben sie das griechische Reich gegen Araber und Bulgaren erfolgreich verteidigt. In der berühmtesten Moschee der Stadt am Bosporus, der Hagia-Sofia, haben die Wikinger eine bis heute sichtbare Spur hinterlassen. Auf der ersten Balustrade ist eine Runeninschrift zu erkennen. Der Text ist kaum noch zu entziffern. Aber der Name des Autors ist gut zu lesen. Es ist ein warägischer Name und lautet Halfdan.

Ganz Süditalien fiel 1059 an den Normannen-Herzog Robert. 1091 war auch Sizilien endgültig in der Hand der wikingschen Normannen. Es wurde zum „Königreich beider Sizilien“ erklärt, hatte die leistungsfähigste Verwaltung seiner Zeit, die blühendste Wirtschaft und den zivilisiertesten Staat in ganz Europa. Also auch funktionierende Gemeinwesen konnten die Wikinger gründen und organisieren. Neben „ihrer biologischen Kraft und ihrer archaischen Todesverachtung, ihrer Härte und phänomenalen Verwegenheit“ bescheinigt ihnen Rudolf Pörtner auch eine „eisige Nüchternheit“. Modern ausgedrückt hätten sie über eine hochentwickelte „Fähigkeit zum Management“ verfügt.

Ein arabischer Geschäftsreisender namens lbn Fadlan traf im Jahr 922 am Ufer der Wolga mit Warägern zusammen und war sichtlich beeindruckt. „Sie waschen sich zwar nicht sehr oft“, notierte er, beschrieb sie aber dennoch mit bewundernden Worten: „Nie zuvor habe ich Männer mit einem vollkommeneren Äußeren gesehen. Sie sind hoch wie Dattelpalmen, haben rötlichblonde Haare und helle Haut.“ Tatsächlich haben Messungen ergeben, daß die Wikinger durchschnittlich 171 Zentimeter groß waren und die damaligen Mitteleuropäer um eine gute Handbreit überragten. Auf die Araber konnten sie erst recht herabblicken. Sie waren mindestens einen Kopf kleiner als die nordischen Recken.

„Jeder Wikinger“, schreibt lbn Fadlan weiter, „trägt eine Axt, ein Schwert und einen Dolch mit sich; nie sah ich einen Normannen ohne sie. Viele waren von Kopf bis Fuß mit den verschiedensten Figuren bemalt...“

Für Michael Crichtons Roman „Schwarze Nebel“, verfilmt unter dem Namen „Der 13te Krieger“, haben Ibn Fadlans Aufzeichnungen als Vorlage gedient. Leider ist das 1994 im Verlag Droemer Knaur in München erschienene Buch vergriffen und inzwischen auch antiquarisch nur schwer aufzustöbern.

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