Das Denken und Wirken von Muhammad SchahrurISLAM

Das Denken und Wirken von Muhammad Schahrur

Muhammad Schahrurs Werk ist ein umfassender Versuch, die Religion des Islam mit moderner Philosophie ebenso in Einklang zu bringen wie mit dem rationalen Weltbild der Naturwissenschaften. Seiner Ansicht nach ist die Rechtssprechung im Namen Gottes eine Farce zugunsten politischer Machtkalküle. Loay Mudhoon stellt den streitbaren Reformdenker vor.

Von Loay Mudhoon

Obwohl der Reformbegriff von vielen Muslimen in Bezug auf den Islam pauschal abgelehnt wird, da der Islam für sie etwas grundsätzlich Vollkommenes darstellt, das nicht „verbesserungsfähig“ sei und deshalb auch nicht „reformiert“ werden könne, versteht sich der syrische Ingenieur und Koranexeget Muhammad Schahrur in erster Linie als Reformdenker.

Schahrur versteht sich auch als Teil einer Avantgarde der islamischen „Erneuerer“. Im Mittelpunkt steht bei ihm die Erkenntnis, dass es nur einen Gott gebe, aber viele Wege zu ihm; schließlich plädiert er seit Beginn seiner reformatorischen Arbeit vor knapp 18 Jahren lautstark und in unverwechselbarer Art und Weise dafür, dass Muslime sich ohne „Unterwürfigkeit gegenüber der Autorität der islamischen Jurisprudenz“ am Wortlaut der Offenbarungsschrift selbst als eigentlichem Kriterium der göttlichen Wahrheit orientieren mögen. 

„Keine grundlegenden politischen Reformen in den islamisch geprägten Ländern ohne tief greifende religiöse Reformen“

Im makropolitischen Kontext geht Schahrur einen Schritt weiter und fordert auf der Grundlage einer Gegenwartsdiagnose eine fundamentale Kritik der islamischen Kultur und Religion, weil es seiner Meinung nach keine grundlegenden politischen Reformen in den islamisch geprägten Ländern ohne tief greifende religiöse Reformen geben kann.

Dabei konstatiert er: Der Islam ist faktisch die allein dominierende normative Kraft in der arabischen Welt. „Das religiöse Erbe muss kritisch neu gelesen und interpretiert werden. Kulturelle und religiöse Reformen sind wichtiger als politische, da sie die Voraussetzungen jedweder säkularer Reformen sind“.

Der kollektive Bewusstseinsschock als Auslöser

Muhammad Schahrur wurde am 11. April 1938 in Damaskus geboren. Nach dem Erwerb der Hochschulreife nahm er 1958 ein Ingenieurstudium für Bauwesen in Moskau auf, das er 1964 erfolgreich abschloss.

Der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, der den Nahen Osten bis heute strukturell prägt, führte dazu, dass er seine Promotionsstudien nicht wie vorgesehen in London, sondern in Dublin absolvierte, da der Krieg den Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Syrien und England zur Folge hatte.

Für Schahrur war der kollektive Bewusstseinsschock der arabischen Welt nach der verheerenden Niederlage im Sechs-Tage-Krieg der entscheidende Auslöser, über den Zustand der arabischen Kultur nachzudenken und nach Auswegen aus der offensichtlich gewordenen wirtschaftlichen – vor allem aber ethisch-intellektuellen Krise zu suchen.

„Die Schrift und der Koran. Eine zeitgenössische Lesung“

In der Einleitung seines im Jahre 1990 erschienenen Standardwerks „Die Schrift und der Koran. Eine zeitgenössische Lesung“, an dem Schahrur nach eigenen Angaben mehr als zwanzig Jahre arbeitete, nennt er die zentralen Probleme des traditionellen islamischen Diskurses beim Namen - vom Fehlen eines wissenschaftlichen Zugangs zum göttlichen Text und der Fixierung der Rechtsgelehrten auf apologetische Reflexe bis hin zur Unfähigkeit, ein epistemologisches System islamisch zu begründen und aufzubauen. Jedenfalls stand für ihn damals frühzeitig fest: Das herrschende Islamverständnis steht im eklatanten Widerspruch zum wahren Geist der göttlichen Offenbarung.

Obschon Schahrur explizit darauf hingewiesen hat, dass es sich bei seinem Reformwerk lediglich um „eine zeitgenössische Lesung des offenbarten Textes“ handelt, mit dem erklärten Ziel, eine „islamische Theorie der Göttlichkeit zu formulieren, die human und universal zugleich ist“, reagierte die erstarrte islamische Orthodoxie mit massiven Diffamierungsversuchen auf seine reformatorischen Ansätze. Uns wie erwartet forderten nicht wenige Kommentatoren in den arabischen Massenmedien, ihn wegen der Herabsetzung der Person des Propheten vor Gericht zu stellen. Mindestens 19 Bücher wurden bislang als Erwiderung auf seine provokanten Ansichten publiziert, von unzähligen Artikeln und Medienbeiträgen ganz zu schweigen.

Erkenntnis wächst oft am Rande            

Schahrurs ausgeprägtes mathematisch-naturwissenschaftliches Verständnis war eine große Stütze bei seinem Vorhaben, die heilige Schrift zeitgemäß zu lesen. Hinzu kam, dass er sich der modernen Methoden sprachwissenschaftlicher Forschung bediente. Dazu gehörte vor allem die linguistische Erkenntnis, dass es auf einer bestimmten Sprachstufe keine synonymen Wörter gibt, sondern jeder Ausdruck ein ganz bestimmtes Bedeutungsfeld abdeckt.

Schahrur begann diese Regel auf die Koransuren anzuwenden und kam dabei zu Resultaten, die ein grundlegendes Umdenken im islamischen Recht zumindest teilweise rechtfertigen.

Es gelang Schahrur, mit seiner Methode für zentrale Begriffe des Islam wie al-kitab (die Schrift) und al-quran (der Koran), die im Kontext der Offenbarung bis dato als synonym betrachtet wurden, eine jeweils spezifische Bedeutung aufzudecken. Diese Erkenntnis und die Prämisse, dass der Koran allumfassend ist, führt Schahrur zu einer für seine zeitgemäße Lesung des Koran fundamentalen Unterscheidung: Es gelte im Koran zwischen "Prophetie" (nubuwa) und der "Botschaft" (risala) zu unterscheiden. Die Prophetie beschreibe die göttlichen und deshalb objektiven und absolut gültigen Naturgesetze, während die Botschaft normative Bestimmungen enthalte, die insofern nur subjektive Geltung hätten, als der Mensch die Wahl habe, sie zu befolgen oder nicht.

Ein weiterer entscheidender Erkenntnisgewinn aus Schahrurs Erforschung des Korans liegt auch darin, dass diese moderne Betrachtung zu einem neuen Verständnis des für den Islam grundlegenden Begriffs Muslim führte. Schahrur liest aus dem Koran heraus, dass unter einem Muslim ein Mensch zu verstehen ist, der an Gott und das Jüngste Gericht glaubt und gute Taten vollbringt.

Sein und Werden           

Schahrur entwickelt eine auf dem koranischen Wortlaut aufbauende Philosophie: Für ihn gibt es zwei fundamentalen Kategorien: „Sein“ (kaynuna) und „Werden“ (sayrura). Erstes ist göttlich und absolut, zweites ist menschlich und relativ.

Das Sein wird durch das Gotteswort repräsentiert, das er Mohammed in der Offenbarung zuteil werden ließ und das im Koran niedergeschrieben ist. Die Schrift Gottes stellt „Sein in sich selbst“ dar, während alles andere „Werden“ ist. Auch das Verständnis des göttlichen Textes ist daher ein beständiges Werden. Schahrur spricht deshalb „von der Fixiertheit des Textes und der Beweglichkeit des Inhalts“, von der Dialektik zwischen Text und Inhalt. Für Schahrur ist der koranische Text in sich abgeschlossen und genügt sich selbst.

Ferner hält er alles, was über den koranischen Text gesagt oder geschrieben wurde, einschließlich der Äußerungen des Propheten Mohammed für geschichtlich verortet. Der Text der Koran ist jedoch nicht geschichtlich. Allerdings müsse man in den Koranversen zwischen Anweisung und Gesetzgebung unterscheiden. Und immer, wo der Korantext Anweisungen enthalte und keine Gesetzgebung, sei es angebracht, von der Geschichtlichkeit des Textes zu sprechen“.

Nur Gottes Wort ist absolut      

Schahrurs Beschreibung der Funktion des Korans unterscheidet sich von der herrschenden Meinung der islamischen Gelehrten nicht. Demnach stelle der Koran das „Siegel der Bücher“ dar, enthalte also die letzte und endgültige der drei Offenbarungsreligionen. Der Koran beinhalte die absolute Wahrheit Gottes; diese könne allerdings vom Menschen nur relativ verstanden werden. Daher könne das jeweilige Koranverständnis einer bestimmten Zeit nur für diese Zeit gelten. 

Entsprechend seines zeitabhängigen Koranverständnisses betrachtet Schahrur die Prophetensunna nicht als sakrale Quelle islamischer Normsetzung. Denn Mohammed habe zwar eine besondere Nähe zu Gott gehabt, sei aber ein normaler Mensch gewesen, der von seiner arabischen Kultur des 7.Jahrhundert und ihrem Erkenntnisstand geprägt worden sei. Außerdem habe er die Aufzeichnung des Korans, nicht aber die der Sunna angeordnet.  

Auf diese Weise gerät Schahrur unweigerlich in einen heftigen Konflikt mit der islamischen Jurisprudenz, die die Prophetensunna und die Hadithe als die zweite autoritative Quelle islamischen Rechts ansieht. Nach Ansicht Schahrurs wurden hier die Grenzen zwischen „Sein“ und „Werden“ miteinander vermischt, denn die fiqh-Begründer machten die Hadithe, die die Prophetensunna überlieferten und zur Zeit der Ababasidenherrschaft im 7. Jahrhundert fixierten, zur Grundlage der islamischen Rechtssprechung.

Statt die Hadithe zu hinterfragen, hätten sie das Zeitalter des Propheten und der vier rechtgeleiteten Kalifen idealisiert und sie auf diese Weise als sakrale Normsetzung anerkannt. Fatalerweise beendeten sie damit die freie Entscheidungsfindung, weil sie glaubten, sämtliche Fragen durch Analogieschluss (qiyas) aus Mohammeds Leben beantworten zu können.

Theorie der Grenzen 

Auch auf andere Weise geriet die Scharia ins Kreuzfeuer von Schahrurs Kritik, nämlich durch das, was er zu deren primärer Quelle, dem Koran, anmerkt. Hier vertritt er beharrlich die These, dass alle bis dato als normativ geltenden Aussagen im Koran als zeitbedingt aufzufassen sind. Unter dieser Prämisse formulierte er eine „Theorie der Grenzen“ als universelle Lösung für den Umgang mit göttlichen Handlungsnormen.

Schahrur versteht den Begriff der Grenzen (hudud) nicht wie die traditionelle islamische Leseart als "Gebote" Gottes, sondern vielmehr als die von ihm gesetzten Grenzen. Nach Schahrurs Ansichten  statuiere der Islam kein Recht, sondern stelle nur Grenzen auf, innerhalb derer der Mensch die größtmögliche Freiheit bei der Rechtsfindung genießen müsse. Die Starrheit der islamischen Jurisprudenz widerspreche der Elastizität des Koran.“

Demnach hat Gott für alle im Koran erwähnten menschlichen Handlungen eine obere und eine untere Grenze gesetzt, wobei die untere Grenze das Minimum und die obere Grenze das Maximum dessen darstellt, was das göttliche Gesetz in einem speziellen Falle vorschreibt. Durch die graduelle Abstufung der Bestrafung wird die Scharia weitgehend flexibilisiert und das reale Strafmaß letztlich nach menschlichem Ermessen festgelegt.

Forderung nach der völligen Entpolitisierung des Islams

Als Beispiel für die „Theorie der Grenzen“ sei die Strafe für Diebstahl erwähnt: Laut Schahrurs Verständnis von Koran-Vers 5:38 ist das Abhacken der Hand die höchste, nicht die einzig mögliche Strafe. Die Richter können den Täter nach Schahrurs Auffassung auch zu ehrenamtlicher Arbeit verurteilen.

Mit seiner „Theorie der Grenzen“ macht Schahrur die Scharia mit den universellen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten vereinbar. Denn die Strafgesetzgebung, die sich ja zwischen den beiden Grenzen befindet, liegt in der Entscheidungskompetenz der demokratisch gewählten Parlamente. Schahrur sieht durch sein Verständnis der Gebote Gottes als Grenzen „Hunderte von Millionen an Möglichkeiten“ für die Gesetzgebung eröffnet. Hinzu kommt, dass er die völlige Entpolitisierung des Islams fordert, indem er die Notwenigkeit der Trennung zwischen Staat und Religion betont.

Damit vertritt der Aufklärer Schahrur eine dem Islamismus (politischer Islam) diametral entgegen gesetzte Position. Seiner Ansicht nach ist die Rechtssprechung im Nahmen Gottes eine Farce zugunsten politischer Machtkalküle.

Kritik an der Unfähigkeit des Islam-Establishments

Was den virulenten Terrorismus islamistischer Prägung betrifft, so geht Schahrur sehr hart mit den fatwas (religiöse Rechtsgutachten), die den Terror legitimieren, ins Gericht – und sieht den Nährboden für den Terrorismus keinesfalls im Islam selbst, sondern im tradierten islamischen Rechtsverständnis, vor allem in der Fehlinterpretation der überlieferten Schriften. Schahrur bewertet die Rolle der islamischen Rechtsgelehrten bezüglich des Phänomens des Terrorismus sehr negativ – und fordert sie dazu auf, sich mit den Jihadisten offensiv auseinanderzusetzen. 

Schahrurs Werk ist ein umfassender Versuch, die Religion des Islam mit moderner Philosophie ebenso in Einklang zu bringen wie mit dem rationalen, naturwissenschaftlichen Weltbild. Bemerkenswert an seiner hier nur im Ansatz vorgestellter Argumentation ist die Tatsache, dass er die Notwendigkeit der historischen Relativität des Verständnisses der Rechtsquellen nicht in erster Linie mit Sachzwängen begründet, sondern vielmehr aus der islamischen Theologie heraus. Der streitbare Islamexeget liefert mit seiner islamisch begründeten, fundamentalen Kritik den besten Beweis dafür, dass die schärfste, aber auch die fruchtbarste Kritik fast immer systemimmanent ist.

Averroes Botschaft wieder beleben

Auch wenn Schahrurs Thesen und sein Bemühen um eine neue Grundlegung bzw. Neuinterpretation der theoretischen Koordinaten dieser Weltreligion überambitioniert wirken und zur Zeit nur ein begrenztes, überwiegend intellektuell versiertes Publikum erreichen, dürften sie aufgrund seiner markanten Positionen zu mehr Belebung des innerislamischen Diskurses beitragen.

Als der einflussreiche, globale Mufti und Dauergast beim transarabischen Satelliten-Fernsehsender Al-Jazeera, Scheich Yusuf Al- Qaradawi, nach den Werken Schahrurs und deren Bedeutung für die islamische Welt gefragt wurde, antwortet der mächtige, globale TV-Mufti lapidar und zugleich viel sagend: „Das ist eine neue Religion!“

Dennoch: Obwohl Schahrur jegliche Hierarchiebildung im Islam strikt ablehnt, weil sie nur Menschenwerk sei, ist er kein radikaler Rationalist, der jegliche Flucht aus der Realität in das Metaphysische als Desaster auffasst. Und er möchte gewiss den Islam nicht neu begründen; vielmehr strebt er die Wiederbelebung der zeitlosen Botschaft des Ibn Ruschds (Averroes) an: Dass Offenbarung und Vernunft sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

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Loay Mudhoon ist Politik- und Islamwissenschaftler und leitender Redakteur der Deutschen Welle. Der Nahostexperte ist zudem Redaktionsleiter des viersprachigen Dialogmagazins Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt und Lehrbeauftragter am Institut für Internationale Politik und Außenpolitik der Universität zu Köln. Netzseite: http://www.jaeger.uni-koeln.de/index.php?id=mudhoon

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