Das Great Game des KhansZENTRALASIEN-UNIVERSITÄT

Das Great Game des Khans

Das Great Game des Khans

Prinz Aga Khan IV., mehrfacher Milliardär und schiitischer Imam, hat Großes vor: die Gründung einer Zentralasien-Universität. Geplant ist ein dreiteiliger Campus in Tadschikistan, Kirgisien und Kasachstan. Die Absolventen sollen Arbeitsplätze schaffen und sich über postsowjetische Denkstarre, Korruption und Stillstand hinwegsetzen.

Von Verena Ringler

 
Hüttenzauber im fernen Osten. In Naryn gibt der alte Weise sein Wissen im Jurtenbau an die jungen Männer weiter.  

Einen Plan? Habe ich nicht gesehen. Aber ich vertraue darauf, daß unser Imam hier alles baut.“ Asia Maksimirova posiert mit der Entschiedenheit einer Prinzessin in Erwartung ihres Märchenprinzen. „Es wird einen Hubschrauberlandeplatz geben, eine fantastische Bibliothek und vielleicht sogar ein Kino. Meine Stadt wird schön sein, mein Dasht wird schön sein, meine Enkel werden hier studieren. Ich bin bereit.“ Außerdem würden die Leute aus Duschanbe dann endlich hierher zum Arbeiten kommen statt umgekehrt. Eine gewagte Aussage, denn von hier aus ist das zertifizierte Ende der Welt näher als die tadschikische Hauptstadt Duschanbe.

Schauplatz: Dasht, ein Plateau mit Aussicht über die 22.000-Einwohner Stadt Khorog auf mehr als 2.200 Metern Höhe. Der Boden gehört zu Tadschikistan, die Vergangenheit der Sowjetunion, die Amtssprache dem Persischen, der Dialekt den Pamir-Bergen, die Religion einer moderaten Shia-Sekte. Der Blick nach Süden fällt auf einen Ausläufer von Tadschikistan, der nach Westen auf Afghanistan. Oder vielmehr auf afghanische Berge. Grimmige Gipfel stehen hier pauschal jeder Ahnung von Himmelsrichtung im Weg. Im Norden und Osten trennt das Pamir-Gebirge, das Ur-„Dach der Welt“, gekrönt von einem stattlichen Siebentausender, die kleine Stadt Khorog von China und Kirgisien. Duschanbe? Das liegt 30 bis 40 Autostunden und viele Bergpässe weiter nordwestlich.

Der Traum vom blühenden Geisteszentrum

Maksimirova, 54, eine arbeitslose Lehrerin für tadschikische und russische Linguistik, wohnt samt Familie auf dem sonnigen Dasht-Plateau über Khorog. Es besteht aus wenigen unverputzten Neubauten und 47 Hektar Brachland, die rund um die Uhr von sechs Männern im Schichtbetrieb bewacht werden, wohl damit keine Erde gestohlen wird. Maksimirova und ihre Nachbarn erhielten vor einem Jahr eine stattliche Kompensation dafür, daß sie ihre Häuser und Gärten auf Dasht den Baggern überließen und ein paar hundert Meter weiter Richtung Berghang übersiedelten. Im Zentrum des Feldes sitzt ein Altar aus Beton, auf dem riesengroß und weiß die Buchstaben „UCA“ prangen. Sie stehen für „University of Central Asia“. Sie erklären, warum die Menschen hier das Futurum jeder anderen Zeitform vorziehen, – eine beachtliche Errungenschaft auf postsowjetischem Territorium. Khorog, so insistieren sie, wird bald ein blühendes Geisteszentrum in den Falten der Pamir-Berge und an der Nordflanke Afghanistans sein.

 
  Chancen für Frauen. Die 23jährige Zinagul Belekova lernt auf der UCA-Volkshochschule, Hartkäse nach Schweizer Art herzustellen.

Im Juli 2004 landet Frau Maksimirovas omnipotenter Imam, oder „spiritueller Vater“, in einer flattrigen YAK-40 Propellermaschine am Flughafen von Khorog, um den Grundstein für die UCA zu legen. Es ist sein vierter Besuch seit 1995, und wie jedes Mal das größte anzunehmende Fest für die Bewohner der Pamir-Berge in der ärmsten der ehemaligen Sowjetrepubliken. Der weiße Landrover des Imam und sein Begleitschutz bahnen sich entlang der Lenin-Straße durch Geschosse von Blumen und Wogen von farbendichten langen Kleidern und Nadelstreif-Anzügen. Rechts vor der Windschutzscheibe blinkt Khorogs einzige Ampel, die angeblich nur während seiner Besuche funktioniert. Er fährt am alten Sowjet-Kino vorbei, wo hin und wieder Filme aus Holly- oder Bollywood gespielt werden, am dunklen Gewölbe des Marktes, an der staatlichen Universität, am Büro seiner eigenen Hilfsorganisation. Zu seiner Linken passiert er das Hauptquartier des tadschikischen Innenministeriums – lokal immer noch KGB genannt – und kurz darauf die Statue von Wladimir Lenin, die von den Büsten von Ismail Samoni, einem samanidischen Herrscher, und Abdulmuiddin Nosiri Khorsav, einem persischen Philosophen und Dichter, flankiert wird. Links oben am Berg leuchtet die grüne Villa eines angeblich stadtbekannten Drogenbosses. Unten am Fluß erfüllen russische Grenzsoldaten in ihren Wachtürmen ihr Mandat, die prekäre GUS-Außengrenze zwischen dem souveränen Tadschikistan und Afghanistan zu schützen und ohne Rücksicht auf Verluste gegen Drogenschmuggler vorzugehen. (Derzeit übergeben sie ihr Mandat den Tadschiken). Das Auto des Imam nähert sich in der Kurve vor der Auffahrt auf das Dasht Plateau der stillgelegten Zementfabrik am Stadtrand von Khorog. Die UCA wird hoch über all dem thronen.

500 Rennpferde und ein Schloß in Frankreich

Der gepriesene Imam, der hier in der Pamir-Provinz von Tadschikistan im vergangenen Jahrzehnt das Träumen legitimiert hat, ist Prinz Aga Khan IV., der 49. Imam der Ismaeliten. Dieser schiitischen Splittergruppe, bekannt für ihre liberale Interpretation des Islams und ihr progressives Gesellschaftsbild, gehören weltweit etwa 15 Millionen Mitglieder an. Mit Ausnahme von zwei sunnitischen Gemeinden sind die Bewohner von Gorno-Badachschan, der militärisch abgeriegelten tadschikischen Grenzprovinz zu China und Afghanistan, Ismaeliten. Westeuropa kennt den Aga Khan aus den bunten Postillen der Warteräume und Friseursalons als Besitzer von 500 Rennpferden, als Edelmann samt Schloß in Aiglemont, Frankreich, dessen Vermögen noch vor wenigen Jahren auf sieben Milliarden Euro geschätzt wurde, und als Protagonisten des kürzlichen Scheidungsdramas von der deutschen Prinzessin Gabriele zu Leiningen. Der Großvater des Aga Khan, so der Stoff mitteleuropäischer Gute-Nacht-Geschichten, ließ sein Körpergewicht in den fünfziger Jahren in Gold und Diamanten aufwiegen, um so die gewünschte Summe der Abgaben seiner Anhänger festzulegen. Denn die Ismaeliten treten jährlich ein Zehntel ihres Einkommens an die Glaubensgemeinschaft ab. In den sechziger Jahren kaufte der Aga Khan einen Küstenstrich der sardischen Costa Smeralda und holte flugs den internationalen Jetset nach Sardinien.

Doch die Ismaeliten Afrikas, Pakistans und Zentralasiens nehmen vom weltgewandten Spezialisten für islamische Architektur und subtilen Diplomaten für Völkerverständigung ein alter ego wahr. Für sie ist er ein potenter Risikokapitalist. Seit fast vier Jahrzehnten vergibt der Aga Khan Stipendien an Studenten und Mikrokredite an Bauern, startet Schulen, Universitäten und Krankenhäuser, wie etwa die Universitätsklinik in Karachi. In der Harvard-Universität hat er ein eigenes Programm für islamische Architektur eingerichtet, in Khorog eine Mittelschule eröffnet. „Unser Imam könnte allen 212.000 Pamir-Bewohnern eine Ausbildung an der Harvard-Universität bezahlen. Doch lieber wirkt er vor Ort gegen Radikalismus und Armut,“ erklärt Hokimsho Zulfigorov, der in Khorog für die bereits florierende UCA-Volkshochschule arbeitet.

Khorog, Naryn und Tekeli

 
Bauplatz auf 2.200 Höhenmetern. In Khorog plant der japanische Star-Architekt Arata Isozaki den Hauptcampus der Zentralasien-Universität. Ums Eck liegt Afghanistan.  

Seine UCA-Bildungs- und Entwicklungsoffensive im peripheren Hochgebirge startet der Aga Khan nicht nur in Khorog, sondern auch 40 Autostunden nordöstlich in Naryn, Kirgisien, und weitere 20 Autostunden weiter in Tekeli, Kasachstan. Die UCA wird neben ihrer mobilen, praxisorientierten Volkshochschule in lokalen Sprachen und Dialekten ab Ende 2005 auch angewandte, englischsprachige Grund- und Aufbaustudien unter dem Grundmotto „Regionalentwicklung“ bieten. Jeder der Universitätsstandorte bietet vorerst einen und in ein paar Jahren zwei Schwerpunkte an. Um die Universität als säkulare Institution regional zu verankern zu können, gewann der Aga Khan im Jahr 2000 die Unterschrift der Präsidenten und Parlamente von Tadschikistan, Kirgisien und Kasachstan per internationalem Vertrag. „UCA bietet den Bergbewohnern Zentralasiens den intellektuellen Raum und die Ressourcen, mit deren Hilfe sie die natürlichen Grenzen in dieser Region überwinden können,“ läßt der Aga Khan über einen Sprecher ausrichten. Wenn es nach dem UCA-Aufbauteam geht, soll die UCA vor allem durch die Fernkurse der Volkshochschule langfristig das Leben von 40 Millionen Bergbewohnern zwischen dem Iran und China berühren.

Die Studenten für die UCA-Hochschule sollen aus Zentralasien, China, Afghanistan und anderen benachteiligten Bergregionen wie etwa den Anden oder dem Himalaja kommen. Ihnen will Frederick Starr, der US-amerikanische Gründungsrektor der Drei-Länder-Universität, einen humanistischen Grundstock, versetzt mit einer Mischung aus Montan- und Wirtschaftsuni, Tourismus-Kolleg, Soziologie- und Pädagogikstudien bieten. „Ich frage mich täglich, ob wir realistisch oder romantisch sind,“ seufzt Starr. Denn eine Uni allein könne noch nicht die Abwanderung von Wissenschaftlern in die Hauptstädte und den Westen stoppen. Auch die involvierten Regierungen müßten ihren zentralistischen, mehr oder minder autoritären Kurs verlassen. Und der Aga Khan selbst sollte die demokratische, unabhängige Natur der Uni von Anfang an sicher verankern, um sie nicht zum politischen Spielball zu machen. Die Lehrenden möchte Starr vor allem aus Zentralasien selbst rekrutieren, denn „dort gibt es bereits eine neue Generation von Leuten, die nicht mehr in sowjetischen Denkmustern gefangen sind. Jeder internationale Professor soll sich so schnell als möglich aus seinem eigenen Job herausarbeiten,“ so Starr.

Der Ruhm des Khans

In Khorog wird des Khans Mini-Harvard bewußt an einen Ort gepflanzt, der nach dem tadschikischen Bürgerkriegsende 1997 vom Förderband internationaler Organisationen geplumpst ist. „Leben“, konstatiert Hokimsho Zulfigorov in Khorog, „wäre hier nicht möglich ohne den Aga Khan.“ In Gorno-Badachschan genießt der Aga Khan beinahe universelle Autorität. Nicht nur haben die Ismaeliten der Pamir-Berge bis 1995 keinen ihrer Imame zu Gesicht bekommen. Sondern dieser erste, präsente Imam hat noch dazu ihr Leben gerettet: 135.000 Tonnen Lebensmittel ließ er während des tadschikischen Bürgerkrieges 1992-97 ins abgeschnittene Gorno-Badachschan fliegen und half danach der Selbstversorgung via Saatgut auf die Sprünge. Jüngst initiierte er den Bau von fünf Brücken über den Grenzfluß nach Nordafghanistan, die Errichtung eines internationalen Flughafens in Ishkoshim (Süd-Tadschikistan), und setzte sich für die Wiedereröffnung des seit Jahrzehnten verriegelten Grenzüberganges über den Kulma-Paß nach China ein.

Zutritt nach Gorno Badachschan gibt es nur mit einem Binnenvisum, da die Provinz militärisch abgeriegelt ist. Der Lebensstandard hier war schon einmal deutlich höher: Die Sowjets hatten sich Khorog und die Mondlandschaft des Pamir-Plateaus als strategische Puffer zu China und Afghanistan einiges kosten lassen. Viele Pamir-Ismaeliten verwiesen auf stattliche Karrieren im KGB; die Eigenversorgung blieb im unwirtlichen Gebirge auf der Strecke. Heute landen statt den einst bis zu 15 täglichen Versorgungsflügen aus Dushanbe nur noch ein bis drei Flieger pro Tag in Khorog – je nach Wetterlage. Autos und Klaviere sind längst verkauft; die Generatoren schweigen. Die mit Szenen aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ausstaffierten Bushaltestellen verfallen. Die ehemalige sowjetische Mittelschicht fällt hier inzwischen sogar die Obstbäume in ihren Gärten zwecks Brennholz. Im Mai 2004 wurde der erste Satellitenempfänger für Mobiltelefone aufgestellt. Bücher, Glas, Stahl, Medikamente, Benzin, Frostschutz und gekühlte Ware bedeuten für die meisten unbezahlbare Importe. Heißwasser und Bananen gibt es nie, Strom nicht immer. Eselskarren und Ladas transportieren spärliche Waren; manchmal rast unvermittelt ein Mercedes Benz über die Lenin-Straße, den die Bevölkerung – wohl zu Recht – lapidar als Gefährt eines Drogenhändlers identifiziert. Und auch wenn die zentrale Drogenstraße von Afghanistan nach Europa zur Zeit angeblich westlich von Khorog verläuft, hat – so die Erzählungen – die ethische und moralische Führung des Aga Khan entscheidend dazu beigetragen, daß Gorno-Badachschan nicht längst zum düsteren Warlord-Monopol und Narko-Vorhof im Norden Afghanistans abgedriftet ist.

Ein Baumeister aus Tokio

In Khorog sollen nach der Schneeschmelze 2006 die Bagger auffahren. Noch aber tüftelt der japanische Architekt Arata Isozaki in seinem Büro in Tokio an drei komplett verschiedenen Campus-Arealen für die UCA mit Bibliotheken, Studienräumen, Wohnräumen für Studenten und Professoren, Sport- und Kulturstätten. „Mich interessierte dieses Vorhaben des Aga Khan. Ich schrieb ihm ein E-mail. Es ist eine große Ehre, daß er mich ausgewählt hat,“ sagt Isozaki. Die geographische und politische Isolation und das harte Gebirgsklima fordern den senioren Meister auf bisher ungekannte Weise. Als einer, der das Museum Moderner Kunst in Kalifornien und das Olympische Stadion in Barcelona geplant hat und zur Zeit an einer „Bildungsstadt“ in Doha bastelt, ist er es weder gewohnt, von seinen eigenen Baustellen physisch abgeschnitten zu sein, noch, wegen Schneefalls keine Satellitenkarte des Standortes zu erhalten. „Ich fühle mich wie ein prähistorischer Mensch, der das erste Haus bauen soll. Ich habe in Wüsten und Kältezonen gebaut, aber noch nie in einer so extremen Klimazone in den Bergen,“ lacht Isozaki. Er möchte die drei Campusse jeweils für die ganze Gemeinde nutzbar machen und den lokalen Bautraditionen anpassen und „mehr Stein, Ziegel oder Holz verwenden, je nach lokaler Verfügbarkeit.“ Die Lawinen und Bergstürze, die Khorog und Naryn oft tagelang vom Rest der Welt trennen, werden jedoch auch vor den Studenten und Professoren der neuen Universität in Khorog nicht halt machen.

Und doch soll dieser Campus hier in wenigen Jahren, - wie auch die Schwestern-Campusse in Kirgisien und Kasachstan - Hunderte Bachelors und Masters in die dünne Luft des hochgebirgigen Arbeitsmarktes entlassen. Studienziel laut Aga Khan: die Absolventen sollen hier in den Bergen Jobs schaffen statt suchen und sich über postsowjetische Denkstarre, Korruption und Stillstand hinwegsetzen. Die ersten Studenten werden ihre vorbereitenden Englisch- und Computerklassen im Herbst 2005 in provisorischen Gebäuden der Uni-Städte beginnen. Die „UCA“ verlangt Gebühren, doch der Aga Khan verspricht, jenen unter die Arme zu greifen, die die Eintrittsprüfung bestehen, aber die Mittel für ein englischsprachiges, international ausgerichtetes Studium am Dach der Welt nicht bereitstellen können.

Intellektuelles Bollwerk

 
  Die Jung-Ökonomin Sojiada Pallaeva lernt auf der UCA-Volkshochschule, Gemüse zu konservieren. Dazu zwingt sie die prekäre Versorgungssituation im Hochgebirge.

Märchen hinter den sieben Bergen? Noch vor ihrem Startschuß schürt die UCA – vorerst nur sichtbar über ihre Volkshochschule – in Khorog die Träume, in Naryn die psychosoziale Stabilisierung und in Tekeli die Hoffnung auf das Überleben einer aussterbenden ehemaligen Bergbaustadt. Zwar könnte so eine wuchtig angelegte Universität mit anglo-amerikanischer Arbeitsweise trotz aller behutsamen Vorbereitung floppen, auch wenn der Aga Khan bisher entwicklungspolitisch eine gute Hand bewiesen hat und lediglich in privatwirtschaftlichen Abenteuern wie etwa am Kauf der italienischen Hotelkette Ciga gescheitert ist. Im Bestfall aber wird die UCA als intellektuelles Bollwerk der Moderation und Modernisierung in einer Gegend gefeiert werden, die wegen ihrer nationalstaatlichen Schwäche und Abhängigkeit von Schutzmächten – Kandidaten: Rußland, China, USA – bereits als „Naher Osten von morgen“ gebrandmarkt ist.

Nebst der lokalen Bevölkerung lassen auch die Vertreter internationaler Organisationen nichts über den Aga Khan kommen. „Die UCA kann funktionieren. Der Aga Khan ist bekannt dafür, daß er seine Projekte auf regionale Identitäten zuschneidet und den Menschen eigene Verantwortung gibt,“ meint Tim Epkenhans, Rektor der OSZE-Akademie in Bischkek. „Vor allem in Tadschikistan genießt der Aga Khan hohen Respekt. Mit seiner UCA will er modernes Denken in der hiesigen Hochschullandschaft einführen,“ sagt Seamus Bennett, Kasachstan-Direktor der britischen „Voluntary Service Overseas“ (VSO), der in Tekeli bereits mit der UCA-Volkshochschule kooperiert. „UCA ist eine gute Idee. Hier in Naryn sind zwar ein paar internationale Organisationen, aber alleine schaffen wir das nicht,“ meint Rosa Turganaleva, Koordinatorin von „Save the Children“ in Naryn, die in mühevoller Kleinarbeit unter den vielen Sozialwaisen die Folgen von Arbeitslosigkeit, Verlorenheit der Eltern-Generation, Alkohol und Gewalt in den Familien zu mildern versucht.

„Die UCA ist viel mehr als eine Universität.“

 
Reicher Nachbar. Die ehemalige Lehrerin Asia Maksimirova hofft, daß der schicke UCA-Campus für die Bewohner des Pamir-Gebirges eine neue Ära anbrechen läßt.  

Angesichts der prekären sozioökonomischen und soziopsychologischen Lage im ehemaligen Fleisch-Produktionszentrum Naryn mußte der UCA-Volkshochschuldirektor Taalai Alkunov sein Jobprofil vom beliebten Englisch-Professor an der Universität in Bischkek binnen Tagen auf Sozialarbeit umstellen. „Wir müssen die Menschen hier mental auf einen Neuanfang vorbereiten. Wenn sie wieder an etwas glauben, - und sei das die UCA, - haben wir schon einen Schritt getan,“ glaubt Alkunov. Er bietet in Naryn spezielle Kurse der Sorte Anonyme Alkoholiker und persönliche Lebensfindung an und redet sich mit Polizisten, Ärzten, Kursteilnehmern und wankenden Männern auf den Straßen den Mund fusselig. „Die UCA ist viel mehr als eine Universität. In erster Instanz sind wir ein psychosozialer Katalysator,“ meint Alkunov.

Tatsächlich erweist sich die UCA-Volkshochschule als behutsame Vorhut auf die Hochglanz-Uni am Berg. Im „Dorf des Achten Märzes“ nahe Naryn etwa erzählt die 23jährige Zinagul Belekova, sie wolle mit ihren zwei Freundinnen eine kleine Kooperative für ihren Hartkäse nach Schweizer Art starten, nachdem sie Technik, Recht, Lebensmittelstandards und Vermarktungsmöglichkeiten im UCA-Kurs gelernt hat. „Mein Mann wollte nicht, daß ich diesen Kurs besuche. Aber seine Meinung wird sich ändern, wenn er sieht, daß mein Käse mehr Geld ins Haus bringt. Die UCA kann mein Leben hier drastisch verbessern,“ sagt sie. Da es keine Kühlschränke gibt, kann Belekova ihr Einkommen mit Hartkäse anstatt Frischkäse deutlich erhöhen. „Wetten wir, daß Kooperativen wie diese in ein paar Jahren ihren Käse in den Edel-Geschäften von Almaty verkaufen werden,“ sagt John Herring, der die UCA-Volkshochschule in allen drei Ländern leitet.

In Naryn erzählt einen Tag später Asabaliev Sovetbek in der Mittagssonne vor dem Dreikant-Hof, der momentan als UCA-Zentrale dient, welche Überraschungen ihm die erste Vormittagsrunde seines Kurses in öffentlicher Verwaltung vermachte. Sovetbek ist Beamter im regionalen Bildungsministerium. „Ich hörte heute zum ersten Mal, daß ich meinen Vorgesetzten diplomatisch, aber deutlich meine Ansichten sagen soll,“ erzählt Sovetbek. Auch in Rushan, einem verarmten Dorf in Tadschikistans Provinz Gorno-Badachschan, setzt UCA den Standard für innovatives Überleben in postsowjetischem Stillstand. An einem Montagvormittag verfolgt Sojiada Pallaeva (26) auf einem Diwan im Schatten der Laubbäume sitzend, jeden Handgriff ihrer Trainerin Shoista Solijonova. Sie legt Tomaten- und Knoblauchstücke in ein großes, über dem Feuer ausgekochtes, sterilisiertes Glas. Pallaeva und 19 weitere Frauen aus Rushan, lernen zwei Tage lang, Gemüse und Obst fachgerecht für den Winter im Pamir-Gebirge zu konservieren. Pallaeva hat zwar an der staatlichen Universität in Khorog ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen, doch muß sie 60 Gläser mit Gemüse füllen, um ihrer Familie im langen Pamir-Winter ein paar Vitamine bieten zu können. Die Notwendigkeit der Selbsterhaltung ist für Pallaeva nicht weniger obskur als für ihre Altersgenossen im Westen. Hätte sie die Chance und das Geld, säße sie längst für ein Ökonomie-Aufbaustudium in Rußland, sagt sie.

Elitenbildung im Pamir-Gebirge?

Vielleicht schafft der Aga Khan, was andere ausländische, private Unis in der Gegend – etwa die American University of Central Asia, die türkische Manas Universität, die russische Slawonische Universität – bisher gar nicht versucht haben, nämlich, moderne Elitenbildung auf den ruralen Raum auszudehnen und statt intellektuellen Implantaten und Rekrutierungszentren für die internationale (Öl-)Wirtschaft eine organische Lern- und Kulturzone für breite Bevölkerungsschichten zu schaffen. Die Voraussetzungen für die UCA sind insofern nicht schlecht, als das Sowjet-System eine durchgehend alphabetisierte Bevölkerung mit solidem Grundstock zurückließ. Fast alle sprechen ihre Landessprache plus russisch, und wer kann, schreibt sich für Englisch-Klassen und TOEFL-Tests ein.

 
  Hokimsho Zulfigorov (l.) auf jenem Bauplatz, wo in zwei Jahren ein schnittiger Weltklasse-Campus stehen soll. „Das Leben hier wäre nicht möglich ohne den Aga Khan,“ sagt er.

Wer jedoch Richtung UCA die Alarmglocken schwenkt, sind die Vertreter des maroden öffentlichen Hochschulsystems, das von Korruption und pädagogischen Altlasten durchsetzt ist. Wer wird noch in die düsteren Tempel praxisferner Theorie-Impfung etwa in Naryn oder Khorog kommen, wenn nebenan der fesche „Berg-Campus“ mit partizipatorischem Studium samt Praxis, Labors, Sprechstunden und Zugang zu den weltbesten Bibliotheken wie der Library of Congress lockt? „Ich habe zwar noch keinen Campus, kein Curriculum und keine Studenten gesehen,“ sagt Akmataliev Almazbek, der Rektor von Naryns staatlicher Universität, mit einem Augenzwinkern auf die monströse Ankündigungspolitik der UCA. Tapfer schiebt er aber nach, er hätte am zupackenden Geist der UCA bereits selbst Feuer gefangen. „Vor ein paar Monaten rief ich meine Professoren und Lektoren zusammen und erklärte ihnen, wir hätten noch fünf Jahre Zeit, wenn wir hier in Naryn als Universität eine Zukunft haben wollen. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln,“ sagt er. Auch die lokale Verwaltung scheint vom frischen Geist der UCA bereits erfolgreich angesteckt zu sein. Nicht nur dürfen die Beamten relativ problemlos an den UCA-Volkshochschulkursen zur öffentlichen Verwaltung teilnehmen. Auch sagt die energische Vize-Bürgermeisterin Chylabaeva Ainagul Talipovna, „diese UCA wird dann Erfolg haben, wenn mich die Abgänger aus meinem Job jagen.“

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Die Autorin lebte drei Jahre lang in Washington, D.C. und ist Associate Editor bei Foreign Policy, www.foreignpolicy.com , das seiner Leserschaft die Komplexität von internationaler Politik, Wirtschaft und Ideen mit innovativen Ansätzen, akademischer Rigorosität und verständlichen Zugängen erschließt. Foreign Policy erscheint u.a. in arabischer, türkischer, italienischer und spanischer Sprache und soll demnächst auch auf deutsch lanciert werden. Reportagen und Analysen von Verena Ringler erschienen u.a. in der Zeit, der FAZ, profil (Österreich) und Der Standard (Österreich).

Die Zentralasien-Universität im Netz: www.ucentralasia.org

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