Das Recht über eine Frau zu verfügenGEORGIEN

Das Recht über eine Frau zu verfügen

Das Recht über eine Frau zu verfügen

Die Unterdrückung der Frau gehört im Kaukasus fast schon zum kulturellen Erbe. Auch nach der Rosenrevolution in Georgien hat sich daran nichts geändert. Manche Männer werden zu regelrechten Peinigern. Die eben erst reformierte Polizei verfolgt ihre Taten nicht. Auf Verständnis brauchen Frauen, die sich wehren, erst gar nicht zu hoffen.

Von Daniela Haußmann

Georgische Bettlerin mit Kleinkind  
Georgische Bettlerin mit Kleinkind
(Foto: Haußmann)
 

E rst war ich die Sklavin meines Mannes, jetzt bin ich meine eigene“, entfährt es Tamuna Gachokidse, deren Augen müde zu Boden blicken. Freude und Trauer kann sie schon lange nicht mehr ausdrücken. Was in ihr vorgeht, kann sie nicht in Worte fassen. Irgendwann hat sie aufgehört zu weinen, sich abgewöhnt Schmerz zu empfinden. Achtzehn lange Jahre ist die Georgierin von ihrem Mann geschlagen, misshandelt, eingesperrt und vergewaltigt worden. Wie der 35-Jährigen gehe es mehr als 50 Prozent der verheirateten Frauen in der Kaukasusrepublik Georgien, wie Professor Lela Gaprindashvili, Soziologin an der Universität Tiflis, sagt: „Sie sind Opfer von Gewalt in ihren Familien. Gründe dafür gibt es viele. Die häufigsten sind Alkohol, Arbeitslosigkeit, Armut und traditionelle Geschlechterrollen.“

An die Öffentlichkeit hat sich Tamuna Gachokidse, die sich selbst als „gebrochene Frau“ bezeichnet, nie getraut. Bis ihr Mann sie eines Abends so zurichtete, dass sie mit gebrochenen Rippen und Schnittwunden ins Krankenhaus gebracht werden musste. Wie sehr sie emotional und finanziell von ihrem „Peiniger“ abhängig war, wurde ihr erst jetzt bewusst. Sie hatte nie eine eigene Identität besessen. „Mein Leben war das Leben meines Mannes“, sagt die Mutter von zwei Kindern. Seit einem Jahr ist sie geschieden, weiß nicht wer sie ist und findet keine Arbeit in der Männergesellschaft. Die wenigen Dinge, die sie nach der Trennung behalten durfte, hat sie verkauft, um zu überleben. Scheidung bedeutet Schande für Frauen, während georgische Männer ohne Ehrverlust ihre Partnerinnen verlassen und wieder heiraten können.

Vergewaltigung als Kavaliersdelikt

„Gesetze, die die weibliche Bevölkerung schützen, gibt es genügend. Aber sie werden nicht durchgesetzt“, kritisiert Eliso Amirejibi. Auf ihrer Visitenkarte steht „Regionalleiterin der Vereinigung gegen Gewalt an Frauen in Georgien“, Bezirk Tiflis. Das klingt nach einem Ausmaß von Macht, das sie aber in Wirklichkeit gar nicht hat und worüber nur ihr Auftreten hinwegtäuschen kann. „Die Polizei greift nicht durch, wenn Frauen Gewalt angetan wird“, fährt die 40-jährige Anwältin fort. In Georgien ist ihr Engagement eine Kuriosität. „Es gehört zu unserer Tradition, sich nicht in die privaten Angelegenheiten von Familien einzumischen. Also meldet es auch niemand den Behörden, wenn Frauen in ihren Rechten diskriminiert werden.“ Vergewaltigung gelte als Kavaliersdelikt und in der Ehe habe ein Mann, nach Ansicht der meisten Georgier, das Recht über seine Frau zu verfügen.

Das Hauptbüro der Vereinigung liegt in einer alten Sporthalle. Von den feuchten Wänden bröckelt der Putz. Das Linoleum löst sich vom Boden und die Fassade zeigt Risse. Wie überall in der Stadt hat auch hier das Erdbeben vor drei Jahren seine Spuren hinterlassen. Für die Renovierung gibt es kein Geld. Und weder Stadt noch Staat unterstützen das Projekt. Ein Grund sind die vielen gesellschaftlichen Tabus, die in Georgien starke Geltung besitzen. „Deshalb stellt die Polizei auch keine weiteren Nachforschungen an“, fährt Eliso Amerijibi fort. „Vom Staat haben Frauen hierzulande nicht viel zu erwarten.“ Väter sind für ihre unehelichen Kinder nicht unterhaltspflichtig. Und auch im Falle einer Scheidung kann eine Frau ihrem Mann gegenüber keinerlei Ansprüche geltend machen.

Nona Aldamova-Dshapharidse ist das, was man unter einer Karrierefrau versteht. Sie verdient das Geld für die Kinder und ihren Mann. Die 39-jährige Gynäkologin stammt aus einer Intellektuellen-Familie. Geboren im Pankisi-Tal, vom muslimischen zum orthodoxen Glauben konvertiert, ist sie früh nach Tiflis gegangen, um dort zu studieren, trotz Mutterschaft. Ihre Eltern ermöglichten ihr Reisen ins sozialistische Ausland, die ihren Blick enorm geweitet haben, wie sie selbst sagt.

Frauen werden oft aus Frust und Enttäuschung geschlagen

Vor fünf Jahren hat sie eine Hilfsorganisation für Frauen gegründet. „Nach dem Zusammenbruch der UdSSR hat sich die wirtschaftliche Lage hier in Georgien verschlechtert. Arbeitsplätze gingen verloren und das hatte verstärkt Gewalt in von Armut betroffenen Familien zur Folge“, sagt die 39-Jährige. „Viele Männer sind nicht mehr in der Lage, den Unterhalt für Kind und Frau zu verdienen. Die Enttäuschung und Frustration darüber bauen sie mit Schlägen ab.“

Auf dem Land ist die Situation alleinstehender Mütter besser als in der Stadt. Hier helfen neben den Angehörigen auch Nachbarn. „Verfügen alleinstehende Frauen nicht über ein derartiges soziales Netz, kann man in manchen Fällen durchaus von einem Entzug der Lebensgrundlage sprechen“, erklärt Nona Aldamova-Dsphapharidse. Tiflis ist nach der Rosenrevolution eine Stadt des politischen und sozialen Umbruchs. Nicht alle können Schritt halten mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Stadt Richtung Westen entwickelt. Junge Mütter, wie die obdachlose Tina Mamulaitze, hocken mit ihren Kleinkindern auf dem Asphalt und betteln für ihren Lebensunterhalt. Der Vater des Kindes hat sie nicht geheiratet. Ihre Familie hat sie verstoßen, eine Arbeit hat sie nicht bekommen und nun lebt sie auf der Straße.

Unterstützung aus dem Ausland gibt es für die Frauenrechtler kaum. Einzig die Amerikaner würden das Engagement unterstützen. In Deutschland sei über die Lage der georgischen Frauen wenig bekannt. „Im Ausland glauben viele noch immer an die offizielle kommunistische Propaganda, die die emanzipierte Frau als Teil einer neuen, von der kapitalistischen Ausbeutung befreiten Gesellschaft feierte“, kritisieren Aldamova-Dsphapharidse und Amirejibi unabhängig voneinander. Hilfe aus dem europäischen Ausland würde sich auch Eliso Amirejibi wünschen. „Wir betreiben das einzige Frauenhaus in Georgien. Die Unterhaltskosten sind hoch“, erklärt sie. Die Stufen sind blanker Beton. Tapeten gibt es hier schon lange nicht mehr. Vom Geländer löst sich die Farbe in Splittern. Mit spärlichem Budget, Rückschlägen und Zurückweisungen haben die Aktivistinnen gelernt zu leben, erklärt die Regionalleiterin mit melancholischem Lächeln. Im Büro klingelt das Notruftelefon. Eine schluchzende Frauenstimme wird hörbar. Amirejibi verlässt den Raum und geht in eines der Zimmer nebenan.

Die Opfer haben Angst ihre Namen zu nennen

Auf der durchgelegenen Matratze hockt Lela, die ihren Nachnamen aus Angst nicht preisgeben möchte. Sie ist sechzehn, eine von sieben Frauen, die derzeit im Heim leben. Ihre Geschichte ist tragisch. Als uneheliches Kind von der eigenen Mutter verachtet, hatte das Mädchen immer einen schweren Stand in der Familie. Großgezogen wurde sie deshalb von ihrer Tante, erst mit zwölf durfte sie bei ihrer Mutter leben. In wenigen Wochen wird sie hier raus müssen. Maximal drei Monate kann jede Hilfsbedürftige im Heim bleiben, dann muss sie gehen. Zurück zu ihrer Familie kann sie nicht. Heimlich hatte sie sich bis vor vier Monaten mit ihrem Freund getroffen und war dabei schwanger geworden. Als der Gynäkologe feststellte, dass es für eine Abtreibung schon zu spät war, ließ die eigene Mutter das Mädchen ohne ein Wort und ohne Geld in der Stadt zurück. Tage hatte sie in einer Kirche im Zentrum von Tiflis, der georgischen Landeshauptstadt, verbracht, bis die Polizei durch den Priester auf sie aufmerksam wurde und sie zu Eliso Amirejibi brachte. Im Zimmer hängen Poster amerikanischer Filmstars. Die triste Wand über ihrem Bett zieren bunte Sternchen. Lela ist kein Kind mehr. Sie hat aufgehört zu träumen. Lela muss überleben.

Ein Film, den die „Vereinigung gegen Gewalt an Frauen“ gedreht hat, versucht die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Doch zur Ausstrahlung wird er nie kommen. „Die Sendeanstalten lehnen entschieden ab“, erzählt Eliso Amirejibi. „Sie wollen nicht gegen die öffentliche Meinung angehen.“ Das Drehbuch behandelt ein schreckliches Kapitel im Kaukasus, einen Brauch, der in ländlichen Gegenden noch verbreitet ist: die Entführung der zukünftigen Braut. Solche Verschleppungen sind mitunter arrangiert, teilweise mit den Eltern abgesprochen. Aber sie geschehen meistens gegen den Willen der Frau und manchmal kommt es dabei auch zu sexuellem Missbrauch. Genau dieses Szenario ist im Film nachgestellt. „Die Polizisten im Film handeln nicht anders als ihre Kollegen in der Realität“, erzählt Amirejibi. „Sie untersuchen den Fall nicht, obwohl das Gesetz diese Entführungen verbietet.“ Das Ende vom Lied: Die Frau wird verheiratet, ein Opfer der Gewalt und schließlich schwanger. Wenn sie nun die Scheidung einreicht, ist ihr Schicksal besiegelt. Sie gehört zu denen, für die in der Gesellschaft kein Platz mehr ist. Auf immer wird sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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