Danziger Werft auf ErfolgskursPOLEN

Danziger Werft auf Erfolgskurs

Danziger Werft auf Erfolgskurs

Während die Mitarbeiter der Werften in den polnischen Städten Gdingen (Gdynia) und Stettin (Szczecin) für den Fortbestand ihrer Betriebe demonstrieren, macht die Werft in Danzig (Gdansk) seit Jahren zum ersten Mal Gewinn. Nach der positiven Entscheidung über die Zukunft der Danziger Werft hat der neue Eigentümer der Werft, die ukrainische Firma ISD Polska, ein neues Bauprogramm vorgelegt. Das heißt unter anderem, moderne Hightech-Schiffe in Danzig zu bauen sowie eine Fabrik für Windkraftanlagen auf dem Werftgelände zu errichten. Zuerst steht jedoch ein hartes Sanierungsprogramm an. Die Belegschaft soll reduziert und eine von zwei Hellingen stillgelegt werden.

Von Katarzyna Tuszynska

Die Danziger Werft ist wieder auf Erfolgskurs  
Die Danziger Werft ist wieder auf Erfolgskurs (Foto: Tuszynska)  

V on den sieben Kränen der Danziger Werft, die früher Lenin-Werft hieß, bewegen sich an diesem Herbstvormittag bereits drei. Sie bedienen Schiffsrümpfe, die auf der Helling gerade gebaut werden. Links entsteht ein Gastanker für einen italienischen Kunden. Rechts steht ein fast fertiges Hightech-Schiff für Norwegen. Auf dem linken Schiffsrumpf arbeitet Stanisław, ein Schweißer. Der Werftarbeiter trägt eine blaue, schmutzige Uniform. Seine Hände sehen verbraucht aus.

Stanisław ist 58 Jahre alt und arbeitet in dem Danziger Betrieb bereits seit seinem achtzehnten Lebensjahr. „Die Lage ist nicht die Allerbeste. Man sieht keine Perspektiven für die Zukunft“, sagt er. Zurzeit hat er noch gut zu tun. Doch für das Schiff, an dem er gerade arbeitet, brauchen er und seine Kollegen höchstens zwei bis drei Monate. Was danach kommt, weiß er nicht. „Einige sagen, wenn wir mit diesem Schiff fertig sind, kommt eine große Entlassungswelle.“

Positive Stimmung bei der Werftleitung

Auf dem anderen Ufer des Kanals, im Gebäude der Werftleitung, herrscht dagegen durchaus positive Stimmung. Werftdirektor Boshidar Metschkow, ein Bulgare, hat während seiner zwei Jahre auf der Werft den Danziger Betrieb gut kennen gelernt. Metschkow hat seine Erfahrung unter anderem bei der Modernisierung der ehemaligen DDR-Werften gesammelt. „Wir haben hier eine sehr moderate Situation“, sagt Metschkow über die Danziger Werft und vergleicht sie etwa mit den Wadan-Werften in Ostdeutschland. Der neue Besitzer der deutschen Werft hat bereits angekündigt, dass von 2600 nur etwa 800 Werftarbeiter bleiben werden. „Das ist eine extrem schwierige Situation in Deutschland“, schätzt Metschkow ein. Er sieht seine eigene Werft in einer wesentlich günstigeren Situation.

In der Danziger Werft wird die Belegschaft in der nächsten Zeit von 2150 auf 1900 reduziert. „Wenn man auf das Alter unserer Belegschaft schaut, dann reicht ein Jahr, vielleicht anderthalb Jahre, um leicht auf 1900 Mitarbeiter zu kommen“, sagt Metschkow. Viele gingen in der nächsten Zeit in Rente. Dann werden ihre Stellen nicht wiederbesetzt. Einige Mitarbeiter allerdings müssen noch vor der Rente entlassen werden. Sie sollen in einer neuen Fabrik für Windkraftanlagen beschäftigt werden, die auf dem Gelände der Werft entsteht. 2012 soll sie ihre volle Produktionsleistung erreichen. Es werden dort riesige Stahlkonstruktionen gebaut. Metschkow: „Jeder, der Produktionsgrundarbeiter ist und sich umschulen lässt, hat bei uns eine Chance.“

In den 80er Jahren wurde auf der Werft in drei Schichten gearbeitet

Ihre goldenen Zeiten hat die Danziger Werft längst hinter sich. In den 80er Jahren wurde auf der Werft in drei Schichten gearbeitet. 17.000 Menschen verdienten so ihren Lebensunterhalt. Die Danziger Werft war damals das Nationalheiligtum der Polen und ein Schiffsbausymbol. Die Tradition des Schiffbaus wollen jetzt die neuen ukrainischen Inhaber der Werft fortsetzen. Es liegen bereits fertig unterschriebene Aufträge mit Russland vor. „Es werden auch weiterhin Schiffe für Norwegen, Deutschland und Italien in Gdansk gebaut“, so der Werftdirektor. „Wir sind eine Werft. Wir werden also Schiffe bauen.“

Doch es werden andere Schiffe sein als bisher. Die Produktion soll auf Hightech-Schiffe umgestellt werden. Boshidar Metschkow hat seine eigenen Rezepte und will keinesfalls Fehler anderer Werften wiederholen. „Wir wollen uns nicht mit den Global Playern messen. Das sind die Chinesen und die Koreaner – sie haben Werften, die in erster Linie konventionelle Schiffe herstellen.“ Deshalb sieht Metschkow für die Danziger Werft die größten Chancen in der Produktion technologisch anspruchsvoller Schiffe.

Spezialschiffe bringen mehr Umsatz

In den 70er-Jahren produzierte die Werft in Danzig jährlich mehr als 20 Schiffe. 19 davon gingen nach Russland. Heute hat sich die Produktion drastisch verkleinert. Jedoch: „Wenn wir heute ein Spezialfahrzeug abliefern, vorausgesetzt, wir liefern ein fertig ausgerüstetes Schiff, ist das der Wert von vier oder fünf Containerschiffen. Deswegen ist die Anzahl nicht entscheidend. Entscheidend ist der Umsatz, der dahinter steckt.“ Metschkow hat vor, mindestens sechs Schiffe pro Jahr auf der Danziger Werft zu bauen. Und das ab Januar 2010 nur auf einer Helling.

Auf dem großen Rumpf des Schiffes für Norwegen wird weiter geschweißt. Edward, 70 Jahre alt, kommt nach 45 Jahren Arbeit mit seiner Rente von 300 Euro nicht aus. Deshalb arbeitet er immer noch im dem Danziger Betrieb. Wenn Arbeit da ist, kann Edward etwa 650 Euro im Monat verdienen. Dafür arbeitet er 10 bis 12 Stunden pro Tag. Er braucht aber mindestens 750 Euro, um alle Rechnungen zu bezahlen und „noch etwas vom Leben zu haben“, beispielsweise in den Urlaub fahren zu können. Stattdessen geht Edward heute an Geschäften vorbei und kann seinen Kindern und Enkelkindern nichts kaufen. Edward hofft, „dass sich vielleicht in fünf bis sechs Jahren seine Kinder und Enkelkinder etwas mehr leisten können“.

Die Europäische Union bestimmt heute die Regeln

Stanisław und Edward freuen sich jedoch, dass sie überhaupt arbeiten können. Beide haben in den 80er-Jahren die Streiks auf der Werft erlebt und nun die schwierigen Verhandlungen mit der EU. „Die Europäische Union bestimmt heute die Regeln. Wir müssen auf sie hören.“ Und die Regeln sehen vor, dass alle Werften in der EU gleich behandelt werden. Das bedeutet, dass sich unrentable Werften, zu denen die Danziger lange gehörte, umstrukturieren müssen. Andernfalls sind sie gezwungen, hohe Subventionsgelder zurückzuzahlen. So mussten beispielsweise auch Spanien und Deutschland die Kapazitäten ihrer Werften reduzieren, nachdem sie staatliche Gelder erhalten hatten.

In Polen hat die Regierung jahrelang die Werften unterstützt, insbesondere die Danziger Werft als Wiege der Solidarnosc-Bewegung. Das Werk stand zweimal kurz vor dem Bankrott. Für viele Werftmitarbeiter war es deshalb ein Konflikt zwischen „denen in Warschau“ und „denen in Brüssel“. Inzwischen ist dieser jedoch gelöst: Mit der verkleinerten Produktion auf einer Helling sind die neuen ukrainischen Besitzer der Werft und ihr bulgarischer Direktor den Forderungen der EU nach Umstrukturierung und Verkleinerung nachgekommen.

Man vermisst den Dialog mit der polnischen Regierung

Anders sieht das derzeit noch in den Nachbarwerften in Stettin und Gdingen aus. Die Werften wurden im Juni 2009 geschlossen und an katarische Investoren verkauft. Doch noch ist deren Zukunft ungewiss. Deshalb gingen die Werftmitarbeiter am Freitag auf die Straße, unterstützt von Danziger Gewerkschaftern. Zwei Reisebusse voller Menschen machten sich gestern im Morgengrauen Richtung Stettin auf den Weg. „Wir wollen unsere Kameraden von den anderen Werften unterstützen“, sagt Karol Guzikiewicz von der Gewerkschaft Solidarnosc.

Karol Guzikiewicz hat bereits mehrfach, unter anderem in Brüssel, für die Danziger Werft demonstriert. Die Streiks gehören zwar seiner Meinung nach in eine längst vergangene  Epoche. „Doch wenn es nicht anders geht…“ Guzikiewicz fehlt der Dialog mit der polnischen Regierung und „das wird dann mit Demonstrationen beantwortet“. Er hofft, dass in den anderen polnischen Werften bald genauso eifrig Schiffe gebaut werden wie in Danzig.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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