„Das Kunstwerk wird später zugestellt“BUKAREST-BIENNALE

„Das Kunstwerk wird später zugestellt“

„Das Kunstwerk wird später zugestellt“

In Bukarest ging Ende Juli die fünfte Biennale für Moderne Kunst zu Ende. Sie stand unter dem Leitmotiv „Tactics For The Here and Now“ der Kuratorin Anne Barlow.

Von Tanja Hemme

Installation „Failed States“ der amerikanischen Künstlerin Jill Magid.
Installation „Failed States“ der  amerikanischen Künstlerin Jill Magid.
Foto: Tanja Hemme

Straße Ion Campineaunu Nr. 22 – hier sollte es sein.  Auf der Suche nach dem ersten Exponat der Biennale mussten einige Umwege in Kauf genommen werden, um das kleine Nana Restaurant zu finden. Doch in Bukarest ist jeder gerne behilflich bei der Suche. Freundlich weist man uns den Weg. Kurz darauf ist Nr. 22 gefunden und gespannt betreten wir das Nana Restaurant. Hier soll das Kunstwerk von Ruth Ewans aus Großbritannien stehen.  Leider nichts zu sehen. Statt dessen ein Schild mit dem Hinweis, dass die Post das Kunstwerk leider nicht rechtzeitig zustellen konnte.  Bezeichnend für die gesamte Kunstschau? Zum Glück nicht.

Im Haus der Freien Presse

Auch wenn die erste Erfahrung mit der Biennale ernüchternd war und der Besucher sich stückchenweise mit dem Stadtplan viele Dinge selber erarbeiten musste, gab es den einen oder anderen spannenden Höhepunkt. Besonders zu erwähnen sind hier die Kunstwerke im Haus der Freien Presse. Groß türmt sich das Gebäude mit seiner 32.000qm Fläche an einer großen vierspurigen Straße auf. Gebaut wurde es  1949 und im Stil des Sozialistischen Realismus. In vielen Ländern des Warschauer Pakts baute man derartige riesige Architekturkolosse zu Stalins Zeiten. Sie verweisen deutlich auf die russische Vormachtstellung im Osten. So war es dann auch in Bukarest. Während der Ceausescu-Zeit war im Haus der Presse die Zensurbehörde angesiedelt. Kontrolle über Überwachung übte man hier aus. Ironie des Schicksals ist, da heute dort freie Medien und viele Agenturen ihren Sitz haben und überdies ebenso die Börse.

Auch wenn heute die politischen Zeiten geworden sind, ist der Zustand des Gebäudes erbärmlich. Teilweise aufgerissene Wände, es tropft von der Decke und Farbe habe die Räume vor langer Zeit das letzte Mal gesehen. Genau diese Atmosphäre macht es aber auch so besonders für die Ausstellungsstücke. Der Besucher folgt Pfeilen durch lange dunkle Gänge und arbeitet sich so tief in diese sozialistische Architektur ein. Irgendwann nach zwanzig Minuten Wirrwarr durch die Gänge gelangt man in einen dunklen kleinen Raum und trifft auf eine Arbeit „Search for Landscapes“  von Vesna Pavlovic´ aus Serbien. In einer Diashow werden Fotos einer Familienreise in den 60er Jahren abwechselnd an die Wand projiziert. Die Fotografin schreibt sich in die Landschaft durch die Bilder ein, gibt aber wiederum nur ein fragmentarisches bereits vergangenes Bild der Realität wieder. Erinnerung ist hier das Thema.

Zwei Sessel und ein Buch

Doch mit die stärkste Arbeit findet sich in einer Riesenhalle im Untergeschoss des Pressehauses. Es ist kalt, die Fenster sind kaputt und diverse Metallstücke und Schutt liegen herum. Hier hat die amerikanische Künstlerin Jill Magid ihre Installation „Failed States“ aufgebaut .Zwei alte Sessel, ein kleiner Tisch auf dem sich Zeitschriften befinden. In der Ecke ein minimalistisches Regal auf der die Novelle „Failed States“ steht, geschrieben von der Künstlerin.

Magid verfasste den Text während der Zeit als sie ein Training für Afghanistan als „eingebettete“ Journalistin machte. Es ist eine von den Amerikanern höchstumstrittene aber immer wieder praktizierte Methode, Journalisten einer bestimmten Militäreinheit zuzuweisen, die jene dann ständig begleiten. Der Journalist  muss sich vorher bestimmten Regeln verpflichten. Er kann sich deshalb nur eingeschränkt frei bewegen. Kritisiert wird an diesem Vorgehen der einseitige Blickwinkel und die Einflussnahme des Militärs. Freie Berichterstattung ist nur sehr bedingt möglich.

Magid stellt sich die Frage in ihrem Werk, „Wo ist die Grenze zwischen neutralem Beobachter und Teilnehmer am Geschehen?“ Und gibt es diese Grenzziehung überhaupt. Im Bukarester Kontext im heutigen Haus der Freien Medien - vormals kommunistischer Zensurbehörde – schließt sich der Kreis zur Berichterstattung aus aktuellen politischen Brennpunkten der Welt.  Die beiden Sessel suggerieren eine Interview-Atmosphäre, doch die Leere demonstriert eine unklare Aufgabenteilung – wer fragt und wer antwortet? Die Grenzen sind fließend. Jeder muss sich seinen eigenen Blickwinkel erarbeiten.

Vorgelagert in derselben Halle steht das Exponat von Abbas Akhavan, einer der diesjährigen Gewinner des Berliner Kunstpreises. „Untitled Garden“ entstand im Jahr 2009. Es zeigt eine kleine Hecke mit 24 grünen Zedernbüschen, die in einer Holzvorrichtung stehend spitz emporragen. In der Trostlosigkeit der kommunistischen Architektur wirkt diese grüne Lebendigkeit wie ein Fremdkörper, eine Form der Hoffnung. Neben dem architektonischen Zerfall steht die blühende Natur.

Anleitung zum „Stehlen ohne Stress“ des rumänischen Zeichners Ciprian Homorodean.
Anleitung zum „Stehlen ohne Stress“ des rumänischen Zeichners Ciprian Homorodean.
Foto: Tanja Hemme

Taschendiebstahl gegen schlechte Laune

Ein weiterer Ausstellungsort ist das Institut für Politische Forschung. Der 1982 geborene Rumäne Ciprian Homorodean hat ein kleines Buch geschrieben und mit zahlreichen exemplarischen Zeichnungen versehen. Das Buch hängt Seite für Seite an einer großen Wand im ersten Stock. Homorodean beschreibt darin subversive Praktiken wie man mit unlauteren Methoden zu Geld kommt während der derzeitigen Finanzkrise. Ganz schnöde gesagt, geht um Taschendiebstahl in allen erdenklichen Varianten, aber auch Diebstahl von Lebensmitteln im Supermarkt oder wie man sich Kleidung umsonst bei Wohltätigkeits-Organisationen ergaunert. Mit einem zwinkerndem Auge und einer guten Portion Fatalismus unterwandert der Künstler die Ernsthaftigkeit der europaweiten Finanzprobleme, die auch Rumänien  tief in die Krise gezogen hat. In einer Erklärung nennt er sein Werk eine Anleitung zum „Stehlen ohne Stress“. Kunst als Ventil für Hoffnungslosigkeit.

An der gegenüberliegenden Wand  von Homorodean hängen die Werke von Janice Kerbel.  Es ist eine Serie verschiedener Großplakate, die unter dem Titel „Remarkable“ laufen.  In Großbuchstaben  schreien die Sätze den Betrachter fast buchstäblich an. Kerbel untersucht mit Vorliebe den Kontext von Typographie, Druck und Verschriftlichung.  Die Poster stehen in der Tradition der Plakatankündigungen für Jahrmärkte und Veranstaltungen auf Rummelplätzen im 19. Jahrhundert. Kerbel kündigt in den Texten  Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten im Stil der Jahrmarktsattraktionen an. Es entsteht ein Spiel mit Illusion und Wahrheit ganz im Sinne des Mottos der Biennale - Taktiken der Unterwanderung.

Und wie geht es weiter?

Ob zum Ende der Biennale das Kunstwerk von Ruth Ewans den Weg in das Nana Restaurant gefunden hat, konnte leider nicht abschließend geklärt werden. Zu wünschen wäre es der Biennale. Die zwanzig ausstellenden Künstler an sieben verschiedenen Ausstellungsorten haben in jedem Fall das kulturelle Leben der Stadt bereichert. Auch wenn die Kunstwerke teilweise schon in früheren Jahren entstanden sind und nicht das erste Mal öffentlich gezeigt wurden, haben sie doch im anderen Kontext ein ganz neues Bild geboten, wie zum Beispiel im Haus der Freien Presse.

Das Resümee der rumänischen Kunstschau ist dennoch durchwachsen. In Bukarest selbst sieht man wenig Hinweise auf die Ausstellung. Das mag unter anderem daran liegen, dass das rumänische Kulturministerium und die Stadt Bukarest nach wie vor jegliche Unterstützung verweigern und es die Kunstschau deshalb schwer hat in der breiten Öffentlichkeit anzukommen.  Im nächsten Jahr ist eine weitere Biennale geplant, aber auch hier liegt schon die Absage von staatlicher Seite vor. In diesem Jahr lag das Budget bei rund 124.000 Euro, fast ausschließlich von Privatinstitutionen. Hier wäre sicher mehr Engagement vom rumänischen Staat gewünscht – auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, denn Kunst ist mehr als nur ein Wirtschaftsfaktor.

Zur Person: Tanja Hemme
Dr. Tanja Hemme wurde 1970 in Preetz/Schleswig-Holstein geboren. Sie hat Literaturwissenschaft und Linguistik in Kiel und Kapstadt studiert sowie Moderne Kunst nach 1945 an der Hamburger Universität. Ihre Promotion hat sie zu einem Thema der Reiseliteratur in Kapstadt abgeschlossen. Tanja Hemme hat als freie Journalistin gearbeitet und publiziert schwerpunktmäßig zu Kunst- und Kulturthemen.

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